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Jüdische Volksstimme · 1913-07-31 · Heft 31 (31.7.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 31 (31.7.1913)
Date
1913-07-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 ״Jüdische Volksstimme." Nr. 31. wenn nicht die in seinem Lager Stehenden nur einen winzigen Prozentsatz aller Juden umfassen wird. Darin liegt mit die Daseinsberechtigung des Misrachi, der darum auch von der Gcsamtorganisation im wohlvcrsiandcncn rein zionisiischcn Interesse gehegt und fortentwickelt werden sollte. Darum, ״Maschgiach", tue deine Pflicht in jedem einzelnen Falle! Zur! KaidwaiWrflnzbisäof »k. Bauer an dcn Rabbiner in Zwittau. Eine seltene Ehre wurde vor einigen Tagen dem Rabbiner der israelitischen Kultusgcmcinde in Zwittau, Dr. Felix Kanter, zuteil. Derselbe erhielt vom Kardinal Fürslcrzbischof Dr. Bauer in Olmütz ein von diesem hohen Kirchcnfürstcn selbst verfaßtes und eigenhändig geschriebenes Gedicht, dessen jede Zeile mit dcn Buchstaben des Namens des Rabbiners (Kanter) beginnt und also ein Achrostikon darsicllt. Dieses herrliche Gedicht erhielt Dr. Kanter als Dank für sein in klassischein Ncuhcbräisch verfaßtes Glückwunschschreiben an dcn Kardinal aus Anlaß seines SOjährigcn Priesterjubiläums. Die persönliche Bekanntschaft des Kardinals mit dem Rabbiner Dr. Kanter datiert seit einigen Iahren. Erzbischof Dr. Bauer ivciltc vor einigen Jahren in Zwittau, wo er den gelehrten Rabbiner, der sich durch schriftstellerische und wissenschaftliche Tätigkeit einen geachteten Namen erwarb, ivicderholt empfing und mit ihm wissenschaftliche und religiöse Gespräche führte, was in allen Kreisen angenehm aufficl. Als Kardinal Dr. Bauer vor ungefähr sieben Jahren in Zwittau zur Firmung cintraf, wurde er auch von einer Abordnung der israelitischen Kultusgcmcindc am Bahnhof erwartet und vom Vorsteher Fabrikanten Josef Stein feierlichst begrüßt. Die erste Frage des hohen Kirchcnfürstcn war . nach dem Rabbiner, der damals zum Leichenbegängnisse ' seines Schwiegervaters in Königsberg weilte und deshalb an der Deputation nicht tcilnchmcn konnte. Im folgenden Tage kehrte Kanter aus Königsberg zurück und begab sich allein zum Erzbischof, wo er mit ihm eine längere Unterredung hatte. Der überaus fleißige und gelehrte Rabbiner, der auch zu dcn eifrigsten Mitarbcitcrn der ״Jüdischen Volksstimme" gehört, scheint > aus den hohen Kirchcnfürstcn einen vorzüglichen Eindruck gemacht zu haben. Dies beweist das Gedicht, das der Kardinal zu Ehren Dr. Kanters verfaßte. Der Seltenheit wegen sei das Gedicht hier wiedergcgcben: rr ir כל איטר תעשה אלה״ם מלך העולם שהבל עדדה בדברו יב־כךו £3וב טובים ויטלום :צח י־דו על ראשך ועל ריאיטי ילדיך. Die Anfangsbuchsiabcn ergeben dcn Namen des Rabbiners!Kanter). Es ist dies eine seltene Auszeichnung, ivic sie einem Rabbiner von so hoher kirchlicher 2-ite vielleicht niemals zuteil wurde.