Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1913)
- Date
- 1913-06-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2621806-2621846-2621869--2204-2623288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 23besierlichen Volksvcrrätern, die einem unwürdigen Zwange gehorchen zu müssen glauben, abgesehen. Aber hinausschreien muß man es wieder einmal, daß die ״Zierden" des Judentums, die Herren Rothschild und Gutmann, in deren Macht die Lache liegt, einen ausgesprochen antisemitischen, übermütigen und vom unumschränkten Machtdüukcl durchsresscnen Generaldirektor gegen die Juden loslassen und ihn ungehindert walten lassen, wenn er Hieb um Hieb gegen die Juden führt und immer nur das tut, was den Juden zu Schaden gereichen muß. Solange diescs beschämende, selbstcntwürdigende Treiben dieser ״großen" Juden nicht aufhört, ist an eine Gesundung der Verhältnisse nicht zu denken. Aber unsere Hoffnung, daß die Herren zur Einsicht kominen werden, ist sehr gering und es wird noch lange dauern, ehe man die Willkürhcrrschaft des Despoten von Witkowitz wird brechen können. Es lvärc denn, daß die Verhältnisse stärker werden, als ihr Lenker, daß endlich die Bürger von Ostrau aus ihrem traumhaften Zustände, der sie zum willenlosen Werkzeuge Schusters macht, erwachen und daß nicht nur die Juden, sondern vor allem die Ostraucr Deutscheu erkennen lernen, welch unwürdige Nolle ׳ie spielen, wenn sie sich widerspruchslos ins Witkowitzcr Schlepptau nehmen lassen. Und sie haben es wahrlich nicht notwendig, die Ostrauer! Selbstbewußte, freiheitliche Deutsche und selbstbewußte Juden könnten sich zu erfolgsichcrer wirtschaftlicher Arbeit znsammenfinden, ohne sich die Grenzen ihrer Selbstbestimmung von einen, Witkowitzcr Generaldirektor vorschreiben zu lassen. Vielleicht geht diese Hoffnung noch in Erfüllung, wobei wir uns darauf verlassen wollen, daß kleine Ursachen große Wirkungen zeit!- gen können. Denn der gegenwärtige skandalöse Zustand schreit zum Himmel. Jedenfalls ist die Kandidatur des Bahnbeamtcn Jung aus Jglau, der uns mit Jglauer Ammenmärchen imponicreu wollte, für jeden Juden erledigt und cs werden diejenigen Juden, die den sozialdemokratischen Kandidaten absolut nicht zu wählen geneigt sind, klug daran tun, nicht etwa icerc Stimmzettel abzugcben, oder der Wahl fern zu bleiben, weil dies alles nur indifferente und nicht unwillkominenc Wahlhilfc für den Kandidaten Jung bedeutet. Für die Juden gilt daher die dringende Parole: Entweder den sozialdemokratischen Kandidaten Dr. Wilhelm Haas, Advokat in Mähr.-Oslrau, zu wählen oder aber seine Stimme beliebigen, jedoch wahlberechtigten Persönlichkeiten zuzuwcndcn, da dieser Weg der einzige ist, um die Position des antisemitischen ans dem Waidhofencr Beschlüsse cingcschworencn Kandidaten Jung zu schwächen und womöglich seine Wahl zu vereiteln. Es tue jeder Jude diese seine Ehrenpflicht, denn jede einzelne Stimme, die dem Antisemiten zugewendet.wird, kann von weittragender Bedeutung werden. YERLOBUNQ5-RINQE BRAUT SCHMUCK - - HOCHZEIT5QE5CHENKE ENE-RINUE .. in hervorragender Auswahl zu besonders billigen Preisen. Berthold Bachner, k. u. k. Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Goldu. Silberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. EM" Provinzaufträge finden sofortige Erledigung. Eine Wähler-Versammlung im Zeichen ver deutschen Gemeinbürgschast. Den Brünncr Inden, die bisher im Schlepptau der deutschen Parteien diesen treue Gesellschaft leisteten und auf die inan bisher bei Ausstellung von Kandidaten doch gewissermaßen Rüdsicht nahm, diesen Juden bot sich am letzen Samstag ein neues Moment politisch-' perverser Tätigkeit. Tie geeinigten deutschen Parteien «deutsche Arbeiterpartei, Volkspartci und deutsche Fortschrittspanci) beriefen eine Wähler-Versammlung ein und zwingen den Jude», ohne sic zu befragen, eine» antiscininschcii Kandidaten aus. Leider hat aber die Vorschuug aud, Juden geschaffen, die sich soldic Zumutungen nicht schmerzlos gefalle» lassen und doch ein Interesse für die Kandidatur eines Wortführers der deutschantisemitischen Arbeiterpartei haben. Leider! denn was kümmert uns Juden die Stellungnahme des Herrn Rogclböck zur Judenfragc, zu den bercd)tgtcn Wünschen und Interessen der jüdischen Bevölkerung? Es