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Jüdische Volksstimme · 1913-07-03 · Heft 27 (3.7.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 27 (3.7.1913)
Date
1913-07-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. »Hkdische BolkSstimme." Nr. 27. men könne. Das ist ein unerhörter, noch nie dagewesener Vorfall. Zum mindesten übte man bisher die Praxis, zu versprechen, daß inan die Forderungen prüfen und einer gewissenhaften Einsichtnahme unterziehen wolle. Auch dies hielt man nun schon für überflüssig und komplimcntirrte die Vertreter von mehreren Hundert Studeuten einfach hinaus. Es lässt sich nicht Voraussagen, was die nachsten Tage bringen werden. Soviel aber steht fest, die jüdischnatioualcn Studenten werden die Flinte nicht feige ins Korn werfen. Die einmal begonnene Aktion muß zu Ende geführt werden und wenn nicht mit Zustimmung der akademischeu Behörden, dann gegen sic. Hier gibt es kein Zurück. Die Zentralorganisation der jüdischnationalen Studenten, die bereits beschlossen wurde, muß angesichts der dringenden Notwendigkeit mit der größten Raschheit durchgcführt werden. Sie hat dann den Kamps für alle zu übernehmen. Und wo die einzelnen Teilorganisationen vcrschwinden, wird sic als geschlossenes Ganzes mit gewichtiger Stimme dreinzureden haben. Die Wiener Jüdischnationalen haben alle kleinlichen Streitigkeiten angesichts der großen Sache beifeite gelassen und schreiten zur Einigung. Die Bürgerschaft wird ihnen weiter treu zur Seite stehen, wird ihnen helfen, sie stützen. Und wenn dann alle Kräfte einträchtig Zusammenwirken, muß es auch zu einem Erfolge kommen. Die Kiewer Ritualmordaffäre. Die ..Frankfurter Zeitung" schreibt: Seit zwei Jahren sitzt in Kiew ein Mann gcfangen, gegen den die Anklage erhoben wird, er habe vorsntzüch aus religiösem Fanatismus zu Kultuszwcckcn im Verein mit anderen Personen einen zwölfjährigen Knaben qualvoll getötet. Der, gegen den diese furchtbare Anschuldigung erhoben wird, ist der jüdische Arbeiter Bailis, der nach der Behauptung der Anklage am 12. März 1911 an dem Knaben Juschtschinsky einen regelrechten Nitualmord begangen haben soll. Der Prozeß sollte schon im Mai vorigen Jahres stattfindcn, tvurde aber vertagt, weil angeblich die Untersuchung neu ausgenommen werden mußte, in Wirklichkeit, weil überhaupt kein irgendwie stichhaltiges Bcwcismatcrial gegen den Angeklagten vorlag. Nun ist das Verfahren den ganzen Winter hindurch weiter verschleppt worden und der Staatsanwalt hat cs bei der Anklagekammcr durchgcsetzt, daß diese in ihrer Mehrheit die Klageschrift gutgehcißcn hat. Das ist aber nicht etwa deswegen geschchcn, weil die Richter dieser Kammer von der Nichtigkcit der Anklage überzeugt Ivordcn sind, sondern weil ihre Mehrheit der Ansicht war, man könne einen Menscheu, der zwei Jahre lang als angeblich Verdächtiger i»! Gefängnis gesessen hat, nicht ohne Prozeß in Freiheit setzen; der Skandal einer solchen Art von Rechtspflege würde sonst gar zu deutlich werden. So hat ein unfähiger, von politischer und religiöser Verblendung geleiteter Staatsanwalt einstweilen seinen Willen durchgesetzt, wie de»« überhaupt von Anfang an der Staatsanwalt cs gewesen ist, auf dessen Drängen hin das Gericht trotz anfänglichen Sträubcns das Anklagcvcrsahrcn gegen Beiliß cröffnetc, aus dessen Veranlagung die Untersuchung ihren schmachvollen Charakter des Forschcns nach rituellen Motiven des Mordes erhielt, dessen Widerstand die Freilassung des Angeklagten gegen Sicherheitsleisiung verhinderte, und dessen blöde Vorcingcnommenhcit alle Versuche der