Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1913)
- Date
- 1913-07-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. »jüdische BoNsstimme.^ Nr. 30. gelüste, verbrämt mit dem gleitznerischen Nahmen von fraternite, cgalitc, liberte — übertüncht mit eitel Menschenliebe, den Balkanvölfern ins Gesicht zu schleudern. Wie gesagt, Politik und Gerechtigkeit, welch unseliges Paar! Die Macht allein entscheidet auch heute noch im Jahrhundert des Fortschritts. Die Türkei zu Boden gestreckt, mußte in ohnmächtiger Wut die Amputation ertragen, die Sieger heimsten ihre Beute ciu.... Es ist ein alter Satz, daß jede Tat, die um eines hehren Zieles willen unternommen wird, trotz aller Schwierigkeiten schließlich den erwünschten Erfolg erlangt. Der einigende Gedanke, etwas Großes vollbringen zu wollen, baut Brücken über alle persönlichen, bei Völkern über alle nationalen Gegensätze und läßt uns nur ein einig Volk von Brüdern, eine Summe von gleichstrebendcn Kräften erblicken. Wenn das Ziel einen Fortschritt bedeutet, die Menschheit aus ihrem Weg zur Höhe eine neue Stufe erklommen hat. Der Balkanbund bewährte sich, solange der gemeinsame Hatz gegen die Türken Nahrung fand. Der innere Zwiespalt ward künstlich vcrdeckt, solange jemand da war, der von allen Himmclsrichtungen angegriffen war und wie ein flüchtiges Wild den verfolgenden Jägern nur nach den Widerstand der erlöschenden Lebenskraft entgegensetzen konnte, nur noch letztes Aufflammen vor dem gänzlichen Verlöschen.... Nun galt es, die Beute zu teilen. Hübsch ausgeklügelt, von der Weisheit der Diplomaten erzeugt, ruhten die Bestimmungen im Londoner Vertrage. Sowohl Serbiens als auch Bulgariens Abgesandte hatten ihn gefertigt. Man atmete auf, der nahende Friede strich kosend über die sorgende Schläfe der sorgenerfüllten Europa. Mögen nur die Völker nehmen, mögen sie sich ihrer Erfolge freuen, nur Friede, Friede. Arinc Europa! Serbien fand, es sei besser, statt sich an den ausdrücklichen Wortlaut des Londoner Vertrages zu halten, die Interpretation zu Hilfe zu nehmen, dem Vertrage Dinge zu unterschieben, die, wenn auch nicht wörtlich genannt, doch dem Sinne nach sicherlich in ihm enthalten seien, Bulgarien meinte, cs gäbe nichts auszulegen׳, was unterschrieben ist, wäre bindend. Aus dieser theoretischen Auseinandersetzung entstand die praktische Abrechnung. Das Rcsume zog diesmal nicht das stolze Bulgarien, sondern seine treuen Bundesgenossen, die Serben und Griechen. Von allen Seiten eingckreist, der Nahrungsmittel beraubt, durch Niederlagen und Empörung im griffen. Wenn der letzte Klang vorüber, will ich die Geige packen und verschwinden — auf Nimmerwiedersehen. Sonst bitte ich nichts... nichts. ״Es sei...." Nuth hatte sich eben an das Piano gesetzt, als Jakob eintrat. Wortlos, kreidebleich. Sie öffnete den Klavierdeckcl, bog ihn zurück und hakte ihn ein. Die Saiten lagen frei da... Und, ohne zu reden, begann sie zu spielen. Schüchtern, mit leisem Ansatz, zagende Stimmchen. Uralte Geschichte .... ganz sachte sprachen sic, wie ein reuiger Sünder, der nichts mehr zu hoffen hat und dem Priester seine Fehler bcichtet, monoton wie ein stetig fallender Mastertropfen. Da flammte cs in Jakobs Augen. Stürmisch riß er die Geige an sich. Der Bogen glitt geisterhaft hin und her, aus einer andern Welt schienen die Töne zu kommen.... Dann war cs stärker, Ruth fühlte wie, die Tasten immer lauter sprechen wollten, hörte die gellenden Hilferufe der Geige und wollte sie übertönen durch ihr Spiel. Es war wie ein langsames Verbluten, wie ein Hinsterben, voller Entsagung und dann wie- Innern geschwächt und zerrüttet, ist Bulgarien ein Spielball in den Händen — seiner Bundesgenossen. Sic, deren Siege zum großen Teile Bulgariens tapferer Armee zu