sind ja nur 4000 jüdische Wähler in dieser Kurie und diese haben sich willenlosdem Diktate der deutschen Parteien zu fügen: Sie sollten sich wohl eine Ehre daraus machen, den ihnen aufgczivungcncn Kandidaten zu wählen. In diesem Zcid)cn fand die Versammlung statt, deren Programm ja nur aus dem abglcscncn Referat des Kandidaten bestand. Obwohl der Vorsitzende der Versammlung, Herr Gcmcindcrat Wokurek, die Anwesenden auffordertc, Fragen an den Kandidaten zu stcllen, war dies doch nicht jenen Inden 'möglich, dir nicht einer der drei Parteien angehören. Ein gelungenes Prüfsystem des Vorsitzenden mußte ihn erst von der Harmlosigkeit der Anfragen und Ungefährlidikeit der zahlrcidien Fragesteller überzeugen: ״Gehören Sic einer der drei hier anwesenden Parteien an? — Nein? — Dann kann ich Ihnen nicht das Wort erteilen! Mißbrauchen Sie nicht das Gastrcdst.Herrr Rogclböd soll also mit ״Ja" oder ״Nein" anivortcn, ob er für die Gleichberechtigung aller Konfessionen ist!?" Auf die Anfrage eines Jüdisd)nationalen, wodurch die Zugehörigfeit zu einer der drei Parteien bewiesen werden soll, gab der Vorsitzende keine Antwort. Und wozu and)? ״Die Pcrsönlid)keit (!) des Herrn Rogclböd muß genügen", erklärte pathetisch der Vorsitzende. ״Es ist unnötig hier soldic Fragen zu stellen, Herr Rogclböd ist kein Antisemit, er ist ein ad>tbarcr deutscher Mann".— Das muß den jüdischen Wählern vollauf genüge». Es folgte sogar eine lobenswerte Anerkennung: ״Zn meiner Freude muß id) konstatiere», daß ein sehr großer Teil der Juden im deutsdicn Lager steht." — Liegt cs nicht nahe anzunchmcn, daß Herr Rogclböd auf die Beant- Wortung saldier ״zudringlid)cr" Fragen nidst — vorbereitet lvar? Tic anwesenden Juden erfuhren nur aus seinem Munde: ״Die dcutsd>c Arbeiterpartei kennt keine Judenfragc >'.!!). Ich bin für die Gleichberechtigung aller Konfessionen, die ״dcutsd>c Arbeiterpartei" soll auch ein Plätzchen an der Sonne bekommen." Juden, erkennt Ihr nid,t die Ironie dieser kurzbündigen Erklärung, verspürt Ihr nid)t den Faustschlag in Euerem Gesicht, den End) die diplomatische Phrasen- Weisheit eines Antisemiten verabreicht? B. Eine ״Erklärung des GR. Rogclböck". Im Abendblatt des ״Tagesbotc", vom 3. Juni, beweißt, daß dieser, der offiziellen Klique würdige Kandidat auf die in der Wähler-Versammlung an ihm gerichtete Anfrage des Ing. Baumgarten keine klare und befriedigende Antwort geben kann. Herr Rogclböck erklärt im ״Tagcsbote", baß er kein Antisemit sei, daß er auf dem Boden des Staatsgrundgesctzes stehe. Ja, glaubt denn dieser naive Volksmann, daß die Staatsgrundgesehe der Bestätigung von Rogclböck bedürfen? Und auch bezüglich feiner persönlichen Anschauung über den Antisemitismus wurde er nicht interpelliert, vielmehr fragte ihn Herr Baumgarten, ״wie er als Parteigänger, des berüchtigten Ferdinand Seidel, der in seinem Blatte die gemeinste antisemitische Hctzcrpolitik betreibt, sich erkühnen könne, um Stimmen jüdischer Wähler zu werben. Und auf diese Frage hat dieser ״deutfchfortschrittlichc" Kandidat bisher keine Antwort gegeben und an dieser Tatsache ändert die in der Versammlung abgegebene Er- -klärung des Hrn. Direktor Wokurka, er Person-!ich sei kein Antisemit, gar nichts, ebenso wenig vermag der Leitartikel des Tagcsbote v. 3. Juni auf diese Frage zu antworten, trotz aller Erklärungen und Deutungen. Aber Herr Gemeinderat Pollak hat in.der Jüdischen Wählcr-Versammlung eine ganz plausible Erklärung für dieses perfide Wahlmanöver gegeben, indem er freimütig sagte, die Leitung der deutschen Parteien habe im Sinne der Gemeinbürgschaft anläßlich der letzten Rcichsratswahlen der -— wie genügcnt> bewiesen wurde, zweifellos antisemitischen — ״deutschen Arbeiterpartei" die Zusage gemacht, ihr zu einem Landtagsmandate zu verhelfen. Und diese Zusage soll die Juden verpflichten, einen antisemitischen Parteigänger zu unterftützcn? Landtagswählerversammlung in Brünn. Uiu der jüdischen Bevölkerung Brünns Gelcgenheit zu geben, zu den kommenden Landtagswahlen Stellung zu nehmen, berief für Dienstag der Wählcrverein in die Schwechater Bicrhalle eine Versammlung ein, die außergewohnlich stark besucht war (über 800 Menschen standen dicht gedrängt, um die Ausführungen , der Redner anzuhörcn) und die einen würdigen i Verlauf