*) *) Anmerkung der Redaktion: Auch wir freuen uns über diese hohe Auszeichnung unseres geschätzten Mitarbeiters.!wir ersehen daraus, daß sein titcrarftches Wirken überall Anklang findet, ivas wir diesem fllißigen Rabbiner vom Herz.» gönnen. lvill, viele jüdische Familien, die ihr Leben in einer Woche mit weniger wie einem Pfund Sterling (20 Mk.) fristen. Niemals habe ich aber in diesen Familien eine Vernichtung der Moral, des Charakters, der Personlichkcit durch die Armut beobachtet. Entweder kennt Mr. Webs das ganze Leben nicht genau, oder die jüdische Armut entzieht sich dem Urteil der christlichen Soziologen. Das Judentum ist nämlich viel mehr eine Religion für das ganze Volk wie das Christentum. Ein Beweis dafür ist die jüdische Nüchternheit im Ghetto, lvährend in den christlichen Armenviertcln die Trunksucht sich spreizt." Eine andere Zeitung, die auf Zangwills Artikel cingcht, fügt hinzu: Die jüdische Nüchternheit läßt den armen Mann nicht bis in dcn Sumpf fallen. Ein jüdis scher Armer ist imstande, sich mit dcn Phantasicgcbil- ' dcn seiner Thora und seiner Propheten zu erheitern, Gedanken und Hoffnungen, die ihm die bitterste Armut nicht rauben kann. In Ncwyork, sagt der Artikclschrciber, habe ich einen Rabbi gesehen, der dcn ganzen Tag auf seinem Karren Obstzum Verkauf herumgcführt hat, und als der Abend kam, zog er sich in sein friedliches Heini zurück und verbrachte die halbe Nacht mit Lcrncn der Thora. Zaügwill über jüd^che Anmu. London ist in 20 Stadtbezirke cingctcilt. Jeder Bezirk bal siir sich die Armenfürsorgc zu leisten, lieber die Jnanspruchnallmc der öffentlichen Anstalten für Armcnsürsorgc wird eine genaue Statistik herausgcgcbcn. Vorige Woche kam der Rechenschaftsbericht über dcn Monat Juni heraus. Nach diesem haben sich im Juni 00.253 Menschen um Hilfe an die Arincnfürsorgc ge- Ivandt, darunter etwa 12.000 Kinder unter 10 Jahren. Dabei betont der Bericht, daß die Lage in diesem Jahre im allgcincincn eine bessere lvar ivic in der gleichen Berichtszcit des Vorjahres. Nur in drei Bezirken hat sich die Armut vermehrt, im Ghetto (Eastcnd) und in zwei anderen, hauptsächlich von »ichtjüdischcn Armen bcivohnicn Bezirten. Dabei ist die Armutsvcrmchrung im jüdischen Bezirk so groß wie die der beiden anderen Bezirken zusainmcngcnommcn. Zangivill nun Hai nach Erscheinen des Berichtes zu der Frage der jüdischen Armut in einem Zcitungsartilcl Stellung genommen, in dem er folgende interehantc Ausführungen macht: ״Bei dcn »ichtjüdischcn Armen wirkt die Armut zuallererst aus die Moral und dcn Charakter der Unterstützten und zerstört die Persönlichkeit im Menschen. So wenigstens schreibt einer der besten Sozialpolitikcr Englands, Mr. WcbS. Dagegen kenne ich, schreibt Zang- Vertvaltrmgßrelormen in Palästina. In der ״Jerusalemer Warte" berichtet ein angesehcncs Mitglied der Jaffaer deutschen Kolonie, Herr Fabrikant G. Wagner, über die Ergebnisse der jüngsten Inspektionsreise des Gouverneurs von Jerusalem, Madschid Bey, durch seinen Verwaltungsbezirk. Herr Wagner hatte dcn Gouverneur auf seinen Fahrten in der Umgebung von Jaffa begleitet und schreibt darüber unter andercni: ״Uebcrall, wo Madschid Bei) hinkam, besuchte er zuerst die Schulen, auf deren ordentlichen Betrieb er anscheinend, als ehemaliger Lehrer, großen Wert legt. Ein weiteres Sorgenkind sind ihm die Landstraßen, die sich meist im argen Zustande befinden. In Jaffa galt einer seiner ersten Besuche dem Internationale» Sportverein, für dessen Bestrebungen er sich lebhaft intercssicrt. Die Fragen, die ihn in Jaffa hauptsächlich beschäftigtcn, sind folgende: 1. Zehnten der Orangcngärtcn in der Umgebung Jaffas. Die Betriebskosten sind bei diesen Gärten ohnedies sehr große und sie können mit dcn zehntfreicn Gäricn des Stadtbezirkes Jaffa kaum noch konkurricren. Eine Versammlung unter dem Vorsitze des Gouvcrneues beschloß, die Zcntralrcgicrung zu bitten, entwcder wie in Saida dcn Zehnten auf die Hälfte zu ermäßigen, oder noch besser, einen festen Satz von 50 Goldpiastcrn pro Dunam an Stelle des Zehnten zu erheben. 