Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1913)
- Date
- 1913-08-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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? P Seite 10. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 34J Dieser MricflSruf, der berufen war — und ist — die ganze Welt für die Tauer der Zeiten in zwei Heerlager zu spalte», ertönt aus seinem Munde zuerst. Und die sich um ihn sammeln, die sendet der Prophet aus: ״Gürtel eure Schwerter um und geht durchs Lager von einem Tor zum andern und tötet alles, Brüder, Freunde und Berivandlc." Und gerade dies Schwerste, um der Idee willen wieder Bruder und Freund zu kämpfen, sieht Moses — wie später Jesus — als die Weihe an für diejenigen, die er zu Priestern Jahwes weiht. Im Kampfe um Gott ist alles eher am Platze als Nachsicht, iveichliche Milde, Kompromiss. Nur unbcugsamc Starrheit, rücksichtsloser Mampf für die Idee, unbedingte Forderung ist da am Platz. Diese zeigte Moses zunäckisl im Mampfe gegen sein eigenes Volk. Dies vcrlangt Gott selbst von ihm, als er ihn — im 34. Mapitel des zweiten Buches — die Eroberung Mamrans prophezeit: ״Hüte dich, dah du keinen Bund schlichest mit dem Bcivohncr des Landes, in das du kommst. Dah er »ich! zum Fallstrick werde in deiner Mitte. Vielmehr sollst du ihre Altäre zertrümmern und ihre Standbilder zerbrechen und ihre Haine ausrodcn. Du sollst dich nick» bücken vor einem andern Gotte, denn Jahwe der Eiternde ist sein Name, ein eifernder Gott ist er." (V. 12—14.! Wie oft haben die weichen Kompromissler aller Zeiten sich über den ״eifernden Gott" des alten Bundes aurgercgt, der ..Judengott" als ״Gott der Rache" ist zur ständigen Redensart gctvorden. Ich!vage die Behauptung, das; die Vorstellung Gottes als des eiternden, des ״ivcgzchrcndc» Feuers" zu den erhabensie» und sittlich gröhten der Menschheit gehört. Im Mampfe 11»! den Geist ist jede Nachgiebigkeit unsittlich, jedes Mompromis; ein Verrat, die sittliche Entscheidung darf keinen Opportunismus kennen, wenn sie wahrhaft moralisch sein soll. Hier gibt es nur ein Entlveder — Oder. Dieses ״Turch", nicht ״Drum herum", dem in unserer Zeit I b s e n durch seinen Peer Gojut und dessen Verführer, den ״Grohen Mrummcn" einen so gewaltigen Ansdruck verlieben bat, diese unnachgiebige Strenge ii! der Sinn der sittlichen Forderung des jiidi-, scheu Prophelismns: ״Millen durch! — Ob auch der Weg noch so schwer!" «Ibsen, Peer Gojut, 8. 'Akt.) Diese Forderung hat Moses zuerst ausgesprochen: ״Du sollst lieben den Elvigseiendcn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vcrmögcn." ״Ganz und ungeteilt sollst du sein mil deinem Gotte." Die israclitischen Propheten habe» diese Ilnbeugsamkeit immer von neuem im Mampse gegen sich und ihr Volk zu bcwähren gehavl. Es sei nur an jenes Gottesurteil auf den! Berge Marmel erinnert, da El iah, der Prophet, dem Volle und den salschen Schein gcgenübcrstchcnd, die ewig dentlvürdigen »nd für den israelitischen Prophetismus ewig charalleristiscken Worte spricht: ״Wie lange hinket ihr noch anf beide Seilen? Jil Jalnvc Gott, so wandelt mit ihm, i» cs aber Baal, so!vandelt ihm nach." Lieber will der Prophet sei» Volt als Baalsdicner sehen, lieber mögen sie Sünder sein, aber dann g an z c Sünder, wenigiiens als Sünder ganze Menschen, denn dah sie ivie ein Rohr im Winde schwantcn. Aber, so fährt jene Schrülsielle in glänzender Eharatteriilik der Masse fori, ״das Volt antwortete ihm gar nichts ...." «1., Könige, Id, 21.