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Jüdische Volksstimme · 1913-07-03 · Heft 27 (3.7.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 27 (3.7.1913)
Date
1913-07-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ליי^־יד^^ל־ד^ Rr 27. ״Jüdische BolkSstimme." «eite s. Aber der Staatsanwalt, der mit seiner Anklage die Vort giösen Vorschriften überhaupt christliches Blut brauchen,ן lis den Juschtschinski geschleppt hat, und über zwei aussetzungen für neue Pogrome zu schaffen sucht, weiß und auch diese Beschuldigung kann dahin reduziert wer-'Jahre hat es merkwürdigerweise geschwiegen. Und wer sehr wohl, daß er bei Herrn Schtscheglowitow Wohlgcden, daß gewisse jüdische,Sekten Ritualmord begehen, fallen findet. Es ist kein Zweifel, daß der Ministerpräsi- Zur Aufstellung einer solchen Behauptung aber werden dcnt Kokowzow a» solchen Auswüchsen des altrussischen I sich zur Genüge antisemitische Experten finden. Und Asiatcntums keine Freude hat, schon deswegen nicht, die angebliche Sekte, von der die Rede ist, sind die soweil er die russischen Finanzen verwaltet, die doch zum genannten Chassidim, die etwa die Hälfte der Gesamtnicht geringen Teil auf westeuropäische Märkte und judcnheit ausmachen und heutzutage in nichts von den zwar gerade auf jüdische Finanzlcute angewiesen sind, anderen Juden sich unterscheiden, eigentlich auch niemals Aber er ist über seine Kollegen ziemlich machtlos, eine Sekte im wirklichen Sinne des Wortes gebildet Indessen liegen die Tinge doch so, daß ein Punkt erreicht haben, so daß ihre Ausscheidung aus dem Gesamtjuist, an dem die Geduld der europäischen Kulturwelt zu dentum nur eine Fiktion ist. reißen droht, und die russischen Machthaber täten gut. Jedenfalls ist die Befürchtung nur allzu begrünsich beizeiten zu sagen, daß ihre Zugehörigkeit zu dieser det, daß selbst die Freisprechung des Beilis mit der Kulturwclt ihnen aitcfi Pflichten auferlcgt. Hilft der generellen Verurteilung der Juden verbunden sein wird. Appell an ihr Gcrechti^eitsgefühl nichts, dann ivüre es Aus diesem Grunde spielt schon jetzt das Gutachten des wirklich angczcigt, wenn die Kreise der Finanzwelt, vor radikalantisemitischen Geistlichen Pranaitis, die zur Beallem diejenigen Frankreichs, des Vaterlandes der Menkräftigung der 'Anklage angeführt wird, eine große schcnrcchte, einem Staate, der die raffinierteste Barbarei Rolle. Diesen Mann, der auf dem Gebiete der Theoschalten lägt, die Mittel zur Führung seiner Wirtschaft logie eine Null ist und von seinen Berufsgenoffen abweigerten. Tie Stimme der Menschlichkeit muß doch geschüttelt wird, macht jetzt die russische Justiz plötzlich nicht in den Bankpaläsien verstummen, um so weniger zu einer Autorität. Derartige Autoritäten können aber wenn dort für diejenigen, denen diese Stimme Hilfe! im In- und Auslände leicht herbeigcschafft werden. Man hcrbeirufcn will, auch noch die Stimme des Blutes darf darum schon heute Voraussagen, daß der Prozeß spricht. Tie russische!ltcgicrung kann solchen Erwägunselbst eine Tribüne für die frechste antisemitische Pergen nicht unzugänglich sein, und was von ihr erwartet hctzung bilden wird. Die beruflichen und freiwilligen ivird. ist kein Eingriff in die ordentliche Rechtspflege, ״echt russischen" Ankläger werden oft genug Beilis versondern umgekehrt eine Befreiung des Rechtes von poligcssen und nur mit agitatorischer Ausschlachtung des tischen Umtrieben und eine Garantie dagegen, daß nicht