Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1913)
- Date
- 1913-08-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite 4. ״Jüdische BoMstimme." Nr. 32. Ruffisch-jüdische Emigranten. Zeitig am Sonntagsmorgen des 27. Juli wurde ich zum Herrn Äultusvorsteher Eduard Löwy gebeten, um mich mit russischen Auswanderern zu verständigen und deren Angaben zu prüsen. Es waren wohl kräftige Männer, aus deren Zügen man Zuversicht auf eine bessere Zukunft, allein auch Angst und Verschüchterung lesen konnte.... Sie erzählten mir in russischer Sprache, datz sie mit mehreren Familien, die nicht den Nachweis zu erbringen vermochten, datz ihre Grotzeltern bereits in Rußland ansässig waren, von der Regierung ausgewiesen wurden und sich — da sie nicht die Geldmittel zur Beschaffung von Auslandspässen besahen — über die österreichische Grenze flüchteten. Ihre Hoffnung, datz man sie aus Czernowitz direkt nach den palästinensischen Kolonien befördern wird, wurde nicht zur Erfüllung, immerhin nahm sich ihrer der Abgeordnete Herr Dr. Straucher warm an und wurde auf dessen Inspiration eine Wohltätigkcits-Matinee veranstaltet, deren Ertrag zur Anschaffung von Wagen und Pferden für die Flüchtlinge verwendet wurde. Und so zogen sie gleichsam unseren Vorvätern in der Wüste von einem Ort in den anderen — von Czernowitz nach Kolomea, Stanislau, Sambor, Tarnow, Aralau, Bielitz-Biala, Olmütz nach Böhmen; über Prag—Pilsen kamen sie nach Sandau, wo Sabbathrast gehalten wurde und Sonntag morgens gelangten sie nach Eger, hoffend, datz es ihnen gelingen wird (wenn die bayrische Regierung ihnen den Durchzug gewährt), sich nach Antwerpen zuzuschlagen, von wo aus sie sich ein zuschisfen gedenken, um in das gelobte Land zu kommen. — In Gesellschaft des Herrn Kultus- Vorstehers Löwy und Chewravorstehers, Herrn Wilhelm Herrmann begab ich mich aus den Wirtshof des ״Erzherzog Stephan", wo die Emigranten Quartier für einen Rasttag aufschlugen und unserem Auge bot sich ein Bild des unsäglichsten Jammers: Dutzende in Lumpen gehüllte, aber auch halbnackte Kinder von allerlei Grützen lauerten sich auf Strohsäcken herum, Weiber, nicht viel besser ausstaffiert, machten sich zu schaffen, ein Mahl für das Völkchen fer tigzustellen und die Pferde, die den mageren Kühen im Pharaonischen Traum glichen, kauten schläfrig an dürren Halmen.... Die besagten Emigranten bestehen aus acht Familien und 39 Personen, die Familienhäupter dienten treu dem Zaren. So befragte ich einige nach ihren Generalien und notierte sie mir: MoseS Barasch 33 Jahre alt, geboren in Kiew, Spengler, Vn tcr von 6 Kindern, diente beim 38. Ludski-Regiinent in Sorok-Zerkow; Sisi Katz, 36 Jahre alt. Fatzbinder, Vater zweier Kinder, diente 5 Jahre als Kanonier in Bielo-Zcrkow usw. Es sind zu. meist Arbeiter, in den 20er und 30er Lebens jahren stehend. Von seiten des Herrn Kultus- und Chewra Kadischa-Vorstehers wurde alsogleich eine Samm lung veranstaltet und konnte in einigen Stun> den ein ansehnlicher Betrag den Emigranten cingchündigt werden; auch Wäsche und Kleider wurden ihnen in reichem Matze zugetragen. Sie!nutzten aber auch bald aufbrechen, dem Wirten des ״Erzherzog Stephan" sagte die Sensation nicht sonderlich zu. (״Ucberall ergeht es uns so! ächzten die Auswanderer, ״nur fort, nur fort heitzt cs.) Und schon nachmittags zogen sie nach Franzcnsbad, wo inan sich ebenfalls in Liebe ihrer annahm. Ege r, Ende Juli 1013. Oberkantor Wilkowitsch. Zionismus und Patriotismus. Von Rabbiner Dr. Adolf Altmann in Salzburg. nur ernst zu nehmende, überlaute Wo.rtpatrloten sondern auch ehrliche, überlegte, sachliche Gegner gegen den Zionismus erheben. Wir Juden sind nun einmal ein ehrlich dynastisch gesinntes und aufrichtig vaterlandstreues Element in den Staaten unserer Ansästigkeit und sind — was Wunder auch — ängstlich bedacht, unseren guten Ruf in dieser Hinsicht vor Mißkredit zu wahren. Der Zionismus wird daher gut tun, die Gegner auf Grund des in Rede stehenden Bedenkens aus dem erwähnten Umstande heraus zu beürteilen und sie Nicht vor