Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1913)
- Date
- 1913-07-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. »,Jüdische BolkSstiunne.* Nr. 29. Skisflichen!)aftcu bleibt, das; sie, da sie eben von, Instinkt beherrscht wird, nur die Dinge ersaßt und nicht^ihre Beziehungen, den Stofs nur und nicht die Form. Mit einigem Recht könnte man sogar diese Kulturpcriode als die religiöse bezeichnen, da ja die Religion ebenfalls einen rein instinktmäßigen Charakter hat — ich meine die Religion des primitiven Menschen — und nur eine mehr oder minder heftige Reaktion auf äußere Einflüsse ist. von denen der primitive Mensch keine klare Vorstellung hat und deren Relationen er nicht kennt. Erst nach und nach beginnt sich in deit kulturellen Regungen eines Volkes der positive Lchöpferwille hcrauszukristallisieren, immer klarer, mächtiger und zielbewußter wird der ursprünglich dumpfe Drang, der jkh allmählich aus dem Dunkel befreit, wie die Frühsonue das Rebeliueer unablässig zerreißt und sich zu ihrer leuchtenden Kraft hindurchwindet. Diese zweite Entwicklungsphase der Kultur bezeichne ich als die des Intellekts und verstehe darunter jenen Kulturzustaud eines Volkes dessen Tendenz die natürliche Erkenntnis allgemeinster Relationen in sich begreift, dessen sämtliche Operationen die Ueberwindung des Stoffes durch die Form zum gemeinsainen Zwecke haben. Auf dieser Kulturstufe ist aber zugleich der Höhepunkt der Entwicklung erreicht. Tenn jede bloße Form kann sich, gerade weil sic leer ist, nach und nach und frei mit einer Unendlichkcit von Werten erfüllen und so über die Wirklichkeit, über die im Materiellen begrenzte Wirklichkeit hinaus, zur höchsten Entfaltung geisliger Straft gelangen. Die feinste Vollendung Vervollkommnung des Intellekts führt naturgemäß zur starrsten Bewegungslosigkeit der Form, zur realen Vcrkörperlichung des Geistes, die nur mehr Symbol desselben, nicht aber Geist selbst. Darin manifestiert sich die Urgröße und zugleich die Tragik des Genius: in dem immanenten Vermögen, sich selbst überwachsen zu können. Damit rühren wir an den, Punkt, der diese Untersuchung am dringlichsten angcht, an die dritte Phase kultureller Entwicklung, an die Neuaissauce. Die historische Grundtendenz der Neuaissauce ift, jene unzähligen latenten Kulturkräftc in rascher Aufeinanderfolge wieder frei zu inachcn und mit den vorher bereits Wirtenden Potenzen zusammen oder ihnen gegenüber in Bewegung zu sehen. Unter diesem Bilde vcrgegenwärtigen wir uns an, klarsten das Wesen der Renaissance in, allgemeinen und des jüdischeu Geistes im besonderen. Tie Befreiung der Idee aus der sic einschlicßenden, cinengcndcn Hülle, die Erlösung des Ewigen, Werdenden vom ich nicht weiß, ob Sic es gut oder böse aufnehmen werden. Und verderben will ich's nur mit Ihnen auf keinen Fall. Es ist aber soitderbar. Ich bring es nicht heraus. Es schnürt mir die Kehle zu ... Eher könnt' ich's Ihnen Vorspielen, Vorsingen, nur nicht sagen. Meine Geige würde cs Ihnen sagen, sie würde zu Ihnen sprechen, ihre süße, schmeichelnde Stimme ... Und wenn Sie wollten, würden Sic cs verstehen. Wenn ich langsam spielte, so ganz ruhig, die breiten Striche, dann hätte ich Ihnen nichts zu sagen. Wenn ntir aber der Bogen in der Hand hüpfte, wenn ein Ton den andern zu Haschen suchte, eine Melodie sich in die andere verstrickte.... Wenn alle ruhelosen, springenden Klänge alle grausamen, reißenden Töne zu Ihnen sprächen, wenn die Geige nur das Mittel wäre, durch das ich von Ihnen verstanden werde. Wenn all das, was Ihnen Ihre Phantasie, Ihr ahnender Geist zu erkennen gibt, zusammenflösse mit einer Musik in einen gewaltigcn Akkord, wie das Brausen des Meeres, wenn Tie ein wenig an sich vergäßen in diesem Augenblicke aufhörten, die stolze Ruth zu sein ... Wenn das schluchzende Vibrieren der Saiten Ihr Herz mitertönen ließe, in ...." Jäh bracht er ab. Ruth hatte sich während seiner Rede umgedreht und plötzlich die Rolle gewechselt. Anfangs versuchte sie ein Verständnisloses Gesicht zu machen, doch nach den ersten Gewordenen. Wie ein überreifer, groß gewordener Fruchtkern die Schale sprengt, in der er gewachsen, zeitig geworden, so die Idee, die in eine Form