Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 36. ,^Jüdische Bolk-stimme." «ett- 9. der Verein jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler hervorragend beteiligt sind. Alle diese Institutionen werden von unserer paläslinensischen Exekutive, dem Palästinaamt, gefördert und gestützt. Dieses schafft den innigen Kontakt und den kräftigen Zusammenhang für sämtliche Arbeitsgebiete im Lande. Unsere Sache wird es sein, diese mannigfachen Keime zu pflegen und zur vollen Reife zu bringen. Von einer Zersplitterung unserer Kräfte kann hierbei keine Rede sein, denn alles dies sind notwendige Teile eines großen, einheitlich funktionierenden Gesamtorganismus, bei dem es nicht angängig ist, ein Glied einseitig zu fördern und dabei die Entwicklung anderer zu vernachlässigen. (Beifall.) Zahlreich und schioerwiegend sind die Aufgaben, für deren gedeihliche Lösung wir auf Ihre einsichtsvolle Mitarbeit rechnen. Erfreulicherweise hält sich unser Budget in Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht, obwohl wir mehr Aufwendungen als bisher zur Beiriedigung organisatorischer, nationaler und kultureller Aufgaben machen mußten, aber unsere Aufgaben wachfcu, und wir haben die unabweisliche Verpflichtung, unseren Haushalt auf eine sichere Basis zu stellen. Der Kongreß wird sich damit zu beschäftigen haden, wie die Mehrung und Sicherheit der Geldmittel für kolonisatorische, palästinensisch kulturelle und organisatorische Aufgaben bei gesunder Finanzgebarung zu erreichen sei. Auch die Erweiterung der Tätigkeit und der Leistungsfähigkeit der Palestine Land Development Eompany durch starke Kapitalvermehrung wird zu den aktuellen Fragen des Kongresses gehören. Ferner werden Sie sich mit der Idee der Gründung einer Univcrsität in Jerusalem befassen. Durch die Verwirklichung dieses gewaltigen national-kulturellen Gedankens könnte eine Pflanzstätte allgemeiner und jüdischer Wissenschaft in der ältesten und würdigsten Kulturstadt der Welt, in unserem Jerusalem, geschaffen werden. (Stürmischer, sich immer wiederholender Beifall.) Wir haben im Verlaufe der verflossenen Kongreß- Periode unsere besondere Aufmerksamkeit der Propaganda zugewendet. Unser Streben war dghin gerichtet, in der ganzen Welt Aufklärung über den Zionismus zu verbreiten. Diese Arbeit war fruchtbringend und unsere Erfolge erfüllen uns mit großen Hoffnungen für die Zukunft. Ueberall ist ein Aufschwung zu bcmerken, allerorts zeigen sich starke Impulse und vielverheißende Ansätze. Den alten Arbeitskräften haben sich neue zugesellt. Wir dürfen ohne Uebertreibung sagen: der Zionismus steht jetzt im Vordergrund aller jüdischen Interessen. Auf viele wirkt er direkt und bcmußt ein. Andere zieht er durch sein Beispiel heran. Wieder andere zwint er, durch den Gegensatz zu ihnen zu bestimmter Stellungnahme und dadurch zur Verticfung ihres jüdischen Empfindens. Aber die Kraft der Opposition, die uns entgegentritt, ist gebrochen. Sie verschanzt sich nur noch hinter Vorurteilen und ist gezwungen,. sich einen Zionismus eigener Erfindung zu konstruieren, um ihn bekämpfen zu können. Der wahre Zionismus ist für ihre Geschosse nicht erreichbar. Erlösend und triumphierend schreitet die Zionsidec durch die Diaspora, jeden Zweifel beseitigend, jeden Widerstand brechend. Dieser Kongreß beweist am deutlichsten die Macht und den Fortschritt unserer Sache. Sie alle, die Sie von Nah und Fern gekommen sind, begrüßen wir aufs herzlichste. Sie repräsentieren die Hunderttausende, die hinter Ihnen stehen, unsere stillen, opferfreudigen Mitarbeiter, denen cs nicht vergönnt ist, hier unter uns zu sein. Aber ihre zahllosen Begrüßungen geben den vollgültigen Beweis, daß sie mit ihrem Hoffen und Sehnen bei unseren Arbeiten verweile». Es freut uns besonders, so zahlreiche Delegierte aus dem Lande zu scheu, nach dem sich unsere Tätigkeit richtet, aus Palästina. Verehrte Kongreßmitglieder! Zu wichtigen Arbeiten sind Sie berufen, mit klarem Blick und warmem Empfinden für das jüdische Volk werden Sic an die schwere Arbeit herantrcien. zu der Sie entsandt worden sind. Stets das Wohl unseres Volkes als Leitstern vor Augen, werden Sie in brüderlichem Zusammenwirken das Vertrauen Ihrer Auftraggeber rechtfertigen. Möge der Erfolg die Bemühungcn krönen! Zum Heile unseres Volkes, zum Fortschrciten und Gedeihen unserer Arbeit und unserer Idee. Katharinenhalle