2. Auf Antrag des Jaffaer Zolldircktors trat der Gouverneur bei der Zcntralregicrung für die Errichtung eines neuen Zollamtsgcbäudcs ein, da das vorhandenc in keiner Weise den Bedürfnissen genügt. 3. -Auch für dcn Hafen von Jaffa interessiert sich Madschid Bey und betrachtet ihn als Lebensfrage für die Provinz. 4. Der lange schon im Bezirk gehegte Wunsch, daß das Mutassariflik Jerusalem zum Wilajct und Jaffa zum Mutassariflik erhoben werden möchte, tvird vom Gouverneur ebenfalls unterstützt. 5. Der Bezirk Jaffa init seinen zirka 120.000 Einwohncrn hat bloß einen Gerichtshof für Straf-, Handels- und Zivilprozcsse. Tic Folge ist, daß er die große Arbeit nicht bewältigen kann und Bagatellsachen sich Jahre hinziehcn. Auch hier lvurdc versprochen, auf Ab- Hilfe hinzuarbeitcn. Ter Gouverneur besuchte auch einige jüdische Ackerbaukolonien sowie die deutsche Kolonie Wilhelms. Aus die Klagen der Kolonisten über dcn schlechten Zustand der Fahrstraßen erklärte der Gouverneur, daß! eine Abhilfe darin von jetzt an viel leichter sein werde! als bisher, da alle Straßen, mit Ausnahme der großen Reichsstraßcn, in das Budget der Provinz aufgcnommen werden können, das dann nur noch als Ganzes * der Sanktion durch großhcrrlichcs Jradc bedürfe. Er! betrachte den Straßenbau als eine seiner wichtigsten Aufgaben. Im lausenden Jahre allerdings, dem crslcit ' des Bestehens des Gencralrates der Provinz und der erweiterten Befugnisse der Provinzbchördcn können nur mehr vorbereitende Schritte getan werden. Im nächsten Jahre aber soll mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden. In der weiteren Unterhaltung erzählte Madschid Bey von vier Tscherkcsicnkolonicn, die er früher im Wilajct Erscrum gegründet hat und meinte, daß die Türkei in der Hauptsache ein Agrarstaat bleiben müsse." Herr Wagner schildert dann den Besuch des Gouvcrncurs in der jüdischen Kolonie Pcthach-Tikwah und fährt dann fort: ״Die Besucher verabschiedeten sich von dcn liebenswürdigen und gastlichen Kolonisten und entfcrntcn sich in nordöstlicher Richtung, um eine vor kurzem am Audschaflusse von jüdischer Seite eingerichtete Bewässerungsanlage zu besichtigen. Ihr Zweck ist, die in erreichbarer Nähe gelegenen Orangcngärtcn im Sommcr mit Flußwasser zu versorgen und die Aufstellung von Motor, und Pumpe in jedem einzelnen Garten zu ersparen. Die hübsche und praktische Anlage macht dcn Jingcnicuren, die die Aufstellung leiteten, alle Ehre. Hübsch ist das Maschinengebäude, das aus Eisenbeton mit ganz dünnen, aber doch äußerst haltbaren Wänden hcrgcstellt ist und mit seinen großen Fenstern und dem zierlichen Zinncndach fast den Eindruck einer kleinen Villa macht. Der Leiter des Unternehmens, Herr Bezalel Jaffe, machte in liebenswürdigster Weise den Wirt und gab alle gcioünschten Aufklärungen." Eine Rundfahrt durch das jüdische Stadtviertel Tcl-Awiw beschloß die interessante und alle Teilnehmer befriedigende Fahrt. Kuncll'ckau. Rumänien und die Juden. Rumänien hat mobilisiert und zieht in den Krieg. Die rumänischen Inden gehören in'großer Zahl der Armee an; man spricht von dreißigtaufend; viele