Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1913)
- Date
- 1913-08-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. »Jüdische Volksstira«e." Nr. 34. - wichtige und nicht zn unterschätzende Faktoren. Tenn schließlich muß der Augenblick kommen, der die Erkenntnis bringt, daß die Kleinarbeit, die Gründung von Miniaturkolonicn, Schulen usw. zwar vielen Reiz besitzt, jedoch ganz und gar nnausgicbig ist. Was ist cs damit getan, hundert Juden zu kolonisieren, während in der gleichen Zeit zehntausend voin amerikanischen Schmelztiegel verschlungen werden, der noch nie einen Inden als solchen zurückgab-, während ״daheim" im Osten Hundcrttauscnde von Juden täglich neuen Bedrückungen und rohenKränkungen ansgesetzt sind?! Mit anderen Worten: die Kleinarbeit mag unsere Kraft vor Erschlaffung bewahren, unser Interesse wachhaltcn und einer verschwindend winzigen Minorität auch Person-!ich zugute kommen׳, die Lösung jedoch ist der Charter, ist die Autonomie! Deshalb müssen wir die Vorgänge, welche sich heute im künftigen Indcnlandc abspiclcn, die Renaissance der Türfei und die Rivalität der beiden größten europäischcn Mächte wachsamen Auges verfolgen. Wenn man die Zioniftenkongressc durch ein Wort charakterisieren wollte, so wäre es unbedingt das Wort: Energie! Ein Zionistenkongreß ist gleichsam eine elementare Kundgebungen der ungeheuren, in unserem Volke schlnmmernden Energiemengen. Energie spiegelt sich von den größtenteils sorgegcfurchten, tl)pisch jüdischen Gesichtern;Energie spricht aus den begeisterten und zielsicheren Ausführungen der Sokolow, llssischkin, Tschlenow und der vielen andcrn, die im Glücke ihres Volkes ihr pcrsönlichcS Glück finden. In der historischen Erössnungsrede zum ersten Kongreß sagte Herz! zu den Delegierten: Cie legen heute den ersten Stein zu dem Baue, der einst unser Volk be- Herbergen soll. Nun sind schon manche Bausteine geschichtet worden, aber mit dem Baue wächst auch der Bauplan. Tie Delegiertcn, die hier aus allen Ländern der Erde zusammcntrcfscn, sind wohl von den verschiedensten und extremsten Uebcrzengungen durchdrungen. Sie alle folgten jedoch einem innersten Impulse, als sie hierher reisten, sie alle sind darüber einig, daß es eine große und hehre Sache sei, dieses Judentum, lind es liegt etwas Großartiges, Achtunggcbietendes darin, die patriarchalischen Gestalten der russisckfen Rabbiner neben den Kapländcrn, die bärtigen Juden aus dem Kaukasus neben den praktischen Amerikanern zu sehen, alle im Vcstreben, dem Judentum zu neuem Glanze und Glück zu verhelfen. So beginnt das Judentum sich aus seinem Dornröschenschlaf zn regen. Kaum hatte es die Augen aufgcschlagen, als cs sich wieder instink- Vater zu sich rufen und sprach zu ihm: ״Eben war ich im Himmel bei einer Verhandlung des ״Oberen Gerichts" lBeth-din schel malah), und dort hat man mir eine neue, erhabene Seele vcrliehen." Rach einigen Tagen genas sic. Seit jener Zeit begann sie sich ganz wie eine Mannsperson zu führe»; sic legte einen Talis- .^oton mit Ziziß an, bekleidete sich mit Talis und Tephilin und widmete sich ausschließlich dein Gebete und der Thora. Tie Verlobungspapierc (Tcnoiim »ließ sic ihrem Bräutigam zurückschickcn, sie entschloß sich nunmehr nicht zu heiraten, da sie dem Erdenlcben für imincr entrückt sei. Unterdessen starb der Vater der ״heiligen Maid" und hinterlicß ihr ein beträchtliches Vcrmögen. Sic ließ einen neuen Bcth-hantidrasch und an ihm eine aparte Klause bauen. In dieser Zelle hielt sie sich beständig aus, betete und studierte die Thora. Der Ruhm der ״Ludmirer Maid" verbreitete sich rasch nach allen umgebenden Städtchen und Ortschaften, und viel Volk, Frauen und Männer, wallfahrten zu ihr; auch Gelehrte und Rabbiner wanderten zu ihr. Jedoch zu sich hat sie niemand gelassen. Meistenteils saß sie in ihrer Klause bei offenen Türen, und die im angrenzenden Raume versammelte Menge lauschte ihrer Rede durch die offenen Türen. Bald erlangte sie den Ruhm einer Wundertiv nach den! alten, trauten Heimatlande umblickte, von wo es vor achtzehn Jahrhunderten in ein ungewisses Schicksal, ins düstere Mittelalter vertrieben ward. — Wir wollen