Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1913)
- Date
- 1913-08-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- Maimonides 2× ep/1002614
- Arnold Zweig 1× ep/1009291
- Erich Kahler 1× ep/1026857
- Gustav Landauer 1× ep/1025282
- Hans Kohn 1× ep/1000025
- Joseph ben Judah ibn Aknin 1× ep/1005457
- Karl Emil Franzos 1× ep/1026099
- Karl Wolfskehl 1× ep/1025782
- Margarete Susman 1× ep/1025668
- Martin Buber 1× ep/1009258
- Robert Weltsch 1× ep/1000026
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Nr. 35. XIV./II Sahrg. Beilage zur ,Wiener Jüv. Bolksstimme'. 28. August 1913 Seite 9. Der elfte Kongreß. Von Alfred Raudnitz. .In breiten Straßen der alten Stadt, Die sich schon Rom erbauet hat. Das Rom, das knechtisch uns gedrückt. Doch selbst dem Schicksal nicht entwich. In diesen Straßen wallen heut. Wie sie gewallt in alter Zeit, Als noch der alte Tempel stand. Die Juden aller Herren Land'. Zwar nicht mit fröhlich-hellem Aug' Und nicht mit Sang und Paukenlaut Und nicht mit jauchzenden Gebeten, Mit Psalmen und mit Lauten, Flöten, Doch mutig, ihrer selbstbewußt. Der Fesseln los, die ihren Fuß Jahrhunderte gehemmet schon. Zu Judas Schimpf, zu Judas Hohn. Tort in dem Saal, wo hell und hoch. Von Tageslasl und Druckes Joch Die Muse jedes Herz befreit. Dort stauet sich die Menge heut. Wie einst andächtig sie gelauscht Dem Hohepriester, so berauscht Aushorchen sie mit heißem Blick Dein Wort, das wahr, erlösend spricht. Das Sammelbach vomJudentum. Eine Manifestation der Akademiker zum 11. Kongreß. Zehn Jahre sind es jetzt her, seit B u b e r und F e i w e l den ״Jüdischen Almanach" herausgegcben haben. Damals schrieb Ehrenpreis im .,Haschiloach": Man hört aus diesem Buche den Schritt der neuen, der jungen Juden.-Seither ist eine neue Generation heraufgekommcn, mannigfach hat sich das Judentum und die jüdische Bewegung gewandelt und nun, wenige Tage vor dem elften Kongreß, erscheint wieder ein Jüdisches Sammclbuch, das bewußt und ausgesprochen an den Jüdischen Alamnach anknüpft. Es setzt ihn fort und ist doch anders als jener war: Keine Bilder, keine Gedichte, keine Belletristik. Es muß nicht mehr bewiesen werden, daß cs auch heute noch jüdische Dichter und Bildner gibt. Ucbcr dieses Acußerliche sind wir denn doch hinaus. Dafür ist daS innerliche Judentum, das damals erst ganz schüchtern um den Ausdruck rang, reicher und manuigfaltigcr geworden. So konnte sich das neue Buch schlicht nennen: ״Vom Judentum". (״Vom Judentum". Ein Sammclbuch. Herausgcgeben vom Verein jüdischer Hochschülcr B a r K o ch b a in Prag. Leipzig, Verlag Kurt Wolfs. 284 S. 3. Mk. 5» Pf.) Zu beziehen durch den Jüdischen Bucli- und Kunst- Verlag, Brünn. Ter einfache Titel aber birgt eine Fülle von Problemen und schon die Gliederung des Buches zeigt, wie reicher wir seit zehn Jahren an Fragen und an Willen»- tendcnzen zur Lösung dieser Fragen geworden sind. Ich nenne vorerst die Kapitelüberschriften: Jüdisches Wesen; Jüdische-Religiosität; Jüdisches Denken; DaS neue Judentum; Das Werden der jüdischen Bewegung; ihre Aufgaben; Ter Jude und Europa; Probleme der Gegenwart und der Zukunft. Und endlich ist eine Abteilung ״Aus alten Büchern" da, Fragmente aus der jüdischen Mystik enthaltend. Die wenigen Tage, seit das Buch erschienen ist, haben nicht gereicht, es gründlich zu studieren. So müssen wir es uns versagen, auf die tiefschürsendeu