Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Güte 2. »Jüdische DolkSstimine." Nr. 36. durch die Lande tönte. Man kämpfte um das Prinzip, über Einzelheiten aber wollte man nicht diskutieren, man empfand das Eindringen in die Details als etwas Lästiges, allzu Irdisches und Alltägliches gegenüber der erhabenen Idee. Sowohl die bereits erzielten günstigen Resultate unserer Palästinaarbeit, wie auch diejenigen, die wir berechtigt sind, in Zukunft zu erwarten, werden zugleich die natürliche Basis für die Annäherung zwischen uns und der arabischen Bevölkerung in Palästina bil- In der zweiten Periode sah man schon ein, daß cs nicht angche, immer den gleichen Gedanken tatenlos zu wiederholen, zumal seine Erfüllung sich doch nicht so leicht durchsetzen ließ, wie man wohl ursprünglich gehofft hatte. Man brauchte Praktische Maßnahmen zur Beschwichtigung der Ungeduldigen und zur Heranziehung der zahlreichen Kräfte, die ihren Anschluß an die Bewegung hiervon abhängig machten. Man ließ demnach die Palästinaarbcit als notwendige Vorbereitung gcltcn, als Hilfsmittel, um, wenn das Endziel in greifbarer Nähe sei, keine Zeit verlieren zu müssen. Die dritte Periode ist bereits die Folge einer völligen geistigen Umgestaltung des Jdeenkomplexcs, der sich unter dem Wort Zionismus verbirgt. Die Palästinaarbeit ist jetzt nicht mehr die Ausführung und auch nicht mehr ein Hilfsmittel der politischen Arbeit, sondern sie erlangt Gleichberechtigung. Politische Arbeit und praktische Palästinaarbeit greifen jetzt incinander. Die praktische Arbeit wird zum Ausdruck und zu einem integralen Teil der Politik. Aus den Ersahrungcn der Jahre kristallisiert sich ein Arbeitssystcin heraus, das sowohl politische wie praktische Elemente vereinigt. Es besteht darin, das jüdische Volksleben in Palästina möglichst zu kräftigen und zu organisieren, den jüdischen Einfluß zu erweitern und das jüdische Prestige zu heben, um so eine möglichst starke Wirtschaftliche Position in Stadt und Land zu erreichen. Parallel zu dieser praktischen Arbeit in Palästina sind unsere politischen Bemühungen daraus gerichtet, alle beschränkenden Maßregeln, welche die jüdische Einwanderung hemmen, zu beseitigen und weitgehende Rechte in bezug aus Bodcncrwerb und Kolonisation zu erlangen. Zu diesem Zweck sind wir bemüht, die öffentliche Meinung und die maßgebenden Kreise der Türkei von dem friedlichen und kulturförderndcn Charakter unserer Betvegung zu überzeugen. Wir können mit Genugtuung fcststellen, daß manche Vorurteile, die unsere Arbeit gehemmt haben, einem besseren Verständnis von dem Wert unserer Bestrebungen gewichen sind. Hatte die Türkei doch auch im Laufe der letzten Jahre Ge- Icgenheit genug, die Treue und Loyalität der Juden zu erproben. Wir hegen die Ucbcrzcugung, daß mit unscrcn wachsenden Leistungen diese Erkenntnis immer mehr durchdringen und mit der Zeit alle Hemmnisse und Widerstände aus unserem Wege räumen wird. Diese Ucbcrzcugung stützt sich nicht nur auf einige erreichte Zusagen, sondern vor allem auf die Logik der notwendigen Entwicklung. Die Türkei will leben, will sich erneuern. Aber was ihrem Vcrjüngungsprozeß Leben und Inhalt gibt, das ist die beschleunigte Aufschließung und Besiedelung des Landes, die Nutzbarmachung der heimischen Bodcnkräftc und Hilfsquellen, die Urbarmachung der Ocdcn, die Heranziehung von Kapital und Intelligenz. Eben dies sind die Bestrebungen, die unscrcr Arbeit in Palästina zugrunde liegen. So werden wir durch unser Werk zu der Entwicklung des türkischen Staates