Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1913)
- Date
- 1913-09-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ^Jüdische Dolksstimme." seiner Minbcr von Ausnabmcgcsctzc» umringclt. Auch die Furien der großen Pogrome hatten dieses Land verbältnismäßig verschont. Im ganzen waren nur zwei dedcutende Pogrome, Warschau 1881 und Siedlcc 1906. trrjicrcr war zweifelhaften Ursprunges; letzterer war ein Glied in der Kette sogenannter militärischer Pogrome. Wir dachten nie daran, wegen dieses Zuslandcs mit der polnische» Nation zu rechten. Die polnische Nation ist selbst eine leidende Nation, die krampshast bemüht ist, unter schweren Bedingungen ihre Existenz zu erhalten. Alle unsere Sympathien sind auf seiten der Leidenden. Wir mochten auch annchmcn, daß dieses!Volt einen ganz anderen Zustand schaffen tvürdc, wenn es zum Schmied seines eigenen Schicksals geworden wäre. Virtuosen eines Optimismus, der an Selbsttäuschung grenzt und der gewissermaßen eine Notwendigkeit der Existenz im Goluth geworden ist, malten sich die Zukunft in rosigen Farben aus. Wenn irgendivo in der Diaspora eine sehr lange Seßhastigleit gewisse Zusammenhänge schafft, und das Phantom von Eindringlingen lächerlich erscheinen läßt, io ist cs dieses Land der alten ״Arazoth" und Kchilloth". Eine Invasion oder eine Ucbcrslutung ist die Ausgeburt einer bösartigen Phantasie, die mit Unwissenheit gepaart ist. Wohl sind mehrere Gruppen schwcrbedrängrer Juden aus anderen Teilen der östlichen Gouvcrncmcins nach diesem Teil gekommen, cs dürste aber bcgreislich sein, daß dieses keine Lustrcise und kein Argonautcnzug war. Im Lichte der Geschichte betrachtet, sind es ja die Bewohner früherer Teile Polens; im Zusammenhänge mit der Martyriologic sind es Flächtlingc der Verfolgung; volkswirtschaftlich ist dies ein Elcinent, das sich durch großen Gcwcrbcfleiß auszeichnet. Diese Einwendung ist eigentlich Nebensache. Tic Agitation bemächtigte sich dieses Motivs, weil cs mehr geeignet ist, durch die Aufbauschung harmloser Dinge, mit allerlei sensationellen Details ausgcschmückt, durch alberne, in sich zusammcnfallcnde Behauptungen, die den ,.fremden" Juden eine ungeahnte Mission und Agentenrollc einer fremden Untcrjochungspolitik zuschreiben, den Haß und die Volkslcidenschaftcn aufzupeitschen. Es ist dies das bckantc Rezept der Juden- Hetze, das in Deutschland die Osljuden, in Frankreich die deutschen Juden und in England die ״Aliens" zum roten Tuch macht. Die Phantasie des Hasses lechzt nach diesem Effekt; wäre dieses Effekt nicht da, es müßte ein anderes geschaffen werden. So ist es auch eine spießbürgerliche .Kurzsichtigkeit, anzunchmen, daß die Dumaivahlsragc die Verfolgung hcrvorgerufcn hat. Eine solche Auffassung zeugt von einem Mangel sozialpolitischen Verständnisses. Tic Ursachen liegen tiefer. Was wir in Polen sehe», iji ein Kampf eines reaktionären und agrcssivcn N'aiivnalismus, der mit souveräner Ignorierung aller historisch gegebenen Voraussetzungen, sittlichen Prinzipien und humanitärer Erwägungen, eine systematische Vertilgung des jüdischen Volkes durch Aushungerung anzubahncn bestimmt ist. Es wird von einem jüdischen Chauvinismus gcfaselt. Demütiger war leider »och nie ein Nacken gesenkt, des Rückgrates Tchmicgsainteit lvar leider nirgends größer als unter unseren dortigen Brüder». Wenn sic nun jetzt vor der lleinliche» herrschsüchligcn Bevormundung, engherzigen Freiheitsbeschränkung, Verhetzung, Verrohung des ösfcntlichen Lebens, Aufstachelung der niedrigsten Triebe des :llaffcnhaffcs, Beschränkung und Zurücksetzung in der