Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1913)
- Date
- 1913-07-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 28. ״Jüdische Solrsstimmo." Ich Heere, das je Rom gegen einen Feind gesendet hatte. Der Hatz gegen die mächtigen Eroberer,׳ und der sehnliche Wunsch, die nationale Unabhängigkeit zu erneucrn,'trieb die Juden zu häusigen, aber trotz großer Tapferkeit stets erfolglosen Empörungen, von denen die zur Zeit Hadrians 132 unter dem angeblichen Messias Bar-Kochba die größte und erfolgreichste war. Begeisterte Anhänger, zu denen selbst der Gesetzeslehrer Ben Akiba gezählt wird, schienen Bar-Kochba den Erfolg zu srchcrn. Der römische Befehlshaber Jul. Severus beendete aber 135 die Kämpfe» bei denen mehr als eine halbe Million Menschen umkamen, mit der Einnahme der letzten Zufluchtsstätte der Juden, der Bergfestung Bcttar, der Hinrichtung vieler hervorragender Persontichkeitcn, besonders Gelehrter, der Zerstreuung des Volkcs und der Verödung Jerusalems, das von Hadrian neuerbaut und mit Heiden bevölkert wurde. Seit dieser Zeit haben die Juden als Nation nicht mehr in dcni eigenen, ihnen gehörigen Lande gelebt. Aber sind ihre kriegerischen Instinkte während der langen Periode ihrer Zerstreuung erloschen? Daß die alten Juden eine kriegerische Rasse toarcn, kann niemand leugne», und cs mutz im allgemeinen zugestanden werden, datz kein Volk die Reinheit seiner Rasse mehr bctvahrt hat als die Juden. Ans diesem Faktum kann man den Schluß ziehen, datz sie noch immer die nämlichcn, ihrer Ratze anhaftenden Eigenschaften besitzen, eine Schltitzfolgerung, die überdies durch jetzige Tatfachen und Zahlen beweiskräftig unterstützt wird. Der Fcidprcdlger der jüdischen Soldaten in Aldershot hat vor einiger Zeit statistische Angaben veröffentlicht über die Zahl der Israeliten, die in den verschiedenen europäischeu Heeren dienen, und diese Zahlen ergeben die erstaunliche Auskunft, datz verhältnismäßig eine größere Anzahl von jüdischen Soldaten in Europa vorhanden sind, als christliche Soldaten. Die Gesamtzahl der Inden in allen fünf Erdteilen beziffert sich gegenwärtig auf acht Millionen, lvovon ungefähr 500.000 in Afrika, 750.000 in Asten und 200.000 in Amerika leben. Die 0,050.000 Juden in Europa liefern den Armeen Europas nicht wcrngrr als 350.000 Mann. Ter Kaiser von :Rußland entnimmt eine viel größere Proportion von Leuten zum Dienste in seiner Arrnee seinen jüdischen llntcrtancn als dem Reste der unter seiner Herrschaft stehenden Bevölkerung, und obgleich dies nicht als eine Auszeichnung von denjenigen geschätzt werden mag, die ihrer tcilhastig werden, so ist es doch augenscheinlich gewiß, dag die Juden gewiß nicht so bevorzugt würden, wenn sie als Soldaten nichts taugten. Die Zahl der Juden im russischen Heere beläuft sich nach offiziellen Angaben des russischen Kriegsministcrs auf 171.000 Mann. Im ganzen russischen Reiche leben 3,050.000 Juden. Der Abg. Roditschew eiferte in der Duma gegen den erwähnten Antrag, die Juden von der Militärpflicht zu entbinden und dafür eine jährtichc Steuer von diesen zu erheben. Nur in einem Lklabcnftaat könnte ein solcher Vorschlag verwirklicht werden. Vor allem betonte Roditschew, daß die Juden bei der Ableistung der Wehrpflicht bisher ungerecht bchandelt wurden; man sollte keine kranken Juden ausheben, dann lvürdcn keine unglücklichen jüdischen Soldatcn vorhanden sein. ..Die Befreiung einer Klasse von Staatsangehörigen vom Militärdienst," sagte Roditschew weiter: ..führt zum Verfall. Tic Erfahrung hat gezeigt, daß die Juden tapfere Soldaten sind und alle staatsbürgerlichen Pflichten ebenso gewissenhaft erfüllen, wie die