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Jüdische Volksstimme · 1913-06-10 · Heft 24 (10.6.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 24 (10.6.1913)
Date
1913-06-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 24 niemand, daß sich eine Taschenuhr allein geschaf-!weil sie allem Welken flieht, weil wir erst durch fcn hat, weil sic selbsttätig funktioniert. Die ״Kultur" stellt es jedoch frei, zu glauben, daß unsere Erde mit ihren grandiosen Naturgesetzen, von denen wir kaum die äußeren Umriße, nur die Wirkungen zu erkennen vermögen, daß diese Erde mit ihren Millionen Wundern, mit ihrem Jahreszeitcnwechsel, mit ihrer Pflanzen- und Tierwelt, mit ihrem vernunftbegabten Menschcngeschlcchte allein entstanden ist oder von einem Gotte geschaffen wurde. Sie bezeichnet die Erkenntnis eines einzigen, allmächtigen Gottes als philosophisches System, dem sie die gegenteiligc Auffassung ebenbürtig zur Seite stellt. Und diese Kultur soll uns unsere Thora, unser Judentum ersetzen, welches uns die ganzen Nachtjahrhunderte des Altertums und des Mittelalters geleitet und vorangclcuchtct und davor bewahrt hat, in den Abgrund hinabzusinken, in dem schon so viele Völker, so viele Religionen und Kulturen verschwanden! Die Zeit sei eine andere geworden? Gibt es denn eine Zeit? Ist denn nicht die Zeit ein künstliches Hilfsmittel, ein Beweis für die Beschränktheit des Menschen, der Jahre, Tage und Stunden erfinden und sich an ihnen klammern muß, um sich zurechtzufinden? Nein, nicht die Zeit ist eine andere, sondern w i r haben uns zu unserem Nachteil verändert. Wir haben cs verlernt, die Thora als Lcbensnorm zu betrachten, die nicht in schwungvollen Elegien besungen, sondern auf Schritt und Tritt beherzigt sein will. Wir haben es verlernt, im Gebet, in der inneren Zufriedenheit, im ganzen religiösen Leben das wahre, wirkliche Glück zu suchen, nach dem wir uns so vergeblich abmühen. Wir belächeln mitleidig die Ghettojuden und haben nie im Leben auch nur eine Stunde lang das reine, ungetrübte Glücksgcfühl, die innere Ruhe genossen, die der ärmste jüdische Hausierer empfand, wenn er nach den Mühen der Woche am Freitagabend aus Schul kam seinen Kindern segnend die Hände aufs Haup legte, wenn er die kindlich-frohen Simiroswcisen sang und in seinem festlichen Sabbattisch ein Abbild des jerusalemitischcn Altars erblickte. Dafür haben wir uns eine neue Religion geschaffen, die Religion der Ellenbogenfreiheit, die im Mitmenschen nicht den Bruder, sondern ein Hindernis erblickt, eine Religion, welcher der Börsenbericht Diesseits und Jenseits bedeutet; an Stelle des Judentums ist die Kulturreligion getreten, welche sich im ewigen Hasten und Haschcn nach dem vermeintlichen Glück verzehrt, die in der einen Hälfte des Lebens die Gesundheit opfert, um Geld zu härifen und in der anderen Hälfte das schwer erworbene Geld wieder ausgibt, um die Gesundheit zurückzuerlangcn. Das sind unsere Gedanken, die sich an das Wochenfest knüpfen, welches, in die prangende Frühlingsnatur gehüllt, in den nächsten Tagen seinen Einzug hält. Uns soll die Thora keine Theologie, kein altes Testament sein. Sie ist weder alt noch ein Testament. Sie wird in tausend Jahren noch so neu sein wie am Offenbarungstagc selbst. Und sie ist kein Testament, ic und in ihr zu leben beginnen. Wien, Anfang Juni. L. Grünhut. Jüdische Verlagsgesellschaft. Altmeister Zunz (Gottesdienstliche Vorträge, 1892, S. 8) stellt die Behauptung auf, ״daß selbst schätzbare Schriftsteller, sobald das Judeiitapitel herankommt, eine ganz andere, man möchte sagen, gespenstige Natur annehmen." Das gilt von fast allen wissenschaftlichen Arbeiten in bezug auf das Judentum, deren Verfasser dem Christentum angehören. Und aus christlichen Quellen schöpft unsere Jugend die jüdische Weisheit. Unsere Jugend bringt es einmal in der chule nicht so weit, um die Propheten und die rabbinische Literatur in der Ursprache lesen zu können, utkd ist dadurch auf christliche Autoren angewiesen, die ausnahmslos für ihren Glauben voreingenommen sind. Sobald christliche Theologen — und es mögen die liberalsten und erlesenften Geister sein — auf das Judentum und seine Religion zu sprechen kommen, dann führt der Haß die Feder, dann ist jede Objektivität geschwunden. Mit dem Nüstzeuge moderner Wissenschast, mit Hilfe