Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1913)
- Date
- 1913-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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* ף?י;׳ז״יזי^מ^ן: י י wu f y - Nr. 30. ,Lüdifche BolkSstimme." «rttr 8. und wutverzerrt von Versammlung zu Versammlung geeilt, überall mit echt antisemitischer Skrupellosigkeit die niedrigsten Instinkte des Vorstadt- und Provinzpöbels weckend, überall Feindseligkeit und Haß schürend und zu wüsten! und blutigen Exzessen wider die Juden aufrei-I zend. Selbst heute noch, wenn der Name Schnei-; der selbst in den entlegensten Winkeln unserer i Monarchie genannt wird, kann man die Nachj Wirkungen des Schreckens und Abscheus sehen,! den dieser Pogromprediger um sich verbreitet l hat.! Sein recht problematisches Verdienst ist es,j hi Oesterreich eine Periode politischen Niederganges und Tiefstandes inauguriert und in die Hitze des ohnehin häßlichen politischen Kampfes einen rüden Ton und eine rüdere Kampsesweise getragen zu haben, Und wahrlich in der Wahl seiner Mittel wär dieser Mann nicht wählerisch, wenn es galt, seinen Ehrgeiz zu befriedigen. Skrupellos und zynisch zerrte er das Familienleben seiner Gegner in den politischen Kanipf, scheute er sogar nicht vor Dokumentenfälschungen zurück und stand auch nicht an, die lautersten Beamten und Richter der Bestechlichkeit zu zeihen. Dieser Politiker Schneider wurde aber ganz Und gar in den Schatten gestellt von dem Antisctniten und Agitator Schneider- Erst wenn er so recht nach Herzenslust, umgeben von einen blutdürstigen, heulenden und tobenden Mob seine Tiradcn gegen die Juden loslassen durfte, war er ganz in seinem Element. Da erst enthüllte sich mit erschreckender Deutlichkeit sein entmenschtes Gefühlsleben, seine Roheit und Verlogenheit. Mit beispielloser Gier hatte er den Prozeß Hilsner aufgegriffen und diesen in gewissenloser Weise ausgeschlachtet, so überall wieder das Ritualmordmärchen auffrischend und neuen Haß schürend. Wer kann sich nicht seiner mit großem Tamtani angekündigten und durchgeführten Reisen nach. Rußland und Korfu zum Zwecke der Materialsammlung in Angelegenheit der Ritualmordbcschuldigung erinnern? Und wahrlich, wenn es ihm nicht gelang auch in Oesterreich Pogrome größeren Stils zu inszenieren, so ist es sicherlich nicht seine Schuld. An Verleumdungen hatte er zu diesem Zwecke nicht gespart und seine Reden waren blutrünstig genug, um den Zorn des ״christlichen Volkes" bis zu wildem Rachedurst zu steigern. Diesem Treiben aber hatte er die Krone aufgesetzt durch seinen anläßlich der Beratung des Jagdgesetzes im niederösterreichischen Landtage gestellten Antrag auf Einführung eines Schußgelbes für die Juden. Und wenn etwas je vergessen wird ans seinem Leben, mit diesem Antrage hat Schneider sich mit blutigen Lettern in die neuere Geschichte unseres an Verfolgungen und Leiden nicht gerade armen Volkes eingegraben. Im politischen Leben sind viele sonst verpönte Mittel und Mittelchen gestattet, die den Gegner zu Boden strecken oder sonst den ersehnten Erfolg bringen sollen. Was aber hier Schneider beantragt hat, liegt weit außerhalb der weitest gezogenen Grenzen politischen Kampfes. Jndenmetzelcien gab es immer, aber selbst im tiefsten Mittelalter und, wenn man ein Beispiel der Gegenwart entnehmen will, selbst im finstersten und dunkelsten Rußland würde kein Mensch diese — sagen wir es nur heraus — Frechheit und Gemeinheit ausgebracht haben, kaltblütig die gesetzliche Erklärung der Juden als Freiwild zu verlangen und so dem antisemitischen Pöbel eine einträgliche Nebenbeschästigung zu schaffen. Und diesen vertierten Berufspolitiker-stellten die Christlichsozialen an die Spitze des niederösterreichischen Unterrichtswesens und verliehen ihm auch sonst die höchsten Stellen, di zu ihrer Verfügung standen. Das spricht Bände! Ernst Schneider ist aus der politischen Arena mit Tod abgegangen' Sein Leben zwingt die jüdische Publizistik selbst angesichts seiner Bahre unbarmherzig das Fazit dessen zu ziehen, was er unserem Volke angetan und dessen was er ihm hat antun wollen. Aber selbst, wenn sie schweigen wollte, wäre auch dieses Schweigen beredter als der schärfste Tadel, als das herbste Wort. Daß beide Möglichkeiten für das Andenken Schneiders gleich schlimm sind, kennzeichnet vielleicht am besten dieses Prototyp eines Menschen und Politikers, wie er nicht sein soll. A. E. R—r. YERLOBUNQ5-RINQE BR/KITSCH/IUCK . - HOCHZEIT 5QE5CHENKE EHE-RINQE. in hervorragender Auswahl zu basondais billlgan Preisen. Berthold Bachner, k. u. k. Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Goldu. Silberwarenbandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. י•" Provinzaufträge finden sofortige Erledigung. Zum Nenaissanceproblem des Judentums. (Schluß.) Die Geschichte eines Volkes stellt die kontinuierliche Reihe eigenartiger, schöpferischer Handlungen dar. Ter Bewußtseinsstrom unserer Geschichte ist das Symbol unseres Innenlebens. Wie aber zu jedem Strome immer neues Wasser Hinzugetrieben wird und diese neuen Gewässer sind die alten auf einer andern Stelle des Stromes, so werden die vergangenen Zustände unseres Bewußtseins unablässig mit neuen verschmolzen. Diesen Prozeß des Werdens, der durch eine unlösliche Kontinuität gekennzeichnet wird, nennen wir Geschichte. Nur ein Lebendiges kann Geschichte haben. Die Geschichte des jüdischen Volkes ist die Geschichte seines Reichtums, seiner schöpferischen Entwicklung. Unter diesen Gesichtspunkten definiere ich Renaissance als die Wiedergeburt der Vergangenheit, um in der Gegenwart fortzuwirken, oder was dasselbe bedeutet, als die wachgewordene Schöpfersehnsucht des Intellekts. Die Kulturstufe der Renaissance hat mit der des Ursprungs das Gemeinsame, daß da wie dort der Drang vorwaltet, eine komprimierte, gedrungene Einheit aus sich heraus zu schaffen, die unendliche, gewaltsame Spannung des Geistes durch den Ausdruck zu entladen, durch die Form zu erlösen. Während aber die Entwicklung der ursprünglichen Anfänge kultureller Regungen in einer evolutionistischen, fast geradlinigen Bahn vor sich geht, so ist die Erscheinung der Renaissance an sich ein revolutionistische. Tenn Er- Neuerung ist ein Sieg der Kraft des aktiven Wollens, dessen ^id ״ן fcor Ausübung seiner eigenen Gewalt liegt. Revolution ist nicht das Bestreben zur Herstellung neuer, besserer Zustände, sondern ist der wiederauferstandene Wille zur Betätigung seiner Macht. Darum ist sie, wie eine wilde Feuersbrunst, immer ungesättigt, weil die eben in sich aufgenommene Nahrung zu einem neuen Machtkörper erwächst, der mit der Entfaltung seiner eigenen Kraft die Intensität des Ganzen unendlich erhöht. In diesem Sinne ist auch die Renaissance eine revolutionistische Erscheinung. Es gibt im Leben eines Volkes viel mehr als eine Er- Neuerung. Tenn was erneuert wird, ist die F o r m des Lebens, welche durch eine Endlosigfeit ineinander strömender, auseinander erwachsender Impulse symbolisiert wird, — also ein beständiges Wechseln darstellt. Jeder Verschmelzungsprozeß gegenwärtiger und vergangener Bewußtseinszustände in unserem Leben bewirkt eine jeweilige Veränderung derselben, eine relative Erneuerung. Nur die Idee, welche die Ursache dieses fortwährenden Wechselns ist, ist absolut. Nicht etwa, daß sie absolut im Bezug auf Vollkommenheit, Allgemeinheit, daß sie die Synthese alles Relativen wäre, sondern sie ist vielmehr der noch nicht relativ gewordene, individuclle Gegenstand. Das Absolute der Idee ist ihre Individualität, ist ihre Vollkommenheit i n s i ch s e l b st. Damit ist für die Einheit der Idee, von der ich früher sprach, ein neues Prädikat gewonnen: absolute Individualität. Diese Erkenntnis schließt von vorne herein die Auffassung aus, als wäre Renaissance des Judentums die Revolutionierung der Idee des Judentums, als wäre die Idee ein im Raum oder in der Zeit beschränkter Gegenstand, der, an der Altersgrenze angelangt, renoviert werden muß, um sich dann weiter in seiner Umgebung behaupten zu können. Jede Revolution hat die Tendenz, erstarrte, lahmgelegte Lebensenergie eines Organismus freizumachen, seine immanente Kraft für sich selbst wirken zu lassen, zu individualisieren. Aber