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Jüdische Volksstimme · 1913-06-19 · Heft 25 (19.6.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 25 (19.6.1913)
Date
1913-06-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 25. ״Jüdische VolkSstimme." Seite S. Sämtliche Verhandlungen: Sitz: K 18,—, M^15,60, Frs. 19,20, Rbl. 7,20, Doll. 3,60, Sh. 15,6;. Logensitz: K 33,—, M. 28,60, Frs. 35,20, Rbl. 13,20, Doll. 6,00, Pf. St. 1,7,6. Bestellungen für Einlaßkarten zu den -Verhandlungen sind unter gleichzeitiger Einsendung des Betragcs an das Kongretzbureau zu richten. Bestellungen, die ohne Einsendung der entsprechenden Geldbeträge erfolgen, müssen unberücksichtigt bleiben und können nicht beantwortet werden. Da für Ordner schon jetzt hinreichend gesorgt ist, kann aus Einlaß durch Beteiligung am Ordnerdienst nicht gerechnet werden. Es wird ausdrücklich daraus hingewiesen, daß auch Pressekarten nur in ganz beschränkter Anzahl yusgegeben werden können. Zu den mähr. Landtagswahlen. Im Zeichen der ״Gemeiubürgschast" sind die vereinigten deutschen Parteien am Sonntag den lsi. d. in den Wahlkampf getreten. Auf Kosten des Fortschrittes und der im deutschen Lager in beträchtlicher Zahl noch stehenden Juden wurden, wie ja allgemein bekannt, in allen sechs Wahlkreisen entweder direkte Antisemiten, oder antisemitischen Parteien angehörige Personen kandidiert. Wir glauben, es nicht notwendig zu haben, über die von den Kandidaten im allgemeinen abgegebene Erklärung, die Iudensrage betreffend, auch nur Worte zu verlieren. Tie jüdische Bevölkerung weiß, wie hoch derartige vor den Wahlen abgegebene Erklärungen einzuschätzen sind. Es war von jeher ein Meisterwerk der sögenannten judenlieberalen Presse, von der ״Neuen Freien Presse" angefangen bis zur kleinsten Provinzpresse, die jüdische Bevölkerung in politischer Beziehung irrezuführen und unseren Glaubens- und Volksgenossen Sand in die Augen zu streuen. Diese Zeitungen, die sonst mit einer Konsequenz jüdische Fragen totschweigen (ausgenommen natürlich die jüdischen Inserate) haben vor den Wahlen sich recht fleißig mit den P. T. israelitischeu Wählern beschäftigt und um die Gunst der Juden nach allen Regeln der Kunst gebuhlt. Was lvußten nicht alles der Tagesbote, das Ostrauer Tagblatt, die Silcsia zu erzählen und wie wurde unsere» Juden nicht genug Honig um den Mund geschmiert. Die deutsche Gemeinbürgschaft, diese Allianz der Deutschen jedweder antisemitischer Kouleur, hat ihre Opfer gefordert. Wer anders konnte, sollte und mußte das Opfer sein, als die Parias der Gesellschaft, die Juden. Die Herren d'Elvert und Genossen, deren ganze politische Weisheit in der Gemeinbürgschaft besteht, haben anläßlich der Wahlen den jüdischen Wählern deutscher Nationalität, klipp und klar zu verstehen gegeben, daß sie lieber auf die Juden verzichten, als sich in den Gegensatz zu den Radikalen zu stellen. So mußte ein bereits von den Fortschrittlichen aufgestellter jüdischer Kandidat, der sich um das Deutschtum gar gewaltige Verdienste erworben, einer Null der Arbeiterpartei, die selbstverständlich antisemitisch ist, Platz machen. In einem Leitartikel glaubte der Tagesbote seiner Juden so sicher zu sein, daß er sich zu einer Erklärung versteigerte, daß die große Masse der jüdischen Wähler, die bis nun treu zur deutschen Sache gehalten, auch anläßlich der diesjährigen Landtaqswahlen der ausgegebenen Parole Folge leisten und für den gemeinsamen Kandidaten eintreteil werden. Von den Jüdischnationalen sprach er in wegwerfender Weise, daß die ״Handvoll" Jüdischnationaler wohl nicht in Betracht käme. Nun, der Artikelschreiber sollte eines Besseren belehrt werden. Mit besonderer Genugtuung freuen wir uns, konstatieren zu können, daß die jüdische Bevölkerung Brünns und der Provinz nicht mehr den deutschen Machern blindlings Gesolgschaft geleistet, sondern daß sie der Parole des jüdischen Wählervereines Folge leisteten, und bis auf einige sklavische Seelen der Wahlparole dem Kandidaten^ der sozialdemokratischen Arbeiter- Partei die Stimme zu geben, entsprachen. Ter jüdischen Bevölkerung gebührt hierfür vollstes Lob und