Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1913)
- Date
- 1913-08-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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fc ״• w 3־*־ Betlage zur,Wiener Jiw. Bollsstimme. 21. August 1913 Seite 9. Probleme des Zionismus. Kulturprobleme. Laut Tagesordnung ist die Debatte über die für den Zionismus in Betracht kommenden Kulturfragen für den vorletzten Verhandlungstag, d. i. für Montag den 8. September festgesetzt. Das A. E. hat für die dazugehörigen Referate die Titel: ״Jüdische Kulturarbeit in Palästina" und ״Tie Frage der Gründung einer jüdischen Universität in Palästina", gewählt und zu Referenten M. Usiischkin (Odessa) und Dr. CH. Weizmann (Manchester) bestellt. Sowohl die Wahl der Referenten als auch der Themata zeugte von der peinlichen Sorgfalt, mit der das A. C. die Debatte über die und welche immer größere Verbreitung findet, daun das Einhalten des Kaschruth, der Samstage und Feiertage usw. usw. Diese Frage ist im Wesen Gefühlsfrage. Tenn Nurzionisten ist der ihnen durch die Forderungen der Misrachizionijten und sonstigen religiösen Zionisten auferlegte Zwang unangenehm und lästig, anderseits verlangen wieder die ״Reformzionisten" die Einhaltung religiöser Gebote, da sie ihrerseits durch deren offenkundige Verletzung, die manchmal sogar in prinzipiellen Grundsätzen ihre Ursache hat, sich gekränkt und verletzt fühlen. Gerade deshalb ist die Frage sehr heikel und keine Debatte der Welt wird an diesen unleidlichen Verhältschwebenden Kulturfragen in möglichst ruhige Wege zu nissen je etwas ändern können. Zttsällige Abstimungen» leiten und alles zu vermeiden, was hüben und drüben1 werden vielleicht eine Mehrheit für die eine oder die andere Anschauung ergeben, die Frage an sich aber, werden sie in Wirklichkeit nie entscheiden. Denn abgesehen vom Groll der jeweilig Unterlegenen, ivird ein wie auch immer ausfallender Beschlutz seine Nichtbefolgung und sogar Mißachtung zur unbedingten Folge haben. Wohl sind also die Verhältnisse, wie sie sich diesbezüglich gestaltet haben, geradezu unhaltbar, aber nichtsdestoweniger wird sich hier eine Entscheidung und Klärung dieser Frage, so dringend beides auch iväre, wohl nie vollziehen. Das Beste wäre allerdings, die Frage käme trotz des Gegensatzes und seiner unangenehmen Folge» über- Haupt nicht zur Verhandlung und die endgültige Erledigung dieses Problems wäre der Zeit überlassen.... die alten Gegensätze wachzurufen imstande wäre. Diese Vorsichtsmaßregel wird allerdings nicht hindern können, daß die Debatten dennoch den ihnen in der Tagesordnung zugewiesenen engen Rahmen überschreiten und auf verfänglichere Gebiete hinüberspiclen. Tenn es gibt eigentlich drei Probleme: Zwei davon — die oben angeführten — stehen auf der offiziellen Tagesordnung des Kongreßes, das dritte aber, deffen Behandlung heikel und daher unerwünscht ist, wird sich wohl selbst einen Platz in den Debatten erobern und ihn auch behaupten, weil es eigentlich das dringendste ist und seine bisherige Nichtbeantwortung gerade in den letzten zwei Jahren in verschiedenen zionistischen Organisationen zu heftigen und erbitterten Kämpfen oft Anlaß gegeben hat. Es ist das die Frage des zukünftigen Verhältnisses zwischen Religion und Zionismus oder genauer gesagt: die Frage der Religiosität des Einzelnen zur zionistischcn Organisation. Die Frage ״jüdischer Kulturarbeit in Palästina" dürfte keine neuen Momente bringen. Wir wollen deshalb auf diesen Punkt nicht weiter eingchen, ebenso wie wir es uns ersparen können, sich des näheren mit der Frage einer jüdischen Universität in Palästina zu befaffen, da die Leser der ״Volksstimme" hierüber wohl schon durch Artikel aus früheren Nummern, welche zu dieser Frage Stellung nehmen, genügend informiert sind. Wir wollen deshalb nachstehend die dritte Frage behandeln: das Verhältnis zwischen Religion und Zionismus. Gerade hier klafft ein gähnender, unüberbrückbarer Abgrund, der von Tag zu Tag noch größer wird. Tie Devise: ״Religion ist Privatsache", die bisher allgemein auch in zionistischen Kreisen quasi als Dogma gegolten hat, hat sich überlebt und heute kann man bereits deutlich zwei Lager unterscheiden: Zionisten und religiöse Zionisten oder wie Adolf Böhm letztere nennt: ״Reformzionislen". Die ״Reformzionislcn" wollen, daß die zionislische Organisation in allen ihren Schöpfungen und Handlungen auf deren religiösen Gefühle möglichst Rücksicht nehmen. Sie sehen den Zionismus als nationale u n d religiöse Nenaisianccbewegung an, schon deshalb weil sic den Schwerpunkt der jüdisch-nationalen Eigenart in der jüdischen :Religio» erblicken, welche durch Jahrtausende das Judentum vor dem cs bedrohenden Untergange bewahrt Hai. Der Formel des Zionismus: ״Ein Volk, ein Land, eine Sprache" fügen sie noch als vierte Bedingung national-jüdischer Renaissance mit unbekümmcrtcr Selbstverständlichkeit die Forderung nach ״einer Religion" hinzu. Darauf eben wollen die Nurzionisten nicht cingehcn. Sie betrachten :Religiosität als individuelle Gefühlssache und sträuben sich mit allen Kräften gegen jeden wie imer gearteten Zwang in religiöser Beziehung und zwar um so mehr als sic in der jüdischen Religion nur ein sekundäres und überflüssiges nationales Merkmal sehen. Zude!n schneidet eine solche Forderung zu sehr in ihr Privatleben ein, was besonders dann cmpfindlichund unleidlich wird, wenn der eine oder andere religiöse .Nurzionist" eine, Hern — der Bcscht und keine Epigone». Wo sind führende Stellung im Zionismus innchat und schon ׳ Bukowinaer Geistespotenzen nach dem Baaldeshalb sein Privatleben in bezug auf seine Religioschem? Sehen und empfinden es die Lenke nicht, sität und die Einhaltung religiöser Bräuche von den ö״j, wenn man bei Wisenka auf den Berg sreigk. Aus dem Buchenlande.*) Reiseskizzen von Nathan Leiter. Ich weiß nicht, woher es kommt. Atavistisch ist es sicherlich nicht, denn mein Großvater war simpler Dajon in Bobrka. Genug ich habe inanchesmal noble Passionen. Weil ich aber erfreulicherweise Anhänger der Schopenhauerschen Philosophie bin und die Welt nur als Wille für mich existierte, so kommt es bei mir zu keinen Konfliktcn mit der realen Wirklichkeit. Nor zwei Jahren habe ich darüber geschwankt, ob ich eine Ferienreise nach Tirol oder Deutschland machen soll. Ta mir aber ein Freund einen Touristenanzug verehrte, so ward die Geldfrage ohne viel Kopfzerbrechens gelöst, denn ich entschied ,»ich für eine Fußtour durch Podolien. Torswirts- Häuser init Schwarzbrot und Sauermilch gibt es da genug unterwegs.... Heuer habe ich darüber nicht Entschluß fassen können, ob ich mir als Ziel der Reise Palästina oder die Schweiz stecken soll und bin selbstverständlich in die Bukowina gereist. Habe mir übrigens dieses aparte öfterreichische Ländchen schon lange anschanen wollen. Hier ist doch, in einem Torfe am Prntflnsse, die Wiege des Baalschem gestanden. Mich hat es inutter gewundert, daß dieses kleine Ländchen, das ant besten Sabbath nach Schalet, wenn die Tehiinfrage nicht im Wege stände, der Länge nach durchznspa,zieren wäre, mit seinen reizenden Strömen und Gebirgsketten bis nun seine Schilderer nicht gefunden hat. Ein pbantasiebegabter Lyriker müßte ja das Ländchen in einem Nier-Strophen-Gedicht festhalten können. Je eine Strophe gelte dem Prut und Ezeremosz, eine den Bergen und die vierte seinen Leuten. Diesen beneidenswerten Leutchen, die in> Juli ihre Pelze tragen. Ein kleines Ländchen mit großen Widersprüchen. Brausende, ftarkftrömenoe Flüsse ntit schwachen, nntragfähigen Brücken. Ein Geistesheroe, ein Mensch gewordener Prut mit dein ihn umrankcnden, ursprünglichen Wal- ״:Reformzionisteii" genau kontrolliert wird. Ein Schulbcispiel für einen solchen Fall ist gerade Adolf Böhm, man mit dem Spazierstock in die Wolken schlagen kann? Ein liebenswürdig lustiges, oberflächder ehemalige Präsident des zionistischen Zemralkomi- ן jjch,,-, bem Politisieren zugetanes aber gegentees, der trotz seiner persönlichen Integrität, seiner > ljtzer den Tiefen des Lebens gleichgültiges Volkhervorragenden, geistigen und organisatorischen Fähig- ׳׳Sgic j,cr Czeremosz ' brausend dahin strömt....!" ״Ja. bei diesem Hochwasser werden Sie den Leiten und unermüdlichen Tätigkeit, die Leitnnst nieder legen mußte, weil er den Akt der rituellen Beschnei düng an feinen Söhnen nicht vornehmen lassen wollte. Czeremosz'mit ׳Zille nicht'passieren können?' Und solcher Fälle kommen nicht selten vor. Nur daß. ״Geheintnisvolles Rauschen des Ezeremosz. man von ihnen nichts erfährt, weil cs nicht immer rc־ *!)tircf'Cn. 