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Jüdische Volksstimme · 1913-09-11 · Heft 37 (11.9.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 37 (11.9.1913)
Date
1913-09-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XIV|2. Jahrg. Nummer 37 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. W Nische U Sä- Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Nuhland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. 3־ Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerischc Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Geschäftsstelle. Wien: 1״ Roteiiturmstraste Nr. 31. Pojtfparkassakonto Nr. 312.8-12. Telephon 3009/VIII• Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. -Ä Brünn—Budapest. Wien,!£*!ff1913™*״’ Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Ter elfte Ziottistenkongreu. — N. Sokolow: Tas jüdische Leben in der Tiaspora. — Die Kongreß- Verhandlungen. — Ter Gang ’,imi Grabe Herzls. — Ter Gzernüwiber Gesangsverein in Wien. — Korrespondenzen. — Fest der jüdischen Turnerschuft. — Prager Judentypen. — T. A. Deutsch: Zeitgemäßes zum Wochenabschnitte. — Fenilleton: Tante Guttraud. — Ans der Agndas Jisroel-Bewegung. — Nundschan. — Literatur. Der 11. Zionistenkongreß. Das jüdische Leben in der Diaspora. Von N a h u in Sokolow. Geehrter K o ng re ß! Die Schwierigkeit, das jüdische Leben zu überschaue», in grosten Linien zu schildern und in abgenieffcnen Proportionen als Ziigc eines Bildes darzustellen, liegt aus der Hand: sie liegt eben in der Sache selbst. Die Diaspora ist ein Chaos. Vor dem Auge des Beobachters huschen zusammenhanglose Schattenbilder flüchtig vorüber. Tie manuigfaltigsteu Verivicktungen der Iudeufragc, die Not und das Elend in den verschicdcnftcn Formen, die Verfolgungen, die Ausnahmegesetze, die Wanderungen, die inneren Zwistigkeiten und dergleichen lassen sich nicht in ein System bringen. Pergcbeus sucht der ordnende Sinn nach einer Formel. Nichtsdestoweniger dürfte es hier Pflicht sein, lvenigsleits den Versuch einer solchen Schilderung zu machen. Wo soll denn sonst die Lage des jüdischen Volkes geschildert iverden? Wo ist denn sonst eine Tribüne, von der aus das jüdische Volk über seine Angelegenheiten offen spricht? Wäre ausier dieser Tribüne, die dem Zionismus geweiht ist noch eine andere irgendwo in der Welt vorhanden, die für die Gesamtinteressen des Volkes bestimmt wäre, dann könnte vielleicht der Gedanke aufkoinmcu, tvir täten besser, das allgemeine Problem jener andereu Tribüne zu überlaffeu. Ter Gedanke tonnte auskommcn, richtig wäre er nicht. Tenn für uns ist eben der Zionismus die einzig richtige und gründtichc Lösung des Iudcnproblems und nichts ist natürlicher, als daß Ivir uns mit diesem Problem eifrig beschnftigen Haben ivir uns doch immer bemüht, das jüdische Empfinden und die Erkenntnis des ivahren Zustandes unseres Volkes auf eine höhere Stufe zu heben, nichts zu bemänteln und zu verschiveigen, sondern der Wahrheit mit kühnem Mut ins Auge zu schauen. Wir tun dies mehr für uns, als für die Fernslehcnden. Ter zionistische Kongrest ist unser Forum und Ivir laden uns selbst vor das Tribunal unseres Geivissens. Möge die Außenwelt uns hören; wir wünscheu nichts sehnlicher. Wir bedienen uns deswegen verschicdcner Sprachen. Wir haben keine Mysterien, wir sind nicht in Nebel gehüllt, klar und deutlich kommt die Pein unseres Volkes durch unseren Mund zum Ausdruck, weil wir seine Qualen tief im Herzen tragen und ebenso klar zeigen wir den Weg der ReUuug. Möge die Welt hören — aber vor allem und im wesentlichen gilt der Bericht uns selbst, damit wir Einkehr in unser Gcivissen halten und nachzudenken beginnen. Wie sieht daS jüdische Leben in der Diaspora jetzt aus? Ein Tohuwabohu.Ziellos, zersplittert, dem Zufall