Ritualmordwahnes sich befaffen. das Recht gebeugt lverde zugunsten der Partcileiden- Hat doch auch schon die Anklageschrift für die Beschaft und des Rassenhasses. kundungen gegen Beilis nur zwei Spalten übrig, Tie neueste Wendung.!während die Erörterung der Gutachten von Tufanow Endlich ist dem seit zwei Jahren eingesperrten I und Sikorski, namentlich des letzteren, Dutzende von Beilis die neue Anklageschrift ausgchändigt worden. I Spalten cinnimmt. Tic Ankläger zeigen auch in diesem Die Staatsamvaltschaft har sich davei nicht gescheut, Stadium, welch dickes Fell sie haben, wenn sie nach den selbst diesem Akt einen provozierenden Eharaktcr zu ver-1 Veröffentlichungen der meßeuropäischen Gutachten den leihen. Wurde doch Beilis zur Entgegennahme der Ansenilen Professor Sikorski noch immer ernst nehmen und llagcschrift unter großer Eskorte nach dem Gerichts-!sei» Gutachten zur Begründung der Anklage mitbenuhcii. gevände gebracht, als ob cs sich um einen Verbrecher Das war es ja eben, was den Vorsitzenden der handelte, den interessierte Kreise mit Gewalt befreien betreffenden Kammergerichtsverhandlung, Kamenzow, mochten. Daß gerade solche Details die ohnehin sana-1 und den Berichterstatter Ryschow veranlaßt hat, nicht tisicrte Volksphantasie noch mehr erregen sollen, ist klar. I nur eine abweichende Stellung einzunchmen, son- Die Masse» bekommen den Eindruck, daß die Juden nur! dern diese ihre Gesinnung durch spezielle Protokolle danach trachten. Beilis den Gerichten zu entziehen, und zum Ausdruck zu bringen. Daß es gerade die maßschon daraus resultiert seine Schuld. Igcbendsten Richter waren, die ohne Rücksicht auf ihre Merkwürdigerweise konnte bislang der Vertei- Karriere so kategorisch austraten, verdirbt den Hetzern digcr von Beilis, Grigorowitsch-Barski, trotz wiederalle ihre Freude über den Sieg. Dazu ist es kein Geholten Drängens eine Kopie der Anklageschrift nicht heimnis, daß die ״abtrünnigen" Richter keine Judenbekommen. So beginne» in der neuen Phase der Anfreunde sind. So hat sich 'Ryschow während des bekannist das geheimnisvolle Kind, ivelcheS jetzt auftaucht׳: Das ist die Tochter der Wern Tschebyriak, die ja nach allen Enthüllungen des vorigen Jahres als die Mörderin entlarvt worden ist.... Es wäre fast zun: Lache», wenn es nicht für Millionen Menschen gar zu ernst wäre. Jüdische Berlagsgesellschast. Ter begeisterte Aufruf zur Anteilnahme cm der Gründung der Jüdischen Perlagsgesellschaft, der in der letzten Nummer der ״Vvlksstiinme" erschien, sollte wohl jeden Juden zum Beitritt veranlasst baben. In unserer Zeit darf mau aber nicht optimistisch sein und so spreche ich bloß zag- Haft die Hoffnung aus, das; der Aufruf die Zeichnllug eines Dutzends von Anteilscheinen zur Folge gehabt hat. Warum waren es nicht mehr? Warum nicht zwei Dutzend? Warum nicht zweihundert? Ein Mann der deutschen Literatur, der sich mehr dlirch seine Sammlungsideen für Schul zwecke, als durch bleibende Werke bereits unsterb-!ich gemacht hat, feiert in diesen Tagen seinen siebzigsten Geburtstag. Er hat einmal zu einer Sammlung von ״Bausteinen" für die deutschen schulen aufgerufen. Damals waren natürlich die reichen Juden die ersten Bauarbeiter, die einen ״schweren Stein" nach dem andern zum Bau schleppten. Das; Rosegger sie später dafür in Schutz nahm, indem er sagte, das; auch Juden zum Bau der deutschen schulen ״Geld!,ergeben dürften", schmeichelte ihnen in höchstem Grade. Nun wird zum Neubau