und müssen den Weg zurückfindcn. Wir sind mit Palästina unlöslich verknüpft. Mit dem heiligen Lande wollen wir auch unseren jüdischen Glauben und den Glauben an uns selbst wiederfindcn. Wohl mag es eine Übermenschlichc Arbeit sein,, dem Jahrtausende brach-liegenden, ruinenbesätcn jüdischen Boden zu neuer Fruchtbarkeit zu verhelfen. Ter winkende Lohn jedoch ist herrlich und der größten Opfer wert. Vergesse ich dein, Jerusalem verdorre meine Rechte. L. Grünhut. Rumäniens Versprechen. (Eine änrcßunß.) Als die Vertreter der Großmächte auf dem Bcrliiier .Kongreß die Erhebung Rumäniens zum unabhängige» Staat proklamierten, knüpfte» sic daran zwei Bedingungen, die in den Artikeln 44 und 45 des Vcrtragcs vom 18. Juli 1878 nicdcrgclcgt sind. Der Inhalt des Artikels 45 ist für uns irrelevant. Artikel 44 aber besagt: ״In Rumänien darf der Unterschied der Ncligioncn und Bckeuntuisic niemand als Grund der Ausschließung oder der Unfähigkeit cntgegcngcsicllt tverden, insoivcit er den Genug der bürgerlichen Rechte, die Zulassung zu öffentlichen Acmtern, Funktoinen, Ehrcnstcllcn oder die Ausübung der verschicdenen Gewerbe und Industrien betrifft." Diese humane Bestimmung, so klar und unztvcidcutig sic auch die Forderung der Großmächte präzisicrt ist bis heute — wenigstens was die Juden anlangt — unausgeführt geblieben. Rumänien umging den zitierten Artikel, indem cs am 13. Oktober 1889 ein Gesetz erließ, das die Erlangung der rumänischen Staatsbürgerschaft fast unmöglich und de» Vertrag der Großmächte geradezu illusorisch machte. Dieses Gesetz legt nämlich fest, daß für jede Verleihung der rumänischen Staatsbürgerschaft an einen ״Fremden" ein eigenes Gesetz erforderlich sei. So kommt es, daß von fast 300.090 Juden Rumäniens kaum einige Hundert naturalisiert und somit vollwertigc Staatsbürger sind. Alle andere» sind ״Fremde" geblieben und sind so sclbstvcrstnädlich in der Wahl des Wohnortes, in der Ausübung und Wahl des Berufes sowie in ihrem sonstigen Leben durch allerlei oft sehr drückende Bestimmungen vielfach behindert. Die Bulgaren, Armenier und Griechen, die 1878 ebenfalls *״Fremde" in Rumänien waren, sind bereits sämtlich naturalisiert und bekleiden hervorragende Stcllen im rumänischen Staate, ihnen stehen alle Berufe tätcrin. Man sprach allgemein, daß sic in die Geheimnisse des Himmels und der Erde eiligeweiht sei und kranke gesund machen könne. Tatsächlich hat sie auch manche Patienten, die sich an sie gewandt haben, mit Gräsern geheilt. Allmählich bildete sich um sie eine besonderc Gruppe von Chassidim, die mau als die ״Ehassidim der Ludmirer Maid" bezcichnete. Sie beteten in ihrem Beth-hamidrasch, und an jedem Sonnabend zur Stunde der ״dritten Mahlzeit" versammelten sie sich, um ihre Predigt zu hören; die Worte der Rednerin gelangten zu den Hörern, die im Bethause sich aufhiclten, aus der benachbarten Klause, wo die heilige Maid sich isolierte. Die in der damaligen Zeit berühmten Zaddikim drückten ihre Verwunderung aus über die Erscheinung des neuen Kollegen im weiblichen Gewände. Manche suchten sie auf, nur um dieses Phänomen anzuschauen; sic nannte ja jeden derartigen Besucher beim Naiucn, sogar völlig Unbekannte. Doch schließlich haben viele Zadikim an ihr zu zweifeln angcfangen, sollte nicht vielleicht gar eine ״unreine Kraft" aus den Lippen dieses wunderbaren Mädchens sprechen? Manche dieser Zaddikim versuchten sie zu bereden, ihre bis herige Lebensweise auszngeben und in den Ehestand zu treten, doch sic mochte kein Wort darüber hören. Erst als der berühmte Zaddik R. offen und auch sonst genieße» die Angehörigen dieser Völker die gleichen :!!echte, welche für die :!iumänen gelten. Rur die Juden sind bis heute rechtlos. Wohl sind sic allen Pslichtc» unterworfen, müssen der Militär- Pflicht Genüge leisten und in viel höherem Maße als die Rumänen Steuern entrichten und doch wird ihnen ihre politische Gleichberechtigung vorenthalten, dennoch werben sie i'weraü zurückgesetzt und Wirb alles getan, um ihnen den Aufenthalt in Rumänien zu erschweren oder gänzlich zu verleiden. Roch mehr: diese Juden, die noch heute als Fremde gelten, leben bereits nicht weniger