Aussührungen Bubcrs über den Mythos der Juden, auf Jakob Wassermanns ״Der Jude und der Orientale", auf Moritz Heimanns Ausführungen über Jüdische Kunst, auf Max Brods Betrachtungen über das Problem des jiidischen Dichters deutscher Zunge näher einzugehen. Nur erwähnen können wir, daß in diesem Buche auch solche Persönlichkeiten zum Worte gekommen sind, die, obwohl sie in der wiffenschaftlichen und künstlerischen Welt längst einen Namen haben, bisher zum Judentum keine Stellung genommen hatte. So Gustav Landauer, der bekannte Sozialist, so Artur Satz, der Heidelberger Dozent der Nationalökonomie, so Margarete Susman, deren Buch über die Liebe Heuer so viel Beachtung fand, so Karl Wolfskehl, bekannt als einer der Dichter im Kreise Stephan Georges, so Erich Kahler, Kurt M. Singer, Arnold Zweig und andere. Heber all das, was sie zur jüdischen Frage sagen, wird später noch gesprochen werden müssen. Wir haben dieses Buch aber eine Manifestation der Akademiker zum 11. Kongreß genannt. Und da Soeben erschiene meinten wir nicht die Menschen von europäischer Berühmheit, die in diesem Buche sich zum Judentum melden; wir meinten unsere jungen zionistischen Studcnten. Daß die Beiträge, die sie geliefert haben, weitaus die besten des Buches sind, ist ein vortreffliches Zeugnis dafür, daß die zionistische Bewegung aus die Akademiker wahrhaft erzieherisch wirken kann, wenn nur die Akädcmikerorganisationen — wie das Geleitwort unseres Buches (von Hans Kohn) sagt — ״cs mit ihrem Judentum und ihrem Menschentum ernst nehmen." Eine Manifestation kann man das Sammclbuch aber deswegen neuen, weil hier eine feste, innerlich in sich geschlossene Richtung im Zionismus ihren Ausdruck gesunden hat. Man kann nicht sagen, daß diese Richtung neu wäre. Oskar Epstein, Adolf Böhm, Robert Weltsch knüpfen bewußt an Herzl an. Aber sie entlehnen dem Werke Herzls nicht einzelne Methoden, wie es unsere politischen Zionisten tun. Sie gehen auf Herzls großes Wollen, aus die inneren Triebkräfte seines Wirkens zurück. Und finden: ״Der Zionismus erstrebt die im jüd. Volke bestehenden unvereinbaren Gegensätze zwischen Judentum und Mauscheltum bewußt zu machen und ihre Austragung zugunsten der ersteren zu erzwingen. Er erstrebt die Erhebung des jüdischen Volkes im Gegensah zu bloßer Erhaltung." (Oskar Epstein.- ״Zionismus ist der Wille zur Aenderung des Lebens; er ist die persönliche Aufgabe jedes einzelnen." >Rob. Weltsch.» ״Durch den Zionismus wird das bisherige Judentum völlig verändert. Deshalb kann eine Rückkehr zum Heu- Ligen Judentum die Krisis des modernen jüdischen Individuums nicht lösen. Diese verlangt vielniehr nach einer völligen Erneuerung des Judentums."!Böhm.) Mit einer Sicherheit und Deutlichkeit, wie sie bisher bei uns nicht erhört worden ist, wird in allen diesen Artikeln gesagt: der Zionismus ist eine sittliche Bewegung. Er bedeutet innerhalb des Judentums de» Aufstand der immer wieder in unserer Mitte unterdrückten Tendenzen nach Erneuerung unseres theineinschaftslcbenS durch den Geist des Urjndentums gegen die immer siegreich gebliebene Tendenz nach Konser- Vierung des Bestehenden. Er ist, ivie dies Martin Buber -dessen Geist über dem Buche schwebt! ausgedrückt hat, der Kamps der Wählenden gegen die Geschehenlassenden, der Zielmenschen gegen die Zweckinenschen, der llrjnden gegen die Goluthjuden. Aus dieser Auffassung des Zionismus