der jüdischen Literatur aufgerufen. Wo sind die Bausteine? Wo sind die brillantenbehängten Handlanger, die Steine herbei tragen? Wo sind die Rothschilds. Gutmanns, PollakS usw. uiw.? Ta kommt her, da könnt ihr in Ehren Steine zu einem Bau tragen, zu einem Tempelbau. zu einem Ban des Ideals! D i e Bauleute werden euch nicht verhöhnen, werden nicht, den Rücken euch zugeweudet, über eure Dummheit lachen, werden nicht wie jene aus Dankbarkeit euer Volk ehrlos neuneu, werden nicht aus eurem Schaden persönlichen Nutzen ziehen! Die Gründer der Jüdischen Verlagsgesellschaft betteln nicht, sammeln nicht Spenden, sie getegcnheit abermals die Willkürakte, die für diese Af-Iten Homelcr Pogromprozesses durch sein rigoroses Versuchen bloß Mitbegründer, Anteilscheinuehmer, die färc so charakteristisch sind, im kleinen wie im großen, halten gegenüber den Juden hervorgetan und ist also Indes isr der Inhalt der Anklageschrift hier bereits bcvor Judenfreundschaft gefeit. kannt. Wenn in der früheren die Idee des Ritualmor-I Und trotzdem! Tie beiden ״Renegaten" haben es des nur in verschämten Andeutungen zum Ausdruck für ihre Pflicht erachtet, ausdrücklich zu betonen, daß kam, so soll die neue Anklage unumwunden darauf!auch nicht der geringste indirekte Beweis für eine Bebasieren. Als Motiv des Mordes soll einfach die Erlanschuldigung des Beilis vorhanden sei. Sie sind aber in gung christlichen Blutes zu rituellen Zwecken bereits jener Kammersihung, die einen ganzen Tag in Anspruch offiziell angegeben sein. Beilis ist nicht der allein Schulnahm, geschlagen worden. Tenn von oben drängt man dige, sondern nur ein Mitschuldiger, während die an-1 immer wieder, den Juden den Prozeß zu machen. Die geblichen anderen Täter, Juden aus Oesterreich, nnbe- Anklagebehörden haben sich nicht einmal geniert, einen kannt und deswegen unfaßbar seien. I neuen Clou der Pogromhetzer in die Klageschrift cinzu- Damit baben sich die Anklagcbchörden ihre Auf-1 schließen: die plötzliche Bekundung eines neunjährigen gäbe aufs äußerste erleichtert. Tenn jetzt handelt es I Mädchens, daß es gesehen habe, wie Beilis am Mordsich in ersrer Reibe nicht mehr um den konkreten Nachtage aus einer Kinderschar den Knaben Juschtschinski iveis, daß Beilis den Knaben Juschtschinski ermordet I herausgezerrt habe. Welch phänomenales Gedächtnis Hai, ei» Versuch, der kläglich mißlingen muß, sondern und welch phänomenale Vergeßlichkeit zugleich. Nach um das abstrakte Problem, ob Juden nach ihren reli-I zwei Jahren weiß das Kind sich zu erinnern, wie Bei- Gassenvögel hast du geladen? fragte Minna vorwurfsvollen Tones. ״'Nein, ich habe laut zn meiner Nachbarin über den Planken gerufen, daß ich Abfchicdsfest gebe und meine Bekannten einlade..." Ja, das ist ein Fehler," jagte Minna. ״Im Stillen wäre es besser gegangen." ״Schau, wie sie herumspringen. alles betasten-" Jetzt machte eine den Glaskasten auf, die andere, die Zigeunerin, probierte sich einen Reifen, die raufen schon um die Perlenschnur. Gotteswillen!" schrie Sary, ״was wird Ettel sagen?" Sie schloß die Tür. damit Frau Ettel nicht gleich hereinkonnne. Dabei rissen beide den Kindern alles aus den Händen. Die Zigeunerin lachte und sagte: ״Ich zahle mein Geld für diesen dicken Ring," und legte ein Zehner! auf den Pult. Rasch öfsnete sie den Riegel — und draußen war sie. Tie Rauferei untereinander dauerte nicht lange - die Tür war offen, alles eilte hinaus. Einige wertlose Herrlichkeiten, wie