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Jüdische Volksstimme · 1913-07-24 · Heft 30 (24.7.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 30 (24.7.1913)
Date
1913-07-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. ״Jüdische BolkSstimme." Nr. 30. Dies ist der Weg zur Einheit! Eine gewaltige Synthese vollzieht sich im Genius, eine Synthese, die ihren Ursprung nimmt in der These über die Antithese. — Dies ist der Weg, des Geistes! — beit; seine Seele haben wir nicht ins Grab gelegt. Er lebt in uns allen fort, die auf dem weiten Erdenkreise ״Jwri onochi" ausrufcn. Aron Schwertfinger. Nach Schluß der Debatten wurde eine Kommission aus den Mitgliedern der Kreditbanken gewählt mit dem Auftrag, gemeinsam mit dem Vorstand das Projekt der- Emigrationsbank in den Details auszuarbeiten und zum kommende» Herbst die Gründungsversammlung cinzuberufen. Zur Psychologie des Renegatentums. Noch ist das Renegatentum nicht ganz erforscht. Wie wäre das auch möglich? Man kann ja nur mit einem Gefühl des Schmerzes oder des Ekels an dieses Problem Herangehen, und die Unbefangenheit, die elcmcntarstc Bedingung aller ehrlichen Forschung, fehlt. Daß sich die meisten taufen lassen, um unterzutauchen, — das scheint sicher. Die Ironie des Schicksals sorgt freilich dafür, daß gerade die Renegaten mit einer ausgeprägt jüdischen Physiognomie ausgestattet sind, und daß ihnen das ״Sich-nicht-zu-erkennen-geben" nach klassischem Beispiel sehr schwer fällt. Und doch hat dieses Renegatentum auch etwas Tragisches an sich. Ja, wenn die Zersetzung eine Volkstragödie ist, so verkörpern diese Renegaten die Tragödie in schärfster Gestalt. Es ist eigentümlich, daß diese Renegaten zwar gesellschaftlich immer den Verkehr mit Christen suchen, in de» Stunden aber, wo sie sich schlicht auslebcn wollen, sich immer wieder nach dem Umgang mit Juden sehnen. Das Judentum, das in ihnen ausgestorben ist, erwacht zuweilen, und cs erzeugt eine trübe Stimmung, die nicht Weichen will. Ein ruffisch-jüdischcs Sprichwort sagt: ״In zwei Momenten erkennt man den Renegaten. Am Sabbat sehnt er sich nach Schalet, und toenn ihm traurig zu Mute wird, summt er die Melodie von Kol nidrc vor sich." Nun, die Sehnsucht nach Schalet läßt sich bezwingen, aber die Melodie von Kol nidrc, die im gewissen Sinne die Melodie des jüdischen Seelenlebens ist, begleitet auch den Renegaten überall und sie läßt keine wahre innere Freude auskommen. Das kann man in der Sommerfrische, wo das Auge für die kleinen Erscheinungen mehr geschärft ist, am besten beobachten. Ja, noch ist die Diagnose des Renegatentums nicht mit Sicherheit gestellt, und von einer rationellen Therapie dieser Krankheit kann vorläufig nicht die Rede sein. Soviel aber ist sicher, wo dieses Renegatentum in seiner häßlichsten Gestalt auftritt, als nacktes Gcschäst, da ist ihm am leichtesten zu begegnen, und das hygienische Mittel gegen diese Seuche liegt in unserer Hand. Wenn Rechtsanwälte und Acrztc zum Christentum übertreten, um dadurch ihr Gcschäst zu verbessern, so hat die Sprache einen drastischen Ausdruck dafür: Gcsinnungslump. Wenn aber Juden noch Klienten oder Patientcn dieses llcberlänfcrs sind, dann fördern sic die Charakterlosigkeit. Diesen Vorwurf sollte sich jeder ehrenhafte Jude ersparen. Das scheint uns eine zeitgemäße Betrachtung zu sein. Denn in den Bädern gibt cs leider heute viel getaufte Acrzte, deren Kundschaft sich häufig aus Juden rekrutiert. Das ist tief beschämend für die ganze Indcnhcit. In Oesterreich veröffentlichen die jüdischen Blätter die Liste der getauften Acrzte in den Kurorten. Wir werden bald auch in Deutschland dahin gelangen müssen. Aber bei einiger Vorsicht kann jeder