Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1913)
- Date
- 1913-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIV|2. Jahrg. Nummer 26 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. ׳§> Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Rußland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. m -s Herausgeber: Max Hickl. Jnserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerischc Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. j Geschästsstelle. Wien:!., Rotenturmstraßt-' Nr. 31. .; Telephon 3009/V1U• Sprechstunden von 10—12 Uhr; Poslspurkassukonto Nr. 312.8 >2.! Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. i 3---L Brünn—Budapest. Wien, 26. Juni 1913. 21. Siwan 5673 Prag—Lemberg. mmmmmMmiäBmVBSm Aufruf zur Gründung einer jüdischen Verlagsgesellschaft ans genossenschaftsicher Basis. Juden! Es ist eine ernste, dringende und heilige Tuche, in welcher wir nns heute an Euch wenden. Es gilt, unseren enormen Geistesschatz, unsere einzig dastehendejüdische Literatur vor sicherem Untergänge zu bewahren. Während jedes Polt sein geistiges Eigentun. hütet und pflegt, während jede menschliche Organisation die Erzeugnisse ihres psychischen Schaffens allen ihren Mitgliedern zugänglich zu machen strebt, lassen wir unser hehres jüdisches Schrifttum, das viele Tausende von hervorragenden, erlesenen Werken umfaßt, vergilben und zugrunde gehen, lassen wir das Lebenswerk unserer Größten unbarmherzig der Vergessenheit und Verschollenheit anheimfallen. Gehet nur einmal in eine der größeren jüdischen Bibliotheken und haltet dort Umschau auf diesen Friedhöfen unserer jüdischen Literatur. Ihr werdet dann das schmerzliche Wunder erleben, zu sehen, wie die im Golus mühsam gesammelten Schätze versinken und in Staub zerfallen, während draußen der Abfall grassiert, während unsere Jugend täglich mehr und mehr dem In-, -dentum entfremdet wirty — weil sie eS nicht kennsi־■■״׳־■ ׳ ״ T1c>en Zuständen zu steuern, haben wir uns die Erhaltung und Verbreitung unseres jüdischen Schriftttums zur Aufgabe gesetzt. Unserer Heranwachsenden Jugend, welche von einer mächtigen religiösen Bewegung erfaßt ist, die sich mit allen Fibern nach dein veclorcnen religiösen Glück znrücksehnt, die den Glauben besitzt, der jedoch die Kunde fehlt, wir wollen ihr den Nückweg zum alten, ewigen Judentum ermöglichen und ebnen. Wir werden unser Angenmerk aus zwei Ziele konzentrieren; einmal wollen wir unser jüdisches Schrifttum durch systematische Verbreitung gediegener und billiger Volksausgaben dem jüdischen Publikum — soweit es noch für Judentum Interesse bekundet — näher bringenwollen wir unsere nationale Literatur aus der Tiaspora der Bibliotheken und des privaten Besitzes sammeln,- sichten und einem möglichst weitem Kreise vertraut machen׳, andererseits soll den jüdischen Autoren zu günstigsten Bedingungen Gelegenheit geboten werben, diese nationale Literatur zu bereichern und zu befruchten. Beide Ziel sind von gleicher Bedeutsamkeit, von gleicher ethisch-jüdischer Höhe und von zu zwingender Notwendigkeit, als daß derselben das Wort geredet werde.1 müßte. Es handelt sich hier keineswegs darum, die Liste der Verlagsgesellschaften um eine zu