den Kopf zu stoßen. Praktisch haben freilich die Bekenner, des Zionismus den Vorwurf des Neopatriotismus schon längst ad absurdum geführt. Die Jüdischnationalen. haben mit ihrem staatsbürgerlichen Beragen überall bewiesen, daß sie zumindest ebeno patriotisch denken und handeln, als ihre Gegner. Trotzdem spuckt es theoretisch noch immer in manchen Köpfen in der erwähnten Weise gegen den Zionismus. So wenig einwandfrei auch )er Zionismus in seiner heutigen Gestalt, gerade auch von der nationalistischen Seite aus!st, da er die Gefahr der historischen Verfälschung des wahren Begriffes vom jüdischen Nationalismus in sich schließt, indem er behauptet, män kann ein sehr guter Jude, Nämlich ein nationaler Jude ein, ohne auch nur im mindesten auf BäsiS von Tauru Weemunu zu stcheN, sü mutz er doch gegen den Verdacht des Nonpatriotismus in Schutz genommen werden. Gerade das konservative, trcng religionstreue Judentum ist hierzu verpflichtet. Hat es doch selbst die gleiche Anschuldigung über sich ergehen laste!! müssen und zugesehen, wie die radikale Reform, unseligen ANdenkens, über die Ausdrücke der heiligen Zions- Sehnsucht in unseren. Gebetbüchern hergefallen ist, weil sie, in verständnisloser Weise, das ״wesecheseNu eineiuu beschuwchu leziön berachamim" mit Unpatriotismus vcrlvechseltc. Es kann hier nicht meine Sache sein, mich zum Wortführer des Zionismus aufzuwerfen. Auch ist über die in Rede stehende Frage schon so viel geschrieben und gesprochen worden, daß jedes neu aufzuführende proüber kontra-Argumcnt vielleicht nur eiNV Däutologie ist. Was mich aber trotzden! veranlasst, in dieser Frage jetzt das Wort zu. ergreifen» ist dör folgende Umstand und Anlatz: Bei den Studien zu!!!einem Werke: ״Robert Häiiicrlings WeltanschaUuNtz ׳— ein Optimismus"*) bin ich auf ein überaus interessantes Poem des genannten ״ireüdeutschen Dichters" gestoßen, das in unserer Frage ein neues, bisher vielleicht denn doch noch nicht herangezogenes Argument zur Rechtfertigung des Zionismus liefert. Es betitelt sich: ״Vaterland und Mutterland"**) und sucht auf einer höchst originellen Art den scheinbaren Widerspruch und Zwiespalt zwischen deutschNationalein und treuösterrcichischem Denken und Fühlen zu widerlegen und die wohl mögliche Härn!onic beider Treue- und Licbe-Einpfilldungen zu veranschaulichen. Was aber für den österreichischen und dabei deutschempfindende!!^ Dichter gilt, hat zweifellos auch Anwendung auf die Frage der harmonischen Möglichkeit des österreichischen Patriotismus und jüdischen Nationalismus. Es braucht Nur überall statt des Wortes Deutschland ZlüN gesctz zu werden. Das wollen wir NUN im! und hier das Gedicht in dieser llmsoriiüiiig folgen lassen: Vaterland und Mutterland. Zion ist mein Vaterland! Und Oesterreich? ei, mein Mutterland! Ich liebe sic innig beide. Hat Vater, Mutter nicht der Mensch? Warum nicht so desgleichen Ein Vaterland, ein Mutterland, In Freuden und im Leide? Unter den mannigfachen Widerwärtigkeiten und Vorurteilen, die die zionistische Bewegung — soweit mir bekannt ist — seit ihrem Bestehen zu begegnen hatte, spielt die Frage des Patriolismus eine gar große Rolle. Kann man Zio- »ist und zugleich Patriot des Landes sein, dem man nach Geburt und Zuständigkeit mit Gut und Blut angehört? Kann man, ohne sich einer Unchrlichkeit schuldig zu machen, z. B. österreichisch nationalistisch und gleichzeitig jüdisch gesinnt sein? Ist cs nicht ein contradictiv inadjecto, zu behaupten, inan kann neben der öfterrcichischen Vaterlandsliebe noch eine zweite in der Brust hegen? So und in dergleichen noch mehr Variationen lauten die Bedenken, die nicht Mein Vaterland, ich lieb' es. Wie man den Vater liebt: Mein Mutterland, ich lieb' es. Wie man die Mutter liebt. In jenem wurzelt meine Kraft, In diesem treibt die Blüte: Von jenem Hab' ich Geist und Sinn, Von diesem das Gcmütc! *) Verlag: Mayersche Bnchhandlung, Salzbürg. **) Hamerling: Letzte Grüße aus Stifting- Haus, Lyrischer Nachlaß, Seite 3—4. (Herausgegeben von O. Linke, Hamburg v. D. A. G. 1894.) . Wenn