Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1913)
- Date
- 1913-09-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. XIV./II Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jnd. Volksstimme'. 11. Septem. 19t 3 seite 9. Die P. T. Empfänger unserer Zeitung, die mit der Bezahlung des Abonncmeutsbetrages im Rückstände sind, werden um gcfl. umgehende Bezahlung ersucht, da wir in anderem Falle die Rückstände mittels Postauftrages beheben müßkn. Die Admin. Prager Judentypen. Von A. R. Das große Haus an der Ecke der Eisengasse gehört ihm. Von den wenigen Juden, die sich von der alten Gasse und ihren Gewohnheiten nicht haben freimachen können und beinahe tag׳ lich ihren Schinus bei der Altneuschul (Alt- Rcusynagogc) absolvieren müssen, weiß sich immer der eine oder der andere daran zu erinnern, wie er, der Parach (Stolze) noch nicht den Kopf so hoch getragen und bei seiner Main (Mutter) im Gänslerladen (Geflügelhandlung) keine so bedeutende Rolle gespielt hat, wie jetzt in der stille (Gemeinde). Er kommt zwar nur zweimal des Jahres, Roschhaschonoh und Jomkippur in Schul- und bleibt nicht die ganze Betzeit über, sondern verschwindet gleich nach dem Einheben der Thora, Aber den Sophemännern (ständig bezahlten Betern) ist er lieber als zehn andere, die jeden Samstag kommen׳, denn er schnodert (schenkt) dann nicht unter 100 Kronen. Außerdein ist er bei den meisten jüdischen Vereinen Ehrenmitglieder und das geschieht auch nicht unentgeltlich. Kommt ein jüdischer Schnorrer auf sein Bureau, schenkt er ihm nicht nur eine Krone, nein, was seinem Ansehen noch zuträglicher ist, er zeigt sich auch sehr interessiert für alle Begebenhciten in der Gemeinde und bekundet ein gutes Gedächtnis für längstvergessene Familiengeschichten, das nur dann seine Vollkommenheit einbüßt, wenn das Gespräch auf einen Rebenzweig seiner Verwandtschaft zu kommen droht, der sich eines weniger wolkenlosen Daseinshimmels zu erfreuen hat. Kurz und gut, er ist in seiner Herablassung zu Leuten aus der Sphäre, in der er ausgewachsen ist, geradezu unerreichbar scheint als ob er sich zu Hanse von dieser ausreibenden Freundlichkeit noch mehr ausruhen müßte, als von seiner regen Tätigkeit im Bureau und auf der Börse. Aber nein — er tut es gern, es ist ihm sozusagen ein Sport. Und warum sollte er auch nicht diesen Liebhabereien fröhnen? Bleibt er doch dabei im Einklang, wenigstens zum großen Teile, mit den Anschauungen, die .... . ... seine Jugendzeit bestimmten und es kommt ihm ^olksstimme . viel billiger als seiner Frau die Mode und das gesellschaftliche Ansehen und seinen Kindern Tennisspiel und Tanzen, nimmt ziemlich wenig Zeit in Anspruch und fördert die Popularität. Seine Frau kommt aus Sorge um die richtige Beobachtung der Gebote ihrer beiden Götzen, Mode und Gesellschaft gar nicht dazu, zu deinerken, daß man anderen Zielen leben kann, und ihre Erziehungsaufgabe ist es, ihren Kindern Geschmack und Bildung, wie sie es nennt, beiznbringen. Geschmack ist die Befähigung, sich stets nach neuester Fasson zu kleiden. Bildung isl das Vermögen, in Gesellschaft möglichst viel und blasierk zu sprechen. Mit ihrer Methode hat sie auch bisher so ziemlich Glück gehabt. Weder Lydia noch Luzia drohen ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen. Rolf allerdings scheint von seinem Vater Sami (im Geburtszeugnis steht Simon) einiges Selbsrbewußtsein geerbt zu haden und will sich — er ist Septimaner — nicht ohne weiteres in seinem Tun und Denken beschneiden lassen. Er spielt zwar zur Zufriedenheit seiner Maman Tennis und unterhält sich jetzt schon mit ausgesucht reichen, wenn auch noch jungen Damen, aber unlängst einmal war er sogar bei einem Vortrag in einem zionistischen Studentcnverein und liest ein Buch über die Judenfrage. Wie anders weiß doch Kurt, der