Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1913)
- Date
- 1913-08-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. ״Jüdische Volksstimme." Nr. 35. Dcr Hiob von Unterach. Nicht unwürdig seiner übrigen Schriften und doch nicht auf gleicher Hohe mit dem obengenannten Buche, geben uns diese Novellen Schilderungen aus des Autors Leben, die uns so recht sein warmfühlcndes Herz verraten. D c s y. Tcnkwürdigteiten der Glücket von Hameln. Aus dem Jüdisch-Deutschen übersetzt, mit Erläuterungen versehen und herausgegeben von Tr. Alfred Feilchcnseid. Berlin, Jüdischer Verlag, 1013. 328 S. ,׳Ja beziehen durch den Jüdischen Buch- und Kunst- Verlag, Brünn. In dem eben erschienenen Sammclbuch ״Vom Judentum" führt Moses Ealvarn in einem Artikel über ״Tas neue Judentum und die schöpferische Phantasic" aus, ivie wenig!vir trotz aller Arbeit, die man der jüdischen Geschichte gewidmet Hai, bis heute davon Ibissen,!vie eigentlich die Juden im Ghetto gelebt haben. Wir tcnnen ivohl ihr Leben dort, wo cs von Rcligionsgcietz geregelt uw; aber wir wissen wenig davon, Ivie die Kinder im Ghetto spielten, wie die Frauen sangen, wie die Mädchen liebten. Tiefen Harmlosigkeiten des Alltagslebens, die doch so unendlich lvichiig sind, weil sich in ihnen das Volksleben am reinsten offenbart, haben unsere gestrengen Historiker wenig Äusmerksamteil geschenkt, lind doch!värc die Kenntnis dieser Dinge nicht nur sehr interessant, sondern auch wichtig für die Beilrcbungen, hierzulande ein neues jüdisches Leben zu schassen. Solche Bestrebungen müsste!! an die Sitte der srüheren Generationen antnüpscn, wo dies nur angeht. Gerade darum ist Ealvarys Forderung sehr beherzigensivert: ״es sollte eine Geschichte der Volksiitte geschrieben werden." Eine ivichtigc Stelle in einer solchen Geschichte iverden die Memoiren dcr Glücke! von Hameln ciiinehmen. Es ist die Geschichte einer schlichten Hamburger Jüdin des 17. Jahrhunderts, von ihr selbst für ihre Kinder ausgeschrieben. Sie schrieb diese süßen und bitlerc» Lebenserinncruiigcii nur im Gedanken an diese Kinder, die sie lesen ivürden. ״Meine lieben Kinder, ich bin nicht daraus aus, euch ein belehrendes Buch zu schreiben, ich bin auch nicht kapabel dazu, unsere Weisen haben gar viele Bücher zur Belehrung geschrieben und wir habe» unsere heilige Thora, aus dcr wir alles sehen und begreifen töiiiicn, was uns nützlich ist und was uns von dieser Welt zur künftigen Well führt." Also auch die Kinder wollte sie nicht belehren, nur ihre bedrückte Seele ״ein wenig beruhigen". Aber gerade durch die Sckilichiheit und llngeschminklheit dieses Lcbensbcrichtcs ist er für unS Späigeborenc so ivertvoll. Zeigt er uns doch das Leben dieser Frau wie ein offenes Buch! Ucber manchem könnte man da nachdenklich werden: Wie merlwürdig berührt es, daß diese einfache Frau ן Talmudwortc zitiert. Oder wie erschütternd wirkt dcr kurze Berich! über das Eingreifen dcr sabbatianischcn Bewegung in ihr Leben. Ganz greifbar stand schon die Erlösung vor den Augen dieser Menschen: Glückcls Schwiegervater sendet von Hildesheim (er wohnte eigen!