Glaskugeln, ״goldenc" Uhren — aus Messing — lagen ohne Kettchen aus dem Lehmboden. Zwei von den besseren Kindern, Brüderchen und Schwesterchen, hatten nur ein Ringlein auf dem Fingerchen und legten einige Heller auf den Tisch, indem sie Die Namen der ״Schlimmen" angegeben hatten und sich ganz ruhig die Taschen und Schuhe untersuchen ließen, wurden sie entlassen. Erleichtert atmeten die beiden Mädchen auf.... Einige Kratzwunden auf den zitternden Händen leckten sie mit der Zunge ab. Indem sie die Sachen in das Schubfach eilig warfen, öffnete sich leise, leise die Tür. Frau Ettel stand da, wie aus der Erde gewachsen. Erstaunt und steif wie eine Statue. ״Was macht Ihr über den: Glaskasten? Ihr habt auch gerauft?" ״Nein." wagte Minna zu sagen. ״Wir hatten hier schlimme Kinder, die ungeladen cingedrungen sind, sie wollten beim Abschiedsfest sein." Wo hast du deine Augen, Sary? Du bist eine schöne Wirtin! lind da hat sie eine Perlenschnur um den Hals" — dies mit einer schallenden Ohrfeige begleitend, mußte sie Plötzlich laut auflachen. Zwei durchlöcherte Haselnüsse mit dem Namen A. S. baumelten an der rosafärbigen Perlenschnur. ״Das Hab' ich vom Aly," wagte sie weinend zu sagen. Und wieder lachte Frau Ettel und hielt sich die Seiten. ״Solche Gäste, solche Sommervögel könnte ich brauchen!" Gottlob noch heute!" Minna strei chelte ihre liebe Sary und sagte: ״Morgen sag' ich alles dem Herrn Oberlehrer." Als wäre gar nichts vorgefallen, zündete Frau Ettel das Lämpchen an. sagte das Abdalahgebet und holte ein Butterbrot und Obst.... Auch Minna ließ sich herbei, damit Sary in Gesellschaft mehr Lust zum Esten habe.... Alsdann begleitete Sary auf diese Weise mittätig und an dem Unternehmen interessiert sind. Eure Bausteine behalten also ihren Wert. Ihr sollt nur die Sck-iüung eines Werkes möglich machen, das Herzenssache des jüdischen Volkes sein muß! Dazu soll euch kein Rosegger rufen so»- der euer eigenes Gefühl, euer jüdisches Herz! Wir haben viele jüdische Jugendvereine! Die jungen Mitglieder dieser Vereinigungen ncögen sich zusammenfinden und gemeinsam einen oder inehrere Anteilscheine zeichnen. Sie leisten Großes damit! Veranstaltungen znm Herbste mögen Korpo rationen dazu verwenden, lim Stimmung für die Gründung der Verlagsgejellschaft zu machen, um kleine Privatklubs zu schaffen, die Ankeilzeichner werden. ihre Freundin. Im Gärtchen pflückte Minna die schönsten Blumen, nahm ihre Halsschleife, band sie ihrer Sary um den Hals.... In einem Körbchen mit schönem Obst lag ein kleines Ab schiedsgedicht, das bedeckt war. Nach einigen ge genseitigen Dankesreden, Versprechungen und Wünschen sich umarniend, schieden sie und Winkteu!ich von der Ferne. Das Gartenpförtchen schloß sich.... Ob sie sich iviedersehen werden? * * + Frau Ettel hatte eine Träne im Auge, doch sie lächelte trotzdem, als Sary sie um Verzeihung für ihre Unbesonnenheit bat. Sie zog einen f!eineu Ring vom Kleinfinger iliid sagte: ״Denk' an mich!" Ein Handkuß von Sara beschloß den schönen Akt. Ettel küßte ihre Stirne. In der rosigen, taufrischen Morgendämmerung reiste Sary durch das noch schlafende stille Dörfchen. Die Ziege stemmte üch vor dem Wagen und mekerte ihren Abschiedsgruß - es klang so l traurig: nur mit Mühe hielt Frau Ettel das kluge, treue Tier bei der Leine - dann ein Lächeln - und fort flogen dieRößlein unter lusrigem Peitschenknall entführend das Sommervöglein.

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