verdanken sind, die den Feind vor Lüle-Burgas und Tschorlu ins Herz traf, daß er keine Macht mehr hatte, sich der andern zu erwehren — diese lieben Freunde und Waffengenoffen haben sich gegen den Dritten im Bunde gewendet und wollen ihn erwürgen. In der Politik gibt es keine Gefühlsduselei. Wer die Macht hat» der hat das Recht! Merkwürdig nur, daß dieser Grundsatz der Türkei gegenüber nicht anerkannt wird. Sie wurde im Vorjahre grundlos überfallen, ihres Besitzes beraubt, ohne Rechtstitel, weil die andern mehr Soldaten oder mehr Kricgsglück hatten! Im Londoner Vertrag trat die Türkei ihren europäischen Besitz en bloc an den Balkanbund ab: an Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro als Einheit. Der Balkanbund fiel auseinander, bevor dem Vertrage nachgekommen war. Die Türkei ergreift nun die Gelegenheit, sich wieder in den Besitz ihres verlorenen Eigentums zu setzen. Ihre Armee verläßt die Tschataldschalinie, rückt gegen Adrianopcl vor.... Da plötzlich erwacht das Gewissen unserer Mutter Europa. Ein donnerndes Halt tönt der Türkei entgegen. Vertragsbruch wird ihr vorgeworfen, der von den Bulgaren, Serben und Griechen in Stücke gerissene Londoner Vertrag, gerade der Türkei gegenüber, der überfallenen, im Unglück verlassenen Türkei, als noch bestehend erklärt, die auseinander gefallenen Stücke mühsam zusammengekleistert — der Türkei gegenüber. Freundschaftliche Ratschläge werden wieder in Konstantinopel gehört, Drohungen ... Die Aürkei geht ihrer Wege allein, sich selbst vertrauend. Sie fühlt die harte Lehre von der Vertrauensseligkeit mehr denn jemals.... Ob sie ihr Ziel erreichen wird? Sie will es. Das Volk ist nur von einem Gedanken ergriffen: Nicht morden, nicht Städte in Wüsten verwandeln und tierischen Vandalismus zerstören lassen, was der Menschen Fleiß in Jahrzehnten aufgcbaut — sie wollen ihre alte Stadt Adrianopcl wieder, das geraubte Kleinod nur, das ihnen gewaltsam entriffen.... Wir Juden sollten aus all diesen Geschchnissen die nötigen Lehren ziehen, bevor wir gezwungen werden, im harten Schicksale ihre Wahrheit am eigenen Leib zu spüren. Kein Vertrauen auf fremde Völker, kein Verlaßen auf das Gewissen Europas, auf das kulturfrcundliche, fortgeschrittene Zeitalter! Di der wild aufbrausend, ein einziger Schrei von Ingrimm und zerstörter Hoffnung... Jakob Löwenbcrg sprach durch seine Geige. Er bat mit süßen, flehenden Worten, er sprach eindringlich und fordernd, war milde, unterwürfig, stolz, alle Stufen des Empfindens, alle Skalen menschlichen Fühlens brachen in leidenschaftlicher Weise hervor.... ״Nuth" schrie es in seinem Innern und sein Herz erbebte. Doch er bezwang sich. Kein Wort entfuhr seinem Munde. Blitzschnell durchlebte er alles. Ganz hingerissen von dem Zauber jener ersten glücklichen Zeit breitete sich ein frohes Lächeln um seine Züge. Er hatte immer Boas werden wollen. Ruth und Boas! Ruths treue Hingebung.... Doch plötzlich kam wieder die Wirklichkeit.. Eiserner Trotz lag um seinen Mund. Schwere, dumpfe Töne rangen sich los, kämpften miteinander. Ein Kampf zweier Mächte. Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, Instinkt und edler Sinn..... Jakob holte langsam aus... Ein wundersamer feiner Ton erklang, zitterte einige Sekunden nach, erfüllte den Raum mit einem sanften Auf- und Niederwallen — immer schwächer, immer leiser, zarter ... Jetzt nur noch gehaucht.... Pogrome in Rußland, die Treyfushetze in Frankreich, der Rassenantisemitismus in Deutschland, Ritualmordgeschichten, Verdächtigungen und Herabsetzungen aller Art an allen Orten unserer lieben Mutter Europa, sollen lebendige Zeichen, warnende Stimmen sein, uns nicht zu zcrsplittern, nicht an Fremde zu' lehnen, sondern das eigene Ich, uns selbst zu vervollkommnen und