Bedeutendes beitragen. ״Das war in den französischen Zeiten, als König Jerome bei uns Hof hielt und aus Frankreich und Elsaß eine Menge abenteuerlicher Leute sich bei uns ansicdelten. Das war alles ״lustik" und schwindelhaft, und in der Neustadt sah man Kaufläden entstehen, so groß und prächtig wie auf der Frankfurter Zeil. Zwei Brüder, Elsatzer Juden, hatten das schönste Geschäft aufgemacht, und cs war eine Neuigkeit, die Aufsehen in der Gemeinde erregte, als der Aeltere von ihnen sich mit Tante Guttraud verlobte. Es war ihm wohl hauptsächlich darum zu tun, in unsere Familie zu kommen, die nicht zu den reichsten, aber zu den geehrtesten der ganzen Gemeinde zählte. Auch war Tante Guttraud ijiit der Weißen Hochzeitshaube wirklich eine schöne, fürstliche Frau. Ich tanzte, als Mädchen noch, auf der Hochzeit, die im Stadtbausaal gehalten wurde; meine Mutter, gesegneten Andenkcns, kam traurig und kopfschüttelnd von der Sude (Hochzeitsmahl) nach Haus; das Schwindelhafte des Festes hatte sie verstimmt, das Wesen des Bräutigams sie abgestoßen. ״Bei dem hat die Windel nicht gerauscht," sagte sie, um den Emporkömmling zu bezeichnen. Und sie hatte leider nur zu recht gesehen. Die Ehe der Tante war keine glückliche. Ihr zartes, vornehmes Herz litt unter seiner Roheit, ja man sagte, obwohl sie selbst es beharrlich leugnete, daß er sic tatsächlich mißhandle. Die Stieftöchter trösteten sich mit ihren besseren Kleidern und mit dem Bewußtsein, nicht mehr für andere Leute den. Was wir dem Lande an materiellen Gütern und kulturellen Fortschritten zuführen, kommt auch der arabischen Bevölkerung zugute und wird mit der Zeit das harmonische Zusammenwirken beider in Rasse und Sprache so nahe verwandter nationaler Elemente fördcrn. (Lebhafter Beifall.) Wir wissen uns in unserer zionistischen Arbeit aber auch eins mit der gesamten Menschheit, denn wir fühlen uns bei unseren Bestrebungen in dauernder Gemeinschaft mit den hervorragendsten Förderern menschlicher Kultur, mit denen wir die gleichen hohen Aufgaben, dieselben edlen Ziele des Friedens und des sozialen Fortschritts verfolgen. Wir sind deshalb auch überzeugt, daß alle Negierungen und Völker unser Fricdenswerk mit Wohlwollen betrachten; haben doch die meisten Staaten auch ein eigenes materielles oder inoralisches Interesse daran, daß der Orient wieder zu einer Stätte blühender Zivilisation werde. Es sind uns von mancher hochgeschätzten und hochstehenden Seite Beweise tiefen Verständnisses zuteil geworden, wir begnügen uns aber damit nicht. Wir möchten die Platonische Sympathie in tatsächliche Förderung umgewandelt sehen. Wir sind andauernd bemüht, unsere Bezichungen zu den politisch Mächtigen in besonnener Weise weiter zu pflegen und auszugestaltcn; wir betrachten dies als eine überaus wichtige Aufgabe, der wir viel Zeit und Mühe widmen. Wir sind uns aber bewußt,׳ daß die Geschicklichkeit des Unterhändlers und die Kunst der Dialektik nicht die einzigen Mittel sind, die zur Gewinnung unserer Heimstätte führen können. Wenn wir Förderung und Schutz beanspruchen, so muß etwas vorhanden sein, was gefördert und geschützt werden kann: behutsam zu pflegende Keime und in Entwicklung begriffene reale Interessen. Deshalb ist die Palästinaarbcit nicht nur ein gleichberechtigter Faktor, sondern die notwendige Voraussetzung unserer politischcn Bemühungen. So liegt unsere Politik wie ein offenes Buch vor den Augen der Welt. Geehrter Kongreß! Der Zionismus ist an dem Wendepunkt angelangt, den alle großen Bcwegungen zu passieren