Verteidigung, die wirklichen Mörder sestzustcllen, im Zusammenlvirken mit den Leuten vom ״Schwarzen Hundert" durch passiven Widerstand und schikanöse Maßregelungen vereitelte. Der Prozeß wird also aller Voraussicht nach stattfinden, und so skandalös die Tatsache an sich ist: wenn man die Zuversicht haben könnte, daß er wirklich dazu dienen werde, nicht nur die Gewissenlosigkeit und Leichtfertigfeit darzulcgcn mit der ein antisemitischer Staatsanwalt die Anklage erhoben hat, sondern auch die aus Haß und blödem Aberglauben entstandene Blutlegende zu widerlegen, so müßte man wünschen, daß möglichst rasch verhandelt werde. Die Geschichte der russischen Ritualmordprozcsse spricht dafür, daß auch dieser Prozeß, wenn er vor den Kiclvcr Geschtvorcncii geführt wird, mit einer Freisprechung des Angeklagten endet. Tic Aussicht, daß die wirklichen Mörder fcstgcstellt werden, ist leider bei dem Widerstand der Anklagcbchördc gegen alles, was hierzu führen, die Niederträchtigkeit der antisemitischen Hetze darlcgcn und die Unfähigkeit des Staatsanwalts erweisen könnte, nicht zu erwarte». Die Frage nach dem Mörder wird vermutlich unbcantwartet und damit jenen Banden privilegierter Vcrbrccher, die unter dem Deckmantel des echtruflischcn Pairiotismus ihren blutdürstigen Haß zu befriedigen suchen, der Vorwand bleiben, die Blutmär auch weiterhin für ihre Zwecke auszunützen. Den russischen Reaktionären ist das freilich noch nicht genug. Die erkennen doch jetzt schon, daß der Prozeß, wenn er auch nicht das Verbrcchen aufklärcn und damit vor die Ocffentlichkeit die Blutlegcnde widerlegen, so doch eine Niederlage des ihnen gleichgesinnten Anklägers bringen tvird. Darum agitieren sic in ihrer Presse und in Versammlungen dafür, daß das Justizministerium, dem sic eine solche Rechtsbeugung offenbar zutrauen, den Prozeß dem ordcntlichcn Gericht entziehe und an eine besondere Krönkammcr verweise, die dann hinter verschlossenen Türe» verhandeln, entsprechend ihrem Zwecke zusammengesetzt sein müßte und im Dunkel der Heimlichkeit die Vcrtcidigung einfach erdrosseln könnte. Sie gehen also darauf aus, den Prozeß zunächst einmal noch weiter zu verschleppen, was auch den für sie noch sonst erwünschten Zweck hat, den verhafteten Juden noch einige weitere Monate unschuldig im Gefängnis halten zu können. In der Zwischenzeit so rechnen, sie, könne man durch eine ausgedehnte Hetze die Justizverwaltung, deren Chef Schtschcglowitow ja ohnehin zu den reaktionärsten Mitgliedern der Regierung gehört, zu einer solchen Vcrlctzung der elementarsten Rcchtsgarantien drängen. Käme cs so, dann würde das allerdings die Krönung des Verfahrens bedeuten, das nun seit mehr als zwei Jahren im Gange ist und sich eigentlich aus lauter Ungereimtheiten, Willkürlichkciten und Rcchtsbcugungen zusammcnsctzt. Als man vor zwei Jahren die Leiche des ermordeten Knaben in einer Höhle bei Kiew fand, hatte das Gericht keinerlei Anhaltspunkte für die Feststcllung der Täterschaft. Aber von Anfang an wurde in anonymen Zuschriften der Verdacht eines Ritual- Mordes ausgesprochen, und der Untersuchungsrichter hat auch schon sehr bald auf Veranlassung des Staatsanwalts die Untersuchung in der Richtung geführt, ob nicht ein Mord aus religiösen Motiven in Betracht komme. Die Tatsache, daß die Leiche des ermordeten Knaben mit 47 Wunden bedeckt war, sollte als ein Beweis dafür gelten, daß das Opfer des Mordes qualvoll gepeinigt und durch Blutentzichung getötet worden sei. DaS steht nun zivar im Widerspruch mit allem, was sonst von den Vertretern der Blutlcgende über die Form des