Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1913)
- Date
- 1913-07-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische BolkSstivnne/ Nr. 3t. der wird aus diesen paar Schlagworten viel entnehmen können, der wird mit der neuen Leitung zufrieden sein. — In! übrigen wird Die breite Oeffentlichkeit, wie mir seinerzeit Dr. Max Nordau schrieb, alles zur gelegenen Zeit von der zionistischen Diplomatie erfahren. Ter eiste Zionistcnkongrcs; hat große Auf-, gaben zu erfüllen, er soll zunächst eine moralische Demonstration großen Charakters, dann aber auch ein Arbeitskongreß sein. Der Kongreß soll uns ein klares Bild des bereits geleisteten vor Augen führen und zugleich das Sprachrohr der ganzen Bewegung sein, er soll seinen Clou, seine Sensation haben, er soll das Vorhandene bestätigen oder auch verwerfen, ein Klarer der Meinungen fein, ein Nichtgeber und Wegweiser, ein Spiegelbild des gegenwärtigen Standes der Organisation sein. Der Kongreß soll unsere Jugend der Welt im richtigen Lichte zeigen, er soll denionstrieren, daß je mehr einer Europäer wird, ein desto besserer Jude kann er sein, er soll der Welt unser neues Leben, unsere jungen Makkabäersöhne vor Augen führen, die wert sind, den großen Zionsgedanken zu repräsenticrcn und ihn der Verwirklichung näher zu bringen. Der elfte Zionistenkongreß wird auch ein Arbeilskongreß sein, und hier nröchte ich nur einige Probleme herausgreifen, die den Kongroß beschäftigen werden. Es sind dies: ״Die lebten Umwälzungen in der Türkei und die Folgen für den Zionismus", ״Die Gründung einer Universität in Jerusalem", ״Weitere Ausgestaltung des Agrar- und Kreditwesens in Palästina" und ״Das Verhältnis zwischen Religion und Zionismus". Angesichts des starken Anwachsens der ״Misrachi" und der ״Agudas Jisroel" wird dieser Punkt gewiß auf die Tagesordnung am Kongresse kommen. Aber auch die Golutharbcit darf nicht vernachlässigt werden, wiewohl wir uns dessen bewutzt sind, daß alle 3tegenerationsvcrsuche in der Diaspora naturgemäß Stückwerke bleiben, weil die allgemeine Entwicklung uns an einem nationalcn Auslcbeir hindert. Eine äußerst wichtige Golutharbcit ist die Erziehung der Jugend, die heute sehr aktuell ist, dann die Lenkung des Auswanderungsftromcs vom Westen nach dem Osten, die Eroberung der Äultusgemeindcn, die dann den Herd der zionistischen Bewegung im Goluth abgeben würden. Mit Eroberung der Kultusgemcindcn könnten wir alle Goluthprobleme, wie Erziehung, Schule usw. lösen. Tie tiefen Massen des jüdischen Volkes, welche in stuinmcr Ergebenheit ihr lcidvollcs Leben fristen oder in cnergieverzehrcnden Kamstiegen war. Er schickte solche Nachzügler immer mit der Bemerkung fort, daß der Sabbath bald ״eingeht", sie mögen doch zum Gojimbäcker (Christenbäcker) gehen. Wenn er nun seinen Backofen vollgepackt hatte, begann er ein wenig aufzutaucn und redselig zu werden; er freute sich seines vollendeten Werkes und rieb sich vergnügt die schwarzgetvordcncn, mageren Hände. Einige überinütige Mägde, die sich mit Berl gern einen Scherz erlaubten, fingen ihn zu hänseln an: warum er, ein so schön gewachsener Mann, Junggeselle geblieben.!1 ׳ ins Die Stcinbank zu den Mädchen und begann von seiner goldenen Jugend, von seiner ersten, aber unglücklichen Liebe zu erzählen. ״Ihr habt sie nicht mehr gekannt," begann er, ״meine gottselige Channc," und ein tiefer Seufzer entrang sich bei diesen Worten seiner Brust. ״Acht Tage vor der Chassinc (Hochzeit), war es, da brannte es in der Gasse; beim Rosch Hakohol (Gemeinde- Vorsteher) wütete das Feuer am ärgsten, und das einzige Töchterchen von diesem war in Gefahr, zu verbrennen; meine Channa hat das Kind gerettet, aber sie selbst hat so schwere Brandwunden erlitten, daß sic nach drei Tagen ihre Neschome (Seele) aushauchte." (Fortsetzung folgt.) Pfen aus der Gefangenschaft zur Freiheit streben, sollen in Palästina ein Auswanderungszentrum finden, sollen dort national ausleben. Freilich stehen uns noch heute recht viele Schwierigkeiten im Wege: Bodenankauf, türkische