übrigen Bürger. Nicht die Juden haben Rußland zur Niederlage von Tschuschima geführt. Dagegen lvar der General, der für :Rußland die zentralasiatischen Provinzcn eroberte, ein Jude von Geburt. In England, Italien, Frankreich dienen eine Unmenge Jude»; sie geben zu keiner Klage Anlaß. Gebt den Juden Rechte; ihr könnt ihnen alsdann noch mehr Pflichten aufcrlegen. Betretet den Weg des Rechts und der Gerechtigkeit: das ist der Weg, ein starkes und mächtiges Rußland, eine starke und mächtige Armee zu schaffen." So weit der christliche Dumaabgeordnete Roditschew. Einige der ausgezeichneten Soldaten, deren Namen in den niilirärischen Annalen Frankreichs verzeichnet stehen, waren Juden oder jüdischer Abstammung — die Marschällc Soult, Ney, Masscna und andere. Ney hatte sich den Namen ״le brave les braves" und Maffena denjenigen ״enfant de la victoire" erworben, Titel, die sie wohl verdienten. Auch in Frankreich liefern heute die Juden verhältnismäßig eine größere Anzahl von Angehörigen zur Armee als die Christen. Während der Drcyfus-Affäre ereignete sich in Paris folgender Vorfall: Eine Menge von Antisemiten hielten eine Versammlung unter freiem Himmel ab, als sic einen General und einen Oberst gewahr wurden, die auf sic zukamen. ״Vivc l'armce!" schreien und die beiden Offiziere erfassen, auf die Schultern heben und im Triumph bis ans Ende der Allee tragen, war schnell geschehen. Doch plötzlich wurde der General von einigen Antisemiten erkannt, cs war der General Liebcrmann. Er und der Oberst waren Juden. Statt des ״Vive l'armce" ertönte sofort: ..A bas leS JuifS!" In Italien ist einer der beliebtesten Heerführer, der General Ottolenghi, jüdischer Herkunft, und die italienische Armee besitzt außerdem viele andere Juden, welche dem Vaterlande vorzügliche Dienste geleistet haben. In Deutschland haben 5417 Kombattanten an dem Kriege von 1870—71 teilgenommen,. von denen bekanntlich ein recht beträchtlicher Prozentsatz mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde. Die deutschen Juden erfüllen ihre militärischen Pflichten mit derselben biederen und loyalen Treue und Hingabe, welche den Geist des ganzen deutschen Volkes charakterisiert. In Oesterreich-Ungarn dienen verhältnismäßig zweimal soviel Juden als Christen im Heere. Auch in der Flotte, obgleich sie klein ist, dienen viele Israeliten. Ter Sultan Abdul Hamid hat den Ausspruch getan, ״daß er auf alle seine jüdischen Untertanen in Kricgszciten bestimmt rechnen könne". Als der Krieg mit Griechenland April 1897 ausbrach, stellten sich aus allen Teilen der Türkei Juden freiwillig dem Heere, genau wie es 1877 im Kriege gegen Rußland der Fall war. Bei Domokos stand nur eine aus Juden gebildete größere Abteilung den griechischen und italienischen ״Freiivilligen" gegenüber. Letztere wurden geschlagen. Nach Beendigung des Krieges wurden 42 Juden vom Sultan mit der nur spärlich verliehenen Tapferkeits- Medaille ausgezeichnet. Tie Juden sind stets mit Achtung, ja sogar mit Gunst und Gewogenheit von den Türken behandelt worden, hauptsächlich auch ihrer Bereitwilligkeit wegen, ihre Dienste bei Kricgszciten dem Sultan anzubietcn: sonst sind sie, da nur Mohammedaner zur Armee genommen werden, von der Wehr- Pflicht befreit. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wurde während des Krieges mit Spanien die gleiche Opferwilligtcit und Hingebung bewiesen. Der erste Freiwillige, welcher sich meldete, war ein Jude und der erste Amerikaner, welcher auf dem Felde der Ehre fiel, war ein Jude. Es muß bemerkt werden, daß die amcrikanischen Generäle über den Mangel an Drill und Disziplin sehr beunruhigt waren, der den Tausenden von Freiwilligen leider anhastetc. Nur die kleine reguiäre Armee war imstande, sofort ins Feld zu rücken. Von den jüdischen Freiwilligen jedoch wurde sogleich ein Regiment Kavallerie und ein Regiment Jnfanterie gebildet, und zwar von solchen Leuten, die in Rußland und Deutschland gedient und eine vortreffliche soldatische Schulung erhalten hatten. Die meisten von ihnen befanden sich in eigenem Besitze und ausreichender Vermögenslage, als ihr Adoptivvaterland ihre guten Dienste begehrte. Ter Oberst (später Präsident) Roojevelt hat in Ausdrücken höchsten Lobes von den Juden gesprochen, die in seinem Regiment ״Rauhe Reiter" standen. Er erwähnt namentlich einen jüdischen Sergeanten, der ihm bei einem Gefecht das Leben gerettet hatte, aber leider bei dieser Gelegenheit getötet wurde. Mehrere hundert Juden befanden sich unter dem Besatzungskorps auf den Philippinen, wo sie sich in vielen Gefechten und Scharmützeln brav benommen haben. Britische Juden haben nicht in geringer Zahl an dem Kriege gegen die Buren tcilgcnomme». Sie waren in nicht weniger als fünfundzwanzig Regimentern (bic Hochländer und die Garden mit eingcschlossen) vertreten. In einem Berichte des Oberst Harris, der die Kimberley Rifles befehligte, heißt cs: ״Die in meinem Negiment befindlichen Juden sind in ihrem Kern und Wesen militärisch veranlagt, sie sind gehorsam und tapfer. Ihre Schlauheit und Gewandtheit macht sic zu Führern von Patrouillen sehr geeignet. In dem Feldzuge an der indisch-afghanischen Grenze sind zlvei jüdische Offiziere gefallen, deren Mut gerühmt ward. Von der jübischen Gemeinde in Bombay werden viele junge Leute Soldaten und ein starker Teil von ihnen avanciert zu Offizieren. Und wir müssen ferner erwähnen, daß das mächtigjle Bergvolk Afghanistans an der Nordwestgrenze von Britisch-Jndicn, die Afridis. welche über 6000 Waffenfähige Männer ins Feld stellen, mit Stolz ihre Abstammung von den Hebräern rühmen, eine Abstammung. die nicht nur durch ihre streng markierten jübischen Gcsichtszüge, sondern auch durch andere Zeugnisse und Augcnscheinlichkeiten zweifellos bewiesen ist. Die stämmigen, handfesten jüdischen Bergbewohner von Taghcsran und Kaukasien machen die Waffenhandhabung zu ihrer Hauptbeschäftigung und sind so gefürchtet von ihren Feinden, daß diese sie gern in Ruhe lasten, und es mag noch gesagt werden, daß ein Stamm von Juden unter dem ungestüm kämpfenden Volke des Atlasgcbirges die herrschende Rasse bildet. Alles bisher Gesagte gibt nur eine schwache, aber allgemeine Idee von dem Anteil, den die Juden jetzt in der Welt als Kämpfer und Krieger nehmen: aber wäre es unsere Aufgabe, ihre Laufbahn von den Tagen ihres Gesetzgebers Moses an zu schildern, so würde sich die Tatsache ergeben, daß sie niemals und in keinem Zeitalter sich unwürdig gezeigt haben ihres großen Kriegers und Helden, des Königs David. * * * Just wie zur Illustration der vorangegangcnen Ausführung kommt die Meldung, daß die rumänischen Juden tu einem Manifest dein König ihre Treue versichert haben u,1b spontan das Versprechen abgabe», als Soldaten ihre Pflicht voll und ganz zu tun. Man weiß wie Rumänien seine Jude» behandelt, >vie eS sie extra drangsaliert und bedrückt. Und doch hängen die Juden an ihrem Vaterland und bieten sich selbst freudig an. Gut und Blut für sein Wohl zu opfern. Ist daS nicht ein vollgültiger Beweis gegen die Beschuldigungen gewissenloser Hetzer, datz die Juden stets darauf ausgehen, sich ihrer Militärpflicht zu entziehen? Brief aus Eger. Tie Nachricht, daß eine entscheidende Prvbepredigt abgchallen werde, hatte mich aus dem benachbarten Franzensbad von der Kur >veg nach Eger