preisgegebeu, wie ein Blatt, mit dem der Wind spielt. Stumpfsinnige Unterwerfung unter Knechtschaft. Schmach und Elend. Als ob ein böses Geschick mit eiserncr Faust ihm seine Schicksale vorschrieb und seine Schrift in lapidaren Lettern in die Tafeln seiner Geschichte graben würde. -Das einzige gemeinsame Merkmal, das an allen Teilen dieses Wirrwarrs wahrgenommen werden kann, ist — die düstere Trauer. Tie Mehrheit des jüdischen Volkes leidet jetzt mehr als es seit langer Zeit gelitten hat. Bei der Beurteilung der Lage eines Volkes dürfte zweifellos der Mehrheitsgrundsatz entscheiden. Wir müssen also feslslellen, dag das jüdische Volk schwer bedrängt ist. Tas Elend umklammert unsere Volks- Massen immer fester. Aus dem Stadium der Erzesse ist das Volk in das Stadium des Niederganges übergegangen: aus der akuten Krise ist die schleichende geworden. Unser Haus ist baufällig geworden, und wir benötigen ein sicheres, schützendes Tach. Inzwischen siechen die einen im Ghetto dahin, während die anderen Wie ein gescheuchtes Wild in ferne Zone» ziehen. Ein anhaltender Notstand wächst laivinenariig ganz von selbst; die Widerstandskraft erlahmt, der erhabene Trotz früher in Kampf und Not gestählt, senkt schlietzlich sein stolzes Haupt vor den düsteren Mächten des Lebens. Es ist aber nicht nur die Zeit selbst, es sind auch schicksalsschwere Ereignisse, die de» Kreis des Elends immer tveiter ziehen. Tort, wo sich der wandernde Menscheiislrom beständig hin- und herwälzt, begegnet man in letzter Zeit neuen Gestalte», die durch das Gewühl der Häfen müde und ziellos nmherschweisen: Balkanjudcn. Mit stummer Gebärde ziehen sie vorbei, die armen sephardischen Juden, die so harr getroffen, durch die Kricgsfurieu und die Zerslörungstvul verscheuchte Menschen. Ihr Spaniolisch verstehen die anderen Juden nicht, dag Iyddisch der andere» Juden verstehen sie nicht und sofern Hebräisch nicht verstanden wird, bleibt nur die Mimik als Verslündigungsmirte!. Eine Goluthpantomime. Aber der Schiverpunkt des Volksleids liegt nicht etwa i» den blutigen Launen der Weltgeschichte, in Kriegsausbrüchen und Verwüstungen, die von entfesselter Leidenschaft angerichtet werden. Tas sind Konflikte, Spannungen und Katastrophen vorübergehender An. Wenn es einen Zustand gibt, der viel mehr die Trostlojigkeit der Lage darsiellt, so ist es derjenige, der inmitten tiefsten Friedens im jüdischen Anüedlnngsrayon des europäischen Ostens herrscht. Es ist ein Kriegszustand inmitten tiefsten Friedens, ein Kampf, der mit allen Waffen eines tvütendcn Hasses, einer riuksichtstosen Verfolgung, raffinierter Ausnahmegesetze und grenzenloser Willkür gegen die ganze jüdische Bevölkerung geführt wird. Mit cinerEntschiedenheir und mit einer Folgerichtigkeit, die man an den Elementen einer Reakrion nur sehr selten tvahrzunehmen Gelegenheit hatte, iverden Schritt für Schritt die Quellen des materiellen und geistigen Lebens, des Erwerbs, der Ausklärung, der Erziehung, der Menschemvürdigkeit, der Sicherheit des Daseins, der Selbständigkeit der Entwicklung und eines edle» Wettbewerbes snslemalisch verstopft und verriegelt. Tie noch vorhandenen lieberreste beschränkter Erüsienzinoglichkeiten iverden bis in ihre dunkelsten Tiefen verfolgt und vernichtet. Tas ist das tägliche Brot des osteuropäischen Iude». Nun aber gibt es spezielle Prämien. Tas Blutmärchen. ^Stürmische Pfuirufe im ganzen Saal.» Tie :hotten der Schwarzen Hundert, Messerhelden und Hetzbanditen haben aus dem alten Arsenal blödsinniger mittelalterlicher Schauermären, Tämonenvorstellungen, Hcxenglaubens, Ketzerverbrennungen, Zauberschivindels und des ganzen Hokuspokus, durch den das finstere Mittelaller dem Hohne aller Zeilen verfalle» ist. jene Waffe gegen uns zum Kampfe hervorgeholt, die das widrigue Bild