Miß- Wirtschaft, . Indolenz unserer Geldmagnaten, Verleumdungen, räuberische Ueberfälle von seiten der Araber-Doch das sind nur vorübergehende Nebelgebilde. Titus und Hadrian, dann die Päpste, dann das Kalifat, das katholische Spanien, der Liberalismus, die Assimilation, der Antisemitismus — ohnmächtige Wellen, welche kamen und gingen. Und so gehen wir unbeirrt unseren Weg, den Weg der tausendjährigen Sehnsucht: ״Dem Volke ahne Land, das Land ohne Volk." Wohin steuern wir? Die Periode des politischen Nationalismus, jedenfalls die ungesundeste im Zionismus, scheint nun cndgültig vorbei zu sein. Der frische Zug, der von unserer jetzigen Berliner Leitung in das Parteigctriebe gebracht wurde, hat allenthalben Antlang gesunden. Kurt Blumcnfcld hat aus seinen Reisen überall daraus hingewiesen, daß die nationale Arbeit viel intensiver und aus einer viel tieferen und lebenswahren Grundlage aufgebaut werden müsse. Wie es scheint, ist man aber bisher den vielen Fragen, die Blumcnseld aufgeworfen hat, nicht näher getreten und will ihnen offenbar nicht nagcrtrctcn. Nachdem wir aber die Periode des unfruchtbaren politischen Nationalismus, dessen Vertreter noch immcrhin während der Liongrcßbcratungen sich melden werden, überwunden hatten, gingen wir an die ״praktische" nationale Arbeit. In dem Schlagworte scheint das ganze Unheil zu liegen, das unsere wirkliche nationale Arbeit hemmt. Es ist, als ob nach dem Tode unscrcs großen Führers der Idealismus aus den zionifrischen Reihen geschwunden wäre. Während wir also nach seinem Tode gegen die Verflachung seines Ideals, dem nur er, der Kraftvolle, sich schöpferisch hingeben konnte, kämpften, kamen wir in das Fahrwasser eines alles rein Nationale zerstörenden Nationalismus und Nationalismus. Gewiß! Wir müssen praktisch sein, will sagen, wir müssen uns mit realem Zionismus besaßen, um uns unserem Ziele zu nähern.. Das bedeutet aber noch nicht, daß wir in der Erfüllung der unmittelbaren materiellen Bedürfnisse der zionistischen Bewegung unsere höchste Befriedigung finden. Ohne die Gelder könnte nichts geleistet werden, was der Tag und die Zukunft verlangt. Aber diese Gelder müßten mehr durch freiwillige Schenkungen als durch Sammlung aufgebracht werden. Die Rubrik Selbstbestcucrung müßte den Sammlungen zumindest die Wagschale halten. Das Spenden und Schenken für den Zionismus muß ein inneres Bedürfnis, muß Herzenssache werden und nicht bloß von dem Zwange, der durch eine Sammlung mehr oder weniger ausgeübt wird, herrühren. Es wäre weit gefehlt, wenn man mich hier mit dem EiMvurf zu treffen glaubte, daß cs nicht auf die Art, sondern auf die Höhe der Spenden ankommt: Zunächst fällt der äußere Anlaß, die Sammlung weg, dann fällt auch die Spende weg; aber eine Schenkung, die einem ein Bedürfnis geworden ist, die man aus Liebe für die Sache macht, wiederholt sich auch dann, weiin der äußere Anlaß wegfällt. Wenn ich also oben von der Befriedigung der unmittelbaren Bedürfnisse des Zionismus sprach, hat das eben sein Bewenden darin. Wenn wir den Gegenstand unserer Liebe heute und morgen beschenken, dann lverden wir ihn auch in Zunkunft beschenken. Darauf kommt cs hier an. Und wie die Liebe aus uns einen anderen Menscheu macht, so mutz auch der Zionismus, die Zionsliebe, aus uns einen anderen Menschen machen. Sie muß der Mittelpunkt werden, von dem alles und jedes abhängig ist, ein lebendiger Herzrnsdrang nach der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes, nach einer freien, dach seiner Eigenart entsprechenden Entwicklung auf allgemein menschlichen Grundlagen", wie Achad Haam sagt. Hier zeigt es sich auch, wie tief die Kluft ist, die sich zlvischcn uns und dem kleinen Häuflein der ״Alljuden" austut. In dem ersten Heft der ״Freistatt" verkündete deren einer, daß ein Fehler unscrcr KownisationSpoiitik darin läge, daß loir nicht mit den aus allen Berufen Verstoßenen, mit den minderwertigsten Elementen unsere Kolonien besiedeln. Sie wollen nur erhalten und alles im Judentum stützen,!vir!vollen aber