gelockt. Erfüllt von dem Vorurteil, daß das Judentum in Mähreu schon auf das denkbar geringste Mindestmaß zusammcngeschrumpst ist und daß diesbezüglich die Verhältnisse in Böhmen noch viel schlimmer liegen, kam ich in Eger an. Etwa 150 Baalebatim (Hausväter) bilden diese aufstrebende Gemeinde, welche nicht direkt an eine ruhmvolle Geschichte aus der Vergangenheit anknüpft, da die Stadt Eger ihre alten jüdischen Insassen i» grausamster Weise vertrieben hat. Nun haben sich die Zeiten geändert. — Es wohnen in Eger >l»d — lau almon Jisroel — sie betätige» ihr Judentum in wahrhaft hcrzerhebender, achtunggebietender Weise. Tie Synagoge war am Vorabend des SchabboS gepreßt voll, desgleichen beim Mnssofgcbet, bei welchem die Probcpredigt abgehalten tvurde. Dabei bemerkte man, daß die Anwesenden nicht bloß Neugierde herbeigesührt hatte, sondern daß jte auch am Gottesdienste teilnahmen wie echte Inden. Hier herrscht lvahrhast jüdischer Geist. Sein Walte» ist unverkennbar und mein Borurteil über den Tiefstand des jüdischen Religionsbekcnntnijscs in Böhmen habe ich gar wesentlich korrigieren müsse». Ganz besonders augenfällig ist die musterhafte Einrichtung und die unifastendc Tätigkeit der Chelvra Kadischa. welche ihre idealen Aufgaben sehr ernst nimmt und bis ans Grab getreulich erfüllt. Tie Chelvra Kadischa von Eger begnügt sich nicht damit, Almosen zu spenden, wie es in anderen größeren und kleineren Gemeinden Sitte geworden ist, um für die Beerdigung durch bezahlte Diener j» sorgen und schließlich einen Gärtner zu bestellen, der die Gräber je nach der Taxe mit mehr oder weniger Blumen schmückt. Nein, ein Brnderverein ist die Ehcwra Kadischa dort, wie sie cS in alten Zeilen gewesen und wie cs dem Ideale jüdisch fühlender Herzen entspricht. Wenn ein Jude erkrankt, so finden sich die Brüder im Vereine zusammen; sie besuchen den Kranken, zer-!treuen ihn, pflegen ihn, wenn es nötig ist und wenn er durstig is!. so luirb seine Not nach Tunlichkeit gemildert. ohne daß er einer Beschämung ausgesetzt wäre. Wen» der Zustand eines Kranken sein nahes Ende befürchte» läßt, fo sind es wieder die Brüder im Vereine, ivelche dein Verscheidenden >yre Dienste ividinen, bis er seinen letzten Seufzer ansgehaucht hat. Aber selbst dann ivird der Entseelte nicht einem bezahlten Diener überlassen, sondern die achtbarsten Baalebatim und Meladscycs < Jnngmannschast! halte» ihm die Totemvnche, »chmen die üblichen Waschungen an ihm vor und behandeln ihn mit brüderlicher Liebe, bis das Grab sich über ihm geschlossen hat. Ueberall ist es die freitvillige Teilnahme der Vereinsbrüder, die sich dem leidenden Bruder ividmet, lmd ihn bis a» die Pforten der Etvigkeit geleitet. Das Vc,- der alten Chelvra ,»aoischa, die ehedein in jeder jiidischcn Gemeinde blühte, hat in Eger seine Nachahmung gesunden und isl von neuem ansgelebt. Tant yiefiir gebührt vor allein dem laiigjährigen Lbcrgabbe lVorstcher» der dortigen Ehcivra Kadischa, Herrn Eduard Lüwy, dessen begeisterter und bcgeislcrndcr Tätigkeit cs gelungen ist, die alten Eiiicickitnngen nach Eger zu verpflanzen und zu Ehren zu bri»- gen. Die große Mehrzahl der Geincliideinilgtieder isl von dem gleiche» Geiste beseelt 1111b wünschr, daß cil!^ jüdischer Sinn sich in allen Belangen des Gemeindelebens betätige und darum haben sie ihren Ivackeren Ehcwra-Äadischa-Gabbe auch zum :iioschhakohol gemacht.. Möge das Beispiel in allen Gemeinden der Diaspora, »löge jüdischer Brudersinn auch bei de» Sterbenden und Verstorbenen Vciveisc», damit ihnen nicht versagt bleibe, was unsere Ahiien brüderlicher Liebe ihren Toten als das ״Ihrige" zu leisten nie versäumt haben. Jvri.