Sohn der befreundeten Bankiersgatrin Arend, seinen Eltern Freude zu bereiten. Abgesehen davon. daß er in der Schule die Führerrolle unter den .Kameraden einnimmt, die wegen seiner gu ten Beziehungen und seiner eleganten Erschei nung das vollste Vertrauen in allen Angelegenheilen der Repräsentation und äußeren Bezie- Hungen in ihn setzen, hat dieser achtzehnjährige junge Man ein tadelloses Benehmen auch im Verkehr mit älteren Damen׳, und schön ist er wie Apoll. Ra ja: Tie Arend hat aber auch an ihrem Mann eine kräftige Stütze bei der Erziehung. Er selbst ist stets darauf bedacht, seinen Namen für bekannte humanitäre Zwecke herzugeben — und sein Geld, nur jüdisch dürsen sie nicht sei».. Bei allen Veranstaltungen für den Kinderschutz, bei den Festlichkeiten der Kasinomitglieder und den Subskriptionen der deutschen Sportklubs wird sein Name unter den ersten genannt und beim Großindustriellenball war die Robe seiner Gemahlin ausführlich in der Zeitung beschrieben. Und sein Sohn weiß die Stellung des Paters wohl zu würdigen. Er würde sicher nicht, wie Rolf, mit ärmeren, weniger nobel gekleideten Mitschülern auch auf der Gasse verkehren und wenn er einmal als Hochschüler einem Stndentenvercin beitritt, dann wird das sicher eine ״tentsche" Eonlenr sein. Zeitgemäßes zum Wochenabschnitte שפטים Von Rabbiner Tr. Deut s ch. Unser Wochenabschnitt wird mit den wichligslen Vorschriften einer heilsamen Rechtspflege eingeleitet. Als die allererste Voraussetzung zur Hebung und Sicherung des Rechtsbewußl scins im Leben des Volkes und des Staates wird hier die Forderung aufgestellt: *w'S י״ז יו -־־י Richter אלקיך נותז לך לשבטיך שפט־־ש ושטי und Beamte sollst du einsetzen in allen deinen Toren, welche der Ewige dein Gott dir geben wird, nach dei neu Stämmen.... בבל שעליך In allen deinen Toren. Ueberall, wo eine kleinere oder größere Gruppe von Menschen beisammen wohnt, muß es auch Richter geben, Beschützer und Schirmherren für die Armen lind Verlasse neu, an die sie sich in ihrer Not und Bedräng ins vertrauensvoll wenden dürfen. Aber תתן לך בבל שעריך t> n sollst iie einsetzen in allen deinen Toren, d » sollst sie zu Hütern des Ge setzes machens. Denn nur die Männer deiner freien Wahl, die dein Vertrauen mit der hohen Würde eines Richters bekleidet, nur s i e sind auch die Würdigen, die Geeigneten und Berufenen, des Volkes Recht und Ehre zu vertreten, nur sie sind fähig, der weiteren Pflicht zu ge nugen: י"—יל eair» das Volk ge ושפטו את ־עב מ Verlanget in allen Restaurationen die ״In- Feuilleton. Tante Guttraud Von S. M o s e n t h a l (2. Fortsetzung.) ״Ta hieß cs eines Tages, es war in der Alarni in der Stadt, ärger als bei einer Feuersbrnnst. Vor den Türen und aus den Fenstern schrieen die Nachbarsleute Schimpfwörter auf ihn und auf die Inden; ich ließ nur geschwind die Fensterrouleanr herab. Tein Pater kam vom Kontor nach Hause, totenbleich. Tie ganze Gemeinde war von dem Schlage getroffen, denn wenn bei uns ein Jude etwas angestellt hat, so \ läßt man es gleich die ganze Gemeinde entgelten recht und liebevoll zu führen, sich als die Vollslreckcr des unverfälschten Volksivillens zu de trachten. So wir nun jene grandiose Versaininlnng, welche dieser Tage in unserer Reichshauptstadk Wien als Zionislenkongreß zur gemeinsamen Beratung über die wichtigsten Fragen der Ge samtjudenheit znsammentrat, so wir diese Versammlnng von begeisterten Männer und Frauen, von jugendlichen Alten und ernsten Jünglingen nach ihrem wahren Werte, ihrer vollen Beden tung beurteilen wollen, dann müssen wir gestehen, daß in ihr der Geist der biblischen Rechts gebarnng seine sichtbarste Verkörperung, seine herrlichste Wiedergeburt gesunden hat. Gibt es doch auf der weiten Erde kaum ein Land, dessen jüdische Bewohner bei der Beschickung dieses Kongreises nicht