städtischen Sclbstvcrtvaltung nicht auf dem Bauche krieche» und nicht mir heuchlerischer Liebedienerei die Schmälerung hochbcdeutsamer Menschenrechte willig akzepticrcn, wenn sic nicht Mamelucken und Marionetten der polnischen nationalistischen Partei sein wollen, sonder» ihre Rechte und die Individualität ihres Volkstums ehrlich verteidigen und lvahrcn, so sind sic Schädlingc. Nach der bekannte» Maxime: ״Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlage ich dir den Schädel ein" ist die Boylottagitation cingcführt worden. Es gab ein Hetzen, nach Rache förmlich kreischend, ohne daß wir gewußt haben, welche Schuld den Juden beigemessen worden ist, außer der Schuld ihrer Existenz. Die Juden appellieren gegen die Lüge an die Wahrheit und gegen die Diktatur des Antisemitismus an den humanen Sinn und der oft gerühmten Ideale des schwergeprüften polnischen Volkes. Tic erklärten, es sei Wahnsinn, hoffe» zu!vollen, Polen könne seine Wohlfahrt fördern, indem cs die Juden bekämpft: es sei Wahnsinn, zu glauben, Polen könne des Friedens, der Ruhe, der Sicherheit genießen, wenn cs die Rechte des jüdischen Polles mit Füßen tritt. .Ecin Widerhall. Wir müssen aber trotzdem damit rechnen, daß ivir eine neue Art jüdischer Märtyrer haben werden: Boykotlopfcr, neue, irrende, suchende, bangende Menscheu, die an den Bettelstab gekommen sind. Sie sticren ivirren Blickes in die Ferne. Bald wird man ihnen in Westeuropa, in England, in Amerika, in Südafrika begegnen. Das ist auch der Zweck des Boykotts: Judenaustrcibung auf indirektem Wege. Ob die Einwanderungsgcbicte, die neuen und sehr zahlreichen Emigrationskandidatcn aufnchmcn werden, läßt sich nicht sagen. Die. Tendenz ist nicht sehr günstig. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die ökonomischen Möglichleiten für die jüdischen Blassen in Amerika sehr groß sind. Ich stehe persönlich unter dem frischen Eindruck großer Genugtuung, wie sich unsere Brüder drüben in de» neuen Lebensbedingungcn mit Geschick und mustergültiger Tüchtigkeit und auch mit einem ivachscndcn Interesse für Judentum und Zionismus mehr und nichr zurcchtfinden. Aber man möge nicht die Errichiung einer Heimstätte für die jüdische Nation dort erwarten. Genug, daß unsere Brüder dort dem Amalgamicrungsprozcß widcrflchen. daß sie unter sich jüdischeu Sinn, jüdisches Wissen, jüdisches Leben in der Heranwachsenden Jugend mit großen Opfern und großer Tatkraft nach Maßgabe des Möglichen erhalten. Von hier soll aber der Notschrei unseres bedrängtcn Vo>..- ein volltöniges Echo Hervorrufen. Das jüdischc Volk vereinigt sich mit jenem bedeutenden Teil seiner Sohne, die jetzt so schwer leiden und cs wird sich gegen den Ansturm des wilden Hasses mit großer Willenskraft verteidigen. Die in ihren Mitteln nicht wählende ruchlose Agitation hat cs auch jetzt nicht leicht, den Besitzstand die Erfahrungen, den rastlosen Fleiß, die ungeheuren Leistungen der Juden für das Erivcrbslcbcn Polens mit einem Male zu vernichten; sic greift deshalb zu immer wilderen Ruchlosigkeiten und scheut nicht, die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes zu erschüttern, um nur den eigenen Haß und die Habgier zu befriedigen. Gegen eine solche Strömung ökonomischer Pogrome kann unser Volk nicht gleichgültig bleiben. Selbstwchr gegen Angriffe, Wirtschaftlichc Stärkung gegen das System der Vertilgung und Proletarisierung! Aufrüttelung aus der Apathie, energische Abwehr und zu diesem Zwecke — Einheit.!Beifall.) Wir laufen jedoch Gefahr, im Chaos der Diaspora zu zersplittern,!vcnn wir nicht einen festen Kreis ziehen. Hier