Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1913-09-05 · Heft 36 (5.9.1913) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2621806-2621846-2621882--2366-2623463
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

XIV|2. Jahrg. Nummer 36 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. üdislhk Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig ..Mark 10.— Rußland, ganzjährig . ..Rubel 6.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. U--3 Herausgeber: Max Hickl —־s^XJ^es־״ Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Geschäftsstelle, Wien: Rotentnrinstruße Nr. 31. | Postspnrknssnkvnto Nr. 312.812. j Telephon 3009/VHI• Sprechstunden von 10—12 Uhr j Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoj riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. L- B! •y\ Brünn—Budapest. Wien, 5. September 1913. 3. Elul 5673. Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte. Tic Eröffnungsrede Prof Marburgs. — 2. Mofenthal: Taute Guttraud. — Ter elfte Zionistenkongreß. —- Misrachi-Telegierteutag. — Hebrätsche .Konferenz. — Konferenz der russischen Telegierteu. — Westösterreichische Laudsmaunschäften. — Ehrung des Frl. Trude Herzl. — Prof Marburg gegen Max Nordau. — David Wolfffohn. — Vierzigjähriges Jubiläum des Israelitischen Laudeslehrervereines in Böhmen. — .Korrespondenzen. — Rundschau. — Ter Jude. — Zehn Tage in Gräsenberg. — Literatur. — Vermischtes. Die Eröffnungsrede Professor Marburgs auf dem elften Zionistenkongreß. Geehrter K o n g r e ß! Eine ehrfurchtsvolle, feierliche Stimmung erfüllt uns heute hier bei dem Gedanken, daß wir diesmal unseren Zionistenkongreß in jener ehrwürdigen und schönen Stadt abhalten, von der aus unser großer Führer, Theodor Hcrzl, in die Oeffentlichkeit trat. Durch die Ausstrahlungen seines tiefen Gemütes, seines scharfeu Verstandes und seines prophetischen Geistes gelang cs diesem gewaltigen Manne, die tausendjährige Zions- Hoffnung des jüdischen Volkes wieder zu ertvecken. Aus ihr, die damals in tiefem Verstecke der Volksseele schlasend ruhte, schuf er mit lautem Weckruf eine machlige, lvcltumspannende Organisation. Nur 17 Jahre sind seitdem verflossen, aber die Saat, die er streute, ging auf und wuchs zu einem stattlichen Baume heran: in diesen 17 Jahren, kaum Feuilleton. Tante Guttraud. Von S. M o s e n t h a l. (1. Fortsetzung.) Wohl zwanzig Jahre später kehrte ich von der Universität in meine Heimat zurück. Wie fand ich alles verändert und mir entfremdet! Ter Tod hatte, von seiner eifrigsten Dienerin Cholera unterstützt, seine ergiebige Ernte eingeheimst. Mein geliebter Vater lag draußen am ״guten Ort": für die andern, deren Hinscheiden mir gelegentlich berichtet wurde, hatte mein Herz kaum eine Erinnerung bewahrt. Das Vaterhaus war einsam geworden: die Brüder waren in der Fremde zerstreut, die Schwester war verheiratet: an verwaister Stätte schaltete die Mutter nicht ״liebeleer", denn ihr Herz umfaßte die ganze Menschheit: sie war der Brennpunkt für die zerstreuten strahlen der Familie, die Vorsehung der Bedrückten und Notleidenden der ganzen Gemeinde geworden. Es war ein schweres Wiedersehen. Wir umarmten uns schweigend. Jedes schonte die Wunden des andern. Das Schweigen machte die gedrückte Stinunung in dem öden Hause nur schwüler und erstickender. ״Gehen wir hinaus zu den Unseren!" sagte die Mutter. Ich wollte ihre Begleitung zurückweisen, sie lächelte. ״Das ist mein gewöhnlicher Spaziergang," sagte sie, ״der