haben; von der Herrschaft allgemeiner Begriffe, in welche man die Notwendigkeit des Zielcs und den Willen des Volkes zur ersten Orientierung zusammcnfaßtc, ging er zu den Einzelhandlungen über, die zu diesem Ziele führen. Mit anderen Worten: der Zionismus hat sein Prospeltstadium, von dem er gleich anderen Bewegungen ausgcgangen ist, verlassen und ist an die Dinge selbst herangetretcn. Diese letztere Arbcitswcise entbehrt zwar der Sensation und gibt dem Bcgcistcrungsvcrmögcn weniger Nahrung, aber das ist eben ihr Vorzug. Wir brauchen neben der Begeisterung Stabilität, eiserne Ausdauer und nie ermüdenden Opfcrsinn. Wir verlangen einen wahrhaft tiefen, tätigen und intensiven, auf daS Wohl des jüdischen Bolkes bedachten Geist, der auch in kleinen Dingen große Zukunftsmöglichkeitcn erkennt. Gilt cs doch Schritt für Schritt in Palästina einen friedlichen Kampf der Lebensintcressen auf dem festen Boden der Wirktlichkeit arbeiten zu müssen; die Tante blieb einfach wie zuvor, aber wir zogen uns mehr und mehr von ihrem Hause zurück; ein tiefer Widerwille ließ uns den neuen Onkel stets als einen Fremden betrachten. ״Die französische Zeit ging vorbei; der Kurfürst wurde von den drei Alliierten wieder eingesetzt; ich war unter den ״Weißen Mädchen", die ihn am Wesertor empfingen. Aber die Zeiten waren, wie man damals allgemein sagte, nur schlechter geworden. Der westfälische Hof hatte viel Geld unter die Leute gebracht; mit dem Luxus hörte der Wohlstand auf; die deutsche Tugend kokettierte mit nüchterner Einfachheit; die großen Kaufleute sperrten einer nach dem andern ihre Läden zu. So ging es auch den beiden Elsaßern; der eine ging durch, der andere verarmte immer mehr, und mit dem Verfalle seines Reichtums wuchs nur seine Rohheit, aber mit ihr die Demut der frommen Dulderin. Sie strickte wieder Rosenguirlanden aus Perlen in grüne Beutclchen, die sie selbst zum Verkaufe trug, und die Mädchen errichteten eine Nähschulc u. verfertigten wieder Hemden für andere Leute. Doch wenn einer der Anverwandten der armen Tante eine Unterstützung bot, so wies sie diese stets entschieden und vornehm zurück: ״Er sorge schon hinlänglich für die Seinen." ״Ich war seit einem Jahre verheiratet und dein guter Vater hätte mir gern gestattet, etwas für die arme Tante zu tun. Wenn er abwesend war, was jetzt halbe Wochen lang vorkam, besuchte ich die arme Tante, deren volles Gesicht auszufechtcn. Zlocifcllos ist die Arbeit eine schwierige, aber sie muß gemacht werden. Niiübcrstciglich erschcineu zuweilen die Hindernisse, die sich uns in den Weg teilen. Mit diesen Hindernissen müssen wir aber ringen und sic überwinden, wir müssen in zähem Streben den Weg ebnen, auf dem wir nach langer, rastloser Arbeit zur Höhe gelangen werden. Hierfür müssen wir stark sein und dürfen unsere Willenskraft und unseren Opfermut nicht ermatten lassen. Deshalb sind auch Kongresse notwendig, denn von ihnen geht ein suggestiver Einfluß aus. Ein Kongreß bringt fruchtbare und nützliche Anregungen und den Zusammenschluß kleiner Einzelwillcn zu einer großen, machwollen Einheit. Bei jedem Kongreß empfinden wir neue Kraft zum ׳Vorwärtsstreben, und deshalb ist auch jeder Kongreß eine neue Etappe auf dem Wege, nach aufwärts. Unser Hauptaugenmerk wird also in Zukunft noch mehr als bisher auf die Arbeit in Palästina gerichtet sein. Selbstverständlich ist der Acker- und Gartenbau das Arbeitsgebiet, dem die vorderste Stelle und der breiteste Raum gebührt. Dazu gehört einerseits der Bodcnkauf im Interesse der Gesamtheit, wobei