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Jüdische Volksstimme · 1913-07-24 · Heft 30 (24.7.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 30 (24.7.1913)
Date
1913-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XIV2. Jahrg. Nummer 3V Erscheint jeden Donnerstag. lilislhk W— -S Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Rußland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. | K---'3 —---»SLüD-s.- Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die vspaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerischc Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig. Geschäftsstelle. Wien: Rotenturmstraße Nr. 31. Postsparkassakonto Nr. 312.842. Telephon 3009/VHI• Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. «----- Brünn—Budapest. Wien, L4. Juli 1913. 19. Tamus r»t>?3 Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Mar Jung, Wien: Mutter Europa. — Ter letzte Saug. Feuilleton. — Ernst Schneider. — Zu in Reuaissanceproblem des Judentum. — Aron Schwertsinger: Zum 20. Tamus. — Tie Generalversammlung des Verbandes orth. Gemeinden in Amerika. — Tie Angelegenheiten der projektierten jüd. Emigrationsbank. — Zur Psychologie des Renegatentums. — Die Juden- Verfolgungen in Rußland. — Hilfsverein jüdischer Handwerker in Mähr.-Ostrau und Hingebung. — Mähr.-schles. zion. Studententag. — Misrachi-Delegiertentag. — dtorrespondcnzen. Rundschau. — Ein Beitrag zu christlicher und jüdischer Humanität. — Haeschkol. — Ter Brand in Preßburg. — Eerf Beer und seine Zeitgeuossen. — Literatur. Mutter Europa. Als vor einem Jahre fast aus dem Süden Europas die Meldung kam von einem gcwaltigen Kampfe der vereinigten Bulgaren. Serben, Montenegriner und Griechen gegen ihren Erzfeind, den Türken, da staunte Europa. Doch gar bald beruhigte sich ihr Gewissen und die leisesten Zweifel an der Lauterkeit dieses gottgewollten Kampfes verschwanden. Das Symbol des Kreuzes, die Fahne der Brüderlichkeit, ward in Sofia und Belgrad entrollt, Freiheitshymnen dröhnten durch die Balkanpresse und fanden stürmisches Echo in den Herzen der volksbefreienden Krieger. Hie Christ — hie Muselmann. In Wirklichkeit aber: hie beutegierige Könige — hie betrogene Türkei. Das sanfte Gefächel mit der eigenen Autorität, die selbstbewußte Stellung Mutter Euro- Vas, auf deren Wink die Balkanvölker gewiß horchen würden, um eilends die Schwerter mit Winzermessern zu vertauschen — erwies sich als Märchen, die vertrauensseligen Türken, die im Kinderglauben auf die Macht Europas ihre Kerntruppen entließen, ihre Widerstandskraft mit eigenen Händen verringerten, mußten die trübe Lehre am eigenen Leibe spüren, daß es schlecht sei, sich auf die Freunde zu verlassen, daß der beste Schutz: Vertrauen zu sich selbst, eigenes Handeln und nicht etwa die erst auf Anraten irgendeines Kabinetts, das der Pforte freundschaftliche Ratschläge gab, unternommenen! Schritte.... I Tie Türkei hat ihre Roblesse schwer gebüßt. Fast hätte sie ihren ganzen europäischen Besitzstand verloren. Die Cholera war ihr Bundesgenösse, sie errichtete vor dem letzten Bollwerke, vor den Trahtgittern und Festungswerken der Tschataldschalinie eine unüberschreitbare Grenze, sie zwang den im Gedanken