einer verivilderlen Phantasie dariieltt. die Blutlüge. Ist es WirktichteitMan könnte eher an rin Phantom denken. Es kam anfangs so unglauv ticy und läppisch vor, es schien so unwahrscheinlich» da,; der Menschengeiji heutzutage jlch mit diesem »acht liehen Spuk erngtich befassen ivürde. Nun hat sich dieser Hanfe von Unmöglichkeiten zlir vollendeten Tatsache der Anstrengung eines Prozesses verdichtet. Ein ganzes Volk ivird in Atem gehalten, in drückender, spannender Erwartung einer Gerichtsverhandlung wegen eines rituellen Mordes, der durch eine Verkettung von Lügen und .Klatsch dem Juden Bcilis zugeschrieben ivird. Bekanntlich fehlt f>ir diese Anklage jeder ׳Anhalt, ja auch nur der Schein einer Begründung. Jeder von uns könnte in derselben Weise wie der Jude Beilis auf d!e Anklagebank gesetzt iverden. Tie Schuld des Juden Beilis ist genau so grvsz wie die uuserige. Sie besteht darin, das; ivir Juden sind; deshalb möchte man uns unter Wutgeheul und .Hohnrufen das Mal auf die Stirn drücken. Es ist dies eine verbrecherische uiid euchlose Herausforderung des Gesainljudenlums der Well. Es ist dies eine gemeine Verzerrung und Verungtimpfnng der erhabenen Moral jüdischer Lehren, ivelche oie Grundlage menschlicher Gesittung bilden. Tas; ivir diesem Beiiialismus, der durch die Verbreitung ivilder Anklagen seine Orgien gegen nns feiert, euva apole gelisch entgegenlrete», dieser Gebaute allein genügi. 1l»s die Schamröte ins Gesiebt treiben, linier gau zes Selbiigefübl bäiiini jich auf, unsere ganze Zornes gl»» lodert auf lind der bedrückten Brufl enlriiigl ürh ei» gciouliiger Aufschrei, der in uns beleidigte» Menschheil. Wir iveichei! voll Ekel uiid Entsetzen vor dic'er abgriliidliefen Niedertracht .;»rück. '.»!ichl gegen diese Abinrduci!, die!ich selbit richiei, iondern gegen das Sviiein, das einen wichen Blödjini. einen 'Nährboden verschaisl. 1׳id1kt das >livische Volk seinen flamineiiden Proieii. lLebhaner Beifall.- Tas ganze Phänomen des Golnth is! i» der Zä higkeit dieser absurden Verleumdniig eiiihalte». Niclns kann sie widerlegen, weder die Bullen der Päpste, iioch die Dekrete der .Könige. Tie Amorilät der Päpste m gios;. aber der Iudenhns; in noch geäster; die Macht der Regierungen >i! bedeutend, aber die Mcicht der ,<111sieruis ist noch bedeutender. Ter Entrüslungschor gros;er europäischer Aeropage. der die Scknuack» zii tilgen hoffte, Hut nichts vermocht. Hai der Iudeuhas; diese pikante Würze iiölig, so ivird er sie benutze». Tie Ver fülgungsivut in nie um netteil Breitiisioit. der o!c- ,Zainine des Hasses nähren;011, verlegen. Dafür ,1׳ die Blutlüge geradezu ein Schulbeispiel. Wir haben es be! den Veriolgunge» mit einem Entwicklungsprozes; zu tun und da mus; noch ci»e Erscheinung i 111 judiicheu Leben!11 der Diaspora er ivcihul iverden: der Bovloll gegen die Jude»!>> Polen. -׳Mehrfaches Ps!!!.׳ Ein Teil jenes alten Poteurei-.hes. das >e>l jeinem B.liehen eine hervorragende :!tolle in der Geagraplne der jüdischen Diaspora spielte,!i> i.il einem Iahrtinnder! ein Bruchstück de-:- sogenannten Ansiedlungsravoiw getvorde». Phantasie oder Tendenz mochleu diesen feit -als eine Arl eims ..Landes tKoschen in Mizraim" be zeichnen. In Ländern, in denen schon das nuckle Tann! einen Lurus darsiellt. den sich nur rin Mensch iiiiieu kau», der zur erste» Kausmaunsgilde gehört, mag ein Ort, in dem diese Bedingutig!licht erfordert ivird, als ein 'Arkadien der Emanzipation gelten. Taticichtich dar׳ ein Jude auch in diesem Arkadien nicht auf Sem Lande wohnen, ivo der Boden einem Bauern gehört, ivird nicht, iveiin er Handwerker ist, in die besieheiiden Zünfte aufgenoinmen, ist mit Bezug aus die Erziehung ״Hickls Jüd. Volkskalenver". f :1 ':1 i Soeben erschienen:

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