ich denke, wenn ich sinne. Wenn ich dichte, wenn ich schaffe, Fühl ich mich als Sohn des Vaters, Sproß vom Makkabäerstamme, Aber wenn ich liebe, schwärme, Wenn ich jauchze, lache, weine. Bin ich meiner Mutter Sohn, Liege wie am Mutterbusen In dem weichen Schoß der grünen. Blumigen Heimaterde! Darum denkt nicht, fordert nicht, Datz von des Vaters starker Brust, Vom weichen Mutterbusen ich Unkindlich je mich scheide; Ich liebe dich, mein Vaterland, Ich liebe dich, mein Mutterland, Gott segn' euch alle beide!" NIEDERLÄNDISCHE LEBENSVERS1CHERUN OS-GESELL- SCHAFT, WIEN, I., ASPERNPLATZ I. im eigenen Palais. — Versichertes Kapital cirka 400 Millionen Reserven ci.ka 116 Millionen Kronen. — Billigste Tante, Mitarbeiter werden überall gesucht — Unser neuester Tarif mit 50/0 jänrlich fallender garantierte P Bmie, Genera -Agentur für Wien,!., AspLtnplatz 1, Leiter David Nebenzabl, Sub.Direktion für Prag, Ferdinand str. 20. neu, Leiter Rooeit Gerstel Sub. Direktion für Lemberg, Szajoucha 3. Leiter Lvb Taubes. General-Agentur ihr Kranau Nathan Rössner, St Sebastians 10, Generalagentur für Bielitz. Schlossgraben 9, Leiter Adolf Heiüing. Hauptagtntur für Brünn, Wawrastrasse 10. Leitar: Samuel Reiniger. Ktmdldiaii. (Sine überfallene Mische Deputation: Bagdadcr Juden haben, wie die Londoner ״Times" berichtet, ihren persischen Glaubensgenossen in Sudzudulak eine Thorarolle gestiftet und sie durch eine Selegation überreichen lassen: Die persischen Juden haben dieser Delegation einen feierlichen Empfang bereitet. Als sie ihnen cntgegenzogcn, wurden sie von Muselniancn überfallen und in einen heftigen Kampf verwickelt. Die Juden setzten sich energisch zur Wehre. Der Kampf hat so heftige Formen angenoinmen, daß es auf beiden Seiten tnchrcre mehr oder minder Schwerverletzte gab! Die Thorarolle wurde in Sicherheit gebracht. Der Bräutigam 75, die Braut 62 Jahre alt: Debreczen. Eine seltsame Trauung fand heute vor dem hiesigen Matrilclführcr statt. Der Bräutigam war de:78 ׳jährige Lehrer Lazar Kohut, die Braut war die 62jährige Witwe Frau Franz Ehrcnrcich. Das ״junge" Ehcpadr trat eine Hochzeitsreise nach Gyöngyös an. Massentauftiii stiew. Die crjte Folge der Einführung der Prozentnorm in der städiischen (von jüdischem Gelde erhaltenenj Handelshochschule war eine Äasientaufe jüdtscher Studenten. 80 jüdische Hörer, die durch das neue Gesetz vom tzandclsstudiuin verdrängt Ivurden, nahmcit die Taufe und bewirkten dadurch die sofortige Wiederausnahme in die Handelshochschule. Die Stadt darf sich zu einer solchen studierenden Jugend, die sie zu Trcubruch erzieht, gratulieren.... Dr: Julius Hfiier — Mitglied des Reichsgerichtes: Zum erstenmal seit dem Bestände des Reichsgcrichtcs wird ein Jude Mitglied desselben. Es ist dies Dr. Julius Ofner, der Abgeordnete der Lcopoldstadt. Das Amt ist ein Ehrenamt und wird vom Kaiser über Vorschlag des Parlaments für Lebensdauer verliehen. Eins Shmpäthiekuudgebuiig für Juden: Eine bemerkenswerte judensreündliche Demönstration erfolgte letzte Woche bei Eröffnung der Konferenz der Handelsangestcllten in Moskau. Die Moskauer Polizci bereitete natürlich den Juden, die an der Versammlung in Moskau tciknehmcn wollten, die allergrötzten Schwierigkeiten. Endlich, nach energischen Vorftellungen beim Premierminister Kokowzef, wurde eine beschränkte Anzahl jüdischer Teilnehmer zugelasien. Trotzdem wurden von etwa 50 dazu befähigten Delegierten nur etwa 20 von der Polizei zugelasien, eine Matznähme, die christliche Mitglieder der Versammlung derart empörte, datz sie zum Protest gegen die Willkür der Polizei ebenfalls fcrnbliebcn. Die Konferenz gab auf die antisemitischen Schikanen der Behörden die richtigc Antwort, indem sic den jüdischen Delegierten Günzbürg zum Vizepräsidenten wählte. Indem dieser für die ihm erwiesene Ehre der Versammlung dankte, dentctc er in taktvoller Weise feine Wahl dahin, daß die Versammlung durch dieselbe eine Sympathiekundgebung für die Juden habe veranstalten wollen. Auch lud er die Versammlung unter lautem Beifall ein, gegen die