-!ich in Hameln, aber dort verkaufte er Haus und Hof und zog nach Hildcshcim, den Messias zu erwarten.. .1 an die Kinder nach Hamburg zwei Fässer mit Lcincnzeug. ״Tori» waren allerhand Speisen, wie Erbsen, Bohnen, Dörrfleisch, Pflaumcnschnitz und alles, was sich gut hält. Denn dcr alte Mann hat gedacht, man würde ohne weiteres von Hamburg nach dem Heiligen Lande fahren." Und ivie dann nach einem oder zwei Iah- Pcrserhecre gedient haben. Den Abschluß bildet eine heilere Erzählung von L. Pcrcz. Dr. Erich Bischofs: Elemente der Kabbalah, 1., Verlag Hermann Barsdorf, Berlin. Zu beziehen durch die Administration d. Blattes. Ein ungeahntes Reich höchster geistiger Kraft und tiefer Erkenntnis öffnet sich uns. Die Kabbalah, von der Wir nichts anderes ivußten, als daß sie die kostbaren Früchte jahrhundertelanger Arbeit der größten jüdischen Denker in sich berge und daß sic den Laien früher genau so unzugänglich schien wie den jetzigen nicht beachtenswert, diese Kabbalah ersteht vor uns als eine auf religiöscr Grundlage bis ins Feinste durchgeführte Philosophic. Sie sucht eine Brücke hcrzustellcn zwischen Wissenschaft und Religion und steht den alten Lehren von Aristoteles und Plato ebenbürtig an dxr Seite, deren Erkenntnisse sich auch vielfach mit denen dieser tiefreligiösen Schöpfung identifizieren lasten. Tic berühmte Zahlen und Buchsiabcnmhstik zeugt von der Gründlichlcit, mit dcr diese Gelehrten ihre Forschungen betrieben, und der hohen religiösen Begeisterung, mit dcr sie die Beziehungen zwischen den Zeichen und dem Walten Gottes fanden. Selbstverständlich bliebe uns, auch denen, die sich einige Kenntnisse in der hebräischen Sprache und Literarur angeeignel haben, die kabbalah weiter ein Buch mit sieben Siegeln, wenn uns nicht dcr Verfasser des vorliegenden Werres einen Einblick vermittelte. In einer Weise, die von hoher Gelehrtheit und tiefem Einbringen in die alten und modernen philosophischen Shjüdischen steine zeugt, führt er uns in einer ziemlich leicht faßi lichen Art Bruchstücke aus dem Hauptbuch ״Sohar" und aus dem Buche ״Jczirah" vor und stellt uns die Grund- Probleme in einer Einleitung dar. Ein zweiter, folgender Teil dieses Buches, die praktische Kabbalah, dürfte uns mit dem Wesen der Lehre noch vertrauter machen. D e e s y. Zwei Predigten, gehalten am Sukkotu. Schmini- Azcrethfcjle 5673 (,1012) von Dr. Gustav Sicher, Rabbiner in Nachod. Zu beziehen durch die Administration d. Blattes. Ter Verfasser, dcr bereits einige kasualreden verössentlicht hat, zeigt auch hier seine glänzende Begabung auf homiletischem Gebiete. Da findet sich keine Plattheit, kein Phrasenschwall. In schöner, schlichter Sprache und in einer vom heiligen Feuer echter Religio-; Thron des Chasarenlandes bestiegen. Im Jahre 947 erschien zu Kairo ein geographisches Werk von Massudi unter dem echt orientalisch-pomphaften Titel ״Die goldene Wiese und die Gruben der Edelsteine", und dieses Buch, das von den jüdischen Königen berichtete, fiel Chasdai (Ben Isaak Ben Schaprut) dem Leibarzt des Kalifen Abderhaman dem Dritten in die Hände, der sofort an den damaligen Herrscher dcr Chasaren, Joseph Ben Aaron, einen rührenden Brief schrieb, in dem er um genaue Nachrichten bat. Die Antwort des Königs ist leider nicht mehr vorhanden. Die Kultur des Reiche's scheint auf einem ziemlich hohen Standpunkt gewesen zu sein. Christen, Juden, Mohammedaner wohnten friedlich nebeneinander und Beamte und Richter wurden gleichmäßig aus ihnen ernannt. Heutzutage würde man sagen, cs herrschte ״Parität". Bei Streitigleiten zwischen Bürgern verschiedener Religion entfchieden gemischte Behörden. Ein Schwächung des Reiches trat ein, als sich die Magyaren von ihm trennten, andere Stämme mit sich zogen und nach Ungarn sich wandten. So gelang cs den Warägern, es zu unterwerfen. Im Jahre 965 besiegte Swätoslaw, der Vater Wladimirs, die