Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1913)
- Date
- 1913-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. »,Jüdische DolkSstimme.- Nr. 35. jüdische Söhne auf den Feldern Thraziens und Mazedoniens. Als Lohn erhalten sie Pogrome in Saloniki und Verlust des Bürgerrechtes in Si- Nstria. In Rumänien müssen die Juden alle Ctaatspflichten tragen und die primitivsten Menschenrechte werden ihnen verweigert. In Galizicn werden durch die rohe Willkür der Landesrcgierung in einem Tage 50.000 Ingen Lrotlos gemacht. Warum??? Weil die Juden überall eine Minorität sind. Weil sic kein Heimatland haben. Weil niemand da ist, der sich ihrer annimmt. Das kleine Montenegro mit seinen 300.000 Einwohnern würde eine solche Behandlung seiner Söhne im Auslande nicht zulasscn. ״Der Jude wird verbrannt", weil er keine Heimat hat, weil das Judenvolk zerstreut ist. Der Zionismus will die Juden sammeln, ihnen in einem Lande die Majorität geben, da kommt die Mission. diese Blüte des Reformjudentums und lehrt, daß die Juden auf göttliche Verfügung ewig zerstreut leben sollen. Ja, es ist wirklich eine Torheit, wenn nicht geradczu eine Gotteslästerung. Doch erst der Zweck, der die Mittel heiligt. ״Dainit sie die andern Völker belehren und sic besser machen." Wir Juden werden also die Völker Goethes und Kants, Shakespeares und Byrons, Napolcns und Nousscaus auf die Bank sehen und sic schulmeislcrn. Das ist ja eine an den Wahnsinn grenzcnde Selbstüberhebung. Gewiß haben wir Juden durch die Lehren unseres großen Moschch die heutige Kultur Europas angebahnt. Gewiß stellt unsere Religion soziale Thesen auf, die von der heutigen Kultur lange noch nicht erfaßt sind. Wo aber in aller Welt erwächst für uns die Vcrpflichtung einer solchen Wahnwitzen sclbstmörderischen Mission. Doch das Neformjudentum klammert sich fest an diesen Wahnsinn, um seine innere Hohlheit zu bemänteln. Da es doch unmöglich ist, alle national-zionistischen Tendenzen aus unserer Religion wegzurcformiercn, so muß man ihr eine symbolische Bedeutung beilegen und so entstand das Schoßkind des Reformjudentums: die Mission. Unwillkürlich denke ich jetzt an das Gleichnis eines Magids bei einer zionistischen Versaminlung. ״Die Neformjuden", sagte damals der witzige Redner, ״sind kranke Leute, die plötzlich zu ihrem Entsetzen bemerken, daß ihnen der Rock zu weit geworden ist. Doch statt zmn Arzte, gehen sie zum Schneider und lassen den Nock schmäler machen. Die Neformjudcn sind innerlich krank und hohl. Aber anstatt sich selbst zu reformieren, eine Aenderung in ihrer Denkungsart vorzunchmcn; reformiercn sie die Religion, schneiden ihr ein Glied nach dem andern weg und klammern sich mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden an die das Judenvolk kompromittierende, lächerliche Mission. Und doch hat das Judentum eine Mission. Ja, cs hat eine große, heilige, göttliche Aufgabe zu erfüllen. Eine Pflicht gegen uns und gegen lohte ein eiserner Stcinkohlcnofcn, aus besten Aschentür die Windstöße qualmende Wölkchen trieben; in der andern stand ein Bett mit rot und blau gewürfelten Kattunvorhängcn, in welchcm der Mann der Taitte, den wir nie Onkel nannten, gichtkrank lag, die Hände und Füße in Kampferkistcn eingebunden. Auf einem ledcrncn Lehnstuhl, unfern