Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1913)
- Date
- 1913-06-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sekte 2. / ״Jüdische Volksstimme." Nr. 23 haben, der Gottlob in den Reihen der Inden immer mehr schwindet und nach einer Generation bloß noch als Inventar für ein jüdisches Museum verwendet werdcn-wird. Tann soll auch die Büste Dr. Äurandas in dieser Sammlung nicht fehlen. Die heutige Wiener Judenschaft wird sich wenig darum bekümmern, ob der Antisemitismus daburch wächst, wenn die Juden ihr Recht verlangen, Sie weis; auch nur zu gut, das; sie dieses Wachstum nicht aufhalten kann, sic teilt nicht den albernen Optimismus des Dr. Kuranda, der die Antisemiten dadurch versahneu null, das; er ihnen den Rücken des Judentums auslicfert. Tr. Kuranda meinte in seiner Rede, er müßte als Verräter seiner Glaubens- und Stammcsgenosscn erscheinen, wenn er seht nicht für sie eintrcten würde. Nun, wir erkläreu, er ist zum Verräter jedes anständigen Juden geworden, wenn er für den ehrlichen Kampf um Recht und Anerkennung keine anderen Worte gefunden hat, als das; cs sich um Aeußerlichkeiten handle. Auch zu den Nitualmordaffären hat er Stellung genommen, hat sich aber nach rechter Mauschelart nicht getraut, das Kind beim richtigen Namen zu nennen. Er hat sich in leeren, hohlen Phrasen um das Thema herumgedrückt und winselnd den Justizministcr gefragt, ob er denn nicht wisse, das; die Vorgänge innerlich den Juden blutige Tränen gekostet haben. Wohl, Herr Kuranda, blutige Trauen, nicht aber Träneu des Jammers und der grenzenlosen Demut, sondern Tränen des Zornes und der Wut, die sich zur befreienden Tat ausreifcn werden. Man sagt, jedes Volk habe die Vertreter, die cs verdient.... Bei den Inden stimmt das aber diesmal nicht. Tie Inden haben in den letzten Tagen gezeigt, das; sie besser, tausendmal besser sind, fll& ihre Vertreter und sie werden das auch, wenn cs sich darum handelt, neue Vertreter zu entsenden, durch den Wahlzcttel zum Ausdruck bringen. Die Hydra der Ritualmord- Verläumdungen. ■ (Hilsner, P. Hrachovsky und H. Horkq.) Dic mittclalierliche Verleumdung der Juden, die zum Osterfest angeblich christliches Blut zu rituellen Zwecken benötigen, taucht alljährlich irgendwo auf und ift ein Schandfleck des erleuchteten 20. Jahrhunderts. Für unsere politischen und kulturellen Verhältnisse in Oesterreich ist es recht bezeichnend, daß wir in den Ichten Woche» gleich — drei (!!) solcher Ritualgcschichtcn mit allen dein solcher Vcrlcunidung folgenden Haß, gesellschaftlichcm und wirtschaftlichem Boykott der Juden der betroffenen Gemeinde über uns ergehen lassen mußten. Wohl wehren lvir uns gegen die Verleumdung, lvas Hilst cs aber, ein Kops wird der Hydra abgcschlagen und im Nu lvachscn gleich zwei andere nach. Das rührt wohl daher, weil sich dieses giftige Reptil der Pflege hoher hierarchischer, bureaulratischcr und Adelstreise erfreut, dic das Gebot der Nächstenliebe dahin deuten, daß nach den Worten des ehemaligen Abg. Patcr Schcichcr dic christliche Nächstenliebe bei — sich anmeinde vcrhalf usw., der entschiedenste Widerjacher jedoch war Reb Awroin, der Badchen. In seiner Eigenschaft als Volksnarr hatte er öfters Gelegenheit, in