schon in Koustantiuopel thronenden Simeon den Zweiten das Reich der Phantasie zu verlassen und an die Leider seiner Soldaten zu denken. Das blinde Element, die Pest, war der ׳Bundesgenosse des Jslani. Alle Mächtegruppen, die sonst nicht müde wurden, die Türkei ihrer Ergebenheit zu versichern, deren beste Tiplomaten einander den Rang der mit der Türkei befreundeten Macht 'abzuringen suchten, — sie alle wurden niäuschenstill. Gewiß, solange die historische Anschauung von der Ueberlegcnheit der Türkei keine Enttäuschung erleben mußte, als das einzige nichtchrislliche Reich in Europa als Truppenreservoir einer der beiden Drei- Mächtc-Gruppierungen in den Köpfen der Kriegsminister spuckte, da spielte es eine Rolle. Als es aber von seinen einstigen Vasallen gedemütigt wurde, innere Wirren den Auflösungs- Prozeß beschleunigten, die Frage der Eristenz der Türkei auf europäischen! Boden kaum mehr ernstlich erwogen zu werden schien, blieb die Türkei allein, von ferne standen ihre einstigen Freunde und beniühten sich, wieder, wie in guter alter Zeit, im Wettlauf um die Gunst des neuen Balkanbuudes den ersten Preis zn erringen. In der Politik gibt es keine Barmherzigkeit. In der Politik sagen die, die es verstehen müssen, wäre Gerechtigkeit. Menschlichkeit nur hindernde Gefühlsduselei. — Tie Triebe uuseres menschlichen Herzens, so angebracht sie auch im Privatleben jedes einzelnen sein mögen, taugen nicht für die großzügige Politik. Mag sein! Teshalb kamen die Delegierten aller Kulturläuder in London zusammen und bestimmten nach endlosen Beratuugeu, wie der Raub aufzuteileu sei׳, den Bulgaren, welche Wunder an Tapferkeit verrichtet, hunderttausend junge, blühende Männer für die Befreiung der miu drückten Stammesgenossen Mazedoniens biugeopfert hatten, wurde der Löwenanteil zugesprochen. Ein kleiner Streifen Laubes nur trennte sie von dem ersehnten Ziel und versprach ihnen lockend neuen Gewinn. Tie Serben waren ebenfalls als Befreier ausgezogeu. vom Nordwesren her, in ihrem Gefolge die Söhne Rikitas, die davon träumten, das hochragende Skutari ׳,ur Metropole des Königstunis zu erheben. Auch das klassische Hellas trieb eine innere Stimme auf das Schlachtfeld, homerische Helden mir ihrem König an der Spitze. Alle sollten durch die Londoner Verteiluilgskommissioii befriedigt werden, alle den verdienten Lohn für ihre gottgefälliges Tun erhalten — von Meuschenhailb. Tie Türkei wurde zerschnitten. Tie edelsten Teile des Reiches, Adriauopel mit seinen Sultausgräberu. de» vielen Moscheen und nationalen Heiligtümern, das reiche Salouiki, die ägäischeu Inseln, wurden als bulgarisch, griechisch erklärt, Mouastir, Uesküb siel den Serden zu, selbst Montenegro vergrößerte sei» Ok־- biet. Ta erhob sich keine Stimme und fragte, mit welchem Rechte eigentlich die Balkanvölker den Krieg heraufbeschworeu hätten, kein Diplomat nahm sich die Mähe, die pompösen Manifeste, die freiheitsstrotzendeu ״Aufruse an inein Volk" unter die Lupe zu nehiueu, de» wahren Grund des Mordens: Beutegier, wahusinuiges Macht- ^euÄelon. Der letzte Sang. (Schluß.) Kurt hatte sie oft geneckt. ״Du, Ruth. Ter Löweuberg gefällt dir ja sehr gut, wie ich sehe. Hab' nichts dagegen. In Gottes Namen, Kinder. Heiratet