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Jüdische Volksstimme · 1913-07-17 · Heft 29 (17.7.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 29 (17.7.1913)
Date
1913-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XIV|2. Jahrg. Nummer 29 lener Erscheint jeden Donnerstag. Wslhr U-3 Bezugspreise: | Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Ruhland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. iine Herausgeber: Max Hickl. N—-L Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerischc Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. OieschästssteUe. Wien:!., Rotcnturmslratze Nr. 31. Telephon 3009/VIIl- Sprechstunden von 10—12 Uhr Pojtsparkassakonto Nr. 312.842. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto bcizufügcn. &-a Brünn—Budapest. Wien, 17. Juli 1913. 12. Tamus 5673. Prag—Lemberg. Aus dem Zuhalle: Ä. Gros!: Zum Renaissanceproblem des Judentunis. - Mar Jung: Der letzte Lang. — Beslialitaten. - - Konferenz jüdischer rcbi10rc\anifationen. — Paläskinanachrichten. — Indisches Sport- und Turnfest in Wien. -- Ans der Geschichte der Juden in Bulgarien. -- Baron Josef Hatvanh. — Tie Droschkenkutscher von Jerusalem. - Perlen ans dein Talmud. — Ein neues jüdisches Stadtviertel in Jaffa. — Korrespondenzen. — Briefkasten. — Friedrich Portes: Marionetten. — Tr. M. H. Friedländer: Eerf Beer und seine Zeitgenossen. — Tie Königin Luise und die Inden. -- Literatur. Zum Renaissanceproblem des Judentums. Bon M. G r o s;. Alles ficiftiiic Leben ist im Grunde eine große Einheit, die nur nach den verschiedensten Richtungen hin ihre Kräfte wirken läßt und ihr Licht in tausend Strahlen bricht. Je naiver und ursprünglicher der Mensch ist, desto lebhafter erkennen wir diese Einheit seines Wesens. Erst der Kulturmensch, der sich über sich selbst klar zu werden versucht, ist genötigt, sein eigenes Tun und. Denken in Kategorien zu zerlegen, zu ordnen und mit allerlei Namen zu benennen, bis ihm diese Sonderung zur Gewohnheit wird. Wir vertue!- sen, ohne uns immer dessen bewußt zu sein, jede geistige Regung in ein bestimmtes Gebiet, wir haben unsere Formeln, mit denen wir operieren. Das ist bequem und für das tägliche Leben nützlich, aber gefährlich für jenes große Denken der Menschheit, das sich mit den rätselhaftesten Mpsterien der Welt und des eigenen Seins beschäf- «Lemkketon. Der letzte Sang. Skizze von Mar I n n g, Wien. Jakob Löwenberg sah eines Tages Ruth in die Augen. Da bemerkte er ein feuchtes Schimman in ihnen, einen verschleierten eigentümlichen Ausdruck. Zugleich fühlte er. wie das Herz ihm schneller Pochte; das Blut stieg ihm ins Gesicht. Perwundert blickte Ruth ilm an. Im nächsten Moment aber errötete sie über und über.... Jakob hatte gerade die Lippen geöffnet, um ein Wort hervorzubringen. Sei es nun, daß Ruth aus der Stellung der Lippen das Kominende herablesen konnte oder daß sie zu wissen glaubte, was Jakob jetzt sagen werde, sie wandte das Köpfchen zur Seite... Und Jakob versuchte gar nicht, die Lippen auseinanderznbringen. Unbeweglich stand er da, mit verzückten Augen die Stelle suchend, wo Ruth stand ... Nach einigen Minuten erst kam Leben in ihn. er gab sich einen Ruck und sprach bedächtig: ״Fräulein Ruth, ich muß Ihnen etwas sagen." ״Nun, Herr Löwenberg?" tigt. Denn das geistige Leben, von dem ich spreche, wurzelt in der Idee; diese aber stellt notgedrungen eine Einheit dar, indem sie immer einer tiefen, grundtiefen Sehnsucht entspringt, deren ureigenster Ausdruck sie ist. Jede Sehnsticht aber ist AlGSehnsucht, ist der ewige Gott- Drang unserer Leele, die wie eine lodernde Flamme immer höher schlägt, die nach Unendlichkeit dürstet, nach dem Eins-Werden im All, nach dem All-werden. Alle Idee ist ihrem ursprünglichsren Wesen nach einheitlich, weil sie das Produkt gewaltigster Konzentration ist, einer .Kompression gleichsam sämtlicher Materialitäten, deren überwundene Vielheit in eine ideale Einheit zlisaminenschmilzt. Tas Ideal ist die zur höchsten Potenz erhobene Wirklichkeit, oder die Wirklichkeit in ihren buntesten, mannigfaltigsten Erscheinungsformen, deren entgegengesetzte Divergenzen sich im Ideal zusainmensinden, in ihm aufgehen, in ilnn eins werden. So verhält es sich mit der Einheit der Kulturidee, oder richtiger, der Kultur gewordenen Idee. Was ein Volk unter seiner Kultur versteht, ist nicht ein summarisch abgeschlossenes Ergebnis einer gewissen Entwicklung, welches einfach als sein Eigentum angesehen wird, sondern unter der Kultur eines Volkes hat man die Erpansivkraft seiner Nationalidee zu verstehen, die Höhe der energetischen Potenz dieses Volkes, kurz, die Schwungkraft dieses Volkes, welche aus der Idee erwächst und in ihr reift. Wenn wir nun statt