gepreßte, gedichtete Idee. 2k- Idee des Judentums muß wieder frei werdeiu Das ift es, was wir alle fühlen; und diese Sehnsucht bezeichnen wir schlechthin mit Renaissance. Tie Kultur unserer Antike ist starr geworden, ist in ihren Formen kalt geworden, und darauf konzentrieren wir uns nun, diesenige Kraft in unserem Innern, die am gelöstesten von allein Acußern und am wenigsten von Jntellektualität durchtränkt ist, zu wecken, wirken zu lassen. Im Tiefsten unserer selbst suchen wir den Punkt, wo wir uns unserem eigenen Leben innerlichst nahe fühlen. Es ist d>ie reine Idee, in die wir so zurücktauchen, eine Idee, in der die ewig vorrückende Vergangenheit unablässig um eine absolut neue Gegenwart anschwillt. In gewaltsamer Jusamenballung unserer Genialität müssen wir unsere entschlüpfende Vergangenheit ausraffen, uni sie kompakt und ungeteilt in eine Gegenwart hineinzustoßen, die sic in eben diesem Eindrättgcn erschafft. Die Vergangenheit des Judentums muß uns, soweit wir sie in unserer b c w u ß t e n Gegenwart verlebendigen, die Idee des Judentums sein, die Gegenwart, dir Zukunft ihre F o r in. Unter der Voraussetzung, daß Renaissance ein dent physikalischeu Gesetze von der Erhaltung der Kraft vergleichbares historisches Gesetz ist, zerfällt die mit so vielen Ja und Rein beantwortete Frage, o b wir Juden eine Zukunft haben, in sich selbst zusammen. Denn diese Frage, die in sich bereits den Keine der Negation birgt, kann nur für denjenigen von Bedeutung sein, dessen Gegenwart schon längst inhaltslos wurde, indem er den Weg zu seiner Vergangenheit verloren hatte, für denjenigen also, dessen Vitalitätskräfte sich im labilen Gleichgewichte befinden, könnte die Sorge um die Zukunft der Juden bedcutuitgsvoll werden und — für den erst recht nicht inchr. Elende Traditionssklavcn, welche die unbewegliche, tote Vergangenheit wie ein unheimliches Schicksal anstarrt, verkriechen sich in feiger Unterwürfigkeit gegen das willen- und machtlose Schicksal, in ihre eigene dumpfe Willenlosigkeit, fliehen vor der Zukunft, vor der immer gegenwärtigen Zukunft, in ihre Gegenwartslosigkcit, in die Stagnation. Sie unterjochen sich dem toten Schicksale, um der Gefahr des eigenen Willens, der eigenen Macht zu entgehen. Und diese Furcht vor dem eigenen Willen wird ihnen zum Vcrhängnis, zum Fluch.... Der Genius aber, der schaffensfrohe Geist ist Herr der Vergangenheit. Sätzen schon, als Jakob seine Schüchternheit überwunden hatte und immer sprudelnder seine Worte kamen, als er von der Geige sprach, da ahnte Ruth bereits, was er sagen wollte. Und jetzt erinnerte sie sich daran: Vor einem Jahre hatte sie ihn kennen gelernt, ihr Bruder hatte ihn einmal mitgeüracht. Ruth spielte eben einen lustigen Marsch, rasch flogen ihre Finger über die Tasten und da merkte sie kaum, daß jemand im Zimmer war. Bis ihr Bruder meinte: ״Run, Ruth, bist nicht sehr zuvorkommend!" Da erst blickte sie auf, gewahrte einen höflich lächelnden jungen Mann: ״Löwenberg, Philosoph." Und da ihn Kurt gut leiden mochte, kam er des öfteren hin. Einmal brachte er seine Geige init. Da spielten sie beide. Er leicht vornüber geneigt, die schlanken Finger um den Hals seiner Violine, den schwärmerischen Ausdruck seiner Augen auf sie geheftet; wenn man ihm zusah... Da schien sich gleichsam ein Strom von ihn! auf das Instrument zu ergießen und tausendfältiges Getön hervorzubringen.... Ruths Spiel war mehr verinnerlicht. An ihren seelenvollen Augen nur konnte man es erkennen, daß ein geheimnisvolles Fludium auf die Tasten gleite.... An dem Leuchten und Glänzen in ihren Augen nur.... (Schluß folgt.) Er ruft sie herbei, wenn er sich in der Fülle seiner Kraft befindet, wenn das Reich seines Willens sich ins Unendliche spannt. Durch die lebendige Gewalt der Vergangenheit, die sich jeden Augenblick in die Gegenwart verschiebt, in sie hineindrängt, wird sein inneres Leben zum vorwärtstreibenden Strome. Diese kontinuierliche Verbindung und Stetigkeit in unserem Innenleben ist das Grundphänomen der Entwicklung. Ter. Mannigfaltigkeit des Stromes entspricht der ständige, zusammenhängende Ablauf von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und so gelangen wir zur Erkenntnis