komme ich zu dem eigentlichen Zweck meiucr Ausführungen. Man macht uns Zionisten den Vor- Wurf, daß wir in der Kritik stark, im positiven Prograinm der Diaspora hingegen schwach seien. Wir sind getvohnt, die Lage des jüdischen Volkes zu schildern. In der ersten Zeit mochten wir den Eindruck Wecken, als ob wir prinzipielle Unglücksprophelen wären. Jetzt stoßen wir aus keinen Widerspruch mehr. Wir haben leider Recht behalten. Aber zwischen den Prämissen und den Schlußfolgerungen scheint noch immer ein Abgrund zu gähnen. Wie wollt ihr, fragt man uns, durch eure .Kolonien in Palästina die Leiden des jüdischen Volkes, die gelvaltigcn Konflikte der Judcnfrage in der Diaspora beseitigen? Ilnd ich unterstreiche und betone mit allem Nachdruck: Man fragt besonders uns, die lvir eine, dem praktischen Leben näher gerückte Richtung des Zionismus vertreten. Denn so lange der Zionismus nur eine abstrakte Idee war, mochte der Gegensatz der Maßsläbc gar nicht ins Bewußtsein dringen. Eine abstraktc Idee kennt eben keinen Maßstab. Aber so konnte es ja nicht bleiben. Sind wir ja schon an der Arbeit, sichl man ja schon die unbestimmten Umrisse, den Werdegang und die Entwicklungsbahn der Zukunft, ahnt man ja schon das Maß des Wahrscheinlichen und vergleicht man ja schon naturgemäß die verschiedenen Größen. Kann der Zionismus das Leben der Diaspora ändern? Diese schicksalsschwere Frage drängt sich unabweisbar in unsere Seele. (Schluß folgt.) Fortsetzung der Kongreß- Verhandlungen. Dritte Sitzung. Mittwoch den 3. September, nachmittags 4 Ahr. Zu Beginn der Nachmittagssitzung erstattete der Legitimationsaußschutz Bericht über die Prüfung der Mandate. Insgesamt sind 550 Delegierte aus 23 Länder» erschienen. In der Fortführung der Debatte bcstreiket der Vorsitzende des Direktoriums der Jüdischen Kolonialbank, Dr. Katzenclfohn, die Notwendigkeit der vom Aktionskomitee geforderten engen Vereinigung der Finanzinftitute der Bewegung mit der Parteilei- Ingenieur Ufsischlin betont, daß man zum ersten Male nicht einen Leiter, sondern eine Leitung habe. Als diese Leitung vor zwei Jahren ihr Amt angetreten habe, habe er das Versprechen abgegeben, ihre Arbeit mit allen Kräften zu unterstützen, wenn sic ihr Programm durchführen würde und er freue sich, heute kon- ׳':atiercn zu können, daß das in weitestem Matze der Fall gewesen ist. S. Rosenbaum, Minsk, ist nicht der Meinung, daß die Arbeit der neuen Leitung verschieden von der alten gewesen sei. Die neue Leitung habe ein Hauptverdienft aufzuwciscn: sic habe leine zu großen Erwartungen berechtigende Politik getrieben, sondern sich auf eine reale Politik beschränkt und an das Erreichbare gehalten. Wenn heute Max Nordau nicht am Kongreß teilnehme, wenn der ganze Streit mit und wegen Nordan so weite Kreise gezogen und so heftige Formen angenommen habe, so sei das nicht zum wenigsten die Schuld der Leitung, die Nordau nicht gerecht geworden sei. Es besteht die Gefahr, daß die Meinung aufkommc, Nordau habe mit diesem Zionismus nichts mehr gemein. Auch gegen Kann, der an den Arbeiten der zionistischen Palästina-Institutionen scharfe Kritik geübt habe, sei man ungerecht vorgcgangcn. Kritik an einer salschcn Arbeitsmethode heißt noch nicht, Gegner der Arbeit selbst zu sein. Es solle darum eine Kommission eingesetzt werden, die prüfe, ob die Kannsche Kritik der Sache nach berechtigt sei. Dr. Rosenfeld (״Poale Zion") sieht eine Gefahr in der seiner Meinung nach ungerechten Jdentifizicrung von hebräischer Bewegung mit Zionismus. Die Bewegung der ״Poalc Zion" und ihrer Fordern!!