vertreten wären und nicht dem Pflichtgebote gefolgt hätten: Richter und Beamte sollst du dir einsetzen in allen deinen Toren, welche der Ewige dein Oknt dir geben wird, nach deinen Stämmen, lleberallhin drang der laute Ruf, sich zu rüsten sür diesen großen Nationaltag und alle verfügbaren Kräfte zu sammeln. Woche vor den großen Festtagen, es sei bei Land-^ Ich dachte nicht an die Gemeinde, als dein Vater wehrhagen ein solcher Diebes- und Schmugglernur erzählte, der Unglückliche sei seit langer Zeit keller entdeckt und aufgehoben worden und die das Haupt der Hehler und Schwärzer gewesen. Rädelsführer würden in Eisen hereingebracht. ״Arme Tante Guttraud!" war alles, was ich Ich hörte dies ziemlich gleichgültig erzählen, und hervorbringen konnte. weil ein häusliches Weib nicht viel auf die Gasses ״Geh hinüber!" sagte dein Vater in seiner hinaussehen kann, so wäre mir, hätte ich nicht Güte. gerade selbst die Fensterscheiben geputzt, der ganze Spektakel entgangen, als sie auf einem Leiterwagen, der auf beiden Seiten mit Grenzjägern eskortiert war, die Gefangenen über den Markt nach den Kasematten führten. Aber so ließ mich das Geschrei des Pöbels und das Gejohle der Gassenjungen, aus dem ich den Ausruf: ״Jidde, Jidde!" (Jude) vernahm, den Kopf hinauslehnen, und hätte ich mich nicht an das Fensterkreuz gehalten, so wäre ich vor Schrecken zusammengestürzt; denn auf der vordersten Bank des Leiterwagens, die Hände kreuzweis mit Stricken gebunden, saß er, der unglückliche Mann meiner armen Tante Guttraud. ״Was soll ich dir sagen, Kind? Ter Schreck hatte mir fast die Füße.gelähmt. Es war ein Ich ging. Ich glaube, es war das erstemal, daß ich mit bloßem Kopf über die Gasse ging. Unterwegs wollte ich mir's znrechtlegen, was ich ihr zum Tröste sagen sollte, aber mir fiel nichts ein als: Arme Tante Guttraud! ״Als ich hinauf kam, fand ich die Mädchen in tränenloser wilder Verzweiflung; ihre bitte Unterwürfigkeit und die Treue sei bei ihr zur albernen Leidenschaft geworben. Nun seien sie alle entehr). Sie wollten lieber gleich in die Fulda springen. Mit Blühe bändigte ich ihr unheimliches Geschrei, als die Tür aufgiug und die Tante hereintrat. ״Ich war erstaunt, sie so aufrecht und fast unverändert zu sehen; nur noch bleicher war ilir Gesicht: unter die großen braunen Augen hatten sich tiefe blaue Ringe gelegt und ihre Wimpern zuckten fortwährend wie von sichtbaren Puls schlügen. Ich fiel ihr laut weinend um den Hals: die Mädchen verstummten. ״Meine gute Betty." sagte sie mit ruhiger Stimme, ״es ist eine schwere Prüfung von Gott, aber was Gott tut, das ist wohlgetan." ״Das bat Gott getan?" schrie die Aeltefte mit krampfhaftem, herzzerreißendem Lachen. ״Tie Mutter richtete sich mächtig aus; ihr großer Blick fiel vernichtend auf die Tochter. ״Verdammst du ihn", sprach sie, ehe ihn unsere Saunim <Feindei verdammen? Jsi's ausge macht, was er getan haben soll? Und lia! er'-:׳ rcn Worte und Flüche widerten mich an. Tie getan, für wen hat er's getan? Um :ms bessere Mutter sei fort, wohin, wüßten sie nicht, zur Tage zu machen; weil ihn eure wundgenähren Polizei, oder ins Gefangenhaus, oder zum Vor- Finger gedauert haben, hat er die seinen ich steher der Gemeinde. Sie hätten es längst geahnt/ will'-:׳ nicht aussprechen. Gott Hab' Erbarmen mit obwohl er das Sündengeld allein verschlemmt ihm! Aber wenn's die Menschen nicht haben, und nichts davon heimgebracht habe: sie Härten wenn die andern ihn. Gott soll M'schomer und ihn stets gehaßt. Aber die Mutter sei blind; sie inazil sein lGott verhüte es», verdammen und dulde kein Wort über ihn, nicht als ob sie ihn im Stich lassen, ich bin sein Weib und Hab' ihm liebe oder für besser halte als er sei; nur die unter der Ebuppe (Trauhimiiieli Treue geschwo- Soeben erschienen: ״Hickls Jüdischer Volkskalendcr"׳