diese Jndividualisierungstendenz der Revolution ist für die Idee als solche irrelevant, da es doch gerade das Charakteristische der Idee ist, daß sie eine absolute Individualität ist. Die Renaissance des Judentums besteht in der Reaktivierung seines Nationalintellekts, in dem Erwachen seines Jntellektualgenius, seiner formenden Persönlichkeit. Der jahrhundertelange Kulturstillstand unseres Volkes steht im lansalen Zusammenhänge mit dem diasporalen Masseninstinkte des Goluth-JudentumS, der nach vollkonnnener Anpassung und Harmonisierung mit der Umgebung drängte. Kulturmüdigkeit in vielleicht die treffende Bezeichnung, die sich des Diaspora-Judentums bemächtigte und deren natürliche Folge war das Streben nach einem Zustand des Gleichgewichtes und der Ruhe, der dem ungestörten Ablauf des Lebensprozesses günstig ist. Dieser Quietismus aber bedeutet nichts anderes als freiwillige Verengung seines Horizonts, ein williger Verzicht auf seine Erweiterung, und gleich jener Philistrosität, die sich so früh als möglich in eine beliebige Weltanschauung einspinnt, um dann im engen Kreis ein vergnügt harmonisches Dasein führen zu können. Unter solchen Umständen war es naturgmäß unmöglich, neue Kulturwerte für das Judentum zu schaffen. Tenn die konservative Tendenz des Masseninstinkts, in dessen Zeichen das Judentum stand, läuft auf eine völlige Passivität binaus, welche ihrerseits mit Rückschritt und Untergang Hand in Hand geht. Der Instinkt der Menge steht im krassesten Gegensätze zur Jndivi Dualität, in dem sie immer einen Störenfried und unbequemen Neuerer sieht, während sie geneigt ist, sich mit dem Vorhandenen einzurichten und es fürlieb zu nehmen. Und so trachtete sie auch danach, der Ausgestaltung der nationalen Persönlichkeit des Judentums hinderlich zu sein, um ja klein und unansehnlich genug zu werden und dem vollständigen Verschmelzungsprozeß keinen Widerstand der Eigenart entgegenzustellen. Tie Masse ist kulturfeindlich. Nur die große Persönlichkeit greift aktiv in das kulturelle Geschehen ein und gibt ihm durch seinen starken Intellekt Form und Richtung. Eines der wichtigsten Kennzeichen der Renaissance ist die Entdeckung des Menschen, der einzelnen, eigenberechtigten, selbständigen Individualität. Dieser Wesensgrundzug hat der italienischen Renaissance kultur seinen Stempel aufgedrückt, jener Kultur, welche die extremsten Elemente in sich vereinigt, die eine Revolution im wahrsten Sinne hervor rief. Und wie sich in jener Zeit die einzelnen Nationen Europas aus der anscheinend gleichsörmigen Masse herauskristallisieren, nationale Staaten sich scharf voneinander abheben, natio nale Sprachen erblühen, so wieder innerhalb der Nationen die Individuen, durch den modernen Geist aber Schranken entledigt, Originalität des Denkens und Tuns entwickelnd, Rücksichtslosiafeit im guten und bösen Sinne... Unter der Renaissance des Judentums ver stehe ich nicht allein die Individualisierung des Judentums im nationalen Sinne, sondern auch die Individualisierung des Inden im rein personalen Sinne. Nur die wahren individuellen Schöpfer, die in ekstatischer Glut entbrannten Genialitäten sind die wirklichen, positiven Uber minder, sind der Sieg des Schaffens über das Chaos, sind der Triumph der Tat über die Ver zweiflung. Und was anders in Renaissance als jene große Überwindung des Starren, Willenlosen, der Formel? Was anders als das natürliche Anschwellen, das Wachsen der flutenden Unmittelbarkeit des Schaffens, des Umbildens, des Neubildens? Regeneration des Judentums heißt Erneuerung seiner Schaffensfähigkeit, was gleichbedeutend ist mit der Befreiung der Per sönlichkeit von der Masse, vom Herkommen. Denn Tradition ist ererbte Last, ist ein Hindernis, das überwunden werden muß. Das Geistes- Vakuum der großen Massen stützt sich an die Tradition, um in seiner inneren Leere nicht zusammenzubrechen. Nicht aber die bewußte, willenhafte Jndividuliatät! Tie Neuformung des Judentums besteht in einer radikalen Umwertung seines frei werdenden Inhaltes durch die Vollendung des JudentumS in all seinen Einzelheiten, all seinen Individuen.