wciterzuentwickcln. Unsere Geschichte ist wahrlich reich genug an Lehren, unsere Tradition reich genug an erhebenden, großzügigen Gedanken, unser Glaube wahrlich genug erprobt im Kampfe ums Dasein, wir selbst genug erfahren! Nur ein Zusammenschluß aller Juden als Juden, als echte, sich ihres Volkstums, ihrer historischen Aufgabe bewußten Menschen, kann uns zu einer achtunggebietenden Stellung in den Augen unserer Gegner verhelfen. Keine freundschaftlichen Ratschläge anderer, wir selber inüssen es fühlen, wo Hand, anzulegen ist, wir selber müssen das Schlechte ausmerzen, das Gute zur Entfaltung bringen. Die Jahrhunderte des Goluth haben diesen natürlichen Sinn zum Zusammenschluß verkümmern, doch nicht verschwinden lassen. Ein ernster Wille, gestärkt durch die Erfahrungen des taglichcn Lebens, angefeuert durch den wieder entflammten Wunsch, seine eigene Persönlichkeit, das Jüdische in uns neu zu beleben, muß Erfolg haben! Freilich nicht den raschen Erfolg eines Glücksfalles. Die Reorganisation eines Volkes geht langsam vonstatten. Doch sie kann bcschleunigt werden, wenn alle mithelfen, wenn e i n Ziel allen vor Augen schwebt. An der Küste des Mittelländischen Meeres liegt ein Land, im Herzen der Welt, die Brücke bildend zwischen Europa und dem gewaltigen Asien. Unsere große Vergangenheit, unser Heiligtum! All unser Sehnen in der langen Zeit des Exils, unsere Hoffnung in der Gegenwart, unser Panier für die Zukunft! Dich, o Palästina, Erez Israel, wollen wir erobern. Nicht mit blutigen Händen, nicht als Mörder wollen wir auf deinem heiligen Boden erscheinen, sondern als treue Söhne, die sich friedlich durch ihrer Hände Arbeit, durch die Arbeit ihres Geistes, durch die Pflege ihrer wahren echten Kultur, der jüdischen Menschenliebe, wieder einen Mittelpunkt schaffen wollen, eine Heimat für die zersprengten, eine Zufluchtsstätte für die verfolgten Brüder. Und wenn wir auch manchmal an dich vergaßen, wenn dein Bild aus unserem Herzen zu schwinden drohte, niemals haben wir es gewollt, die harte Zeit, die lange Entfernung von dir, hat die Gefühle erkalten lasten. Doch als du riefst, da wuchs der fast erloschene Funkte zur Flamme empor, die unser ganzes Innere erfaßte. Wir wollen dir in Liebe vergelten, was uns das Goluth zu tun gehindert, wollen dich wieder ehren wie einst, wollen wieder deine treuen Söhne sein!.... Wieder stolze, aufrechte, echte Juden. Nichts als Juden! Max Jung, Wien. Ernst Schneider. Gewiß! Vor der versöhnlichen Macht des Todes sollen die Kämpfe des Lebens mit all ihren Häßlichkeiten und Kleinlichkeiten zurückgestellt werden, Hatz und Gegnerschaft sollen vor der Bahre schweigen. Das milde und barmherzige: ״De mortuis nil nisi bene" der sonst gar nicht zartbesaiteten Römer hat noch heute gegenüber jedem und jedermann seine volle Geltung. Gegenüber jedem und jedermann, nur nicht gegenüber einem Ernst Schneider. Was sonst Selbstverständlichkeit ist, fällt diesem Toten gegenüber schwer: Schweigen, angesichts seiner Wehrlosigkeit. Durch Jahrzehnte lang hat dieser Mann mit einer seltenen Gefühlsroheit, mit einem unglaublichen Aufwand von Verlagenheit und Gemeinheit unser Volk zu crniedrigen und zu demütigen gesucht, war haßerfüllt Böhmische Industrial-Bank-Filiale ־ ־־ Kassen und Bureaus: BRÜNN, Großer Platz Nr. 26. -----. Sämtliche Bank-, Börsen-, fitjpathekarkredite auf Industrie Geldeinlagen und in laufender Rechnui Kaisen: Telephon Nr. IMS. Direktion: Taltphan Nr. 1037. Korrespondenz: Telephon Nr. tS6S nsanun» 1 Biuien-aesunariB. iternehmungen, fflectasel-Eskompte. gen Sparbücher Tiir ofincHcr*tpn \forrinstma. Eigene 4y2% Bankschuldverschreibungen t auf Orundlage von hypothekarisch slchergestellten gesetzlichen über die PupUIaritlt gewahrten Darlehen, verzinsen sich bei