Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1913)
- Date
- 1913-06-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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־׳ ־״'־ י ■ י•'“"'־',־ י "י'" י '"kr \_. '•’• Nr. 23.__,Züdische Bolksstimme." geite 3. Prof. Josef Redlich. Im Verlaufe seiner Rede schnitt Rogclböck den JudcnpuKkt an und versicherte selbstredend die Wähler, daß weder er noch seine Partei antisemitisch seien. Sofort nach Beendigung des Referates erbat sich unser Gg. Prof. Ernst Vogel das Wort und —stellte zunächst fest, daß die deutsche Arbeiterpartei wie auch die Organisation der Eisenbahner, in der Rogclböck ״ eine führende Rolle spiele, judenrein seien, daß demnach die jüdischen Wähler seine Kandidatur durchaus nicht goutieren könnten. Er stellte fest, daß alle Führer der deutschen Arbeiterpartei, wie Seidl, Knirsch usw. notorische Antisecklitcn seien, daß ihre Zeitungen die Juden verunglimpfen und ihnen wirtschaftlich Schaden zufügen wollen und daß speziell das Fachblatt der erlvähnten Eisenbahnerorganisation die Nichtanstcllung von Juden im Eiscnbahndienst verlange, da sie unverläßliche Elemente seien. Als Prof. Vogel aus all diescn Fakten den Schluß zog, daß die Arbeiterpartei in Mähren offenbar nur wegen Stimmenfanges Judenfrcnndschaft markiere, daß die Juden sich aber für eine solche Freundschaft schönstens bedanken, bewies der lebhaftcstc Beifall der jüdischen Wähler, daß er ihnen aus dem Herzen gesprochen habe. Vergeblich versuchte Rogelbück, diesen Eindruck zu verioischen, indem er für seine Person beteuerte, kein Antisemit zu sein. Prof. Vogel stellte dies durchaus nicht in Abrede; die Kürze der Zeit hatte ja nicht gestattet, Informationen über die Person des Wahlwerbcrs einzuzichcn. Es käme aber nicht auf die Person, sondern auf die Partei Rogelböcks an. Hern! Redlich war die Sache sichtlich unangenehm. Er muhte selbst zugeben, daß das Programm der Arbeitcrpartei bezüglich der von Prof. Vogel besprochenen Punkte unzulänglich sei. Er habe aber die Pflicht, den Weisungen der Landcsparteilcitnng zu entsprechen und empfehle Herrn Rogclböck als Kompromißkandidaten wenigstens probeweise für den Landtag zu wähle». Im deutschen A'ationalverband müßten sich die Fortschrittlichcn Abgeordneten so manches bieten lassen, kurz Herr!lledlich ließ durchblicken, man ziehe anderwärts auch mit Leuten an einem Strick, welche Antisemiten seien. In der Politik bedürfe man eines guten Magens. Er wolle aber den Leuten, welchen eine Wahl Rogelböcks ans Gefühlsrücksichtcn unmöglich sei, nicht das Gegenteil zumuten. Prof. Vogel erklärte hierzu, daß ein Konipromiß so gehalten sein müsse, daß hierbei keiner der Beteiligten in seiner Ehre gekränkt werde und forderte die jüdischen Wähler, denen dies nicht gleichgültig sei, auf, bei der Abstimmung gegen Rogclböck Stellung zu nehmen oder zumindestens sich der Abstimmung zu enthalten. Daraufhin sah Redlich von einer Abstimmung vollständig ab. Es hat sich also hier das beschämende Schauspiel zugetragen, daß sich ein Jude für einen Kandidaten einer antisemitischen Partei eingesetzt hat. Etwas Guteö hat aber die Versammlungimmerhin gezeitigt: Die Gödingcr Juden werden zum allergrößten Teil Rogelböck nicht wählen und, lvas vielleicht noch wichtiger ist, cs wurde ihnen einmal der faule Schwindel, den die Fortschrittspartei