« Sie wolle» sich nicht entscheiden. Die Prppbelen aber verlangen das Sich-insich-Eulscheiden und dadurch ״bleibt ein von Jahwe sanktionierier Zug herber Strenge der Jahwcreligion von Aniang an eigentlich. D a s i st der h e i 1 i g e E r n st r ü ck si ch l s l o s e r D u r ch s c tz n n g d e r F o r d cr u n gen des Sill e n g e s e n c s, d a s i h r tv i chl i g e r i si a l s d c r M e n s ch. So lassen sich die barten Strafe» der aufrührerischen Rotte Morehs oder der diebischen Acha» verstehen, die Verhängung des, die belvahrung der Israeliten vor der Verführung durch den schivülsinnlichen Muli der Manaaniter bezlveckenden Ban- »es über die dem unsittlichen Götzendienst ergebenen Manaaniter... Das Judentum Icnnt teiucn bloh von tveichlich-unvernünstiger Liebe erfülltet. Galt. ״Liebevoll üi er in allein seinen Taten . aber auch gerecht auf allen seinen Wegen!" Die Religion der Propheten ״korder! für Gou den g a n z e n Menschen, das Herz vollständig, alles Balve ül ihr fremd. Webe darum denen, die ein doppeltes Herz haben! Diese Liebe im ansschliehenden Sinne verlangen Babels Göller nicht. So wird der g a 11 z e M c n s ch auf Gott eingestellt, wird die Religion zur Grilndtvabrei! und zur Grutldaufgabe des Lebens ...." Eine Jüdin als Wachtmeister in den Freiheitskriegen 1813—14. Man weih, dah auch einige Mädchen im Jahre 1813 dem!stuf des Vaterlandes folgten und in Männerkleidcrn als Soldaten in den Krieg zogen, von dem Theodor Mörncr sang, er sei ein ״Mreuzzug, ein heiliger Mricg" gewesen. Aber es ist wenig bekannt, dah auch eine Jüdin darunter gewesen, die Wachtmeister geworden und das Eiserne Mreuz für ihre Tapferkeit erhalten. Die ״Vossischc Zeitung" vom 9. Dezember 1818 schreibt darüber: ״Luise Grascmus;eigentlich Escher Manuel aus Hanau gebürtig, 39 Jahre alt, jüdischer Abkunft und Religion > Witwe des Wachtmeisters Grascmus im Regiment Eonstantin Garde-Ilhlancn, wollte ihrem Manne, der sic und zivci Minder (ein Mädchen, jetzt 10 Jahre und einen Mnabcn 8 Jahre alt) verlassen hatte, im Jahre 1813 nach Schlesien nachzichcn, cntschloh sich aber, in der Hilflosigkeit, worin sie sich befand, als sie Berlin erreicht hatte, selbst Mricgsdicnstc zu nehmen, welches ihr umso leichter ward, als sic in Mannsklcidern reiste. Sie trat daher in das Mönigsberger zweite Landwehr- Ilhlanen-Regiment, unter dem Major von Hermann, machte die Feldzüge 1813 und 1814, erst als Freiwilliger, zuletzt als Wachtmeister mil, wurde zweimal verwundct, bei Jülcrbock am Fuhr und in der Gegend von Metz, erhielt auf dem Marsche durch Holland 1814 im Armeekorps des Generals Grasen Bülow von Dcnnewiy, das eiserne Mreuz, traf unvermutet am 29. März 1814 mit ihrem Manne, der noch immer in russischen Diensten stand, bei Montmartre zusammen, verlor ihn aber schon am folgenden Tage durch eine Manonenkugcl. Mit ehrenvollen Wunden und 'Auszeichnungen bedeckt, mil den ehrenvollsten Zeugnissen des Wohlverhaltens entlassen, ist sie seitdem vom Regiment abgcgangen, und!ehrt nun, nach einigem Aufenthalte in Berlin, nach Erfurt und Hanau, ihrer Heimat, zu ihren Mindern zurück. Möge sic dort ihre Muttcrpflichtcn mit eben der Treue erfüllen, die ihr als Mricger den Beifall Sr. Majestät des Mönigs und des prcuhischcn Heeres erivarb. Möge ihr aber auch allgemeine Teilnahme werden, und llnterstützung von vielen Wohlivollcndcn und Edlen, damit sic, ihrer vorigen Lebensbahn zurückgegebcn, imstände sei, sie zu ihrem und ihrer Minder Glück heiter und sorgenfrei zu durchlaufen! Dieser Artikel ivar aufgesetzt und der mündlichen kunstlosen Erzählung der Mricgerin treu nachgcschrieben, als uns das Petersburger Blatt: ״Der russische Invalide" am 28. Jänner «0. Februar) zu Augen kam, tvelches den