'י präsentative Persönlichkeiten sind, die sich religiösen!' ' ״- 011^ן WEitz cftbl man seht ilN Geboten trotz diversen Parteirucksichten nichr fügen'^j0״ ^ie Meeres»irchen " wollen. Ter Verfehlungen gegen das Rcligionsgesetz■־ TaUnikultur. ' Das Buchenland t!Nd seine gibt es gar viele: co die Mischehe, in welche eine Reihe.׳_ von hervorragenden Zionisten bereits eingegangen sind j Unliebsam verspätet. liebenswürdigen Leutchen vertragen das Tiefe, Sezierende nicht. Ter Baalschem hat den Hei-, matstaub von seinell Füßen schüttelit mit» nach Wolhynien answandern müssen. Nathan Birnbäum hat es keine Heimat bieten können. Non der Reise ermüdet sitze ich in Waschkowitz im Bahnhofsreftanrant im Halbichlnmmer. ״Ich bin Kellner", sagt ein vorübergellender junger Mann seinem Begleiter. ״.Kellner, bringen Sie mir ein Bier," rief ich ihm. mir den Schlaf noch ans den Angen reibend, nach. ״Bitte schön." wendet sich mir der junge Mann zu, ״Sie haben an eine falsche Adresse getroffen." ״Ich bin nicht Nestanrationskellner. Ich habe meinem Begleiter gesagt, daß ich .Kellner, will sagen ״Kellnerianer" bin. Es handelt sich um die Wahlen zur Ezernowitzer .Kulttlsgemeindc. Ta bin ich Anhänger Professor .Kellners und gegen Strancher...." .Kellner und Strancher oder wenn man will Strancher und.Kellner. Ein Trittes gibt es für den Bukowinaer Inden nicht. Es ist ihm selbstverständlich, daß es zwei Parteileadere geben muß. Ties nur von wegen des Politisierens, sonst könnte man ja nicht recht Politisieren. ״Es muß ja eine Opposition geben," versicherte mir ein älterer Herr, mit dem ich mich ilir Eisenbahnconpe selbstverständlich über Polilik unterhalte, ״aber wir haben nachgerade genug an Kellner.... Siegen wird er ja ohnehin nicht. Strancher bleibt unser Gesetzgeber... Ter Birnbäum aber war rein ein Störenfried. Er ist so rief und somesserscharf .... Er will noch gescheiter sein als Kellner und, der ist doch ein Professor,..." Ja, die Bukowinaer Inden sind gegen das Tiefe und Messerscharfe, die schneiden auch ihr Brot ans türkischem Weizen mit einem Zwirn und ohne Messer. Feingeglättete, lächelnde Oberfläche.... Liebenswürdig schmunzelnd spazieren die jüdischen Gesetzgeber im Bukowinaer Landtagsgebäude herum. Mit einem freundlichen Lächeln wissen sie Wassilko. dem Gewaltigen der Bukowina, mit dessen Namen die Bahnhofwarteräume voll bekritzelt sind, irgendein Konzessiönchen abzngewinnen. Man läßt die Bukowinaer Juden sich spreizen. Sind sie es doch, die trotz ihres zur Schau getragenen Nationaliudentums. vielleicht mir zur Nerdeutschnug der Städte beilragen. Für io ein kleines Ländchen ist es schon von Bedentniig und trägt mit zu seiner nationalen Physiognomie bei, wenn die Inden znm Teil deutsch sprechen, die jüdische Studenlenschast eine farbentragende ist. Ta sie znm Unterschiede von der galizisch-jüdischen Studentenschaft in. vielleicht gemachter, Strammheit dahergehen. Bnmmel machen und genügende Biengen t׳>erftensafl vertilgen, so können sie von hinten gesehen, kür Sölme Germaniens genommen werden. Einmal, in den letzten Jahren, geschah es, daß die Bnkowinaer Inden ans eine von außen importierte Aspiration hin. mit der Tradition brechen und tiefer greifen wollten, das Postulat einer nationalen Kurie anfstellten, haben aber damit Lchiffbrnch gelitten. Ich glaube der Wahrheit »alle zu sein, wenn ich beliaupte, daß man die Bi.kowinaer Inden deshalb zufrieden glaubt, weil sie den Fremden liebenswürdig anlächelit lind sich über ilire häuslichen Angelegenheiten nicht beklagen. Die Ethik der Propheten. Im Verloge I. L. L. Brnos in Minden erscheint demnächst im Rutnne» der detunnten Suminlnnst ״Weisheit der Völker", von Dr. Hnsto B e r st m u ,1 n ein Buch, ״Worte Moses" betitelt. Dos Blich soll an der Hund einer Auswahl uns dem Penruleuch in die Gednnkenivelt und die Willens ziele der Vrophrle» eiiiführeii. Wir ein-!lelnnen der Einleitunst des Boches jenen Teil, der, an die Episode des stvldenen Kaldes anknüpfend, die sittliche Streiiste der provdetiichen Ethik ivücöistt. Aiiinrrkniist der Redaktion. ....llnd nun sehen wir be» eifernde» Moses den Kampf für seine Idee ohne jede weichherziste Milde durchführen. ״Wer zu Gott itchl, der trete;11 mir!" Soeben erschienen: ״Hickls Jüdischer Volkskatender"׳