dem Bette, saß die Tante. Eine'dicke, in schwarzes Leder gebundene Tfille (Gebetbuch) haltend und die Lippen noch stumm bewegend, erhob sic sich, uns zu begrüßen. Die Mutter reichte ihr die Hand mit einer Bewegung, als verneigte sie sich vor der Greisin, die das Haupt der Mutter sanft an ihre Schulter lehnte und ihr mit der flachen Hand wiederholt über die Stirn strich. ״Benschen Sic meine Kinder, Tante Guttraud!" sagte sie jedesmal, denn die demütige Greisin schien auf diese Bitte zu warte». Nun folgte sie und trat ein paar Schritte näher in den lichten Raum auf uns zu, die wir uns scheu an die Ecke des Tisches geklammert hatten. Tante Guttraud war von mittlerem Wüchse und schmächtiger Gestalt, die ein wenig gekrümmt oder vielmehr gebrochen schien, und die ein Kleid von dunklem Druckkattun eng umschloß. Ueber die Brust war ein weißes Tuch ohne jeglichem Zierat gekreuzt, das ihr bleiches Antlitz fast wachsgelb erscheinen ließ. Ueber der Stirn schloß ein schwarzes Band die Haare sorgfältig ein; eine weiße Tüllhaube umrahmte das strenge, vornehme Gesicht. Die Nase war so fein gezogen, daß sie wie durchscheinendes Elfenbein erschien. die anderen. Wir haben die Aufgabe den Abbröckelungsprozeß im Judentumc aufzuhalten, unsere Erwachsenen zum Judentume zurückzuführen, unsere Kleinen für das Judenvolk zu — erziehen; die brachliegenden Städte Palästinas zu kultivieren, auf den Boden unseres alten Landes Kultur, Bildung und Zivilisation zu pflanzen. Wir haben die Mission der Erhaltung unseres Judenvolkcs. Aron Schlvertfinger. Bor der Entscheidung. Nordaus Rede hat im jüdischen Blätterwald, im zionistischen und assimilatorischen ein mächtiges Nauschcn erregt. Ein Führer, neben Hcrzl einer der Grüßten, wirft der jetzigen Leitung vor, sic wäre von Herzls Idee abgcwichcn, sie hätte aus dem großen politischen Programm des toten Führers eine kleine, wenn nicht gar kleinliche Palästinaarbcit gemacht und so des Endzwecks über geringe Ziele vergessest. Dies ist der Vor- Wurf, der seit dem letzten Kongreß stets aus allen Oppositionsreden gegen die Leitung hcrauszuhören ist. Aber eins haben die Oppositionellen gründlich vergessen. Sie denken wohl nicht mehr an Nordaus Wort ״der Zionismus kann warten", wenn cs sein muß und wird nach diesem Warten zum Ziele kommen; nun das jüdische Volk hat bisnun auf die politischen Erfolge warten müsscn, aber mit Recht hat cs verlangt und, zwar in seiner überwältigenden Majorität, daß die lange und bange Zeit des Wartens ausgenützt werde, daß cs nicht zu einem Stillstand in der Bewegung komme, denn Stillstand bedeutet Rückschritt. Und das muß man dem E. A. C. lassen, cs halt die Wartezeit gründlich ausgenützt, cs hat gezeigt, daß man aus der sogenannten praktischen Kleinarbeit in Palästina ein großes Werk schaffen könne, welches dem Erfolge, welcher auf politischcm Gebiete erzielt werden soll und sicher auch erzielt werden wird, nicht Nachsicht. Es hat verstanden, die Bewegung in weite Kreise zu tragen und dennoch zu vertiefen; Wer weiß, daß dies eigentlich zwei Gegensätzc sind, die sich absolut sonst miteinander nicht vcrtragen, wird ermessen können, wie groß die geleistete Arbeit ist. Seitdem die intensive Palästinaarbeit begönnen hat, ist das Interesse der Zionisten kolossal