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Jüdische Volksstimme · 1913-07-31 · Heft 31 (31.7.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 31 (31.7.1913)
Date
1913-07-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^WMD»WWWM«DWWW XIV|2. Jahrg. Nummer 31 Erscheint jeden Donnerstag. m- Wische UMsstiMk. -m A-—--— . ■■■ ״ , -;—. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.2V ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Rußland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die tzspaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm» Leipzig. Geschäftsstelle. Wien: ]., Rotenturinstraße Nr. 31. Pojlspurkaiiakonto •Jlr. 312.842. Telephon 3U09/V11I• Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. -Ä Brünn—Budapest. Wien 31. Juli 1913 "lwl26 ׳ Tamus 673״. Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Majer Reiser, Czeruowitz: Beitrag zum elften Zionistenkongreß. — M. Reinhardt: Bert der Bacher. — Wohin steuern wir? — Tie Tagesorduung zum elften Zionistenkongreß. — Aron Schwerts! nger: Theodor Berzl. — Gedenkfeier für Theodor Herzl f. A. in Wien. — Tie Misrach:. — Cardinal Fürsterzbischof Tr. Bauer an den Rabbiner in Zwittau. — Zaugwill über füdischc Armut. -- Verwaltungsresorm in Palastina. — Rundschau. — Korrespondenzen. ־ - Tic Bedeutung des Magen David. — Tie Rot- Wendigkeit einer Zeitschrift für die jüdische In gcnd. — B. Nippel, Czeruowitz: Politiker. - Tr. M. H. Friedländer: Cers Beer und seine Zeitgenossen. — Literatur. Beitrag zum 11. Zionistenkongreß Von Majer Reifer, Czernowitz. Allmählich rückt die Zeit heran, wo in der gewaltigen Metropole unserer Monarchie, in der Geburtsstadt des realen Ziongedankens, in der großen Weltstadt Wien der elfte Zionistenkongreß tagen wird. Das gesamte jüdische Leben des Ostens — soweit es jüdisch denkt und fühlt — beginnt sich stärker zu regen, große Vorbereitungen werden überall getroffen, imposante Agitationsoersammlungen veranstaltet, überall Vertrauungssitznngen abgchalten.-Das Volk wird begeistert, hingerissen kraft der Macht des Wortes, es beginnt sich zu interessieren für jüdische Angelegenheiten, es beginnt über einzelne zionistische Probleme nachzndenken, zu grübeln und zu diskutieren. Es tauchen dabei verschiedene Fragen ans, die jeder auf die Tagesordnung des Kongresses gesetzt wissen möchte. Das jüdische Volk setzt sich ans verschiedenen Lchatticrungen mit verschiedenen Ansichten zusammen, was auch naturgemäß recht viele Probleme Hervorrufen muß, zumal jeder mit seiner Weltanschauung am Kongresse vertreten sein möchte. Aber auch einen Ton der Unzufriedenheit mit der jetzigen Leitung der zionistischen Weltorganisation wird von mancher Seite vernommen, eine M i ß st i m m n 11 g macht sich bemerkbar, ja, sogar eine offene, dabei aber auch sehr energische Opposition tauchte in den letzten Tagen in unserem Lager auf, eine Opposition, die hinter sich die Palatine Herzls hat, die Koriphäen des Zionismus und somit auch die des Judentums. Diese Männer schreiten ganz in den Fußstapfen Herzls, sie sind ein wenig konservativ, sie vermissen bei der neuen Leitung die große Diplomatie. Kein Wunder also, daß die jetzige Leitung an den ״rein politischen" Zionisten, au den Charteristen ihre Gegner hat. Aber nichts ist falscher als zu behaupten, es gäbe keinen politischen