jüdische Kurgast erfahren, wie cs mit der Konfcffion, oder sagen wir offen: mit der Ehre seines Arztes bestellt ist. Wir können leider das Renegatentum, ebensowenig wie alles Häßliche und Niedrige, beseitigen, aber wir dürfen die Schuld nicht auf uns lade», diese Schmach durch unsere Handlung unterstützt zu haben. Mca culpa, maxima cutpa! Die Judenverfolgungen in Rußland. Unter diesem Titel brachte die ״Neue freie Presse" neben einer :Reihe von ähnlichen Nachrichten auch solgcnde Notiz: Aus Petersburg wird telegraphisch gemeldet: In Kalisch brachen gestern Diebe in die Joscfskirche ein und raubten drei Brillantkronen und andere Kostbarkciten von den Heiligenbildern. Da das Gerücht verbreitet wurde, daß der Einbruch die Tat eines Juden sei, brach unter der Bevölkerung in der Erwartung eines Pogroms eine Panik aus. Der Polizei gelang es inzwischen, die Diebe beim Verkauf der Steine zu verhaften. Tie Ruhe kehrte unter der Bevölkerung zurück, als man hörte, das! die Ticbc Russen sind. DcrZufall, daß die Diebe rechtzeitig erwischt worden sind, hat die Juden in Kalisch vor einem Pogrom bewahrt. Und in den Russen, die sonst ztveifcllos unter staatlich-russischer Assistenz zur Abwechslung eine kleine Judcnhctzc veranstaltet hätten, ging die Entrüstung promptest zum Teufel, als sich die unzweifelhafte Echtheit des arischen Nusscntums der Einbrecher heraus- Zum 20. Tamus. Neun Jahre sind verstrichen, da das jüdische Volk seinen ungekrönten König zu Grabe getragen hat. Neun Jahre sind verschwunden. Da der tote Leib Theodor Hcrzls in die Schollen des Döblinger Friedhofes versenkt wurde. Der Tag kehrt nun wieder, au dem unser edelster und bester Sohn für die Ewigkeit seine Augen schloß. Ein schmerzliches Empfinden wird in uns allen wieder wachgcrufcn. Eine furchtbare Trauer verdüstert unser Gemüt. In großen Scharen strömen wir dem heiligen Gottesacker des Döblinger Friedhofes zu. In tiefem Schmerze versunken stehen wir vor dem engen Grabe, das den größten Juden, den zweiten Mosche, in seinen Schollen verschließt. Der Manu von seltener Schönheit, der stolze Assyrcrkopf mit den träumerisch in die Ferne blickenden Augen, der Heros, dessen Licht weit hinaus in die kommenden Jahrtausende leuchtet, modert hier in Staub und Asche. Hier in kühler Gruft ruht der Mann, dessen Namen von den Strömen des heiligen Ganges bis zur Welle des nördlichen Eismeeres und von den Schneefeldern Sibiriens bis zu den Tünenregioncn des französischen Ozeans mit Ehrfurcht und heiliger Scheu ausgesprochen wird. ־*»יי־לי' EWWDZ Ein tiefes Weh erfaßt uns. Unser Herz blulet furchtbar. Unsere Wunde kann nicht vernarben. ״Herzl eneno." Hcrzl ist nicht mehr da! Fcstgcbannt heften sich unsere Blicke ans den einfachen Grabstein, auf den nur: ״Theodor Hcrzl, geboren am 2. Mai 1800, gestorben am 20. Taim!״1001 ■״ zu lesen ist. Kein Lob, keine Aufschrist, kein Titel. Jeder von uns fühlt in seince Herzens Tiefen, was uns Theodor Hcrzl gewesen. Alles! Und ״Alles" haben wir verloren. Immer reichlicher strömen unsere Tränen aus den heiligen Gottesacker nieder. Ja, weine Zion! Weine! Laß deine Tränen reichlich fließen! Gestürzt ist die Krone deines Hauptes, deine Kinder sind ohne Führer geblieben.... In langsamen Schritten entfernen wir uns von dem teuren Orte. Häufig wenden wir den Kopf zurück, Blicke voll heißer Liebe und heiliger Verehrung zurückscndcnd. Allmählich trocknen sich unsere Tränen. Eine freudige Hoffnung belebt uns wieder. Wir weinen ja nur über das Ableben des Körpers, nur darüber, daß jene zaubcrhaste Erscheinung nicht mehr unter uns Wan- Die Generalversammlung des Verbandes orth. Gemeinden in Amerika. fand jüngst in Ncwyork statt. Rabbiner Dr. Mendcs