vor allem unser sich glänzend entwickelnder Nationalfonds tätig ist, anderseits die Ermöglichung der Ansiedlung arbeitstüchtigcr Elemente, und zwar durch Belehrung, Schaffung von Arbeitsgelegenheit und Behausung, Parzellierung und Meliorierung des Bodens, Siedlungs- und Arbeitsgenosscnschaften, Förderung landwirtschaftlich-kolonisatorischer Unternehmungen aller Art. Alle diese Bestrebungen haben sich allmählich herausdifferenziert und ein Teil derselben konnte bereits in besonderen Institutionen zentralisiert werden. Die Jemeniteneinwanderung hat ein förderliches, nationales Element dem Lande zugesührt und bildete den Gegenstand unserer eifrigsten Fürsorge. Die Achusa-Bewegung ist eine praktische Errungenschaft von hervorragender Wichtigkeit, ein Werl der jüngsten Zeit, von dem wir nicht nur nützliches, sondern auch qualitativ sehr bedeutendes erwarten. Die Palestine Land Developinent Company steht als Instrument für Bodenkauf und Parzellierung im Mittelpunkt unserer ländlichen Kolonisationsarbeit, wobei unsere Banken im Verein mit dem Nationalfonds durch Kreditgewährung große Dienste leisten. Auch der Heranbildung jüdischer Frauen zu Landwirtschaft durch die Mädchenfarm am Kinerthsee sei an dieser Stelle rühmend gedacht. (Beifall.) Die Förderung von Handel und Industrie gehört zwar mehr in das Gebiet der Privatinitiative, doch sind auch hier unsere Finanzinstitute von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Der Bezalel, unsere Kunstgewcrbcschule in Jerusalem, der in eine neue Aera seiner organisatorischen Einrichtung getreten ist, und der Frauenvcrband, der für die Förderung unserer Frauenarbeit in Palästina Wichtiges leistet, haben ihr Tätigkcit erweitert. Auf kulturellem Gebiete haben die Lchrerorganisation Merkas Hamorim und der wissenschaftliche Sprachverein Waad Halaschon sich wichtigen, nationalen Aufgaben gewidmet. Ein dringendes Postulat, die Sanierung Palästinas, ist das Ziel des kürzlich entstandenen, internationalen Gesundheitsamtes in Palästina, an dem Zionisten wie Nathan Straus und der innere Gram abzehrte und bleichte, aber nie kam ein Wort der Klage über ihre Lippen. Nur heimlich durfte ich in der Küche die kleinen Vorräte von Kaffee und Zucker, die ich mitbrachte, den Töchtern zustecken, in deren warmen Unterrücken ich die Kleider der Mutter erkannte; deshalb trug sie wohl im kalten Winter ein dünnes Kattunkleid. Von dem Manne sagte sie, er sei ״über Land", um Geschäfte zu machen. Das glaubte sie gewiß, aber mit dem ״Ueberlandsein" hatte es eine eigene Bewandtnis, und man slüsterte in der Gemeinde darüber, daß er mit Geld in der Tasche und mit einer Uhrkette mit goldcncm Petschaft zurückkam. Du weißt mein Kind, daß damals noch jedes deutsche Ländchen seine eigenen Zollschranken hatte; wir waren, gegen Hannover, wie gegen Frankfurt zu, abgesperrt, und die Waren, die zumal von Hamburg reichlich zu uns herübcrkamen, mußten an der Grenze in Landwehrhagen, teuer verzollt werden. Da bildeten sich denn allerlei Schlupfwinkel wohin die Schwärzer nächtlich ihren Vorrat trugen und in unterirdischen Magazinen anhäuften, von wo sie auf Schleichwegen in die Stadt gebracht wurden. Die Grenzjäger streiften nun bei Tag und bei Nacht, solche Spelunken zu entdecken und auszuheben, um so mehr, als allerlei Diebsgesinde! für gestohlene Güter dort guten Absatz fand; die Strafen wider solche Schwärzer und Hehler wurden stets verschärft und es gab keine Gnade für die Ertappten. (Fortsetzung folgt.) Tretet der Jüdischen Verlagsgesellschast bei.