Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1913)
- Date
- 1913-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. »,Jüdische BolkSstimme." Nr. 26. Der Mann mit Uns kam es nicht überraschend. Wir sind non der Verlogenheit und Unaufrichtigkeit des ventschen Liberalismus besonders in der Indensrage schon längs: überzeugt, für uns hat es auch nicht des jüngsten Beweises bedurft, um cinzusehen, daß in dein Staate gar vieles sehr faul ist. Es ist nur bedauerlich, daß das Gewissen der deutschtüwclndcn Juden immer erst durch rüde t'Iusbrüche von"antisemitischer Gesinnung alteviert wird und nicht durch logische Ueberlegung Zu den richtigen Resultaten kommt. Dr. Groß, der Obmann des deutschen Rationalverbandes und Obmann des Deutschen Schulvereines hat sich wieder einmal im schönsten Licht gezeigt. In einer Answallung von Zorn und Wut, also im Affekt, wo der Mensch gewöhnlich aus der Nolle stillt und sein wahres Gesicht enthüllt, hat er die innerste Gesinnung seines Herzens offenbart und den Mann verflucht, der die Packeleien des Deutschen Rationalvcrbandes den ״Iudenblät- :er::" verraten hat. Und dabei sind das diese!- den Indenblätter, deren Spalten Groß in den Zeiten der Wahl so ausgiebig in Anspruch nimmt dieselben Iudenblätter, die ihm zu seiner politischen Stellung verholfen haben, ohne die Dr. Groß, der außer seinem schönen Bart kauin etwas Ueberragendcs an sich hat, heute noch in den weitesten .streifen der Oefentlichkeit eine unbekannte Größe geblieben wäre. Die Iudenblät- 1er haben'zu dieser impertinenten Beschimpfung geschwiegen und dem wütenden Schrei keine Bedeutung beigelegt. Aber in den Kreisen der Judenschaft hat dieser Schrei ein nachhaltiges Echo gefunden. Die Juden haben in der lebten Zeit mit dem deutschen Liberalismus sehr böse Ersabrungen gemacht und sind zum Nachdenken gedrängt worden. In der Universitätsfrage in Wien hal sich der Verband offenkundig auf die Seite der Antisemiten gestellt, wieivohl sonst alle Parteien und politischen Faktoren diesmal zum erstenmal anerkannt haben, daß das Vorgehen der deutschnationalen Studenten gegen ihre jüdischcn Äommilironcn ein unwürdiges und in allen Phasen inkorrektes gewesen ist. Und der Obmann des Verbandes, der deutschliberale Abgeordnete von Iglau, Dr. Groß, hat geschwiegen und im Innern frohlockt, daß cs so gekommen. Dr. Groß ist aber auch Obmann des Deutschen Schulvcreines. Nun weiß man ja zur Genüge, durch wessen Geld und Unterstützung der Deutsche Schulvercin zu der Blüte gelangt ist, in der er reu tiefe Kniebeuge. Als Ianos die kleine Fremde erblickte, schrie er furchtbar auf — je mehr er schrie, umso schneller wackelte das Kisichen: oh, webl ein Arach! Die Bank verneigte sich aufs tiefste — der Fuß Ilappste auf den Boden, ein Purzelbäumchen — ״wie ein ,zläuzlcin zwischen Trümmern," zarte, dumpfe Laute unter dem bißchen — rasch legt sie Säckchen, Päckchen und den Nickel hinein — er verstummt. Sic wagt ihn nicht anznsehcn, damit er nicht erschrecke. Glücklicherweise kam Frommet, dankte der kleinen ״Pflegerin"׳, was sie sich dachte, darüber schweigt die Welt! Sarp lies nach Hause — hungrig, müde: zuerst nach dem Ziegcnstall — Gottlob! Liefe! kam itzr meckernd entgegen — schnell brachte sie ihr frisches Wasser und eilte zum Abeudbro:. Milch und Brot — und gelbe Pflaumen, die sie tzeimwegs gesammelt, leider nur zu wenig, denn sie eilte. * ״Mütterchen, will dir zeigen, wie ernst ich bin, und du sollst staunen über mich!" schrieb iic nach Hause. ״Und das einzige, daß ich viel Appetit habe, ist mir unangenehm." ״Ich bin nichr mehr so Ungeschick:..." usw. Ob, wie freue ich mich, euch bald zu uniarmeu —ich zähle die Tage bis dahin. Von der schönen, wohlklingcnden hiesigen Sprache verstehe ich auch ziemlich viel. Die minder lachen sehr über :::eine Ausrem schönen Bart. Wie», im Juni 1913. heute unzweifelhaft dasteht. Nieinand kann leugnen, daß die größten Sumnien