und ihrer Galerien füllte eine ten des elften Kongrefses. Zu Vizepräsidenten festlich gekleidete Menge von über 5000 Per-, wurden Adolf Stand-Lemberg, Oberrabbiner sonen, die den Rednern dieser ersten Sitzung' des elften Zionistenkongresses mit gespannter Aufmerksamkeit folgten. Die Eröffnungsrede hielt der Vorsitzende des engeren Aktionskornitees der zionistischen Weltorganisation, Professor Marburg, Berlin, der von der Versammlung, die sich beim Eintritt des Aktionskomitees von den Plätzen erhoben hatte, mit stürniischein Beifalle begrüßt wurde. An leitender Stelle bringen wir das Referat. Der zweite Redner des Abends, Nahum Sokolow, Mitglied des Engeren Aktionskomitees, sprach über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern und es kam zu stürmischen Entrllstungskundgebungen, als er den bevorstehenden ״Ritualmordprozeß" in Kiew und den Boykott der Juden durch die Polen erwähnte. Dr. Schmarja Lewin-Haifa hielt einen Vortrag in hebräischer Sprache über das neue Judentum in Palästina. Er gedachte besonders der ungeheuren Verdienste, die sich der Pariser Baron Edmund v. Rothschild seit einem Menschenalter um die Kolonisation Palästinas erworben hat, der nicht nur ein ungeheures Vermögen in wahrhaft großzügig philanthropischer Arbeit an die Begründüng der jüdischen Kolonien Palästinas wandte, sondern der auch allen anfänglichen Fehlschlügen zum Trotz bei seinem Plane verblieb, und dem cs zu einem guten Teile zu danken ist wenn Kolonien blühen und gedeihen. Ter entscheidende Wendepunkt in der Ent- Wicklung der jüdischen Kolonien sei jetzt cingetreten, indem die Kolonien nicht mehr als Mittel, sondern als Selbstzweck betrachtet zu werden verlangten. Die zionistische Organisation könne auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete mit anderen Organisationen in Palästina gemeinfam arbeiten, aber auf einem Gebiete, dem der kulturellen und der Erziehungsarbeit, müsse re sich den vorherrschenden Einfluß sichern. Tie Entwicklung des Landes werde nur dann im Sinne des Zionismus sich vollziehen, wenn das Heranwachsende Geschlecht im Geiste des natio nalen Judentunis erzogen würde. Dr. Lewin chloß seine Rede mit der Bemerkung, daß die Zionisten eine Genugtuung über ihr Werk ein- )finden dürften, weil sie nun wüßten, daß sie aus dem Anfang heraus und mitten im Aufbau eines neuen Lebens in Palästina begriffen seien. Vor den beiden letzten Rednern begrüßten den Kongreß Dr. Karl Pollak-Wien namens des westösterreichischen Zentralkomitees, dem der Kongreßort Wien zugehört, ferner Tr. Schrei ber, namens des Vorstandes der israelitischen Äultusgemeinde Wien und Herr Leon Haim als Vertreter der türkisch-sephardischen Gemeinde zu Wien. Prof. Warbnrg sprach den drei Vertretern der Wiener Körperschaften den Dank aus und betonte besonders, daß die Wiener Kultusgemeinde, wenn sie auch nicht zionistisch in ihrer Mehrheit sei, doch die palästinensischen Bestrebungen mehrfach unmittelbar unterstützt und somit ein Vorbild für sämtliche anderen jüdischen Gemeinden gegeben habe. Am Schlüsse der ersten Sitzung, gegen 11 Uhr abends, bereitete die vieltausendköpfige Perammlung dem Präsidenten abermals eine begeisterte Ovation. Stehend wurde die Hatiktvah gesungen und es dauerte über eine Stunde, bis der Saal sich langsam geleert hatte. Man ibar sagen, daß diese erste Sitzung des elften Kon gresses eine der großartigsten und imposantesten zionistischen Kundgebungen war, die inan jemals auf europäischem Boden erlebt hat. Der 11. ZionistenkongreßM Zum elften Zionistenkongreß sind bisher über 500 Deliegrte und etwa 9000 auswärtig Gäste in Wien eingetroffen. Der Kongreß, dessen Verhandlungen bis zum 9. September dauern werden, begann gestern abend mit einer grandiosen Eröffnungssitzung, in der am Park von Schönbrunn gelegeneu Katharinenhalle. Den riesenhaften Saal der Zweite Sitzung. Mittwoch den 3. September, vorm. 10 Uhr Tie heutige Vormittagssitzung, die erste Ar beitssitzung des elften Zionistenkongresses, fin det, wie alle folgenden Sitzungen, in dem gro ßen, schönen Saale des Musikvereinshauses statt und obwohl der Platz hier weit beschränkter ist als in der Katharincnhalle, dürften — außer den 550 Delegierten — im Saale und auf den Galerien mindestens zweitausend Gäste den Verhandlungen beiwohnen. Tie Presse der gai zen Welt ist durch über 150 Korrespondenten vertreten, zu