Ehasaren, eroberte ihre Hauptstadt Sarkcl und damit hatte das jüdische .Königtum ein Ende. Die Karaitcn, die bekannte jüdische Sekte im südlichen Rußland, sollen Nachkommen der Chasaren sein. Schlagfertig. (Aus dem Midrasch.) Ein drolliger Perser begab sich zu dem gelehrten Rab und erklärte, die heilige Sprache (also Hebräisch) und das heilige Gesetz lernen zu wollen. Der gute Rab setzt sich an Werk und sangt an: ״Dieser Buchstabe heißt Aleph." ״Alcph?" sagt böswillig der Perser, ״wie beweist ihr mir, daß er Alcph heißtl“ ״O, mein Gott," ruft dcr Lehrer, ״er heißt so, und dieser zweite Buchstabe heißt Beth." ״Beih?" ruft der Perser wieder, ״beweist mir doch, daß er Bcth heißt!" Ta reißt dem Lehrer die Geduld und er jagt den ungelehrigen Schüler fort. Der Perser geht zum gelehrten Samuel und macht ihm dieselbe Erklärung. Sobald aber der Unterricht begönnen hat, tut er dieselben spaßigen Fragen. ״Beweiset mir, daß dieser Buchstabe Aleph und daß dieser Beth sität durchglühten Weise wird hier Stellung zum modcrncn jüdischen Leben genommen. In der einen Prcdigt zeigt uns dcr Verfasser mit psychologischer Feinheit, ivie die jüdische Religion die Freude am Dasein fördert und begründet, verklärt und sichert. In dcr zweilen bespricht er an der Hand symbolischer Deutung des Regens (Geschein) Wohltätigkeit, Gebctinnigkeit und wahre jüdische Pietät. Zweckdienliche Bibcljtellcn und köstliche Gcdaiikenperlcn aus dem Midrasch werden dabei geschickt und geistvoll angcwcndet. Hoffen wir, daß uns Herr Dr. Sicher bald mit einer neuen Folge seiner Predigten überrascht, die, aus dem Bisherige» zu schließen, gewiß eine Bereicherung der jüdischen Homiletik bedeuten werden. Dr. G. Ol o s cn m a n n. Hickls Jüdischer Volkskalcnder, 12. Jahrgang. Jüd. Buch- und Kunstverlag, Brünn. Preis 1 K. AuS dem Inhalte: Prof. Tr. Ad. Kurrein: Mordechai und Haman. - M. Schcrlag: Josscl dcr Totschläger, weil man! Dr. H. Bergmann: David Schimonoivitz. — David Rothblum: Lose Blätter. — ׳Adolf Stand: Alfred Rostig. Dr. M. Steif: Tie Probe auf Mestiaszeit. — Lorenz Scherlag: Mein Vater. — Prof. Moritz Antscherl: Josef Vermi8cllte8. ren die Fässer aufgcmackii iverden müstcn, vergebens gewartet bat und eS dem Höchsten noch nickt gefallen bat, uns zu erlösen, das liest sich Ivie eine erschlitternde Tragödie, gerade weil hier der entsetzliche Zusammenbruch aller Hoffnungen so tief in das Leben Weisse. — Dr. I. Rabbinowitsch: Die Fichtenhaine und cingreift. Aber Glückcl gibt die Hoffnung nicht auf: der Steinhaufen auf der Waldwicsc. — Tr. I. Günzig: ״Wenn es sich auch durch unsere Sünden so lange ver-^ Kalendarium, Minhogim. Illustrationen, Gedichte, zögert, so iverden wir es doch gciviß haben, wenn die »sw. usw. festgcsetzie Zeit da ist...." So versetzt uns diese Frau mit ihrem lebendigen, oft von Humor gewürzten Stil mitten in ihre Zeit, in ihre Stube, in ihre kleinen Sorgen. Es ist dem Verlage sehr zu danken, daß er dieses Buch, das leider nur in dcr von D. Kaufmann besorgten Originalausgabe vor- Händen war, in deutscher Ucbcrsctzung hcrausgcgeben hat. Und fragt mich jemand: Was kaufe ich meiner Frau j j t zu Rosch haschanah?, so antworte ich: die Dcnkivürdig-' leiten dcr Glücket von Hameln! Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur. 1013, Verlag Poppelauer, Berlin. Zn beziehen durch die Administration d. Blattes. Ans dem Rückblick aus daS Jahr 5672 von Philippson wollen ioir hcrvorhcben, daß die Paläslinaarbcit der Zioiiislcii anerkaiint und der Iliitcrstützung aller Juden versichert wird; hoffentlich bleibt cs nicht bei diesein Versprechen. Bemerkenswert ist dcr Artikel von Leszbnskli über die Papnri von Elephaiitine, dcr uns beweist, wie fatsch die Anschauung ist, daß die Juden Jüdische Könige in Rußland. Rußland hat bekanntlich die stärkste jüdische Be- - völkerung unter allen Ländern, aber daß diese königlich behandelt wird, hat »och niemand zu behaupten gewagt. cs im heutigen Rußland einmal jüdische Könige gegeben und ein Teil des :kiciches war von Jugen bevölkert, ehe von den Vorfahren der heutigen Machthaber in Petersburg überhaupt die :Hebe war. Wann die ersten Juden nach Rußland kamen, ist ungewiß. Unstreitig aber ist, daß cs von Persien her geschah, Ivo im sechsten Jahrhundert n. Ehr. König Ko-, bad sic zur Parsircligion bekehren wollte, wanderten Ta greift Samuel an das Ohr des Persers, daß dieser laut aufschreit: ״Ach, ach, mein Ohr!" ״Dein Ohr?" fragt Samuel; ״beweise mir, daß dieses Ohr heißt!" ״Welch eine sonderbare Frage." antwortete der Perser, ״alle heißen cs so." ״Sehr gut," schloß Samuel, ״und in gleicher Weise nennen alle diesen Buchstaben Alcph und diesen Bcth. Genügt dir das." Dcr Perser tvar belehrt und wurde fortan ein sehr gelehriger Schüler. Der Talmud über Jnscktionsübcrtragung durch. Insekten. Im Traktat ״Ketubot", 7. Abschnitt, Kapitel ״Hamadir" weist der Talmud darauf hin, daß Fliegen Krankheiten aus gesunde Menschen übertragen können. Rabbi Jochanan ließ bekanntmachen: Man solle sich vor Fliegen hüten, die auf einem Kranken standen, der ״Würmer im Gehirn hatte" (gemeint ist wahrscheinlich dcr Blasenwurm, cytereus cellulosae, der in verschiedene Organe, Auge, Hirn, Muskeln u. a. des Menschen eindringen und diese gefährden kann), weil die Fliegen die Krankheit auf andere übertragen könnten. Rabbi Elasar, Nabbi Ann und Rabbi Assi verschärften diese Vorsichtsmaßregel noch bedeutend. Es liegt durch dieses Beispiel klar zutage, daß die Insekten als Jnsektionsträger unseren Alten vor anderthalb Jahrtausenden bereits bekannt gewesen sind. Der Talmud und Hans Sachs. Im Talmud (Baba Kama 60) wird erzählt: Rabbi Ammi und Rabbi Assi saßen vor Rabbi Jizchak, dem Schmied (denn es gab zur Zeit des Talmuds Handwcrkcr, die sehr gelehrte Männer waren). Da sprach der eine zu ihm: Möge der Herr uns etwas aus der Haggada vortragcn, von den schönen Erzählungen und Legenden dcr Alten, lind der andere sprach: Möge dcr Herr uns lieber etwas von dcr Halachah sagen, von den Gesetzen und Vorschriften des Judentums. Wenn nun R. Jizchak dem Einen zu willen sein wollte und mit der Halacha begann, so ließ es der Andere nicht zu. Und viele aus und begaben sich teils nach Indien, teils nach den, näheren Ruland. Seitdem beginnen die Einfälle! wollte er wieder diesem zu Liebe Hagadah vortragen, der Ebasarc», eines im Gebiete des Don lebenden Volerlaubte cs jener nicht. Da sprach er zu ihnen: Ich will kes, das sich bald gewaltig ausbrcitctc in Persien, und : euch ein Gleichnis erzählen. Ein Mann hatte zwei manche Gcschichtsscheeibcr sind geneigt, diese Einfälle - Frauen, die eine war jung, die andrec alt. Die junge zum Heeresdienst stets unfähig waren und sind, da sie j auf den Einfluß der Juden zurückzuführc», dcr sehr riß ihm die weißen Haare aus, damit er nicht so alt schon als Söldner, also als Berufssoldaten in dem groß gcivordcn war. So groß, daß später Juden den ausschc, und die andere riß ihm die schwarzen Haare