bauen. Doch nicht nur Häuser und Schulen wollen wir bauen,!vir!vollen auch neue Menschen darin erziehen. Zu diesem Zwecke brauchen wir die Gymnasien und die Universität in Palästina. Sie haben die Aufgabe, auf dem alten jüdischen Boden, mit jüdischen Mitteln neue Menschen aufzuzichen, die nicht nur stark an Körper und Gciit, sondern auch stark im Herzen und an Willen ins Leben treten; an jenem Willen, der ihnen die Kraft verleiht, dieses jüdische Herz, diese alles umspannende Zionslicbe, die Wahrheit und Gerechtigkeit das ganze Leben hindurch hochzuhaltcn und wieder auf ihre Kinder zu übertragen, auf daß er in ihnen noch stärker ivirlc. Das bedeutet die Ueberwindung des Goluth; das bedeutet die Renaissance des Judentums. — Dieser Prozeß ist eine Arbeit von Generationen, der sich aber vollziehen wird und muß auf jüdischem Boden, in Palästina. Und wir? Dürfen und können wir Juden außerhalb Palästinas, wenn von unserer Zionsliebe alles und jedes abhängig ist, diesem Werdegang untätig zuschcn; etwa nur die Rolle der Förderer spielen? Diese Kristallisation der Volksseele, sie muß auch bei uns unisichgreifcu. Wir müssen es so wollen. Wenn uns auch das befruchtende jüdische Milieu fehlt, wenn uns auch der schöpferische Einfluß der cigeneu Sprache mangelt, — haben wir doch das Leben. Das vielgestaltigezerklüftete und doch — wenn man will — das harmonische Leben. Es liegt in unserer Hand, den Zionismus zu leben und zu erleben. Während das Erlebnis des Zionismus immer doch nur den tiefer Veranlagten vorbehalten bleiben wird, muß das zionistische Leben Allgemcingut aller Juden, denen die Erhaltung ihres Volkes am Herzen liegt, werden. Unsere nationale Arbeit der nächsten und aller Zukunft inuß in allen Teilen in der nationalen Erziehung gipfeln; in der Erziehung zur Zionsliebe.. Die Mittel und Wege hierzu sind mannigfach. Das einfachste aber ist: jeder strebe in allen Lebenslagcn gerecht, wahrhaft und offen zu sein und immer zunächst sein Herz und dann erst seinen Verstand zu!)late zu ziehen. Dann sind wir am besten Wege nach — Zion. W. K. Die Tagesordnung. Zum elften Zionistenkongreß. Zionistische Tagungen und Versammlungen und die jüdische Presse in allen Teilen unserer Monarchie sowie auch in Deutschland haben Resolutionen gefaßt, in denen sic mit mehr oder minder Entschiedenheit, alle aber mit immer wachsender Dringlichkeit von der Leitung der zionistischen Organisation die endliche Betanntgabc der Tagesordnung des elften ZionistenkongrcsseS verlangen. Man muß gestehen: cs ist seltsam, zumindest unverständlich, daß die verschiedenen Festakte und sonstigen Nebcnvcranstaltungen samt detailliertem Programm schon seit Wochen festgesetzt sind, dagegen bis heute die Tagesordnung des Kongresses der jüdischen Oeffentlichkcit hartnäckig vorcnthalten wird. Daß diese Unterlassung überall unverhohlene Mißslinimung erregt, wird begreiflich, wenn man bedenkt, daß die Delegierten oft von weit Herkommen und auch mit ihren Wählern betreffs der einzelnen zur Ver- Handlung stehenden Fragen oft Rücksprache nehmen und eventuell auch Direktiven erhalten müssen. Aber auch noch aus taktischen Gründen ist die Verzögerung in der Bekanntgabe der Tagesordnung nicht gutzuheißen. Es haben sich bis -nunzu aus dem Wust von ״Fragen", die in den letzten zwei Jahren die zionistische und sonstige jüdische Oeffentlichkeit beschäftigtcn, einige Probleme herausgeschält, die ganz gut zur Diskussion vor dem Kongreß hätten gestellt werden können, damit sich die Meinungen noch vor den endgültigen Beratungen und Entscheidungen klären und nicht Zufallsstimmungen und Ueberrumpelungen für die weitere Entwicklung der zionistischen Organisation Böhmische Industrial-Bank-Filiale Kassen und Bureaus: BRÜNN, Großer Platz Nr. 26. Sämtliche Bank-, Börsen-, Devisen- und Valuten-Beschöfte. fiupothekarkredite aus Industrie-Unternehmungen, fflechsel-Eskompte. Geld inl&gea gegen Sparbücher und in laufender Rechnung zur günstigsten Verzinsung. 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