Anerkennung. So erfreuend diese Tatsache ist, so lebhaft bedauern müssen wir es, daß gerade, der Präsidenk der Brünner Kultusgemeinde, Herr Tr. Hieronymus Fiala, sich in den Gegensatz zur Majorität der jüdischen Bevölkerung gestellt hat und für den der antisemitischen Arbeiterpartei angehörigen Kandidaten Rogclböck gestimmt hat. Herr Dr. Fiala hat trotz der geheimen Wahl, trotzdem sämtliche Wähler der verschiedensten Parteirichtungen ihre Stimmzettel geschloffen dem Vorsitzenden übergaben, einen auf den Namen Rogelböck lautenden Stimmzettel dem Vorsitzenden der Wahlkommission offen übergeben. Herr Dr. Fiala hat sich hierdurch selbst gerichtet. Bezeichnend für den Niedergang der fortschrittlich'en Partei, ist es. daß sie, trotz Unterstützung der deutschen Volkspartei, der deutschen Arbeiterpartei usw. die kleinste Stimmenanzahl auf sich vereinigte. Es ist eine Tatsache, daß sowohl Arier, als Juden mit diesen Herren nichts mehr zu tun haben wollen. Der Kandidat der Sozialdemokraten im Brünner Wahlbezirk erhielt um zirka 700 Stimmen weniger als der Kandidat sämtlicher deutscher Parteien. Hervorgehoben muß werden, daß die Christlichsozialen in Mähren über 21.000 Stimmen auf sich vereinigten und bei der Stichwahl das Jglauer Mandat eroberten. Das Schönberger Mandat behaupteten die ozialdemokraten. Im ganzen und großen könneu wir mit der Haltung der jüdischen Wähler vollauf zufrieden sein. Dieselben haben durch ihre Stellungnahme entschieden kundgetan, daß sie es müde sind, einer Partei Gefolgschaft zu leisten, die alles weniger als fortschrittlich ist. Die jüd. Bevölkerung muß sich auch darüber klar sein, daß sic nur durch Selbsthilfe und Schaffung einer srrannnen Organisation in der Lage ist, etwas zu erreichen, und daß man nur dann als Faktor angesehen und beachtet wird, wenn man so viel Rückgrat und Willenskraft besitzt, um es durchzusetzen, nicht wie es bisher der Fall war, von allen Parteien als quantite negligeable betrachlet zu werden. YERLOBUNQ5-RINQE BR/KITSCHMUCK - - HOCHZEIT 5QE5CHENKE EHE-RINQE. in hervorragender Auswahl zu besonders billigen Preisen. Berthold Bacfaner, k. u. k. Hoflieferant, Juwelen•, Uhren-, Goldn. Siiberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgassa Nr. 2. •“ Provinzaufträge finden sofortige Erledigung. Eine katholische Bürgerschul- Lehrerin über die zionistische Propaganda. Vor einigen Wochen sprach in einer zionifrischen Versammlung in Eger Herr Kurt Blumenfeld aus Berlin über: ״Zukunft der Juden." Ta der Vortrag mittels Plakate dem Publikum bekanmgegeben wurde und für jedermann zugänglich war, erschienen auch im Vortragssaale einige Christen bzw. Christinnen (eine überaus seltene Erscheinung in unserem Kahalleben), um den Ausführungen Blumenfelds, der auf den Plakaten als glänzender Redner gepriesen war, mit Neugierde zu lauschen. Ter Referent, de facto ein brillanter, feingeschulter Redner, würzte seinen Vortrag mit geistreichem, gutpointiertem Witz, hieb aber auch oft die Geißel seiner ätzenden Satyre erbarmungslos über die Häupter der Assimilationssüchtigen in Israel. Mit der ganzen Wucht seines Wortes schüttete er die Schale seines Spottes über die Gestalten der westlichen Juden, die sich ihrer östlichen Brüder schämen, denen ein unverfälschter Antisemit noch immer sympathischer erscheint, als der polnische Jud mit Pajes. Er zählte die Versteckungskünste der sogenannten liberalen Juden auf, die er mit feiger Mimikry qualifizierte und ließ charakterlose Figuren auf der Tribüne kreuchen, die in Pardubitz begeisterte Nazdar!