des einen großen Begriffes der Kultur nach den verschiedensten Keimen suchen, aus denen er sich allmählich gebildet hat, so widerspricht dies nur scheinbar der Behauptung von der Einheit des menschlichen Geisteslebens. Tenn tatsächlich sind diese einzelneu Keime späterer Entwicklung so eng miteinander verflochten, wie das Wurzelwerk eines dichten Waldes. Sie bilden die Resultierende säint- ״Etwas Uraltes. Eine Wiederholung..." ״Das wird mich kaum interessieren können. Ich konnte nie das Wiederholen leiden." ״Ich meine es nicht so. I ch habe es noch niemals gesagt." ״Also andere? Und dazu brauchen Sie so viel Zeit? Gewöhnlich hat man fremde Gedanken rascher zur Hand als eigene. Nun, was ist's denn?" ״Sie haben mich wieder falsch verstanden. Ich will Ihnen jetzt schnell alles sagen ... Oder nein, ich wette mit Ihnen." ״Seht 'mal den Herrn Philosophen! Erst macht er mich.neugierig, deutet mir alles in zarter Umhüllung an und jeht soll ich wetten...!" ״Ja, Fräulein Ruth, ich wette, daß Sie wissen, was ich Ihnen sagen will?" ״So? Seit wann sind Sie Gedankenleser? Als Seelenarzt sind Sie wirklich unmöglich! Sie trockener Philosoph, Sie... Und wetten soll ich mit Ihnen? Der Einsatz? Glauben Sie. daß ich Ihnen so in die Falle gehe? So einfach geht das nicht. Ta müssen Lie mehr Köder hinwerfen, junger Herr!" ״Gott sei Tank, daß Sie sich dafür erwärmen. Ich wußte ja, die Neugierde ist Ihre starke Seite nicht. Diesen Vorzug haben die drei...." ״Hören Sie doch auf. Also heraus damit, aber ohne Wette. Wollen Sie, ist's gut, wollen licher Reaktionen einer einzigen Kraft auf ihre eigene Einwirkung, auf den dunklen Drang des inneren Wachstums; nur daß sie noch planlos und ohne vernünftigen Zusammenhang erfolgen. Sprache und Tichtung, Kunst und Religion lauen sich auf machtvolle Triebe des Innenebens zurückführen und gewinnen, wie keimende Pflanzen, erst im Lichte des wachen Geistesebens Gestalt. Farbe und Eigenart. Von diesem mächtigen Drange unseres Innern nimmt das Geistesleben seinen Ausgangspunkt, hier ist der Ursprung seines Werdens, seiner Gestaltung. Diese Eillheit des Lebeiisursprnngs, lvelche als Impuls, als innerer Drang gegeben ist, ist die treibende Kraft des Lebens, welches sich mehr und mehr spaltet, je weiter es vorschreitet. Jede neue Entwicklungsstufe drängt es in immer neue Formen, erweitert seine Tifserenziernngsmöglichkeiten, zerfasert es in Vielheiten, in Gegensähe. In einem solchen Lebenssladinm tritt oft eine heftige Krise ein, deren Ansgang vom Vitalitärsgrade des betreffenden Organisnins abhängt. Schwache Orgauisnien gehen im fortwährenden Aufeinanderprallen der unausgleichbaren Gegensätze im Formenwechsel zugrunde, während die starten umso stärker llnd gefestigter aus ihm hervorgehen, um daun zci einer weit organischeren, höheren Einheit zu gelangen. Also erscheint nur in großen Umrissen der Weg unserer geistigen Entwicklung. Von der Jdeeneinheit des Ursprungs nimmt er seinen Lauf über die Formeuvielheit des Werdens zur Jdeeneinheit des Zieles. Ehaotisch, diffus, gestaltlos ist die Kultur in der ersten Phase ihrer Entwicklung, die Kultur des Ursprungs. Es ist ein wirres Durcheinander drängender Elementarkräfte, ist der dem Ehaos innewohnende Instinkt, sich gestaltend >11 läutern ----- die Phase des Instinkts. Die charakteristische Eigenheit dieser Kultur ist, daß sie am Sie nicht - auch. Werde mich zu trösten wissen. Was Sie mir auch zu sagen haben! Etwas sehr Wichtiges, Geheimnisvolles, das niemand hören darf, nur ich, Ihre Vertraute, Fräulein Ruth ... nur mir wollen Sie es sage», mich mit Ihrem Vertrauen beehren." Immer spöttischer sprach Ruth, immer ironischer wurden ihre Antworten. Jakob war ratlos. Er grisf in die Tasckze. holte einen Bleistift hervor, steckte ihn wieder ein, öffnete den Mund, um zu sprechen, doch seine Zunge schien gelähmt. Wo war der redegewandte Jakob Lölvenberg? Weshalb floß nicht wie sonst seiner Rede Strom unaufhaltsam ans seinem Munde? Er suchte nach einem Thema und fand es nicht. Eines hatte er zwar, darüber sollte er sprechen, in seinem Studierzimmer hatte er sichs heilig vorgenommen, unzähligemal geübt. Tie sonderbarsten Stellungen, eine ganz verzwickte Mimik hatte er den ganzen Nachmittag ״ge paukt" und jetzt ging es plötzlich nicht. Er wußte nicht warum. Es ging nicht, ohne Grund. Wie wenn ein freies Räderwerk zu laufen aufgehört und der Meister den Schaden nicht finden kann. Ruth war zum Fenster hingekrelen. ״Herr Löwenberg, ich bin sonst!licht so neugierig. Aber diesmal, ich bitte Sie.-..." Jakob machte eine verzweifelte Anstrengung. ״Ich wollte Ihnen etwas sagen, von dem Tretet der Jüdischen Verlagsgesellschast bei.

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