nahm. Die Brünner jüdisch-politischen ,Verhältnisse spiegelten sich treffend in der Versammlung wieder und die Ausführungen der einzelnen Redner verschiedener Parteischattierungen bewiesen uns, wie weit die politische Zer- . setzung in der Brünncr Judenheit gediehen ist. Herr Dr. Sonnenfeld eröffnete die Versammlung und begrüßte die zahlreich erschienenen Wähler, indem er den Redner» jeder Nichtung die unbedingte volle Redefreiheit zusicherte. Hierauf beleuchtete der Referent des Abends, Herr Dr. J a k o b Ehrlich aus Wien, die Wahl vom rein jüdischen Gesichtspunkte. Die Juden Oesterreichs und der einzelnen Kronländer befinden sich in einer tragikomischen Situation. Die mißverständliche Auffassung der Emanzipatiou trieb die Juden in alle möglichen nationalen Lager, wobei notwendigerweise der Asiimilationsprozeß einsetzte. Sie wurden in den verschiedenen Lagern insolange geduldet, als sie mit Gründen der Logik und Vernunft ihre Zugehörigkeit zu dein betreffenden Volke erweisen konnten. Diese Beweismittel versagten aber spätcr vollends, als der Chauvinismus stark und maßgebend wurde und dieselben Juden, die die größten Opfer brachten, wurden aus den nationalen Lagern abgcdrängt.'Belehrend gestaltete sich nun dieser Vorgang bei den deutschen Parteicn, die stufenweise dem ״Judenpunkt" in ihren Programmen zum Durchbruch vcrhalfcn und die aus dem unverfälschten Liberalismus über den versteckten Antisemitismus zum offenen Rassenantisemitismus gelangten. So war es möglich, daß vor nicht allzulanger Zeit ein Antrag ״Schmidt" und ״Waidenhofer" von deutscher Seite im Parlamente gestellt und unterstützt werden konnte. Der Referent beschäftigte sich nun mit der ״deutschen Arbeiterpartei", deren Wortführet Rogclböck im Interesse der ״deutschen Gemeinbürgschaft" den Juden zur Wahl empfohlen wird und kommt zu dem Schluffe: die Hausjuden der deutschen Parteien mögen diesen weiterhin Zutrcibcrdicnste leisten, aufrechte lJuden lehnen jede Gemeinschaft mit ihnen ab. Da die Juden überall unter denselben Voraussetzungen und Bedingungen leben, erfordert die Behändlung der Judenfrage eine gewisse Einheitlichkeit: sie sind überall eine Minorität und üben überall dieselben Berufe aus; sie haben nirgends auf der Welt auch nur das kleinste Gemeinwesen, auf das sie sich stützen können und haben ihre eigene nationale Kultur verloren. Den Juden tut also vorläufig ein fester Zusammenschluß dringend not, die große Judenfrage könne erst auf einem eigenen jüdischen Territorium gelöst werden. Der Referent verweist darauf, daß die Jüdischnationalen im Brünner Wahlbezirke eine Zählkandidatur aufstellen wollten, daniit jeder jüdische Wähler seiner guten Ueberzeugung nach wählen könne. Politische und taktische Bedenken führten aber zur Unterstützung des sozialdemokratischcn Kandidaten, gegen den charakterlosen Mischmasch der deutschen Gemeinbürgschaft, gegen die rückschrittliche jndenfeindlichc Korruption und gegen die politisch vollständig unfähige Deutsche Nationalvcrbändlerei. In der Diskussion sprachen: von liberaler Seite Herr Weinberger, der beklagte und bcjamvierte, daß die Führer der liberalen Partei Schuld tragen an dem Niedergänge des Freisinns und das; man ihn am Samstag im Redoutensaale nicht sprechen ließ, und Herr Prof. Pollach, der vom soz.-dcm. Standpunkte den Inden in ihrem eigenen Jnteresie speziell in dem des jüdischen Proletariats die Wahl des soz.- dem. Kandidaten Dr. Czech empfahl, da dieser für alle Unterdrückten und Rechtlosen eintreten werde. Aeußerst interessant gestaltete sich das Geständnis des Herrn Gemeinderatcs Pollak, der weder vom Standpunkte des Gewerbetreibendcn noch vom jüdischen von der Kandidatur Rogclböcks begeistert ist, und der im Interesse der deutschen Gemeinburgschaft die Kandidatur eher zu entschuldigen als zu verteidigen suchte. Hierauf sprach ausführlich Herr Redakteur Hickl, Oer sich mit den Ausführungen seiner Vorredncr beschäftigte. Gerade die Ausführungen der drei jüdischen Vertreter der verschiedensten Richtungen überzeugten ihn von den Notwendig- Feit einer jüdischnationalen Kandidatur. Ebensowenig wie der liberale kann der soz.-dem. Jude jüdische' Jntereffen wahren, denn keine Partei könne eine Judcnschutztruppe bilden. Jüdische Interessen können eben nur durch aufrechte,