gestiegen, jedes Dunam Ercz Israel, das erworben wird, festigt das Vertrau cn in uns auf die endliche Erreichung unseres Zieles, stärkt uns in unserer Ucbcrzeugung, da wir sehen, daß allmählich ״in unscrm Lande" ein Zentrum entsteht, das den Goluth beeinflußt und uns die Zeit nicht mehr fern dünkt, in der Palästina den Kongreß und die Leitung beherbergen wird. So ist die Palästinaarbeit, die ursprünglich nur einen der kleinsten Programmpunktc bildete, zu einem mächtigen Faktor gcivorden und eben aus diesem Grunde, glaube ich, ist diese scharfe Stellungnahmc Nordaus erfolgt. Nicht als ob ihm die praktische Palästinarbcit als solche zu groß gewesen wäre — welcher Zionist würde sie nicht gern vertausendfacht sehen — aber weil er und mit ihm die Opposition geglaubt hat, die praktische Arbeit werde die politische die schmalen Lippen ließen, geöffnet, wohlerhaltenc Zähne sehen, unter stolz gewölbten dunklen Augenbrauen leuchteten rehbraune Augen in feuchtem Glanz wie unter Tränen hervor. Zwei magere wachsgelbe Hände legten sich auf unser Haupt. Innig und seclenvoll hoben sich die Augen zum Himmel empor; die Lippen bewegten sich zur Segensformel so leise, daß wir nur das Summen der Fliegen hörten, die um die Flamme der Ampel schwirrten, und das leise Stöhnen aus dem Bette, dessen Vorhänge den Kranken verhüllten. Dann küßte sie uns auf die Stirn, und wir zogen zaghaft ihre dürre Hand an die Lippen. Mit kaum hörbarem Schritt bewegte sich die Greisin zu einem Glasschrank, aus dessen trüben Scheiben ein paar bemalte Kaffeetassen hervorlugten, und nahm aus einer Schublade zwei Borsdorfer Aepfel, mit welchen wir uns unterhielten, während die Mutter, zum Sitzen genötigt, eine halblaute Konversation mit ihr begann. ״Wie geht es Ihnen, liebe Tante?" ״Gott sei dank! nicht schlechter. Die böse Gicht ist hartnäckig, zumal im Herbst, aber Gott wird helfen." ״Haben Sie heut Nacht ein wenig geschlafen?" ״Ein wenig; alte Leut' brauchen nicht'viel Schlaf. Er schläft auch wenig, aber Appetit hat er, Gott sei Dank, und die Fisch' haben ihn delektiert. Es kocht sie auch keine so wie meine Betty." ganz verdrängen, wollte er zurzeit ein Mahnioort sprcchcn. Daß cs zu laut und rauh ausgefallen ist, kann auf den verschiedensten Ursachen basieren: doch den scharfen Ton muß man dem greisen Führer zugute halten; weil er ein Führer ist, muß man sein Wort, selbst, wenn cs hart in unseren Ohren klingt und einem andern nicht erlaubt wäre, hinnchmen. Dies sind also die Gegensätze, die den Zionismus nun schon seit Iahrcn bewegen, Gegensätze, die eigentlich gar nicht vor- Händen sind; denn, wenn auch die Opposition den politischen Zionismus weit voranstellt, so wird sie doch nicht umhin können, cinzugestehcn, daß wir momentan ״warten" müssen und daß cs nur von äußerster Klugheit zeugt, wenn man die Wartezeit benützt, um intensiv Lagerarbeiten zu betreiben und unser Zentrum zu ' festigen, sonst könnte für uns die faule Ruhepause zu einem Capua werden. Daß aber das jetzt an der Spitze stehende E. A. C. die politische Arbeit nicht verwirft, sondern stets in Bereitschaft ist, auch auf diesem Felde energisch zu arbeiten, hat cs schon oft erklärt, daß diese Arbeit bisnun keine sichtbaren Früchte getragen hat, wer könnte darob schelten? Ter Zwiespalt