folgt ein harter und strenger Radikalismus. Nicht einer, der mit Wortenficht, vielmehr ein Radikalismus, der voit jedem einzelnen Zionisten den Willen zur Tat, zum zioniiuschen Leben verlangt. Niemals noch ist bei uns so detitlich gesagt worden, was hier von Ludwig Strauß, Weltsch, Epstein betont wird: daß Palästinajndentum und Goluthjudentum nicht territoriale Begriiie sind, daß der Zionismus nicht nur in Palästina, sondern in! Herzen jedes Juden, da oder dort, verwirklicht »׳erden muß. Daraus aber folgt die Konsequenz: Zioni>!isei:e Erziehungsarbeit im Goluth! Hugo .Herrmann hat in dem Saninielbuche ein Programm für diese Arbeit enrworfen, das insbesondere iür die Tätigkeit einer jüdischen Verlagsgesellschaft reichliche 'Anhaltspunkte bietet. Nicht vergessen soll es werden, daß in diesem Buche zuerst und eindringlich — von Strauß — die Forderung erhoben wird: Hebräisch muß Umgangssprache der Westjuden werden! Dieser Ruf wird nicht, darf nicht berstummen! Es ist vielleicht charakteristisch, daß zur selben Zeit, wo Hurwitz im eben erschienenen Bande des Heathid voller Verzweiflung über die Zukunft des Judentums spricht, wo überhaupt unter den Osljudcii sich Zeichen der Mutlosigkeit und der Bangigkeit zeigen, hier von Juden des Westens ein Buch erscheint, ganz erfüllt von Zukunstshoffnung und von dem Glück, den Weg zum Judentum zurückgcfunden zu haben. Noch freilich darfen wir nicht frohlocken, noch ist es eine kleine Schar, die aus dem Buche zu uns spricht. Aber man ivird sie hören müssen, früher oder später. ״Wir warten auf den Widerhall, den dieses Buch in jungen jüdischen Herzen lvccken wird...." h. Eine schwierige talmudische Stelle. R. Schimon b. Lakisch tat den Ausspruch: Akum scheschowas chajuv miso. Der Heide, der das Gesetz der Sabbathruhe streng beobachtet, verdient die Todesstrafe. (Sanhedr. 58.) Welch ein tiefer Gedanke liegt in diesem Ausspruche! Bekanntlich hat Maimonides in seiner lehrreichen Erklärung zur Mischna..Kol jisroel jesch lohem Chelek" Lehren aufgestellt, welche seiner Ansicht nach die Grund- Wahrheit unserer Religion enthalten und daher als n: ״Hickls Jüdischer ״Glaubensartikel" betrachtet ivcrden dürfen. Diese maimonidische Ansicht wird aber von I. Albo in seinem ״Jkorim" bekämpft. Als Glaubensartikel, ivendel er gege» Miamonides ein, können tvohl nur diejenigen Lehren der :tieligio» aufgeslclll werden, die das Fnndanien!, die Grundlage des ganzen :Ileligionsgebäudes bilden, mit dem es sieht und fällt; diejenigen Lehren, von deren Wahrheit die Wahrheit der übrigen abhängt, so daß, wenn jemand die eine oder die andere leugnet, er dadurch von selbst jede Satzung, jede Lehre, die Nieligion samt und sonders leugnet. Nun aber reckniet Maimonides zu den Glaubensartikeln gar viele, die wohl an und für sich sehr ivichtige. bedeutungsvolle Lebren sind, jedoch nicht derart, daß von ihnen der ganze Glaube, unsere ganze Religion bedingt sei; diese tönneu daher auch nicht mit dem Namen ,.Glaubensartikel" belegt werden. Nach einer wcitlänfigen Auseinandersetzung hebt nun Albo aus den dreizehn Grundlehreu des Maimonides bloß drei hervor, ivelche einzig und allein als Glaubensartikel anzufekeu sind und jeder aus dem Hause Israel zli beherzigen habe, wenn er ein treuer 'Anhänger des Judentums sein soll. So er aber einen oder den andern dieser drei Glanbensgrundsätze leugnet, sich dadurch von dem ganzen jüdischen Glauben lossagt. Diese drei Glaubensartikel sind: l. Der Glaube an das Dasein Gottes, des Einzig-Einzigen Mezias hasehem. 