als 700 Jahre in Nuiiiänien. lind sie lieben dieses Land trotz aller Bürden, die es ihnen skrupellos aufcrlcgt, trotz der vielen Demütigungen und Erniedrigungen, trotz der vielen vlutigcn Verfolgungen und der ihnen entgcgcngebrächteil unverhohlenen Mißachtung, trotz dein offenkundigen Hasses und der nie erloschenen Feindseligkeiten, die sie stets von neuem bedrohen und ihnen ihr Leben verbitter». Ihre Söhne haben bereits in den Unabhängigreilskriegen Rumäniens mit Todesverachtung gekämpft und haben damals zu mehr als zwei Dritteln den Tod auf den Schlachtfeldern gefunden. Nicht weniger als 14.000 jüdische Soldaten haben auch an dem eben beendigten bulgarisch-rumänischen Feldzug teilgenommcu und dennoch wird den Juden ihre politische Gleichficllung vorenthalten, iverden sie nach wie vor als ״Fremde" mit scheelen Augen angesehen und als Bürger zweiter Ordnung behandelt. Die Bewohner der n e ugewonnenen Gebiete Rumäniens werden die rumänische Staatsbürgerschaft in Bälde erhalten, die seit beinahe einem Jahrtausend dort ansässigen Juden werde» trotz ihrer glühende» Vaterlandslirbe wieder Ire! ausgchcn! Wohl hat die rumänische Regierung noch vor wenigen Wochen durch den Finanzministcr Marghiloman offiziell erklärt, daß die Regierung bereit sei, den mobilisierien Soldaten ״alle tunlichen Erleichterungen zur schleunigen Erlangung der rumänischen Staatsbürgerschaft cinzuräumcn; aber ist solchen vagen Vcrsicherungen überhaupt noch zu trauen, angesichts des Verhaktcns der rumänischen Regierung zu den Bestimmunger des Berliner Vertrages? Und selbst dann, wenn dir Worte des rumänischen Finauzministcrs wirklich aufrichtig gemeint wären und ihre Bestätigung in der Erfüllung dieses Versprechens fänden, muß da nicht die Frage auftauchen, weshalb Rumänien nur den mobilisicrten Soldaten volle Gleichberechtigung gewähren will, nicht aber auch allen Juden Rumäniens, die im Falle einer Einberufung wohl ebenfalls ihre Pflicht erfüllt hätten? Oder ist gar'die Zufälligkeit der Mobilisierung ein entscheidendes Moment für die Eignung zum rumänischcn Staatsbürger? Wahrlich, man muß sich an den Kopf greifen, um sich zu vcrgewisiern, ob die von Marghiloman im rumänischen Parlament abgegebene Ertlärung nicht die Anschauung des Regenten irgendeines Motel Tschernobiler in sie drang ,diesen Schritt zn tim, stimmte sie zn und heiratctcte einen Rabbiner. Rabbi Motel — erzählt die Sage — soll über die Ludmirer Maid einmal gesagt haben: ״Wir wissen nicht, wessen Zaddiks Seele in dieses Weib wunderte, doch immerhin ist es der Seele dieses Zaddiks sicherlich nicht leicht, im Körper eines Weibes Ruhe zu finden." Auf dem Wege der Heirat wollte er nun die Seele dieses Weibes in ihren ursprünglichen, normalen Zustand zurückbringen. Doch es gelang ihm nicht. Ter Mann der Ludmirer Maid fürchtete sich, mit einer solchen Heiligen gcineinsam zu leben, und kurz nach der Hochzeit ließ er sich von ihr schciden. Sic ging dann eine zweite Ehe ein, die auch bald mit einer Scheidung endete. So blieb nun die Ludmirer Heilige eine Jungfer bis zu ihrem Tode. Allein schon nach ihrer ersten ״Verheiratung" schwand der Zauber von der Ludmirer Maid. Man kam nicht mehr zu ihr, um ״Wunder" zu erbeten, sie galt nun bloß als eine rechtschaffene Person, die gewissermaßen vom ״Heiligen Geiste" (Nuach hakodcsch) angehaucht war, wie sich einer ausgedrückt hat, der sie persönlich kannte. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte die Ludmircr Miad im Heiligen Lande. Böhmische Industrial-Bank-Filiale Kassen und Bureaus: BRÜNN, Großer Platz Nr. 26. Sämtliche Bank-, Bärsen-, Davisen- und Valuten-Geschäfte. fiUpethekarkreditE auf IndustriE-Unternchmungen, IllEchsEl-LskcmptE. Geldeinlagen gegen Sparbücher und in laufender Rechnung zur günstigsten Verzinsung. Eigene 472% Bankschuldverschreibungen emittiert auf Grundlage von hypothekarisch sichergestellten gesetzlichen Grund- Sätzen über die Pupillarität gewährten Darlehen, verzinsen sich bei gegenwärtlgem Kurse mit mehr als W/o. Kassen: Telephon Nr. 1243. Direktion: Telephon Nr. 1037. Korrespondenz: Telephon Nr. 13S8 Tretet der Sifotitfum gWIimSrtrfriTfifarf* M