Zionismus mehr. Heißt denn nur Eharterismus und Diplomatismus Politik, ist nicht jede Arbeit in Palästina, die als Endergebnis politische Sicherung erstrebt, ist nichi jede Erlangung von Konzessionen eminent politische Arbeit? j Es heiß: sogar, daß diese Männer vom Kongresse fernbleiben werden, wobei jeder einen Entschuldigungsgrund vorbringt. Der eine gibt , Krankheit vor, der andere möchte die friedliche!Arbeit am Kongresse nicht stören, der Tritte j glaubt schon hinreichend genug über die Lage!der Juden im Goluth referiert zu haben: im übrigen war er gegen die Abhaltung des Zioninenkougresses in Wien, ein Umstand, der ihn!aohalken könnte zum Kongresse zu kommen.! Run, nicht alle können mit eine in Resul- .tat zufrieden sein: eine große Bewegung kann! niemals allen recht machen, und obendrein hat die Unzufriedenheit nicht eine Ursache. Dies vorausschickend, wollen wir in großen Strichen die Tätigkeit des neuen NegimS kennzeichnen und die monieutane Situation charakterisieren. um dann zu den Ausgaben des elften Zionistenkougresses übcrzugehen. Auf kulturellem Gebiete wurde in den letzten zwei Jahren — abgesehen von der Gründung einiger 'Niederlassungen in Palästina — so ziemlief) viel geleistet. Für die Gründung des hebräischeu Gymnasiums in Jerusalem wurden zirka 100.1)00 K aufgebracht: der Fond für das Polytechnikum ungefähr verdoppelt: der Zentralsond geschaffen, der heute bereits eine große Summe anfweist, das Mikrobiologische Institut der Verwirklichung näher gebracht: die knnstgewerbeschnle ״Bezalel" weiter ausgestaltet: Tel- Aviw weiter ausgebaut: die Kolonien vergrÜßert: die Jemenitenaktion nach Kräften gesörderl: der Nationalsonds nahm in den letzten zwei Jahren — trotz der herrschenden .Kriegsfurie in Europa und trotz der gewaltigen Geldkrisis fast rapid zu: die Zahl der Schekelzahler vergrößerte sich: die Bukowina entsandte zum vorigen Kongreß drei Delegierte, jetzt sechs: der hebräische Lehrerverband organisiert: das Oessentlichkeitsrecht für das Jasfaer Gymnasium erlangt: ein zionistischer Kataster angelegt: zionistische Flugschriften, Broschüren und Werke herausgegeben: besoldete Sekretäre in allen Dislrikten angestellr: in die Kultnsgemeindeu hatte sich zum Teil unser Einfluß bemerkbar gemacht: große Agitatioiisreisen wurden von seiten der Mitglieder des A. E. unternommen und bedeutende Persönlichkeiten für den Zionismus ge- Wonnen. Soviel von der kulturellen Arbeit. Was aus dem politischen Gebiete geleistet wurde, entzieht sich unseren Betrachtungen. Ter .Kongreß soll lins darüber Ausschluß geben. Wenn wir aber Vermutungen anstellen dürfen, so möchten wir bloß auf direkte tlnterhaudlungen mit den ottomanischen Machthabern, alis eine gewisse Beziehung zu England, aus Sokolows Amerikareise und auf seine dortigen llnlerhandiungen Hinweisen. Wer auch zwischen den Zeilen lesen kann, Jeuillcton. Berl der Bacher.