hatte den Vorsitz. Eingclcitet wurden die Verhandlungen durch ein wirkungsvolles, vom Augenblick eingcgebencs Gebet des Rabbiners Dr. Philipp Kl e i n. 71 Gemeinden waren vertreten. Die meisten Delegierten waren von auswärts, manche aus weiter Ferne gekommen; cs waren Rabbiner oder andere hervorragende Pcrsönlichkeitcn. Rabbiner Dr. Drachmann erstattete Bericht über den amerikanischen Sabbatvcrband, dessen Vorsitzender er ist. Dr. Mendcs berichtete über die erfolgte Einrichtung von Koschcrküchen in Spitälern und anderen Wohltätigkeitsanstalten. Nur das Mount-Sinai-Hospital (ein jüdisches Spital!) habe sich geweigert, koscheres Fleisch für orthodoxe Patienten einzuführcn, und einen gleichcn Mißerfolg hatten ähnliche Verhandlungen gehabt, die mit dem Krüppclhcim für das von Juden übervölkcrte East End Ncwhorks gepflogen worden seien. Gegen das Mount-Sinai-Hospital hatte der Berichterstatter mit vollem Rechte bittere Worte der Entrüstung. Der umfangreiche Bericht Dr. Mendcs gab ein anschauliches Bild der angestrengten Tätigkeit des Verbandes im Interesse der orth. Judcnhcit. Die von ihm formulierten Anträge wurden angenommen. Unter ihnen auch dieser: In allen Gegenden sollen die auf dem Boden des gcsctzestrcucn Judentums stehenden Gemeinden zum Anschluß an den Bund bewogen werden. Die Konstituicrung der verschiedenen Gemeinden Ncwhorks zu einer einheitlichen Kchilla wird begrüßt. Doch wird die Erwartung ausgesprochen, daß alle Kommissionen, deren Tätigkeit sich auf Gebiete des überlieferten Judcntums erstreckt, wie Erziehung, Sabbat- und Speisegesetzt, sich nur aus solchen Personen zusammcnsctzcn, die im Leben die Gesetze des überlieferten Judentums beobachten. Der Ausschuß wurde mit geringen Aendcrungen wicdcrgcwäblt. Dazu gehört auch der frühere Dajan in London, Hyamson. Die Angelegenheiten der projektierten jüd. Emigralionsbank. Tic Generalversammlung der St. Petersburger Gesellschaft für die Regulierung der jüdischen Auslvanderung mit Anteilnahme der Repräsentanten der Gesellschaften des gegenseitigen Kredits wurde am 7. Juni eröffnet. Anwesend waren ctlva 200 Personen, unter ihnen 100 Repräsentanten der Gesellschaften des gegenscitigen Kredits aus allen Städten des Ansicdlungsrayons Die Eröffnungsrede vielt der bekannte Historiograph S. Dubnoff. Er wies aus die eminente nationale Bedeutung der projektierten jüdischen Emigrationsbank hin, die die entfernte» Zentren jüdischen Lebens, europäisches und amerikanisches Judentum, einigen und eine Wohltat für die wandernden jüdischen Massen bedeuten wird. Der Präses der Gesellschaft, Rcchtsanlvalt B. Mandel, referierte über die Vorgeschichte und die Grundprinzipien der Emigrationsbank. Das Projekt basiert auf einer Kombination von kommerziellen und sozialpolitischen Grundlagen. (Das von einer speziellen Bankkommission ausgcarbeitete Detailprojekt wird in Bälde vcröfentlicht werden.) Herr D. Dawidowitsch berichtete über das Interesse, das das Projekt der Emigrationsbank in London, insbesondere bei den Herren Meyer, A. Spiclmann und H. Landau erweckt hat. Die Debatten erwiese», daß die Idee der Emigrationsbank sich großer Popularität erfreut und starke Sympathien bei der jüd. Bevölkerung ausgclüst hat. Von der Notwendigkeit der Emigrationsbank sind alle soweit überzeugt, daß inan nur noch die Verwirklichungsart derselben diskutierte. In den gehaltenen Reden wurde darauf hingewiesen, daß die russischen Juden nicht auf ausländische Hilfe warten und mit eigenen Kräften zur Vcrwirklichung des Projektes schreiten müssen. Die Debatten wurden vom Abgeordneten der' ersten Ncichsduma, dem Herrn L. Bramsohn, geleitet.,

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