- gen würden von der offiziellen Presse ungerechtcrweise totgeschwiegen. Er und seine Fraktion sehen auch in den Forderungen des Aktionskomitees etwas prinzipicll Berechtigtes, sic müssen aber ihre endgültige Entschcidung, wie auch die Decharge-Erteilung abhängig machen von dem Bericht über die Palästinaarbeit. Dr. Mel am cd, London, kritisiert die organisatorische Ausgestaltung des Kongresses, der durch zahlreiche Nebenveranstaltungen an seiner eigentlichen Aufgäbe, die Agenden der Bewegung zu erledigen, gehindert sei. Zu den praktischen Fehlern, die die Leitung begangen hat, zähle er in erster Linie die Haltung des offiziellen Organs, der ״Welt", Dr. Max Nordau gegcnüber. Am Schluß, der Debatte stellt Dr. Pasmanik, PctcrSburg, Anträge auf Schaffung je einer besonderen Palästinakommission, Kulturkommission und einer Kommission für zionistische Gegenwartsarbeit, die samtliche in ihr Gebiet fallende Fragen vorberaten sollen. Die Einsetzung einer Palästinakommission wird beschlossen. Vierte Sitzung. Donnerstag den 4. September. Präsident W o l f f s o h n eröffnet die Sitzung. Sodann nimmt der Vertreter der Zionistischen Arbeiter- Partei, Chasanowitsch, das Wort und führt etwa folgendes aus: Ich beantrage, dem Aktionskomitee das Vertrauensvotuin erst dann zu erteilen, wenn wir die Berichte über die Tätigkeit deS Jüdischen Nationalfonds und der Bank angchört haben. Wir haben aber Klage über die Verwendung des Nationalfonds zu führen. So sehr wir die Schaffung von Tel Alviw begrüßen, sind wir doch der Meinung, daß die Gründung eines Stadtvicrtcls der Privatinitiative hätte überlassen bleiben müssen. Unser ganzer Kongreß steht unter dem Eindruck der Persönlichkeit Nordaus, dessen Fehlen lvir besonders in der Eröffnungssitzung vermißt haben. Wir sind mit der Haltung der ״Welt" unzufrieden, daß sie sich an die Beschlüsse des zehnten Kongresses in der Kulturfrage nicht gerichtet hat und den Hebraismus gegcnüber der jüdischen Sprache zu sehr in den Vordergrund gestellt hat. Chefredakteur Lichtheim, ״Welt", wendet sich gegen die von mehreren Seiten vorgebrachte Kritik gegen die Haltung der ״Welt" Dr. Max Nordau gegenüber. Cs wäre vollkommen unrichtig, daß ״Die Welt" und die Leitung die Absicht gehabt habe, Dr. Nordau geringschätzig zu behandeln. Man wäre vielmehr ausschlietzlich von politischen Gesichtspunkten ausgegangen, daß es eine Unmöglichkeit gewesen wäre, sich mit der antitürtischen Haltung von Dr. Nordau zu identifizieren. ״Die Welt" kann unnwglich in der Weise alle Strömungen im Judentum berücksichtigen, wie es verlangt worden ist. Sie bemüht sich, allen Meinungen gerecht zu werden, aber gegen eine Richtung hat die ״Welt" allerdings sehr scharf sich wenden müssen. Das ist die neue Idee des sogenannten ״Alljudcntums", eine Idee, die in höchst verwaschener Weise von unzähligen verschiedenen ״Judentümcrn" spricht. Dr. Leon Reich spricht namens der galizischen Landsmannschaft der jetzigen Leitung volles Vertrauen aus. Wir sind überaus zufrieden mit dem System der politischen Arbeit der jetzigen Leitung, mit ihrer intensivcn Palästinaarbeit und mit der geschickten Art und Weise, in der diese Palästinaarbeit geführt wird. Jean Fischer, Antwerpen, einer der oppsitionellcn Wortführer, führt folgendes aus: Im Zentralorgan ״Die Welt" ist gesagt worden, ich und meine Freunde hätten nichts gelernt und nichts vergessen. Wir haben tatsächlich nichts vergessen, wir stehen noch heute auf dem alten Herzlschen Standpunkt, wir sind politische Zionisten, loie es Herzl war. Es ist verwunderlich, daß ► ► > ► ( I > i > ► 1 i yiivi —■/■חי