Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1913)
- Date
- 1913-08-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIV2. Jahrg. Nummer 35 Erscheint jeden Donnerstag. ♦♦ -a Sä- Bezugspreise: Für Lesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Rußland, ganzjährig . »•.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. ^15ן^הי־ Jnserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerischc Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Geschäftsstelle. Wien:!., Rotenturmstraße Nr. 31. Postsparkaffakonto Nr. 312.842. Telephon 3009/V11I. Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Ruckporto beizufügen. Brünn-Budapest. Wien 28. August 1913. ' 25. Ab 5873 Prag—Lemberg. Aus dem Juhalte: Aron Schwertfinger: Die Mission Israels. — S. Mosenthal: Tante Guttraud. — Vor der Entscheidung. — Wieder einmal ein Hilsnerprozeß. — Ausgrabungen in Palästina. — Dr. A. Marmorck über den Kongreß. — Westeuropäischer Jugendtag. — Die Universitätsfrage auf dem Kongreß. — Jüdischer Wanderbund Blau-Weiß. — Protokoll des Fünften mähr.-schles. Studententagcs zu Olmütz am 22. August 1913. — Rundschau. — Korrespondenzen. — Alfred Randnitz: Der elfte Kongreß. — Das Sammelbuch vom Judentume. — Eine schwierige talmudische Stelle. — Literatur. — Vermischtes. Die Mission Israels! Zu einer Zeit, da die totgeglaubte Judenfrage wieder erwacht war, da mit mittelalterlicher Barbarei blutüberströmte Judenleichen durch die Straßen geschleift wurden, Massenaustreibungen der Juden aus Rumänien erfolgten, der soziale, politische und wirtschaftliche Antisemitismus im Westen blühte; in den Tagen, da das freie Paris, das durch seine Verkündigung der ״Menschenrechte" die Judenemanzipation in Europa eingeführt hatte, laut vom Rufe ״Tod den Juden" widerhallte, war der ״Judenstaat" Theod. Herzls erschienen, war der Erste Zionistenkongreß zusammengetreten. ״Die Juden sind ein Unglückliches Volk, das durch die Verschiedenheit seiner Raste und seiner Tradition unter den andern Völkern nicht zur Ruhe kommen kann". ״Die Judcnlage ist deshalb eine so traurige, weil dieses Volk in allen Staaten des weiten Erdenkreises eine verschwindende Minorität ist, weil die Juden nirgends einen politischen Machtfaktor besitzen". ״Der Zonismus will daher zur Lösung HeuÄeton. Tante Guttraud. Von S. M o s e n t h a l. Ich weiß nicht, wie es historisch zu begründen ist, daß wir Juden für die Mahlzeit am Freitagabend, als am ״Eingang des Sabbats", ein Fischgericht für unerläßlich halten. Die Bibel zählt unter den nationalen Lieblingsspeisen nur die Zwiebeln und den Knoblauch auf. Ob sich das angestammte Fischgericht durch Petri Fischfang oder das Wunder mit den Fischen auf seine historische Quelle zurückleiten lasse, das mögen die Archäologen entscheiden. So viel aber weiß ich, daß in meiner Vaterstadt, die eine überwiegend protestantische, eine kleine katholische und eine ziemlich beträchtliche jüdische Bevölkerung besaß, fast ausschließlich für die letztere jeden Freitag die Bauern der Umgebung am sogenannten ״Fischstein" ihren Markt hielten und jüdische Köchinnen in mehr-oder weniger reinen Netzen, jüdische Hausväter in mehr oder weniger reinen Schnupftüchern ihr Kontingent an ״Schabbesfischen" nach Hause trugen. Das Gericht hatte einen solennen Anstrich. Für die Größe des Festes zeugte die Qualität der Fische; den drei hohen Festtagen gehörte der Lachs, den minderen der Karpfen in der spartanischen Sauce; die gewöhnlichen Sabbate mußder Judenfrage die Juden von den Ecken der Welt sammeln, ihnen in ihrem alten heiligen Heimatlande, das sie nie vergessen können, ein Gemeinwesen einrichten." ״Die Juden sind ein Volk und wollen als Volk auf eigenem Boden leben" usw. Solche Ideen wurden auf dem erstcn Zionistenkongreß geäußert. Der neuerstandene Jeremias hatte mit herzerschütternder Kraft die Kinnoth der Judenlage verkündet. Die anwesenden Vertreter der Juden beider Welten erteilten einstimmig dem Zionismus die Aufgabe, den Juden eine autonome Heimstätte in Palästina anzustreben .. Da erwachten Plötzlich Tausende Juden aus ihrem ewigen Schlafe. Eine freudige Hoffnung durchzuckte alle Gemüter. Die jüdische Jugend erblickte einen Strahl in dunkelster Finsternis. In weiter Ferne zeigte sich ein Licht, unter dessen wärmendem Einflüsse der jüdische Organismus aufs neue blühen und gesunden sollte. Mochte der Feind lauern, überall der Grund wanken, mit beiden Füßen stellte sich alles fest auf den Boden des Basler Programmes und harrte mit hoffnungsvoller Freude der kommenden Entwicklung. Da hörte man Plötzlich einen lauten Protestruf. Warnende Stimmen erheben sich gegen die neue Bewegung. In Zeitungsartikeln, Flugschriften, Broschüren und Volksversammlungen wurden die Juden feierlichst beschworen, sich vor ihren: größten Verderben, vor dem Zionismus zu hüten. «Die Juden sind kein Volk, sondern eine Religionsgemeinschaft, die von der Gottheit in die weite Welt hinausgeschickt wurde, damit sie