mit ihnen betreibt, endlich einmal sinnfällig demonstriert. Sic werde» gewiß einsehen, daß sie in politischer Beziehung von ihrem jübischen Bürgermeister und ihrem jtramindeutschen Kultnsvorgand nicht nur schlecht beraten, sondern direkt verraten sind, da beide Herren ihnen zumute», der deutschen Sache Opfer zu bringen, die ein anständiger Jude mit Entrüstiliig von sich weisen muß. Wer, wie diese Herren und ihr Anhang, zunächst Deutschradikale Glanzes aut Firmamcnte erstrahlte, hatte sich heute unter schwere. Gewitterverheißende Wolken verborgen und mancher bemerkte: ״Wenn der Jaddik aus einer Stadt zieht, entweicht auch mit ihm die Majestät und der Glanz der verlassencn Stadt:" (Rasch! zum Wochenabschnitte Wajeze). Schon war man mehr als ein Werst von der Stadt entsernt und noch trippelte die ganze Schar.der Begleitenden dem Wagen nach. Voran die Tajanim und Honoratioren der Gemcinde, welche mit dem Rabbi eifrig diskutierreu und hinterdrein Mol Jisroel, endlich aber gebot der Gefeierte dem Kutscher, Halt zu machen und ehe noch, dieser den Willen des Jaddik den Pferden mitteilie, blieben die Tiere schon von selber sichen. (War es ein Neß oder waren die Pferde schon abgerackert? ....) Ter Rabbi entstieg dem Wagen, breitete seine Hände über das Publikum, wobei er die Augen schloß und sprach das Jeworechecho! Jeder beugte das Haupt, auf daß auf ihn deS Rabbis Segen träufle. Und nun reichte er einigen zuin Abschied die Hand, bestieg wieder den Wagen und Ade! Tie ganze Gemeinde trat nun den Rückweg an. Reb Awrom Badchen befand sich natürlicherweise ebenfalls unter den Begleitenden. Hätte er gerade allein Zurückbleiben sollen? Am Rückwege sagten einige Leute zum Schalksnarr unfr dann erst Juden find, möge doch den Anstand haben, seine Ehrenstellen in der Kultusgemeinde niederzulegen. Es wird, wenn sich die Herren nicht auf ihre Menschenwürde besinnen, dafür gesorgt werden, daß dies eventuell gegen ihren Willen geschehen wird. T. Mährische Landtagswahlen! Mähr.-Ostrau, Ende Mai 1913. In Mähren wird wieder einmal in den Landtag gewählt. Was Wunder, daß die alte mährische Sumpfpflanze, die ״Deutschfreiheitlichen", wieder mit vollen Halmen in die Höhe schoß und sich des Vertrauens aller fortschrittlichen und freiheitlich gesinnten Wähler bemächtigen wollte? Aber ein noch viel kleineres Wunder ist es, daß Die Dcutschradikalen neuerlich Sturm liefen und den Teutschliberalen, die ja ihre Lebensnnfähigkeit als führende Männer nicht mehr nachzuweisen brauchet!, jäh das Heft aus den Händen rissen und voll Ueberinut und Schadenfreude ihre Oberherrschaft proklamierten. Freilich müßte man nicht wissen, wie Wahlen, an denen Witkowitz beteiligt ist, gemacht werden, wollte man der einen oder anderen Partei allzuviel Aktionsfähigkeit zusprechen! Alle sind sie Nullen und zum sklavischen Gehorsam befohlen, wenn das Machtwort von Witkowih gesprachen ist. Kandidaten für den Reichsrat oder den Landtag, ja selbst für die Ostrauer Gerneindestube (von der Witkowiher Gemeindevertretung erst nicht zu reden) werden vom allmächtigen antisemitischen Generaldirektor des jüdischen Witkowiher Eisenwerkes, Tr. Friedrich Schuster, rücksichtslos und selbstherrlich ernannt und jeder Widerstand gegen sülche Ernennung hieße Majestätsbeleidigung begehen, auf die auch im Witkowiher Königreiche die schärfsten — wirtschaftlichen — Strafen gesetzt sind. Tiesinal gefiel sich Generaldirektor Schuster in der ״Ernennung" des Bahnbeamten Jung aus Iglau, einer vollständig unbekannten und wie man nun weiß, auch unbedeutenden Person, zum LandtagSabgcordneten für den hiesigen Wahlkreis. Ueberflüssigerweise fand man es für passend, daß der ernannte Mann eine Wähler- Versammlung in Ostrau abhalte, um sich ״vorzustellen", was man aber, mit dem Ernennungsbetrete in der Tasche, kaum noch nötig hat. Wie sah nun diese Versammlung aus? Einige hundert Witkowiher Arbeiter, mit je zwei Kronen als Legitiination versehen, besetzten unter Führung höherer Kreaturen des absolutistischen Generaldirektors frühzeitig den Saal und unterlielten sich in ihren Umgangs- und Mutteriprachen (böhmisch und polnisch) über alltägliche Kleinigkeiten, um so recht gemütlich den Beginn der ״deutsctureiheitlichen" Wählerversammlung abzuwarten. Tie Regie des Abends war sehr gechickt geleitet, die Verteilung der Rollen klappt vortrefflich, die Ingenieure waren richtig an verschiedenen Stellen des Saales placiert, so daß ie immer rechtzeitig das Kommando über ihre getreuen Truppen ergreifen konnten und daher immer im richtigeil Moment mit Begeisterung oder Entrüstung, Gebrülle oder Gelächter, je nach Bedarf eingreifen konnten. Die wenigen (wahrscheinlich um ihn zu uzen?): ״Nu, was sagt Ihr dazu? Tie ganze Kehilla rückte aus! War das ein Kowed, was man dem Raw bereitete, was?" )leb Awrom kraute sich den Bart und sprach: Meint Ihr, alle sind hergegangen, um ven Rabbi melaweh zu sein?" ״Wie denn?" lautete die Gegenfrage einstimmig. ״Wie denn?" versetzte Rcb Awroin Badchen, ״Treiviertel der Gemeinde ist hergegangen, um zu sehen, ob der Rabbi faktisch schon fortging, ob er nicht indessen Eharotoh gekriegt hat!" Alle lachten. Wer ihn! Recht, wer Unrech gab, weiß ich nicht! ') Begleiten. -) Engel. a) Glorie Gottes. י) Vornpendcr des Gerichtshofes. Friedhof. ") Gerechter. 7: Gelehrter. ״) Herr der Stadt, Rabbiner. ") Trauerrede. "׳) Scharffinniger. “) Ueberall Bewandter. — '-j Rabbinats-Atteslate. ‘3) Feinde. ") Widersacher. Rabbinerftuhl. ”*) Leeres Geschwätz. 17) Tie sieben Trauungssprüche. Meine Herren. '״) Verlobung Dritter, bei den! inan die Mitgift deponiert. -•) Gerichtsvcrhandlung. — ״-’) Urteil. Sacktuch. 2!) Perfektionierung des Vertrages. “) Schaubrode. Publikum. Wirklich Deutschen und die Juden waren in jedem Sinne des Wortes an die Wand gedrückt. Was die Kandidatenrede ves Bahnbeamten Jung anbelangt, so ist darüber nicht viel zu sagen. Sie enthielt gut einstudierte Prasen über Deutsche und Tschechen im Landtag, verziert niit einigen Brocken Wirtschafts- und Finanzpolitik, deren Inhalt stark nach Witkowiher Schreibmaschinen roch, einige Bemerkungen über die dentsche Arbeiterpartei, deren Erislenz immer wieder mit Gewalt bewiesen werden!0111 und als deren Mann der Kandidat eigentlich auftritt. Es entbehrt übrigens nicht eines pikanten Reizes, daß die Wahl des Mannes, dessen ganzer Lebenszweck es angeblich sein soll, dem Arbeiter zu helfen iinv Ven internationalen Sozialdemokraten den selbstbewußten deutschen Arbeiterstaud entgegenzustelleu, Vas; die Wahl eines solchen Arbeiterhelden von Ver jüdischen Witkowiher Gewerkschaft gefordert und gut bezahlt wird! Tie Versammlung hätte gewiß den von Witkowitz gewünschten und strikte