teutonisck)er, philosophischer und philologischer Gelehrsamkeit wird der Versuch gemacht, den Stifter der Tochtcrreligion aus dein jüdischen Milieu, in welchcin er fußt, hcrauszurcißen und das Judentum als minderwertig und rückständig hinzustellen. Wohl finden sich jüdische Gelehrte, die diesein Treiben einen Dämpfer aufsetzen, aber unserc Jugend kennt deren Werke nicht. Die apologetischen Schriften von Güdemann, Eschelbacher, Bäck, Pick u. a. m. sind mehr für Gelehrte geschrieben; Volksausgaben fehlen uns. Diesem Mangel soll der jüdische Verlag abhelfen. In alter Zeit wurde die Religion gelebt. Das jüdische Kind, das Sabbat- und Festesfeier, Väterbrauch und heilige Sitte miterlebte, brauchte keine tiefere Kenntnis von der jüdi schcn Religionswissenschaft, es blieb dem Väterglauben treu, wenn auch die Tochterreligionen über das Judentum hoch erhaben sich dünkten Das ist leider anders geworden. Aus den jüdischen Häusern ist religiöses Leben geschwunden, und wir müssen unserer Jugend unserem Volke einen moralischen Halt geben, diesen sol es im jüdischen Schrifttum finden. Das jüdische chrifttum muß populär, dem Volke zugänglich gemacht werden. Wie viele Volksausgaben gibt es von den Klassikern aller Literaturen. Nur von den jüdi schcn Klassikern besitzen wir keine Volksausgabe Gibt cs ein besseres jüdisches Haus, in welchem nicht die Werke von Schiller, Goethe, Lenau Heine, Börne usw. zu finden sind, deren Ideale und das muß einmal gesagt werden — krank hast waren, weil deren Leben zumeist im krasse stcn Widerspruch zu den Idealen stand, die sie durch ihre Schriften verkündeten. Von jüdischen Klassikern, deren Ideale gesund und lcbenskräf tig waren, bei denen kein Zwiespalt zwischen Wort und Tat bestand, ist in den jüdischen Häu fern zumeist kein Werk zu finden. Die jüdische Bibliothek in den jüdischen Häusern beschränkt "ch zumeist auf einen Luach und ein Gebetbuch. Hier müßte der jüdische Verlag Remedur schaffen. Unser heiliges Schrifttum muß volkstümlich gemacht werden, darf in keinem jüdischen Hause chlen! Unsere Jugend soll es erfahren, daß der Stifter der Tochterreligion nichts anderes veründct, als was das Judentum seiner Zeit ge-, ehrt und noch immer ohne jede feelenfängerische? bsicht kündet. Daß das Judentum über seine Gcsetzcsreligion auch seine Geistesreligion nicht eii.gebüßt, und daß beide harmonisch vereinigt die Glückseligkeit auf Erden schon schaffen, das ist und bleibt die Aufgabe des Judentums. Für diese Erkenntnis soll das jüdische Volk reif geinacht werden. Dieser Mißion kann es sich aber nur bewußt werden, wenn ihm das jüdische Schrifttuin zugänglich gemacht wird. Das soll die Aufgabe des jüdischen Verlages werden. Die jüdische Wißepschast volkstümlich machen, sei dessen Devise. Das Beste ist dafür nicht gut enug. Gewiß Bibelkritik, mit deren Hilfe die proestantische Theologie das Judentum glücklich zcrstückt, um dort anknüpfen zu können, wo es ihr paßt, wollen wir der Jugend nicht auftischen, 'andern wahres, echtes Judentum, ohne lieberchwänglichkeit und Voreingenommenl)eit soll in edler Form und volkstümlicher Sprache verbreiet und allen Schichten und Kreisen des jüdischen Volkes zugänglich gemacht werden. Die Judennot ist groß, das Judenelend wächst von Tag zu Tag und alles Schreiben und Reden, alle Vereine und Vereinigungen können uns nichts nützen. Selbst wenn wir alle einig wären, selbst, wenn es uns gelänge, unsere Feinde davon zu überzeugen, daß wir keine in- 'eriore Rasse, sondern ein Kulturvolk, das sich eine .Kultur und Gesittung unendlich große Verdienste erworben, für die Erhaltung und Ent- 'altung des Judentums wäre damit noch nichts geleistet. Für den aus tausend Wunden blutenden jüdischen Volkskörper gibt es ein Heilmittel: Rückkehr zur jüdischen Wißenschaft! Diese soll der jüdisibe Verlag möglich machen. Die Neubelebung des jüdischen Selbstbewutztsein, die nationale Selbstbestimmung von der man sich Gesundung der jüdischen Volksseele versprochen, sie hat die darin gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt, kann sie nicht verwirklichen, solauge das Judentum der Neuzeit nicht den Zusanimcnhang mit dem Geiste der Vergangenheit, mit der jüdischen Wissenschaft gefunden. Gelingt cs uns die Quelle zu erschließen, aus welcher unsere Väter Mut und Ausdauer geschöpft, gelingt