gute Ort ist mein Garten, mein Persepolis." einem Augenblicke im Lebe» eines Volkes, einsrand ein vielgestaltiger Organismus von reicher Gliederung und mannigfachen Ansätzen zu weiterer Ausgestaltung. Theodor Herzl gebührt hier au erster Stelle in tief empfundener Würdigung seiner unsterblichen Leistungen für das jüdische Volk der Tribut unserer, aus warmem Herzen aufquellenden Dankbarkeit. Seine irdische Hülle betteten wir hier nur allzu früh zu eiviger Ruhe; aber sein Geist schwebt über uns und möge bei unseren Verhandlungen in uns sein, der Geist des echten Zionismus, der Inbegriff jener ewigen Ideen, denen das Leben und die Zukunft unseres jüdischen Volkes gehören. (Lebhafter Beifall.) Auch andere Erinnerungen ziehen hier an unserem Geiste vorüber. Hatten sich doch schon in Wien vor Herzl kleine Gruppen jungjüdischer Bannerträger gesammelt, Pfadfinder unserer national-jüdischen Stndentenschaft. Anfangs rangen sie schwer in fast hoffnungsloser Pionierarbeit, jetzt aber haben wir in der ganzen Welt eine wohlolganisierte, stark jüdisch fühlende Studentenschaft, bei deren Anblick uns das Herz aufgcht. (Beifall.) Noch ein Raine darf hier nicht unerwähnt bleiben. Es ist Perez Smolenski, ein Meister unserer nationalen Sprache, der hier in Wien in der Vorzeit des Zionismus mit flammender Begeisterung für Paläftina cintrat. Welche Freude hätte das Herz dieses Rufers in der Wüste erfüllt, hätte er der soeben beendeten imposanten hebräischen Konferenz hier beiivohnen können; welch ein Gegensatz zwischen damals und jetzt; ehren wir das Andenken dieses Mannes. (Tie Zuhörerschaft erhebt sich von den Sitzen.) Kein Zufall ist es, daß gerade i» Wien so viele Keime unserer Bewegung sproßten, Sind >vir doch hier in der geistigen und physischen Nähe unserer schwer kämpfenden und hart bedrückten östlichen Volksmassen. Ein jeder muß hier die ganze Tragik der Heimatlosigkeit der Mehrheit unserer Brüder stark empfinden. Die Eine Stunde Weges von der Stadt liegt der jüdische Friedhof auf einem Hügel am Sau», eines Eichenwäldchens. Wenn man nicht durch das schmutzige Torf fahren will, nimmt man den Weg durch den ״Forst", eine Wiese mit alten Pappeln umsäumt. Die grüne Wiese war mit unzähligen Herbstzeitlosen durchsät: zur Pforte des Friedhofes hatte die Mutter den Schlüssel wie zu ihrem Garten. Wir wandelten inner Bekannten: von allen Grabsteinen grüßten vertraute Namen. Wir hatten uns am Grabe meines Vaters ausgeweint und schritten erleichterten Herzens durch die Gräberreihen, hie und da ein Steinchen auflesend, um es als Tenkzeichen auf die Grabstätte eines Verwandten, eines Freundes zu legen. Bei einem liegenden Stein, dessen hebräische Inschrift mir schwer zu entziffern fiel, blieb die Mutter stehen und gleich als ob sie mir einen teuren Bekannten vorstellen wollte, sagte sie mit gerührter Stimme: ״Tante Guttraud!" Tie Erinnerung aus meiner ,Kindheil tauchte plötzlich vor mir auf. das Bild der Greisin in ihrem geheimnisvollen Schleier. liegen über dem unauflößlichen Rätsel des Todes fand mein Herz zum erstenmal den Drang, nach dem Grunde der mysteriösen Verehrung dieser ״Heiligen in Israel" zu forschen. Ich setzte mich am Rande ihres Grabsteines nieder und zog die Mutter in den schatten einer Trauerweide, die sie selbst dort gepflanzt hatte. ״Was ist's mit Tante Guttraud und deiner frommen Verehrung für sie bis über das Grab hinaus? Wie groß fi!