für diese Institution aus den Taschen der Juden geflossen sind und auch heute noch von da ihren Weg in die Vereinskassa nehmen. Ain krassesten haben dies die Blumentage bewiesen, die vor vierzehn Tagen in Böhincn abgehaltcn wurden. In Prag haben die Sammlungen in den rein arischen Lokalcn geradezu lächerliche Summen ergeben, während im Kasino und in den Restaurants, die von den Juden besucht werden, vierstellige Ziffern erzielt wurden. In der deutschböhmischen Provinz, also in den Gebieten der stramm antisemitischen Deutschen haben die Sammlungen ein klägliches Ende genommen. Den Löwenanteil an den Sammlungen haben die Juden gehabt. Und just wenige Tage nach diesem Beweis der nationalen Opserwilligkcit mußte die böse Interpellation im Gcmeinderate in Wien kommen, die da ausdeckt, daß der Schulvercin bei der Ausschreibung seiner Lchrerstellen die Vorlage dcs Taufscheines verlangt. Die Interpellanten sehen in den Aktionen, die Dr. Groß in neuester Zeit leitet, nichts als antisentttischc Tendenzen und verwahren sich gegen diese Art der Geschäftsführung. Sic berufen sich auf die Staatsgrundgesetzt und erklären, sic wären dem Vereine nie beigetreten, hätten sie geahnt, welche Wandlungen er durchinachen wird. Daß die Jnterpellation gerade au den antisemitischen Wiener Gemeinderat gerichtet wurde, ist mehr als auffallcnd und man weiß wirklich nicht, ob n:an sie ernst, oder als einen inißlungcncn Scherz ausfassen soll. Tenn die Antwort, die von dieser Seite kommen :nutzte, war doch von vornherein klar. Aber schließlich handelt es sich ja nicht daruin. Die Interpellation ist doch nur der äußere Ausdruck einer inneren Unzufriedenheit und da glauben wir, nun, daß es selbst für den überzeugtesten Deutschen mosaischer Konfession jetzt nur einen Weg gibt. Die printttivsten Gesetze des Anstandes gebieten, daß man eine Gesellschaft, in der man beleidigt wurde, verläßt. Hernach erst kann man erwägen, in welcher Weise eventuell Konsequenzen gezogen werden sollen. Das wissen die Akademiker aus dem ihnen geläufigen Ducllkodex und auch in der bürgerlichen Gesellschüft wird dieser Grundsatz als Prinzip gehandhabt. Somit gibt cs für jeden anständigen und sauberen Menschen weiter keine Ueberlegung. Wir wollen nicht wieder an den Mannesstolz spräche, die schwer zu erlernen ist. Unsere Eitel lächelt nur — sonst spricht sie wenig — ebenso Alp, mein großer Neffe: eigentlich ist's mir unangenehm — so eine kleine Tante zu seinich muß ihn: folgen! Das ist sehr ungeschickt von Vätern — so eine große Ettel mit ins Haus zu bringen, wie du mir erzähltest, liebe Mami: sie kam: auch böse werden-aber gleich ist sic tvicder die Alte und lacht, so wie unser Papp: -" .... Aly will mir bald etwas zum Andenken geben! Seine ״alte Freundin" Minna ist zu klug! zu schön! Ich will ihr alles nachmachen ... bis auf.. .״ Alh — dem sie so folgsam ist — ihn so anstaunt — unbegreiflich! Er wird bald in die Welt gehen — dann Hab' ich sic für mich-." * ״Wie schön ist das ländliche Leben," sang oft unsere gute Mutter: dachte Sary, das Stadtkind auch so? Sie hatte de:: Unterschied von Stadt und Land erfahren. Wie ernst die Kinder bei der Arbeit sind, die alle Hausarbeiten, wie die Großen verrichten. Welche Kraft, welche Geschicklichleit — Vorsicht! Die Schule ist für sic ein Spiel ״Bediene dich selbst," ist ihre Losung. Geld ist bei ihnen sehr rar, das Leben ist sehr ernst, doch sind sie viel heiterer. Das Wort ״Unzufrieden" kennen sie nicht. Sarp hatte immer etwas zu tun. ״Arbeit und an die Ehrenpflicht erinnern, wir wollen auch nicht schadenfroh erklären, daß cs eine Sorte von Menschen gibt, die erst getreten werden n:uß, um sich aufzubäumen, wir wollen noch so viel Vertrauen in den gesunden und nüchternen Sinn auch jener Juden setzen, die heute noch im deutscheu Lager stehen und wollen hoffen, daß die jüngsten Ereignisse, die ja doch nur einzelne Glieder in der ewigen Kette der