denen namentlich die Berichterstat ter der großen jüdischen Zeitungen Galiziens, Rußlands und Amerikas ein großes Kontingen stellen. Zu Beginn der heutigen Sitzung wählte der Kongreß den früheren Vorsitzenden des Aktions komitees, David Wolffsohn-Äöln, zum Präsiden Dr. Gaster-London, Julius Simon-Mannheim, Justizrat Dr. Bodenheimer-Köln und M. Ussischän-Odessa gewählt. Zu Beisitzern und Schriftüihrern wurden u. a. Friedensrichter Jakob Moser-Bradfort, Oberrabbiner Reines-Lida, Professor Schechter-Newyork, Dr. Aellin-Jernalem und Oberingenieur Stricker-Wien gewühlt. Ter Präsident gedachte sodann der seit dem 10. Kongreß verstorbenen Mitglieder der Organisaion und erwähnte besonders die palästinensi- 'chen Toten und einen Vorkämpfer der Bewe- 1mg, Herrn Prof. Mandelstamm-Kiew. Dr. Hantke erstattete den Bericht des Ak ionskomitees über die Tätigkeit der 1911 neu Gewählten der Berliner Leitung in den letzten zwei Jahren. Tie Arbeit zerfalle in zwei große Arbeitsgebiete: Das eine umfasse die Politik, die Palästinaarbeit, die kulturelle Tätigkeit, die Arbeiten des Nationalfonds, der Banken und der Palästinagesellschaften. Das andere umfasse die Organisation, die Propaganda, das Finanzwesen. Die politische Arbeit änderte ihren Charakter infolge der großen politischen Umwälzungen in Nordafrika, auf der Balkanhalbinsel und infolge des Einflusses, den diese Ereignisse auf die tammlande des türkischen Reiches ausübten. All das konnte die Zionisten in der Erkenntnis nicht wankend machen, daß die Entwicklung des jüdischen Elementes in Palästina mit dem chicksal des türkischen Reiches verknüpft ist, daß die jüdische Arbeit in Palästina für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des ürkischen Reiches von hohem Wert ist. Man labe nach diesen Richtungen nicht ohne Resultäte gearbeitet. Nicht weniger Aufmerksamkeit als den Interessen im türkischen Reich habe man den politischen Verbindungen mit anderen Machtfaktoren geschenkt. Dr. Hantke fuhr dann ort: ״Tie Voraussetzungen für alle Arbeiten auf dem Tätigkeitsgebiete der Zentrale ist das Gedeihen unserer Organisation. Wir haben der Propaganda besonders große Aufmerksamkeit zugewandt. Ein löjähriger Kampf hat uns bewiesen, daß unser Ziel nur durch eine systema- Ische Erziehungsarbeit an der Gesamtheit uneres Volkes erreicht werden kann. Unsere Pro- )aganda muß radikal in der nationalen Tendenz und abhold jedem Kompromisse in der Idee sein. Menschen, nicht Geld — gilt die Loung. Es ist befriedigend für uns, daß wir Ihnen schon jetzt gewisse Erfolge zahlenmäßig vorführen können. Die Zahl der an die Zentrale abgelieferten Schekel ist um 50 Prozent gestiegen. Nicht ganz so stark, aber doch nicht gering ist die Vermehrung der überhaupt gesammelten chekel, also die Ausdehnung des Kreises der Zionisten. Während in den Kongreßjahren 1908—09 und 1910—11 an gesammelten Schekein nur 100.22-1 und 101.20-1 eingingen, haben wir in diesem Jahre über 1:>0.000 Schekel erhalten. Dieser Steigerung entsprechen die Zahlen unserer Sammlungen. So sind die eingelaufenen Spenden für den Jüd. Nationalfonds von 500.012 Mark im Jahre 1910 -11 auf 500.155 Mark im Jahre 1911—12 und 71:1.111 Mark im Jahre 1912—1" gestiegen. Dementsprechend ist auch das Vermögen unserer Institutionen in den letzten zwei Jahren von s,058.000 Mark aut 9,800.000 Mark gestiegen. Tie Gesamtsumme der Einnahme aller zionistischen Organe kann man auf mindestens zwei Millionen Mark im Jahre schätzen. Die Zentrale hat sich nicht damit begnügt, den Landes- und Sonderverbünden gute Ratschlüge zu erteilen, sondern die Leitung aller Propagandaarbeiten selbst in die Hand genominen. Tie organisatorischen Neuerungen, die der zehnte Kongreß geschaffen hat, haben sich durchaus bewährt. Unsere Finanzen waren geordnet. Für die neue Kongreßperiode wird es unseres Erachtens im Interesse unserer Arbeit liegen, wenn sie auf Grund der Tendenzen der letzten zwei Jahre fortgesetzt wird. Nur eine Aenderung erscheint uns notwendig. Es müssen dem großen Aktionskomitee die Machtmittel der Organisarion zur Verfügung stehen. Entsprechende Anträge werden Ihnen vorgelegt werden. Es ist anzunehnicn, daß auf diese Anträge sich das Hauptinteresse des Kongresses konzentrieren wird. Nachdem dann der Kongreß dem Ingenieur Ussischkin, einem Führer der russischen Zionisten, zu seinem fünftigsten Geburtstage eine