Ritualmordes behauptet wird. Dennoch haben sich Professoren der Universität Kiew, Obolonsky, der Vcrtrcter der gerichtlichen Medizin und der Psychiater Sikorski, in Gutachten geäußert, von denen das letztere ganz ausdrücklich den Ritualmord durch einen Juden annimmt, während die Acußcrung Obolcnskys offensichtlich, ohne dieselbe Vermutung klar auszusprechen, doch so abgefaßt ist, daß sie auf dasselbe Ziel hinweist. Außerdem hat der Untersuchungsrichter nach den Archimandritcn Ambrosius des Kiew-Pctschcrskcr Klosters vernommcn. der zlvar selbst erklärt hat, er habe die Frage des Ritualmordes nicht studiert, aber von zwei aus dem Judentum übergetrctcncn Mönchen gehört, daß bei der jüdischen Sekte der Chassidcn der Brauch des Ritualmordes bestehe. Diese Gutachten nun sind von privater Seite einer Reihe von europäischen Autoritäten der gerichtlichen Medizin in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz, Frankreich und Cngland unterbreitet worden und alle ohne Ausnahme haben, teilweise, sehr tätegorisch erklärt, daß der medizinische Befund, wie er in den Sektionsprotokollcn vorlicge, zu den von den Kieiver Professoren gezogenen Schlüssen, auch soweit sic rein tatsächlicher Natur sind, nicht den geringsten Anlaß gebe. Liner von den privaten Gutachtern weist gegenüber Prof. Sikorski mit Recht darauf hin, daß immer nur dort ״Ritualmordc" vorkämen, wo man daran glaube, lvie auch Gespenster nur dort zu erscheinen pflegen. Ivo der Gespcnsterglaubc noch herrscht. Es wird nun zwar in der russischen Presse, die dem Staatsan- Walt sekundiert, behauptet, das Gericht habe überzeugcnde Bclveise gegen den Angeklagten in der Hand. In Wirklichkeit sind es jedoch in der Hauptsache nur die oben erwähnten. ״Gutachten", die das Beweismaterial bilden. Dagegen ist durch die von dem früheren Polizeibeamtcn Krassowski und dem Journalisten Brasul Bruschkowski auf eigene Faust geführte Untersuchung überzeugend dargetan worden, daß der Mord des Knaden Juschtschinski das Werk einer Vcrbrccherbande gewesen ist, die einen unbequemen Mitwisser beseitigen lvollte. Der Staatsanwalt und das Gericht haben freilich diese privaten Erhebungen nicht nur nicht benützt, um den wirklichen Täter zu suchen, sondern ihre FeststcUungcii für ״Phantastereien" erklärt. Krassowski ist überdies, um ihn unschädlich zu machen, wegen eines früher begangenen Vergehens im Amte gemaßregelt und bestraft worden. Hartnäckig hat man an der wahnwitzigen Anklage festgehalten, die im Begriffe steht, den Kiewer Prozeß zu einem Schandmal vor ganz Europa zu machen. Vergeblich haben zucrsr die vornehmsten russischen Dichter und Schriftsteller, dann die hervorragendsten Vertreter der westeuropäischen Völker, Männer der Kirche, der Künste und Wissenschaften, der Politik, des Handels und der Industrie warnend ihre Stimmen gegen das Ungeheuerliche erhoben, das sich in der Stadt des heiligen Wladimir vorbereitet. Es hat alles nichts geholfen. Der Prozeß ist wcitergcschleppt worden, und hat sich eine Anklagekammcr gefunden, die so wenig von der Schmach wußte, als die man ihren Beschluß in Westcuropa empfindet, daß sie ihr Siegel unter eine Anklage drückte, die eine Ausgeburt krassesten Abcrglaubcns und wildesten Rassenhasses ist. All das wäre unmöglich, wenn das russische Justizministerium eine Be- Hörde wäre, die wirklich das Recht überall schützen will. Wiedersehen," grüßte die zartblauen Berge am Horizont — in der Meinung, das wären die Heimatbergc und der große Turm ihrer großen Stadt. — Glückliches.Kinderherz. .Plötzlich ward es um sie dunkel — sic kam