*) (Aus ״Ghetto" von M. Steihardt. Verlag Gustav Enge l.) Meine Muhme Gitl meinte imnier, daß wegen Bcrls Häßlichkeit der Meschiach (Messias) nicht kommen könne. Als aber Berl gestorben war. meinte sic, daß nun erst recht die Auferslchung nicht so bald käme, denn da müßte ja Berl auch wieder auferstehen, und das könne der Erlöser doch nicht׳wollen. Sie hatte aber wirklich recht. Wer den kleinen, verwachsenen Mann sah mit seinen stechenden Augen und seiner spitzen Nase, der konnte das Gruseln erlernen. Ter äußere Schein log, denn Berl der Bacher war ein seelensguter Mensch, der keine Fliege töten konnte. Und doch nahte man dem Manne mit einer unerklärlichen Scheu. Hing doch das Geraten eines tadellosen Schabbes von ihm ab. An ihm lag es, daß die ganze Gemeinde frühlich bei Mahl sitzen konnte, wodurch er sich die Dankbarkeit der Hausfrauen erwarb. Welches Unheil konnte er aber auch über so viele festlich gestimmte Menschen bringen, die nach der sauren *) Bäcker. Arbeit einer Woche der behaglichen Ruhe pflegen und sich all dem Schabbeskuchen oder an der Schabbeskugel erfreuen wollten. Geriet die 111<״= gel" (eine Speise), so waren alle voll des Lobes über Berl den Bacher, man rühmte seine fachliche Tüchtigkeit und besonders seinen Lokalpa- > triotismus. Bert setzte alles daran, den Ruf der ' ״Schaletkugel" seiner Vaterstadt nicht zu gefährden: denn was nützt die beste ״Füllung", wenn das Backen nicht von kundiger Hand geleitet wird! Was gilt ein schöner Kuchenteig, wenn der Bachofen zu heiß oder zu kalt ist. — Wie ein Schlachtenlenker saß Berl in einem abgeschabten, grünlichen Rock mit speckigem Samtkragen, den er sicher von seinem Urahn geerbt, am Freitag nachmittag am rissigen und bau fälligen Backofen und schaute in die Glut, ma növrierte mit der Holzstange, um das Feuewohltätig zu verteilen. Seine einzige Helferin war seine hochbetagte Mutter Zipperl: sie mußte ihm bas trockene Reisig reichen, das er mit ver- ׳ stäudnisvoller Miene prüfte, ob es nicht zu feucht sei, und nach dieser Prüfung in den Ofen schob. Er sprach kein Wort, seine Augen fnnkelten und seine vertrockneten Lippen zitterten. Hie und da strich er sich mit dem roten, von Schnupftabak durchtränkten Tuch den Schweiß von der! Stirn, dann kletterte er von seinem Sitz herauf, j Berl wusch sich Hände und Gesicht am Brunnen, und befriedigt setzte er sich aus die steinerne Bank, um die Kunden zu erwarten. Jeden :>c'apf, den man ihm brachte, prüfte er aufs genaueltc. ob er nicht zersprungen sei, damit aus ihn nicht die Schuld falle, wenn der Inhalt mißriet. Nahm er einen Mangel an dem Geschirr wahr, so verweigerte er die Annahme. Jeder Tops mußte einen Zettel mit dem?kamen des Besitzers haben — auch daraus hielt er sehr streng — doch mit hebräischen Buchstaben mußte der Name geschriebeu sein, denn auf die ״neumodische" Schrift, sagte er, kenne er sich nicht aus. Berl konn-te sich nicht lange der :liuhe erfreuen, denn bald nachdem er sich aus die Bank gesetzt hatte, kamen sie heran, die Jungen und Rädchen, und überreichten Berl die Backgeschirre änderbarster Formen. Stumm prüfte er das hm Targereichte, doch hatte jeder noch eine» besonderen Wunsch: der eine wollte den Kuchen nicht zu braun, der andere mehr gebräunt, und ein dritter nur leicht gebräunt haben, ebenso war es mit den ״Kugeln". Dies alles hörte Berl mit seltener Ruhe an, indem er bei ׳ich dachte: ״Ich mache es ja doch nur. wie es sein muß." Besonderen Wert legte er darauf, den Ofen stets mir Pünktlichkeit zu schließen. Kein Bitten und Flehen half, wenn jemand nach der festgesetzten Zeit ein verspätetes Erzeugnis zum Backen brachte und Berl seinem Grubensitz bereits ent- Tretet der Jüdischen Verlagsgesellschast bei. ׳

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