vermehren oder die unübersehbaren Bücherkaialoge zu bereichern, sondern es bandelt sich um Sein oder Nicht sein, um Bestand oder llubestand Eures Judentums. Solange das Ghetto uns umfing, solange seine Mauern auch die Grenzen unserer (Gedankenwelt bedeuteten, waren wir vor Entfremdung und Assimillction geschützt. Heute, da uns ein ganz und gar nureligiöses. NN jüdisches Leben umbraust, kann uns nur ein eiserner Wille ein starkes jüdisches Innenleben und Selbslbewnßtsein. die Sättigung mit jüdi schein Wissen dem Judentnin erbalten. Wenn Ihr nicht wollt, daß die ehrwürdige :!leibe der Almen, die vor Gott und im Jnbeutnm lebten, gerade bei Euch und diirch Euch unterbrochen werde uiid sich in einer uiijüdischen, tborafremdeu Jugend in das ertreme Gegen teil ibrer Lebeusbeslimmung umkebre׳, wenn ihr nicht wollt, daß i» fünfzig Jabren Eure Tempel als Pagoden der ausgestorbeueu ״Froiiimen" gezeigt werden, daß Eure Gebetbücher, Eure Tefilliu und Mesusolb Euren Kindern nichts mehr als pietätvolle Andenken tu deuten׳, wenn Ihr nicht wollt, daß Eure Kinder und Enkel gedankenlos das zerstören, was unser Volk in zwei Jahrtausenden mit seinem Leben ausgebaut, mit seinem Herzblut, mit seinen Tränen und Seufzern besiegelt iind geheiligt bat; dann dürft Ihr nicht länger teilnahuislos mirauseben, wie unsere Jugend ihrem jüdischen Sein eniwnrzelt und um ihr Jndeulum betrogen wirb, wie sie heranwächst, ohne von demselben eine Ahnnng zu haben, ohne hebräiich lesen zu können. Tann zeigt dieser Jugend, w a s sie mit ihrer Ne ״>:)׳>!: verliert, w a ■־• sie mit - ihrem Judentum ausgibt lind wenn sie es dennoch verschmäht, werdet I h r wenigstens Eure Pflicht erfüllt haben. Teshalb appellieren wir an dieses jüdische Pslichtbcwnßtseiu. nns in dein Bestreben, den jüdischeii Bevölkerungsschichteil, vor allem der jüdischen Jugend, ein tiefes Erfassen und Eindringen ins Judentum zu ermöglichen, nach Eurem besten Können zu fördern. Um Großes leisten zu können, brauchen wir Eure finanzielle und geiilige Mithilfe, Eure Ermutigniig und euer stetes Interesse. Wir fordern jeveriiiann zur Zeichnung von Anteilscheinen der Jüdischen BerlngsgcscUschaft ans, die im Betrage von 40 Krone» aiisgegcben werde» und denen eine sehr günstige Verzinsung mit Bestimmtheit vorausgesagt werden darf. Es isl begreiflich, daß iiiiscr Werk, wenn es vor Slörnngen bewahrt werden soll, auf solider finanzieller Grundlage fundiert sein muß. Also nochmals: wir wollen keine Mildtätigkeit, sondern Eure freudige Mitarbeit, kraftvolle Betätigung Eures jüdischen Pflicht gefübls. A >1 m e l d u n g c >1 und V o r s ch l ä g e sind au Zeichner dieses;11 richten. F ü r d a s v o r b e reit e u d e K o m i t e e: M a x Hickl, Nedakteur, Brünn, Adlergasse Nr. ll. Feuilleton. Das Sommervöglein Von Jenny G r ü n w a l d. Um die späte Nachmittagsstunde eilten die Buben aus der ״Gasse" zum Sammelplätzchen, dem sogenannten ״Ganevbergel", das leicht bekränzt mit Gras bewachsen war und kollerten herab bis alle übereinander lagen, sie machten Purzelbäume, spielten Krieg und wurden von Vorübergehenden oft durch Mahnrufe, wenn eines der Kinder weinte, zurcchtgewiesen. ״Ei soll uns nicht im Wege stehen, der ״Korkstöpsel" wir stolpern über ihn" und andere Kraftaus drücke, wenn ältere Leute sich der Gekränkten alinahmen. Ein kleines Mädchen ,eine Ziege an der Leine führend fügte entrüstet hinzu: ״Tas alles werd' ich morgen Herrn Oberlehrer sagen!" ״Klatschbase, dich geht's ein Schmarrn an!" ries ein Zehnjähriger, lief ihr nach, wo sie in einem Graben die Ziege führte und in Eile die Leine um das zarte Bäumchen lose wickelte. Sie lief ins nächste Häuschen, wo die gute Frommet durch den Lärm soeben öffnete — und barg sie. Vom Fenster, ängstlich blickend, sagte sie weinend: ״Die Ziege ist weggelaufen!" ״Ach, die findet nach Hanse, Sarchen, bleib bei Janos, ״wieß" ihn, wenn er sich rührt, ich komm bald." - Sara fand im Zimmerchen nichts zu bewundern. Ihre Blicke streiften die Fensterblumen. eine dunkle Oelmalerei, ein alter Manu, mir einem Samt׳ käppi die hohe Stirne begrenzt, sehr ernst die Beschauerin anblickend, als wollte er ihr sagen: War's nötig, hier zu sein? Statt der Trohung wäre, ein ernster Mahnruf gut und (Nissen jungen reizt man nicht! Auf dem Tische lag ein Stückchen Gerstenbrot; wie gern wollte sie es essen! Heule erwartete sie die aschgrauen Nudeln mir saurem Topfen, denn Frau Eitel, ihre Beschützerin über-' ließ der alten Tienerin heute die Küche sie litt' in Mageukrämpfen. ״Ach. wenn das meine Mutier wüßt'." dachte sie solch graugestreifter Teig von russigen Händen sah wie das Zebra aus - wie die Mutter oft scherzend bei ihrer sehr alten Nachbarin bemerkte. Auf bloße Ne densart lockte Frau Ettel die Halbschwester Saras. das Kind aufs Land. — Wie schön, wie lustig ihr Sommervöglein Sary im Törfcheu, bloßfüßig Herumspielen dürtte, wie das Obst schon reift!... Und erst ihr großer Junge, der Aly, der sie die schöne, wohlklingende Sprache des Völkchens lehren werde.... Von den Kindern hörte sie manches ״Fremdwort" — doch zumeist Schimpf- und Neckworte... Eine schöne Erholung für ein Ttadlkiud! dachte sie. ״Nicht das Geriugsle will ich verschweigen natürlich meinem ״Album" bis ich nach Hause komm'." Zufällig lag Frommels ״Labsal", die Psalmen, iu jüd.-deuischeu Lettern vor iln־. Tie große Horn brille. das sogenannle Zeichen, lag zwischen den Blättern.... Ter Hauslehrer, ein Tludent, lehrte sie, diese lesen. Tie las: ״Tchöu iü's, dem Herrn zu danken, ihn preisen." Ter Jernsalem wieder erbaut ... ihre Verstoßenen Israels wie der vereinigte...." Einige Tätze, die ihr besonders gefielen, las ne eiuigemale, um sie im (Gedächtnis zu be halten, daher batte sie aus verschiedenen Psal ioe» dieselben gewähli ... Weiier lesend: ״Auf, ungei dem Ewigen ein neues Lied!" ... Tazivi scheu schnarrteu die rauheu Töne der Bauern-!ihr, Eigeuium der Tienerin. . Tie Frommen jauchzen ob der Herrlichkeit auf ihren Pfühlen ... H. habe auf mein Jammer acht! ... C, neige mir dein Obr, erhöre mich schnell ... Tenn stets erhebe ich ein Wimmern! wie iu der Wüst' ein Pelikan. ״Und wie ein Käuzlein zwi scheu Trümmern." .... Kaum vollendet den Sah, hört Sary ein Nänsperu, ein Winseln ans dem Holzkistchen; dasselbe stand auf wackeliger Bank zum ״Wiegen", seitwärts stand gedruckt: ׳״Nicht stürmen!" — Sie begann zu ״wiegen"; von oben nach unten, die Füße der Bank mach-