endlich in das Sabbathstübchen — die kleinen Talglichichen waren bereits abgebrannt — und ״zankten", bevor die Dienerin sie putzte, auch die Flämmchen zischten, tanzten einen ״Chinefischen", bald hoch hinauf — plötzlich wieder sich duckend — wie tolle Buben im Bade. — Dies neckende Treiben ließ sie nicht deutlich sehen. Frau (Stiel lag auf ihrem Bette und schien zu schlummern ... Niemand, als ihre liebe Lisy gab ein Lebenszeichen — sie ging zu ihr und ließ sich die Zärtlichkeiten, die sie erwiderte, von dem guten Tier gefallen-״Ja, mein Liebchen, nur du verstehst mich ganz — du wirst mich nicht auslachen!" sagte Sary zärtlich traurig... Da... sie hört ein .Kichern-״Aly?"-Der Mond befreite sich von den schmeichelnden Wölkchen — die weiß schimmerten und Alh erschien ernst und langsam schreitend — von dessen Licht umgeben. Heller ward es, er beherrschte seine Lack)lust und mit abgewandtcm Gesichte sagend: ״So spät kommt man am Freitag Abend nach Hause? Du kleine Landstreicherin, bist du endlich froh, mir einen guten Streich gespielt zu haben? ׳ Nun, nächste Woche bin ich über alle Berge... dann magst du andere ärgern ...." Nasch verschwand er ihren Blicken, indem er über den Zaun ins Freie sprang ... Sie hörte ein freundlich Grüßen ... Minna kam ... Sie brachte ein großes Stück Kuchen — und ihr liebes Gesicht sah beim Mondlicht wie verklärt aus als Sary tüchtige Bissen machte — unbewußt schnalzte sic auch.-״Was gibt's Neues, Sary?" ״Vor allem dank' ich dir, liebe Minni, ich Hab mich wirklich erquickt; so guten Kuchen kann man nur zu Hause haben." Indem sie einiges wie ״Gebet" murmelte, eilte sie, winkte mit der Hand und gab den Rest des Kuchens ihrem Liebling Lisy . .1 Mit ernster Gebärde und pathetischem Ausrufe zum Himmel aufschauend sagte Sary: ״Aly ist böse auf mich! Hilf mir, ihn gut machen! Liebchen, du bist seine ״alte Freundin" und kennst ihn. Ist er kein Spötter?" ״Nein!" ״Aber er lächelt über alles, gerade über alles, das ich tue," sagte verzagt Sary. ״Das ist seine gute Art, sonst ist er oft traurig und ernst, wie sein seliger Vater, das Lächeln ist von seiner Mutter Eitel ererbt. Dies hörte ich oft von ihrem Munde." ״Wie du alles weißt! Könnte ich länger hier bleiben, du würdest mich bald gut machen. Wie alt bist du?" ״Ich werde bald zwölf Jahre," sagte Minna ernst. ״Im Winter werd' ich elf Jahre," sagte Sary. ״Gott sei Dank, bald über die Eselsfahre weg!" tröstete sich Sary ״und nächsten Samstag geb ich euch ein Abschicdsfest. Aly wird weg sein und wir werden es lustig haben, was Mmncrl?..." ״Wann fährt Aly?" ״Sicher vor Samstag, denn er ist fromm." ״Der Mond versteckt sich — ich muß nach Hause; und morgen, so Gott will, obs regnet oder nicht, sehen wir uns und du erzählst mir, was du Aly getan. Servus, Sary!" ״Leb wohl!" klang es in Hellen Echotönen lustig durch die Nacht ״Mein Engel, meine Minna!" * * * Es war ein verregneter Samstag, der bestimmte lustige Abschiäistag. Frau Eitel ging zu einer Cousine Julchen — sic suchte Zerstreuung und ließ sich von der sanften guten Julie trösten. — In allen Winkeln, suchte sie ihren Aly.... Wenn er nur bald schreiben wollte! Und sich die Augen trocknend, sagte sie: ״Nur gesuud soll er sein! Brav ist er genug!" ״Ich mein's! Und ein ״göttlicher Mensch," sagte Julchen — sie meinte fromm — oder göttlich ist gleichbedeutend. Vor dem Kramcl standen mehrere Kinder, sogar ein Zigeunermädchen, die deutsch verstand. Kaum öffnete Minna die Tür, stürzten die andern hinein, so daß man erschrak. — Solche

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