euch und vertraget euch. Tenn Friede ist das Wichtigste auf Erden. Du bist zwar ein junges, neunzehnjähriges Kinderl, Papas Schoßhündchen, noch zu klein dazu. Doch die Mama meint immer, du wärst 'was Besonderes. Ich, der reine Duuiinköpf gegen dich! Du hast alle Weisheit einfach lveggeschnappt." Ruth wußte, daß Kurt nur scherzend sprach. Sie waren zwei Freunde und Kurt war immer stolz darauf, wenn Ruth sagte: ״Ja, mein Brüderl, der hilft mir immer heraus, wo er kann. Nur ein wenig boshaft ist er. Nicht wahr, alter Knabe?" ' Sie wußte auch, daß Kurt den Löwenberg Wohl als tüchtigen Menschen schätzte, als lieben Kollegen, doch sie selbst, nein, sie selbst schätzte ihn Wohl nur, weil ihr Bruder es tat. Und nun wollte er etwas sagen. Sie war gar nicht so begierig, es zu hören, dachte an nichts. Doch als sie seine Verlegenheit bemerkte, als sie aus seinen Umschreibungen das herausfühlte, was er nicht auszusprechen wagte, da ... fühlte sie plötzlich Mitleid mit ihm, grenzenloses Mitleid.... In größter Ratlosigkeit stand sie da. Blitz- ' schnell schossen ihr die Gedanken durch den Kopf. ״Herr Löwenberg?" - ״Was wollen Sie mir sagen?" ״Ich habe eine große Bitte an Sie. Sprechen Sie das nicht aus, was Sie jetzt sagen wollen. Es wäre nicht gut — für uns beide. Bitte, Sie tun es doch." j ״Fräulein Ruth! Haben Sie etwas gegen mich? Tann sagen Sie es nur offen. Soll ich das zurückdrängen, was ich ihnen schon längst I sagen will, was ich Ihnen jetzt sagen muß? Nicht möglich! Ich kann jetzt nicht zurück... Muß Ihre Antwort haben, bitte. Fräulein Ruth ..." ״Herr Löwenberg, es darf nicht sein. Es kann nicht fein. Sie sind zu gut dazu, etwas gegen meinen Willen zu tun. Es schmerzt mich tief, Ihre Hoffnung zu vernichten." ״Frl. Ruth! Nein, gegen Ihren Willen nichts. Da beiß' ich lieber die Zähne zusammen, presse alles hinein in mich. Also verloren .... Umsonst gehofft. Ja, wie hatte ich denn auch, ich armer Tor wähnen dürfen, daß.״ Ein bitteres Wort lag ihm auf der Zunge. Ta blickt Rütli ihn au 11. er schwieg, würgte alles hinunter.... Salzig kam es ihm aus de»?lugen. ״Es kann nicht sei», Herr Löweuberg. Ich wäre Ihnen nicht d a s, was sie sich vorstellen. Ich achte Sie als ehrenhaften, tüchtigen Menscheu, ich schätze Sie als liebenswürdigeu Freund, doch." ״Mehr nicht," unterbrach sie Jakob bitter. ״Ehrenhafter, tüchtiger Mensch, liebenswürdiger Freund. So, war ich w i r k l i ch ehrenhast und jtüchtig und liebenswürdig?" , ״Herr Löweuberg! Wir müssen uns von heute au ... meiden! Seien Sie Mann, kämpsen Sie es nieder! Wenn Sie damit im Reinen sind, daun - - in ein paar Jahren sehen wir uns wieder. Es tut mir weh ... Herr Löwenberg, reichen Sie mir Ihre Hand!" ‘ ״Fräulein Ruth, nur eine Bitte. Tie letzte. Ich reise in einigen Tagen nach Hause. Tausend Kilometer weit. Ein ganzes Land liegt zwischen! uns .... Sie haben nichts zu fürchten ... Einen ,Wunsch noch. Versprechen Sie mir...." ״Herr Löweuberg, wenn ich es tun kann. " ״Ich möchte Sie noch einmal mit meiner Geige begleiten. Zu Kol Nidrei. Sie spielen die ses Lied so schön und mich hat's gewaltig er Tretet der Jüdischen Verlagsgesellschast bei. WA

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