vorgeschriebcnen Verlauf samt Heilrusen, Vertrauenskundgebung und Resolution genommen, wenn nicht unsere Iüdischnationalen, mit sicherem Material ausgerüstet, am Platze gelvesen wären. Ihr Wortführer, Tr. Felir Wiuterstein, vertrat in zündender, wirksamer Weise den absolut ablehnen den Standpunkt, alle Juden gegen die Kaudidatur Jung. Redner besprach die Politik des Deutschen Natioualverbaiides. dem die Partei des Kandidaten ver'chriebeu sei, das Bündnis der Teutschnationalen und Ehristlichsozialen ge gen die Juden, die beschämende Stellungnahme des Nationalverbaudes gelegentlich der Reso lutioneu Schiuid und Schmeral, wies an der Hand von Belegen die rein antisemitische )»'ich tung der engeren Parteigenossen des Kandida ten nach und kam schließlich auf die jüngste» Studentenkrawalle au der Wiener Universität und deren unmittelbare Ursache, den berüchtigten Waidhofner Beschluß zu sprechen. Er brachte zur Kenntnis, daß Kandidat Jung der ״Iglavia" angehöre, welche auf dem Waidhofener Beschluß siehe und daß eS den Juden wohl nicht zuge mutet werden könne, einem so waschechten Agti semiteii ihre Stimmen zu geben, daß sie vielmehr unter solchen Umständen gezwungen sein wer den. den Gegenkandidaten zn wählen. Tr. Winterskeiu verzichtete von vornherein auf eine eventuelle Antwort des Kandidaten, ob er Anti semit sei und ob er den Waidhofener Beschluß anerkenne. Ter Erfolg dieses mannhaften, im ponierenden Auftretens unseres Gesinuuugsge nopen Tr. Wiuterstein war ein unerwarteter. Das Sturmgeheul der Teutschnationalen. von dem der unerschrockene R'edner fortwährend uu terbrocheu wurde, so oft ein treffender Hieb aus die deutsche Politik niedersausie, der frenetische Beifall der Juden, gaben Ieugnis von der Rich tigkeit des selbstbewußten Auftretens der Jude», die sich denn doch nicht alles bieten lassen dür fen. Wenn mau bedenkt, daß selbst unser Kultus- Vorsteher, der wackere Deutsche Tr. Alois Hilf, in einer wirkungsvollen Rede die Ausführungen des Herrn Tr. Wiuterstein, wenn auch etwas verklausuliert, unterstützte, wenn mau weiter be denkt, das: der Kandidat trotz weiterer unzwei dcutiger Ausrage der Herren Tr. Altbach und Tr. Schmied die Antwort auf die Frage des Waidhofener Beschlusses und seine Stellung zur Indeufrage strikte verweigerte, wenn man weiter bedenkt, daß es vielleicht das erstemal in Ostran vorkam, daß die Iudeuschaft vollkommen einig und geschlossen sich um den von den Jüdischnationaleu proklamierten Standpunkt schar ten, dann kann der Erfolg dieser unerschrockenen, wacker vertretenen Aktion nicht genug hoch angerechnet werden. Daß der Kandidat selbst den Deutschen nicht sehr angenelun iß und diese sich dessen iune zu werden beginnen, daß der nnheilvolle Einfluß des Generaldirektors Schuster für Ostran verhängnisvoll zu werden beginnt, ist nicht unsere Sache. Wir hatten uns nur darum zu kümmern, daß diese Kandidatur, diese Provokation, wie Tr. Wiuterstein richtig ausführte, einen Fanstschlag ins Gesicht der Juden bedeute und einmütiger Beifall ertönte in den )leihen der Juden, als Tr. Wiuterstein betonte, daß es kein Jude zuwege bringen könne, dem Antisemiten Jung die Stimme zu geben. Daß dies auch wirklich nicht geschehen wird, dessen ist man bereits ganz sicher, und in dieser notwendigen Konsequenz der skandalösen Vorgänge sind die Juden ganz einig, von einigen unver-