Zurücksetzungen und Beleidigungen sind, nicht ohne Einwirkung auf ihre Handlungsweise bleiben werden. Anläßlich der Bedrückungen der jüdischen Studenten in Wien hat sich ein neuer Lichtstreif gezeigt, indem die Bürgerschaft in ihrer überwältigenden Majorität sich u:it den Forderungen und den: Kampfe ihrer Jugend einverstanden erklärt hat. Damals konnte n:an sehen, daß es doch noch ein jüdisches Solidaritätsgefühl gibt. Hüten wir diesen kleinen unscheinbaren Lichtstreif, nähren wir ihn und geben wir ihm Gelegenheit zur :nächtigen lodernden Flannne auszureifen, dann brauchen wir keinen Feind zu fürchten, denn ein geeintes Judentum ist ein uneinnehmbares Bollwerk. Zum 19. Juni* *). Tic Geschichte unseres Volkes hat vor zwei Iahre» einen neue» Trauertag erhalten. Der 10. Juni 1011 sah friedliche, ruhige Bürger zur Urne gehen um vom höchsten Völkerrechte des allgemeinen Wahlrechtes Gebrauch zu machen. Stundenlang stehen die Wähler vor dem Wahllokale gedrängt, dem glühenden Sonnenstrahle auSgesetzt. Im Wahlortc wird ein Schwindel entfaltet, der jedem rechtlichen Empfinden in der barbarischstcn Weise hohnspricht. Bei Branntwein und Schinken wird Herr Dr. Nathan v. Löwenstcin zum Abgeordneten ausgcrusen. Der Bczirksvorsiehcr Liszkowsky fordert den Gymnasiallehrer Mazorskh auf, sich zu entfernen. Eine halbe Stunde später wird ״fertig" gerufen. Es knallt. 90 Schüffe werden gegen die Maße abgegeben. Ein Pulvcrdampf füllt die Luft und 80 Menschen wälzen sich im Blute. Am nächsten Tage werden 24 Tote, darunter 22 Juden zu Grabe getragen. Da läutet keine Glocke, da wird kein Kadisch gesagt und keine Messe gesungen. In der Dunkelheit der Nacht, gleich den Verbrechern werden sic dahingetragen. Nur leuchtende Bajonette von Gendarmen strahlen den trauernden Hinterbliebcncn entgegen. Darum ist cs die größte Pflicht jedes Juden, in diesen Tagen der Leute zu gedenken,, die siir die Ehre unseres Volkes in den Tod gegangen sind.... *) Verspätet eingelangt. hoch!" War in Ulys Kämmerchen mit goldenen Lettern auf dunklem Grunde über der Eingangstür zierlich gezeichnet, seine Mutter Ettel war seit dem Aufenthalt im Dörfchen sehr fleißig und sparsam, ihr Mann starb im Kriege. Sie bekam geringen Gnadenlohn. Alh half im Garten, Feld — und im Kramei. Im Glaskasten waren auch kleine Schmucksachen in Messing und Glas in bunten Farben, Perlen, Ohrringe, Bänder, die als Uebcrbleibsel vom großen Geschäft ihres seligen Mannes jetzt durch andere Produkte, wie Branntwein, Semniel und Brot verdrängt wurden, welch letztere Frau Ettel selbst im Backofen buck, also nur mehr einer Erinnerung an die Stadt und ihren eitlen Flitter gemahnten. — Sary wurde aufmerksam, sie bediente schnell ihre Beschützerin und schämte sich, daß sie zu Hausenicht ebenso gefällig war, wie es hier selbstverstündlich als richtig angesehen ׳ward, Nach döm einfachen Mittagmahl, selten Rindfleisch, manchmal ein widrigriechendes Hammelfleisch, kleines- Gemüse, geschmackwidriges Wasser, Stückchen- Brot — das Gebet zum Schluß wurde vorgesagt — hielt Ettel ihre Erholungsstunde. Sary füttertc die Ziege mit allerlei Abfällen, gab das Spülwasser von: gereinigten Geschirr dazu und ergötzte sich beim Anblick ihres Lieblings. Auch das Geflügel war ihr anvcrtraut. Wunderlich wars, daß keine Katze im Hause war. Böhmische Industrial-Bank-Filiale Kassen und Bureaus: BRÜNN, Großer Platz Nr. 26. Sämtliche Bank-, Börsen-, Devisen- und Valuten-Geschäfte. fiypothekarkreditc auf Industrie-Unternehmungen, lllechsei-Lskumpte. Geldeinlagen gegen Sparbücher und in laufender Rechnung zur günstigsten Verzinsung. Eigene 472% Bankschuldverschreibungen emittiert auf Grundlage von hypothekarisch sichergestellten gesetzlichen Grund- Sätzen über die Pupillarität gewährten Darlehen, verzinsen sich bei gegenwärtigem Kurse mit mehr als 4>/0/°ג. Kaisen: Telaphon Hr. 12«S. Direktion: Telophon Hr. 1037. Korrespondenz: Telephon Nr. 13« t