>i>ercn Schatten des ftnnnnen jüdistüe» Leides, des Dahinsieckiens vieler Millionen unserer Brüder nnier unerträglicher Bürde senken sich auch auf nuferen .׳tongroß. Aber bei uu•:, erzeugen sie nicht inebr bleierne Lchtverinnl und brillende Verziveiilniig, »ei», eine treibende, spornende .׳trnsi gehl von ihnen uns, denn unter dem Zeichen des :',ionismus eröffnen sich »ns weile Wege und hohe Ziele. H o ch b e r e h r t e r Kon g r e s;! Die .Kongreßperiode, die Himer uns liegt,!vor die Zeit großer und ernster Ereignisse für dos gleich, dessen förderndes Wohlivollen lvir für unsere Aufguben in Pulästinu in erster Reibe erstrebten. Dos jüdische Volt, dessen Snmputhie für doo türkische Ltuatsivejelt tief und unerfchütterlich bleibt, hegt den schnlichfteil Wunsch, dutz die Türkei die jetzige Krise überivinde nrid als ein machtvolles Staatsgebilde erhalten bleibe, um einer großen kulturellen Erneuerung entgegeuzugeheu.!Leb- Hafter, langanhaltender Beifall.> Was ivir in Palästina zum Wohle des jüdischen Volles erstreben, bildet einen wichtigen Teil dieser Neuentwicklung des onomanischeu gleiches.!Beifall.) Das Programm, nach lvelcheni wir zu handeln bestrebt sind, Vas Slifiein, ans ivelches unsere ckätigkeit zur Venvirklichnug des Baseler Programmes ans gebant ist, hat sich im Lause dee Iahte mehr uitü mehr gellärt. Drei Perioden lassen sich in der Eutivicklnug unserer Arbeit unterscheiden, g» der ersten Periode verhielt sich die Organisation dee praktischen Arbeit 111 Palästina gegenüber ablehnend; mau verschloß sich zioae ihrer Notwendigkeit nicht, glaubte aber, sie iniisie ern nach Erlangung der öffentlich-rechtlich gesicherten Heini slälte einsetzen. Diese Ablebnung in vergändlich. wenn »!an sich erinnert, lvie sehr diese 'Periode unter deni Zeichen der einen großen iienen Idee iiand, die nne dann stark genug lvieke» konnte, lvenn sie ohne Be! lverk und Ballast hell tlnd rein lvie ein Posaunennoß muß dieses Weib gewesen sein, wenn eine Seele wie die deinige sich in Ehrfurcht vor ihr ver neigt!" Fast erschreckt wehrre die Mutter 010!011 Ver gleich von sich ab. ״Wie kauusr du mich, Kind, mit dieser Märtyrin vergleichen! Mir hat (.0<׳! tes Guadr in meinen ,Kindern der Freuden so seltene gegeben und mein Schmerz war immer nur das allgemeine Menschenlos. Sie war die heiligste Tillderin, die Heldin der Demut, die Märtyrin der Treue. Ein Opfer, das die Liebe bringt, begreifen wir leicht, weil lvir selbst uns dessen fähig Hallen: Tante Gnktrand stellt e!n;ig da: sie hat selbst iIne Treue geopfert, Ich babe euch Kindern nie von ihren Schicksalen er'.äbli. weil ihr Heiligenschein einen Schandfleck unserer Familie deckt: ein Kindergemüt soll man nicht trüben durch die Schilderung menschlicher Irr tümer n 11D Verbrechen. Aber D11 kennst jetzt Das Leben mit sei nein L ichie tmd seinen Schatten. Jetzt kann ich dir ruhig ihre Geschichte er׳,üblen. ״Tante Gntirand war eine ältere Schweiler!!!einer Mutter, deiner verklärten Großmutter. Segen ihrem Angedenken! Sie >var in einen! Landslädtchen nmveit der Hauptstadt verheiratet und wir hörten wenig von ibr, bis ibr Mann srarb und sie mit ihren beiden Töchtern berüberzog. Sie befaß so viel, als sie :um bescheideneu Leben brauchte: sie war eine geübte Perlennicke rin und die Mädchen nabten für andere Lente. Trotz ihrer vierzig Jahre war sie noch eine schöne Frau: ihr vornehmer Gang ist mir noch immee im Gedächtnis geblieben. Soeben erschienen: ״Hickls Jüd. Lolkskalenver".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.