schrieben sich auch freiwillig ein. Die Großrabbiner Dr. Beck und Dr.Nicmirower in Bukarest hielten patriotische Reden, die Union der einheimischen Juden, geführt von Stern, Erdreich, Beck, Niemirower, Salomen, Labin und Wachtel u. a., stellt der Armee eine Ambulanz zur Verfügung. In Bukarest, Jassy, Galatz und anderen Städten errichten die Juden Hospitäler für die Verwundeten. Blank, Elias, Stern, Cohen. Beck, Niemirower, Breier, Silberftein, Schapira, Schwarz, Banberger, Staudecker u. a. leiten in verschiedener Weise ein Hilfswerk für die Familien der Soldaten ein. Tie Doktoren Niemirower und Nacht erlassen patriotische Manifeste an die Zionisten. Die Inden machen jetzt keine Politik, sind auf der Höhe ihrer Mission. Wie wird sie Rumänien diesmal belohnen? Ein neues jüdische Stadtviertel in Jerusalem. Jerusalem. Ein reicher jüdischer Kaufmann in Kalkutta, Josef Abraham Schalom, hat in Jerusalem ein grögcrcs Terrain erworben, auf dem er 24 Wohn- Häuser erbauen läßt, die armen spaniolisch-jüdischcn Familien zu je dreijähriger unentgeltlicher Benutzung überlassen werden sollen. Außerdem erhält jede Familie 1000 Mark jährlich unter der Bedingung, daß die Manncr in der zur Erinnerung an dcn Stifter zu gründenden Jcschibah ״Porath Joseph" täglich dem Thorastudium obliegen. Das Bautcrrain kostet 130.000 Fcs., die Kosten des Häuscrbaues sollen sich auf etwa 250.000 Frcs. belaufen. Aach einer Mitteilung der Jerusalemer Zeitung ״Hachcruth" hat Herr Schalom in der Kalkültacr Filiale der Baut of England anderthalb Millionen Franken für palästinensische Wohlfahrtszlvecke deponiert. 40 Prozent der Zinsen sollen zur Erhaltung des genannten Stadtvicrtcs und 5 Prozent für das jüdische Hospital in Hebron berivcudet werden. Die Verwaltung des neuen Stadtviertels besteht aus dcn Herren: Aissim Eljaschar, Elia A. Sasson, A. CH. Valero und Nissim Nachum. Tie Aushebung des Schächtverbotes in Finnland. Auch in Finnland ist jetzt das Schächtvcrbot aufgehoben. Die Verordnung darüber hat folgenden Wortlaut: 1. In Finnland wohnende Juden und Mohammcdaner dürfen Haustiere nach jüdischem und mohamluedanischcm!intus schachten mit der Bedingung, daß nachstehende Vorschriften beobachtet werden. 2. Das Schächten soll ausgcsührt werden von einer hierfür speziell ausgcbildctcn, von der zuständigen Behörde anerkannten Person, die zugegen sein muß, bevor das Tier gebunden tvird. 3. Das Tier soll mit weichen, nicht zu schmalen Riemen oder Stricken gebunden werden und muß unmittelbar möglichst vermittels der Anwendüng eines für diesen Zweck konstruierten Apparates auf eine lveichc llnicrlage umgeworfcn werden. Das Umwerfen mutz schonend vorsichgchen, so daß der Kops nicht am Boden anschlägt und dem Tiere kein Schaden zngcfügt wird. 4. Der Halsschniit soll sofort nach Umwcrsung des Tieres und mit einem möglichst scharfen Messer ausgcfithrt ivcrdcn. Dcn Kopf des Tieres soll man gestreckt halten, bis der Tod cintritt. Das Los einer Getauften. Charakteristisch für die Zwangstaufen in Galizien ist die folgende Annonce, die vor einigen Tagen in einer Krakauer polnischen Zeitung zu lesen war: ״Ein junges, intelligentes, gctauftos Mädchen, das von ihren Eltern verstoßen wurde, befindet sich ohne jede Subsistenzmittel, j Es bittet um irgendeine Arbeit, damit es nicht

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