im Zionistenlagcr, der unsere Gegner hat frohlocken lassen, er- Iveift sich also als in Wirklichkeit nicht vorhanden und wir hoffen daher, daß auch die Bankfragc, wenn auch׳ nach Debatten eine friedliche Lösung finden wird. Die Bank muß dem E. A. C. unterstellt werden, dies kann niemals in Frage stehen, da ein E. A. C., welches nicht alle Instrumente der Bewegung beherrscht, einfach auf die Dauer nur den Schatten einer Leitung vorstcllcn könnte; die Frage kann nur lauten, wer soll im E. A. C. sitzen und daß der Kongreß alle Ursache hat, mit der abtretendcn Parteileitung trotz kleiner Fehler, die stets unterlaufen, zufrieden zu sein und auch durch die Wiederwahl seiner Zufriedenheit Ausdruck geben wird, kann man fast bestimmt annchmen. Wieder einmal ein Hilsnerprozeß. Das Gerücht von der Wiederaufnahme des Hilsnerprozesscs irrlichtcrt wieder einmal in der österrcichischen Presse. Das ״Prager Tagblatt", welches diese Nachricht als erste brachte, fügt sogar hinzu, daß die Ncuverhandlungcn bestimmt, und zwar in Jglau stattfinden werden. Wir unsererseits können leider diese Nachricht nur mit einem ungläubigen Kopfschütteln quittiercn. Die oste Enttäuschung gerade in Bezug auf die Revision des Hilsnerprozesscs hat uns skeptisch gemacht. Und das ist charakteristisch. Es gibt wohl kaum einen einigermaßen vernünftigen Menschen in Oesterreich, der ernst auf das Ritualinordmärchcn schwört, noch wenigcr gibt cs jemanden, der wirklich an eine Schuld Hilsners am Polnacr Morde glaubt und schon gar niewanden, der den Polnacr Mord in Wahrheit als Ritualmord ansieht. Nicht einmal der Richter, der das Urteil gefällt hat, war davon überzeugt und hat das auch dezidiert erklärt und auch die Beamten, die ursprünglich mit der Untersuchung betraut waren, haben wiedcrholt ihrer Ueberzeugung von der Unschuld Hilsners unverblümt Ausdruck gegeben. Und. trotzdem schmachtet Hilsner noch heute in Kerkerhaft, trotzdem ist cs bis heute allen Interpellationen, Memoranden, Protesten ״Wollen Sie nicht einmal bei uns speisen, liebe Tante? Sie haben mir's längst versprochcn." ״Einmal, wenn ich von ihm fortkommen kann. Ich schicke dir lieber eins von den Mädchen; sie nähen sich die Augen aus. — Brave Kinder. Gott segne sie!" ״Und wie fühlen Sie sich, Tante Guttraud?" ״Ich Gott sei Dank, daß es ihm nicht schlechter geht; gelobt sei der Arzt der Kranken und gesegnet, wer die Kranken labt und die Wankenden stützt!" und die magere Hand erhob sich über das Haupt unserer Mutter, die vor dem tiefen, tränenfeuchten Blick der Greisin beschämt die Augen niederschlug. Es klopft an die Tür; die Mutter erhebt sich; die Aepfel sind verzehrt; wir atmen auf, als wir durch das enge Tor in das enge Gäßchen treten. ״Kinder," sagt die Mutter, ״Tante Guttraud ist eine Heilige in Israel." Wir glauben ihr. Verehrt man doch die Heiligen, ohne nach dem Grunde zu fragen. Kinder verlangen nicht nach Beweisen. Die Großtante stand unseren kindischen Interessen fern; sie ragte nur um eines Fischkopfs Länge und eines Apfels Schwere in unser Leben hinein. Und diese verhältnismäßige Verkürzung war bald vergessen, so oft wir abends, wenn nicht an dem durch seine Gräten gefährlichen Fisch, so doch an der Sauce ״a la Mutter" gehörig beteiligt wurden. (Fortsetzung folgt.)