2. Der Glaube an die göttliche Oisenbarung auf Sinai; Thora min haschomajim. Der Glaube an Gottes gerechtes Walten; Genial sechar weoneich." Von den! Glauben an diese drei Lehren bängt unser ganzer Glaube ab! Tenn leugnet jemand das Dasein Gottes, so kann er niiiiinermebr an die Offenbarung Gottes glauben, da ja nach seiner irrigen Meinung kein Gott erisiiere, der sich hätte offenbaren sollen. (Klaubt er wohl an das Dasein Gottes, leugnet aber die gönliche Offenbarung durch Moses, io fehlt ihm »auirl'ch der ganze Glaube an Israels Religion und er nebt außerhalb derselben. .Kennt er aber beide an. das Tasein Gottes und dessen Offenbarung durch Moses, so ist es drittens noch der Glaube an Gottes gerechte Weltregiernng, an der er nicht im eiitsernlesten zweitel» darf, weil sonst ihm der Glanbe an die göttliche Osienbarung abhanden kommen würde." Tie Sabbathruhe wurde doch uns deshalb geboten, damit wir uns stets erinnern, daß der einigeinzige Gott der Schöpfer und Erhalter des Weltalls sei; ״deuu in sechs Tagen schuf Gott Hiininel inid Erde und am siebenten ruhete er." Wenn lilin ein Heide das Gebot der Tabbatkrube streng beobachtet, io beiveii! er, daß er feit und unersckiüllerlich an Go!t, den Sckiovier des Weltalls glaub!, wenn er aber trab vieler lieberzeugung ein ׳Aknin Heide׳ bleib! and oeni >׳׳öbe:1 diensie front, so begebt er 1e!b1׳ver,!nädlich eine Joosiinde. Ebenso ist auch der Ansipruch des :1i. Joebanan > Sanhedr. ibid,׳ Aknin scheosek beibora chajoiv miso. ein Heide, der mir besonderer Vorliebe sich eifrigst mit drin Studium der Thora befaßt, begeht eine Todsünde, auszufasse». - ־ Unbegreiflich ist es, ivie die a11lisem!l:uben Gelehrten aus diesen hier erwäbnieii Anssprüchen!׳eweisen »׳ollen, daß der Talmud Haß und '׳>!ol! gegen Nichtjuden lebr! und predig!. Fr. Literatur Karl Emil Franzos: Tic Juden von Barnow. I. W. Eoua, SlllUgari. Zu beziehen durch die Adiniuistrativii d. Blaites. Man kann dieses Buch immer und immer wieder lesen und es ivird an seiner Wirkung nicht verlieren. Ter Stoä, den uns der Dichter in allen möglichen Bariationen vorfiihrt, ist auch wirklich zu gehaltvoll. u׳.u auf eine» Juden oder halbwegs gefühlvollen Meusebeu nicht nachhaltig ivirken zu solle». Tie große» .Kouilitte. die sich für die in streng jüdischer Abgefchlosfeuheir er zogenen Barnower Jünglinge ergeben, wen» sie mit der aufgeklärten Umwelt in Berührung ko»11»en und ibr Wissensdurst und Betütiguugsdrang in dieser neuen, lichten Svhäre erst auslebt, die Gefahre», die der sckiöne», weiblichen Jugend von seiten der verderbten poluischeu Stünde drohen, wenn sie in ihrer Unerfahrenbest den Lockungen nicht widerstehen und zu guterletzt gebrachen au Leib und Seele vergebens bei Varer und Mutter ein sorgliches Heim suchen, der düstere, religiöse Ernst, der sich jedem »lodernen Einslltß unzugänglich erweist, sie bilden eine unerschöpfliche Luelle der ergreisendften Schilderungen. Dazu kommt noch die gute, dem dichterischen Stoff angepaßte, Sprache und loir können es leicht verstehe», wie Franzos einer der beliebtesten Schriftsteller nicht nur der jüdischen gebildeten Welt, sondern aller derjenigen wurde, die für die Romantik der so heftig angegriffenen Ehassidii» etwas übrig hat. Volkskalender"׳