weiblichen klhlanen, Luise Manuel, mit vieler ׳Auszeichnung erwähnt. Sic ist Mutter (heisst cs darin« zweier lebender Minder: der Mann verlieh sie vor mehreren Jahren und ging nach Petersburg, Ivo er sich anivcrbcn lieh und einige Zeit diente. Als seine Frau erfuhr, dah die russische Armee in Deutschland cinrücktc, entschloss sie sich, ihr Geschlecht zu verheimlichcn und den Vater ihrer.Minder auszusuchen. Da ihr Zartgefühl ihr nicht erlaubte, mit den Soldaten nach Schlesien zu gehen, so wurde sic selbst Soldat und lieh sich im Büloivschen Morps als klhlanen anstcllcn. Niemand wusste von ihrem Geschlecht und sic focht i» allen Schlachten der denkwürdigen Feldzüge von 1813 und 1814 mit, erhielt bei Jüterbock eine schwere Wunde am Fus; und ivurdc in anderen Gefechten venvundet. Ihr Mann, den sie wiedergcsundcn hatte, blieb in einem Gefechte bei Paris. Sie bat durch ihre Tapferkeit und Geistesgegenwart sich die Beivundcrung und den Beifall aller erworben." 0]|10י0ו@]ן@ןו0!0]ו©]ן0][0]ן©]01 0;• Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläßlich. Sternhof, Post Sokolnitz bei Brünn. l®]^1:(L׳l'Q|®|!©ll0l©!!®li©li©E©C©E©|©|'®[i0 Literatur. Sara Rabinowitsch: Tie Organisation des jüdifckirn Proletariats in Russland. Braunscher Verlag. Marlsruhe 8 Mt. Vorliegendes Werk des bekannten Gelehrten bietet einen tiefen Einblick in die brennende Frage, die die ganze jüdische Welt beschäftigt, in die Verhältnisse der russisch-jüdischen Proletarier. Im Nahmen der Geschichte bespricht der Autor die verhältnismässig günstige Lage der Inden nach ihrer Einlvandcrting aus Deutschland: die allmählich zunehmende Feindschaft der autoch ,honen Bändels- und Handwertcrkrcise und die plötzlieh hercinbrcebende Entrechtung und Teklaricrung der Judenheit. Aus Grund dieser vollständigen Schutzlosigteil bildete sich ein Tclbsivcrwaltungskörpcr, der Mahal, eine Institution, die allen Bedürfnissen sozialer und religiöscr Natur Rechnung'trug. Sic leistete den Juden in ihrer Slot mehrere Jahrhunderte hindurch die grösstcn Dienste, bis unser Zeitalter dem Mahal, nicht aber auch der psyckischen rnd phhsischen Judcnbcdrückung ein Ende bereitete. Den neuen Verhältnissen gegenüber sucht sich nun der jüdische Proletarier eine andere Stütze zu schaffen. Ter durch politische Verfolgung aufgeregte. durch wirtschaftliche Not erschöpfte Arbeiter schließt sich in der ״Chewra" und im ״Bund" zusammen. Jene macht ihm in den industrieärmen Gebieten, diese in den Fabrikszcntrcn sein Los erträglicher. An der Chewra in Mohileff zeigt die Verfasserin, mit welch ungeheurer Schloierigkeit die russisch-jüdischen Proletarier, von dencn viele ganz überflüssige Vermittler im wirtschaftlichen Prozess darslellen, zu kämpfen haben, wie sie auch die kleinste wirtschaftliche Möglichkeit nicht unbenützt lassen. Umfasst die Chewra vorwiegend die kleinen Handwerkcr, so vertritt der Bund das Fabrik.proletariat, das trotz den vielen Opfern, die es im Mampfe um seine Rechte als Träger eigener Sitten, Sprache und Religion bringt, als fremdes Element cmpfuitden wird. Das durchaus objektiv geschriebene Buch, das dem Nationalökonomen eine Reihe von Beweisen für moderne Theorien und reiches statistisches Material bringt, ist vor allem für uns Juden von grosser Bedeutung; denn vom Wohlc der ostjüdischen Massen hängt unseres Volkcs Zukunft ab und Ost und West weist Vorgänge auf, die jedem Nationaljuden zu denken geben. D e s y. Ter Weg zum Reichtum. Roman v. H. Blumenthal. Verlag F. Lehmann, Berlin W. Durch das ganze Buch, das in spannender Crzählung die Zustände in Boryslaw schildert, zur Zeit, da daselbst