des Begriffes Geschichte. (Schluß folgt.) Bestialitäten. Schon Tolstoi hat in seiner ״Macht der Finsternis" u. manchen Stellen seiner Erzählungen surchtbare Bilder von der moralischen Entartung des an sich gefinden und gutartigen russischen Bauerntums gezeichnet. Bor einigen Fahren ist ein Buch, betitelt: ״Unser Verbrechen", von Rodionow (deutsch 1910) erschienen, das diese verbrecherische Entartung in den schwärzesten und blutigsten Farben schildert und der gebildete» russischeu Gesellschaft die Schuld daran bciinistt. Aber alles, was Bücher, wissenschaftliche Darstellungen oder Erzählungcn aus dem Leben dieses Volkes uns lehren, verblaßt vor den Dingen, die von Zeit zu Zeit, und als ob cs sich um die natürlichsten Dinge von der Welt handelte, die Zeitungen aus dem großen Slavenreichc berichten. Man las neulich, daß in einem polnischen Torfe eine jüdische Familie von 8 Köpfen verbrannt worden ist. Die Ursache soll ein Prozeß gcloesen sein, den sic gegen Bauern dieses Torfes Pontneva gelvonneu hatte». Man hatte vorher sorgfältig alle Ausgänge verschlossen und vernagelt, um ein Entkommen aus dem brciinciidcn Hause unmöglich zu machen. Und tatsächlich ist es auch nur einem Mädchen gelungen, sich völlig nackt zu reiten. Wie die ״Russische Korrespondcnz" berichtet, hat ein Bauer aus dem Orte den Brand löschen!vollen, jedoch aus Furcht vor der Rache der anderen davon abstehen müssen. Er war auch der einzige, der sich bereit fand, dem nackten Kinde Kleidüng zu geben. Dieselbe Quelle teilt mit, daß viele Juden in jener Gegend mit dem Verbrennen bedroht worden sind, falls sie nicht den Ort verlassen; daß cs sich also um ein planmäßig angewandtes Kampfmittel in dem neuerdings von nationalpolnischer Seite gegen die Juden cingeführtcn ״Boykott" handle. Eine andere, noch viel gräßlichere Vcrbrcnnungsgcschichte wird aus der Ukraine berichtet. Dort sind nach einer Kiewer Zeitung nicht weniger als 80 Frauen im Bezirke Piriatin, wohin sic als Lohndrückerinnen von einem Gutsbesitzer gezogen worden seien, bei Nacht in dem Schuppen, in dem sie schliefen, verbrannt worden. Auch hier hatte man zuvor alle Ausgänge verschlossen. In diesem wie im vorigen Falle gehören die Verbrecher Völkern an, die selbst seit langem unter der Herrschaft der russischen Bluthunde seufzen. In beiden Fällen scheinen wirtschaftliche Ursachen zugrunde zu liegen: hier Lohndifscrenzen, bei denen der blinde Haß das unschuldige Werkzeug mit seiner Rache getroffen hat — dort der große, aus wirtschaftlichem Emanzipativnsstrebcn und national-religiösem Fanatismus gemischte Verruf den in ganz Polen die Bevölkerung über die Juden verhängt hat. Man darf dabei nicht vergeffen, daß cs das Regicrungssystcm selbst ist, das überall die schlimmsten Instinkte ausftachclt und durch seine eigenen Praktiken den schlimmsten Verbrechen den Weg weist. Man kennt die Taktik der Pogrome, die planmäßig von den höchsten Beamten mit Hilfe der Polizei und Nikolaus dem Zweiten selbst gegen die Juden und in anderer Form gegen olle Träger der Intelligenz und edlerer Bestrebungen im Volke angewandt wird. Man weiß, wie das in Westcuropa seiner gefährlichen Wirkung beraubte Märchen des Ritualmordcs hcrhalten muß, um die im blödesten Aberglauben aufcrzogcncnVolksmassen gegen Träger des Fortschritts oder hartnäckige Gegner des allrussischen zäsaro-papistischen Systems mobil zu machen. Seit zwei Jahren schon spielt so der Prozeß gegen den Juden Bcilis in Kiew, der jetzt endlich zur gerichtlichen Verhandlung kommen soll. Dabei suchen die Reaktionäre mit allen Mitteln zu verhindern, daß die nichtswürdigen kökmi8cke Industrial-Bank-Filiale Kassen und Bureaus: BRÜNN, Großer Platz Nr. 26. Sfimtllche Bank-, Bfirsen-, Devisen- und Valuten-Beschifte. fiijpothEkarkredite auf Industrie-Unternehmungen, □echsel-Eskompte. Geldeinlagen gegen Sparbücher und in laufender Rechnung zur günstigsten Verzinsung. Kessen: Telephon Nr. IMS. Direktion: Telephon Nr. 1017. Eigene 472% Bankschuldverschreibungen emittiert auf Grundlage von hypothekarisch sichergestellten gesetzlichen GrunduplUaritSt gewahrten Darlehen, verzinsen sich bei gegenwlrügem Kurse mit mehr als 41/2%. Korrespondenz: Telephon Nr. 13SS