ihre hohe Mission erfülle." ״Die große Aufgabe Israels ist, die andere Völker zu belehren und sie besser zu machen." ״Die Rückkehr nach Zion ist nur das Symbol für die Rückkehr aller Menschen zur Gotteserkenntnis." Mit solchen Ideen trat man dem Zionismus entgegen. ״Das Ziel und die Auften sich mit Barben und Weißfischen begnügen. Doch ohne Unterschied der Rangstufen wurden die Fische stets von meiner Mutter eigenhändig zubereitet, denn mein Vater behauptete, daß niemand auf Erden eine Fischsauce ״a ia Mutter" bereiten könne. Mit gerechtem Stolz heftete die Mutter jeden Freitag vormittags sich die weiße Schürze um, an deren beide Zipfel ich und meine kleinere Schwester uns klammern durften, um Zeugen bei diesem Wunder der Kochkunst zu sein. So oft nun die in Stücke zerteilten Fische aus dem blanken Messingkessel genommen und symmetrisch auf die lange Schüssel geordnet wurden (das Gericht wurde abends kalt kredenzt), legte die Mutter das kräftigste Kopfstück auf einen besonderen Teller, begrenzte es mit Zwiebeln und Zitronenscheiben, übergoß es mit der gewürzig duftenden Sauce und stellte es auf den weißgescheuerten Anrichtetisch mit den Worten: ״Für Tante Guttraud." Allwöchentlich sahen wir Kinder diesen neidenswerten Tribut hinwegtragen, ohne uns von der Zwangspslicht, die uns kopflose Fische auferlegte, Rechenschaft geben zu können. Tante Guttraud war eine Mutterschwester unserer Mutter, die mit einen: kranken Mann und zwei ältlichcn Töchtern in einem Gäßchen nahe der alten ״Schul", dem Bethaus der Strenggläubigen, ihre Wohnung hatte, aus der sie nie den Fuß setzte. So oft aber die Mutter nur ihren Namen nannte, geschah es mit einem Ausdruck frommer Vergäbe des J:ü>entums ist seine Religion und diese allen Menschen zuzuführen seine Mission." ״Darun: ist der Zionismus für das Judentum eine große Gefahr, denn er will ihn: seine Mission unmöglich machen." Meister Nordau hat auf den: Zweiten Zionistenkongreß diese neugebackene Mission eine Anmaßung und eine Torheit genannt. Wahrlich treffender ist sie nicht zu bezeichnen. Wir Juden wären von Gott bestimmt, für alle Zeiten auf den: Erdenkreise zerstreut zu leben. Tann darf uns aber nicht die Thora von der Allgüte Gottes erzählen, dann darf sie nicht von den Juden als an: segulah als auserwähltes Volk sprechen; dann hätte sie sagen müssen, daß Gott der Erzfeind des Judentums sei, daß er den Juden ewiges Verderben bestimmt hätte, kurz daß er ein ganz moderner Antisemit sei: denn der Umstand, daß das Indenvolk im Mittelalter und in der Neuen Zeit auf eine unbegreiflich bestialische Art verfolgt wurde, daß man zu Ehren Gottes Juden schlachtete, lebend verbrannte, zu Tausenden hinausjagte, ist ja nur eine Folge unserer Zerstreuung. Als der katholische Ferdinand in: Jahre 1192 200.090 Juden in die ungewisse Ferne in eine zweifelvolle Zukunft jagte, mußte er die Mohaminedaner in Granada lassen; denn es gab in Konstantinopel ein mohammedanisches Reich, in dein Christen wohnten. Ter Sultan hätte gewiß Gleiches mit Gleichen: vergolten. Tie Juden aber hatten keine Heimat und inußten daher ihr Schicksal ertragen. In: Angesicht von ganz Enropa läßt der russische Zar Tausende Juden schlachten, Väter, deren Söhne auf den blutigen Gefilden der Mandschurei für das ״Vaterland" das Leben ließen, werden durch die Straße» geschleift; jüdische Wähler werden vor dem Wahllokal in Drohobycz ungestraft niedergeschossen, auf den: Balkan kämpfen Juden in allen Armeen für das Vaterland. Zn Tausenden liegen ehrung, zu der auch wir Kinder mit «::gehalten wurden, oh!:e sie zu begreifen oder je nach ihren: Grunde zu fragen. Ja unsere heilige Scheu gewann einen Anstrich von Furcht, wenn wir mit der Mutter Freitag abends nach der ״Schul" (Gottesdienst) die alte hölzerne Treppe, die einen Strick statt des Geländers hatte, zur Wohnung der Tante Guttraud hiiraufkletterten, um uns, wie es die Mutter nun einmal eingeführt hatte, von ihr ״benschen" (segnenzu lassen. Noch heute lebt in meiner Erinnerung das Bild, ja der Geruch des Zimmers, in das wir nicht ohne inneres Widerstreben eintraten. Ter Geruchssinn hat ein »:erktvürdig treues Gedächtnis. Indem ich dieses niederschreibe, atme ich fast wieder jene Atmosphäre von Kohlendampf, Lampendunst und Kampferduft, die mir vor fünfzig Jahren auf die Brust fiel und die. wo ich sie jemals in den Wohnungen der Armut wiederfand, mir unwillkürlich das Bild der Tante Guttraud in die Seele rief. Das Zimmer war tief und niedrig; von dem geschwärzten Querbalken der Decke herab hing eine siebenzackige Mestinglampe; aus zweien ihrer Schnäbel dampfte eine Oelflamme und warf ein grel les Licht auf den darunterstehenden, mit weißem Tuch gedeckten runden Tisch, während der übrige Teil des wüsten Gemachs in dämmernden: Halbdunkel lag. Ter wurinstichige Fußboden war mit weißem Sand bestreut, der unheimlich unter unseren Sohlen knisterte. In einer Ecke der Tiefe Soeben erschienen: ״Hickls Jäd. Volkskalenver".