die Naphtaqucllen entdeckt und verwertet ivurden, geht ivie ein weher Schrei das Unglück des armen Juden Abraham Schreiner, der mit eigener Lebensgcfahr als erster das Petroleum entdeckt, durch die Heimtücke eines nichtswürdigen Verbrechers um das wenige sauer erworbene Hab und Gut kommt, als einfacher Arbeiter leben und darben muss, indes diejenigen, die durch seine Entdeckung Millionen erwerben, die Strassenjungcn auf ihn Hetzen, dass sie ihn verfolgen und ihren Schabcrnak mit ihm treiben, bis er schliesslich, der der Welt das Licht gegeben, im Finstern elend zugründe geht! Desy. Eines Mönigs Tragödie. Von Waldemar Müller- Ebcrhart. Verlag ״Neues Leben", Berlin. Eine zeitlose, weil stets sich wiederholende Tragödie, die des Mönigs, den das ihn umgebende Höflingspack — anscheinend sich ihm demütig unterwerfend — erbarmungslos beherrscht, — beherrscht, belügt, betrügt, sein Volt ja selbst das eigene Weib ihm entfremdend. Die es mit ihrem Könige halten — sie werden verleumdet und verkannt, verbannt. Doch diesmal findet der König zu seinem Volke zurück und hält grausige Abrcchnung. Mit scharfen Strichen, schrafscr Charakteristik, fest und markig gezeichnet, typisch in seiner Form — ein Werk von eigenartigem Reize. Des y. M. E. belle Grazie: Tic Wunder der Seele. Vcrlag Brcitkopf und Härtel, Leipzig. Wunder, wie sie nur eine wahre Münstlerseele zu erleben und, was noch mehr ist, zu ergreifen und zu schildern!veiss. Tie rätselvollen Jrrgänge der mcnschlichcn Seele, das schauerliche Ahnen des aufs Höchste gespannten Geistes treten in diesen Erzählungen vor die Handlung und lassen uns diese ganz vergessen. Die Form ist hier alles; sie lvirkt auf Gesicht und Gehör, lvir sehen im Lauschen und Hören im Schauen ein Bild, ein Laut setzt alle unsere Sinne in Bewegung und über allem thront das Schicksal. Bald mystisch, offenbart es sich in der zerfressenden Liebe Ovcrhofss zu einer Toten, bald grausig in den Todesahnungen Mozarts die an reicher Phantasie hinter den Gebilden E. T. A. Hoffmanns nicht zurückstchen. Selbst in den kleineren Geschichten ist künstlerisches Empfinden gepaart mit hohen Gedantcn, die in ״Christus läuft" Stellung nehmen gegen die Judcnhetzcn im mittelalterlichen Rom. Des y. Thomas Carlyle: Die französische Revolution, ein Geschichtsbild. — Neue Ausgabe in zwei Bänden. Deutsch von L. Taufalik und Dr. Franz Mlocst. Geh. 3 Mk. Halle a. S-, Otto Hendels Bibliothek der Gesamtliteratur des Inn- und Auslandes. Wir haben bereits an dieser Stelle Gelegenheit gehabt, auf C a r l y l c s ״Sartor Rcsartus" und seine Vorlesung über Helden und Hcldverchrung in ber Hendelschen Ausgabe aufmerksam zu machen. Carlyle gehört zweifellos zu den Männern, deren erneuter Einfluss unscrcr Zeit ein Wegweiser sein könnte aus dem Wirrsal der materialistisch-mechanischen Weltanschauung, in dem sie sich verrannt hat. Denn er ist ein mächtiger Erzieher des Willens, er ist der schärfste Gegner jener Wcltanschauung, nach welcher der Mensch blosses Produkt der Verhältnisse ist, einer Weltanschauung, die geeignet ist, alle Kraft zur ivahrhaftcn II m g e ft a l t u n g der Verhältnissc zu ersticken. Es wird hieraus begreiflich, warum ich gerade wünschen möchte, dass Juden den Carlyle lesen. Steht doch für uns unsere ganze Zukunft auf dieser Ausgabe: völlige Umgestaltung unseres Lebens. Auch sonst ist vieles bei Carlyle, was ihn besonders dem Zionisten lieb machen mutz, vor allem seine grosse Wertschätzung der Gemeinschaftsarbeit. In seiner Kritik der Nationalökonomie begegnet er sich ebenfalls vielfach mit Bestrebungen, die uns verwandt sind, z. B. :י.