cs uns das Bibelstudium, die jüdische Wissenschaft populär zu machen, die breiten Volksmassen dafür zu begeistern, dann ist der Fortbestand des Judentums gesichert. Solange von der jüdischen Wißenschaft das Wort gilt: iuer in einer Stadt und zwei in weitverzweig- 1er Familie, solange das Thorastudium in Weltfremder Klause, in einsamer Gelehrtenstube nur gepflegt und gehütet wird, solange kann auch der sieche jüdische Volkskörper nicht gesunden. funden, das die ganze Angelegenheit in ein schiefes Licht brachte. Alle Ausreden, Beteucrungcn und Rechtfertigungen des Wirtes waren nun vergebens, denn zu belastend sprachen gegen ihn die Tatsachen und zu schwerwiegend war die Schuld. Auch die Angaben seiner Gattin, daß sic den Fund als Eigentum ihres Mannes betrachtete, und ihn nur deshalb an einem solchen Versteck untcrbrachte, damit ihn der Mann nicht gleich entdecken und so seine Leichtfertigkeit im Gebühren mit dem Gclde büßen würde, vermachtcn nichts an der Tatsache der strafbaren Handlung zu änderit. Der Mann kam denn doch in den Kerker. Aber auch hier wurde er vom Unheil hcintgcsucht. Da wurde er in eine Zelle gesteckt, in der er sich für immer seine Gesundheit untergraben, in einem dumpfen, feuchten Loche hauste er hier, aus dem er sich für sein ganzes Leben eilt rheumatisches Leiden holte. Und dies nagte nun fortan tückisch an seinen Gliedern. Währetid seiner Abwesenheit wurde sein Geschäft, soweit es!licht schon unter dem schlechten Ruf gelitten, vollends vcrnachläßigt. Die arme, kranke Frau konnte sich keinen Rat schaffen. Die Kinder trieben sich zügellos herum. Das Vermögen schwand von Tag zu Tag. Und die Schulden vermehrten sich hingegen, bis sie ins Unermeßliche stiegen. So war die Armut nach und nach ins Haus gezogen, um schließlich hier für die Dauer festen Fuß zu fassen. In diesem Zustande hatte der Wirt sein Haus angctroffen, als er nach Abbüßung seiner Gefängnisstrafe zu seiner Familie heimkehrte. Wie ein Gespenst grinste ihm die Armut entgegen. Nur zu deutlich sah er seinen physischen und wirtschaftlichen Untergang. Seine völlige Vernichtung stand unabänderlich vor seinen Augen! Er empfand es zu schmerzlich, daß hier kein Hilfe, keine Rettung mehr möglich war, und da; er mit Weib und Kind in den bodenlosen Abgrund des Elends verfallen müsse. Tief gckräm : über seinen so jähen Sturz, nahm er sich sein uncrbärmliches Mißgeschick zu Herzen, bis er von einer Lähmung befallen, und nach langem Leiden vom Tode erlöst wurde. Es gibt Menschen, welche durch den Aberglauben, diesem Sohne der menschlichen Phantasic, in ihrem Tun und Lassen, in ihrem Handel und Wandel derart beeinflußt werden, daß sie an die zufälligen Erscheinungen der menschlichcn Verhältnisse eine geheimnisvolle Bedeutung knüpfen, daß sie dem Erfolge des Schicksals eine Begründung beimessen, die wohl mit der Vernunft und der Ueberzeugung im Widerspruche steht. Bei näherer Erwägung der in Betracht kommenden Umstände aber fällt doch mancherlei zugunsten solcher Leute in die Wagschale. Und zuweilen bleibt es dem Aberglauben, dem blinden Vorurteil Vorbehalten, in die Lebenssphäre mancher Menschen tief einzuschneiden und merkwürdige Wirkung für Moral und Sitte zu üben. Solche Leute kommen auf Umwegen zum Ziele. So war denn die arme, gebrechliche Witwe nach ihrem Gatten in Pein und Jammer zurückgeblieben, ohne Mann, ohne Kinder, obdachlos und aller Mittel bar! Vergebens grübelte nun ihr von Gram und Sorge zernagter Geist nach Beistand, nach Rettung. Umsonst ließ sie ihre Gedanken in den Ereignißen der letzten zwei Jahre wühlen. Wie dunkle Schatten schwebten ihr die Erinnerungen in der fernen Vergangenheit vor. Plötzlich tauchte in ihr eine Erinnerung auf, die wie ein Blitz ihr krankes Herz durchzuckte, und in ihr eine unbeschreibliche Angst hervorrief. Ein längst entschwundenes Bild erschien plötzlich in ihrem Gedächtniße. Jene Szene, welche sich vor ihren Augen abgespielt, als ihr Mann das Bethaus in diesem Hause aufgelaßen, und die Gegenstände durch den Gerichts- Vollzieher aus dem Hause räumen ließ, belebte sich neu in ihrem Geiste. Sie sah jetzt vor sich den Greis mit dem auf die Brust herabwallenden silberweißen Bart, der gleich einem Prophet, die Thorarolle im Arm, ihrem Manne schweres Un-

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