-Rufer sind, nach Eger aber übersiedelt, am allerliebsten mit den teutonischen Wölfen heulen würden. Er wetzte, er stutzte, er kratzte und putzte den langen gefärbten Bart der judenliberaien Preffe, daß es eine Passion war! Die ״Neue Fr. Presse", das Berl. Tageblatt", das ״Prager Tagbl." usw. wurden als Organe gekennzeichnet, welche den Mantel nach dem Winde drehen, es wurde ihnen vorgeworfen, daß sie traurige Tatsachen in bezug deS Judenhasses gänzlich totschweigen, um nicht das liberale Deutschtum (ein Wesen, das eigentlich längst nicht mehr unter den Lebenden weilt) in den Augen der Juden zu ntißkreditieren.... Wie ich bereits hervorhob, war die Versammlung eine öffentliche und allgemein zugängliche׳, und trotzdem lag ein Alpdrücken aus der Brust deS jüdischen Auditoriums, dieweil auch einige christliche Damen dem Vortrage anwohnten, grollte doch allzu übermächtig des Redners Donner ... und mancher sagte oder dachte sich: Das fehlt uns noch in Eger! Verstummen doch die ״Egerer Neuesten Nachrichten" mit ihrem Schimpfen über die Juden nicht, heißen unS bald Protzen, bald Feiglinge und Gott weiß was noch alles und nun hören wir ein neues Mischeberoch ... Al horischonim onu miztarim weatto bo leosin! Vor einigen Tagen erst hatte ich die Geleqenheit, mit einer christlichen Dame, die den Vortrag Blumenfelds ebenfalls anwohnte, über das Thema ״Die Zukunft der Juden" zu diskutieren. (Die Dame heißt Frl. Weber und ist Fachlehrerin an der Schule, an Oer ich Religionsunterricht erteile.» Ich redete sie an: ״Fräulein sind unlängst gerade in eine jüdische Versammlung hineingestolpert!" ״O, o! Dagegen muß ich schon protestieren!" siel mir Fräulein W. inS Wort, ״ich bin nicht hineingestolpert, sondern vorsätzlich hingegangen. Ich muß Ihnen bemerken, daß ich in nieiner Jugend sehr viel mit Israeliten verkehrte. Erst vor ein bis zwei Jahren traf ich im Coupe eine jüdische Jugendfreundin, welche mich übersehen wollte... ich aber ging aus sie zu und redete sie an: Was habe ich dir, Berta, denn angetan, daß du dich vor mir zu verstecken suchst? Sie meinte, ich sei gewiß auch in Eger Antisemitin geworden und schämte mich ihrer früheren Jugendfreundschaft, weswegen sie sich nicht ausdrängen wolle, ich aber ivieS diesen Vorwurf entschieden zurück und sagte: ״Eher kann ich dich des AntisemitismuS zeihen! — Wieso? fragte sie betroffen. — Weil du die Speisegesetze, die die hehrsten Satzungen eurer Religion sind, mißachtest und mit F-üßeu trittst, gab ich zurück, und hier öffentlich Schinken genießest, eine Handlung, die in meinen Augen einer Verhöhnung der mosaischen Lehre gleichkommt.״ Ich frage: ״Ist Ihnen, Fräulein, überhaupt bekannt, was die zionistische Bewegung anslrebt, wußten Sie, wo die Rede Blumenfelds hinsteuerte?" und erhielt zur Antwort: ״Ich lauschte mit besonderem Interesse Blumensedls Ausführungen, ich kenne auch ziemlich das zionistische Programm, nur vermißte ich eines in diesem Vortrage: die Anspornung zur jüdischen Tradition! Wer hat euch denn die Fessel der pharaonischeu Sklavenschast gesprengt? — Moses - 11 u n läßt ihr seine Le h r e 1t gänzlich außer 'Acht! -- Lächerlich ivas Sie da sagen! Das konfessionelle Moment wird aus der Bewegung ansgeschaltet. Religion Nebensache, Privatsache! Eine jüdische Bewegung ohne jüdische Tradition entbehrt jeder Eigenart, ist eine Fischerei ohne Wasseranlagen. Ich war nahe daran, mich in eine Diskussion mit Herrn Blumenseld einzulassen, habe mich jedoch eines Besseren besonnen.... Das Judentum war stark in seinem Glauben an Jehovah, immun gegen den äußereu Feind und wird wieder gesunden, wenn es wieder zu seinem allen Gotte gleichsam einem reuigen Kinde zurückkehrt." Eger, im Juni 1010. Oberkantor W i l k o w i t s ch. Noch ein Wort an die Agudas- Jisroelfreunde in Mähren und Schlesien! Es gewährte mir seelische Befriedigung, dag mein Appell an die gcsetzcstrcuen OlesinnungSgenossen in der ״jüdische» Bolksslimme" 'Jlr. ,21 nicht ob ne Widerball geblieben. Die anfmnnlerndcn gnschrislen. die ich erhielt ermutigen mich, noch einmal öffentlich das Work zu ergreifen und die geehrten chesinnnngSgenossen zu bitten, so rasch als möglich zur Tat zn schreiten. Dem Rate eines Agudas-JiSroelsreundeS folgend, wäre nnsere nächste Aufgabe, einen Arbeitsausschnsi cinznbernfen, und würde ich hierzu Wsctin Vorschlägen, sich richte daher an alle, deren Herz für daS überlieferte, altehrwürdige Judentum noch warm schlägt, die ergebene Bitte, vorläufig an mich ihr Einverständnis und tätige Mit- Wirkung für das baldige ,Zustandekommen brieflich kundzugeben, damit in der nächsten ,-seit eine Borbesprechung in dieser Angelegenheit erfolgen kann. Nach erfolgter

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