Gegenwart des Seclenhirtcn — bei Hochzeitsmahlen besonders — Possen zu reißcn. Seine derbe Redensart jedoch mißfiel regelmäßig dem Raw. Manchmal gingen dic Worte des Badchcns ihm sogar derart auf die Nerven, daß er ganz laut als Zwischenruf die Worte schleuderte: ״Dworim betelim!"'" Dem Rabbi etwas Schroffes erwidern, durste der Schalksnarr natürlich nicht, da lief er der Gefahr, geltzncht zu werden, kauin aber die Schewa-Berochans'') gesprochen waren und der Rabbi den Ehrenplatz verließ, wußte der Badchen Bumses von des Rabbis Zerstreutheit aufzutischen und hatte er immerhin die Lacher aus seiner Seite. Einst beispielsweise erzählte er: ״Rabansaj!^) Eine schöne Geschichte passierte unlängst dem Rabbileben!-Bei Reb Bcndet gab es ein Tonimschrcibcn.'") Natürlich wurde der Raw zu diesem Familienfeste eingeladcn; er fungiert ja übrigens bei solchen Anlässen als Schölisch."׳) Wegen eines Mischpct'H jedoch saß bis spät in den Abend Beth-Din und als der Psak"׳) gesprachen wurde, muhte sich der Rosch-Beth-Din sputen, um noch rechtzeitig zunl Touiinschreiben zu erscheinen. Also nahm er schnell seinen Seidentalar und ging. Im Vorhaus jedoch suchte angc. Was scheren sich solche Herrschaften nm Humanität, Gerechtigkeit und Wahrheit? Der Zweck heiligt die Mittel nach Jesuitenmoral, wenn nur die rcaktionärc Propaganda dabei gedeiht. Recht oder Unrecht! Das ist einerlei: der Jude wird verbrannt! Päpste und christliche 'Gelehrte haben die Absurditat des Ritnalmordmärchens widerlegt; keine Bibclstclle enthält auch nur dic leiseste Andeutung'des Blutritus, der uns Juden streng verboten ist. Aber die Prager Hierarchie ist taub für alles. Ihr Organ, der ״Czech", strotzt von perfiden Verleumdungen der Juden und tiützi deren Bestrebungen zur Wiederaufnahme des HilsncrprozcffcS zum Aufwärmen des alten Kohls vom Ritualmord! In seiner Nummer vom 2. Juni meldet er an der Spitze des Blattes freudestrahlend aus Wien, daß die bezügliche Kampagne der Alliance israelite völlig gescheitert und somit der — Ritualmord neuerdings bewiesen sei. Denn die neuerdings cinvcrnommcnen Zeugen hätten wie früher ausgcsagt, ja, der angeblich schuldige Mörder der Agnes Hruza S. hätte dic früher nicht erhobene Nachricht bestätigt von der damaligen Anwesenheit zweier unbekannter jüdischer Schächter aus Galizien, dic mit Hilsner geheimnisvoll konferiert hätten und nach der Untat des Nachts aus Polna geflohen wären. Die Prager Obcrstaatsan-!valtschaft habe die Akten der letzten Erhebungen der Gcneralprokuratur nach Wien geschickt. Der Vorstand der Alliance israelitc sei vom Verlauf und dem Ergcb- »is verständigt worden und — beharre nicht weiter aus der Wiederaufnahme des Prozesses. So viel der erzbischöfliche ״Czcch", dessen Bericht wir mit Reserve wiedcrgcbcn. Sollte» seine negativen Nachrichten sich bestätigen, Ivcrden lvir die Hände dennoch nicht in den Schoß legen. Wir werden und müssen an der Lüftung des Schleiers von Polna weiter arbeiten, das sind lvir unserer Religion und unserer Ehre als Kulturmenschen schuldig. Tic Wahrheit und dic Sonne lassen sich für eine Zeit durch Nebel und Wolken verhüllen, aber niemals für immer verdecken. Dasselbe Organ sucht seinem Kolincr Genossen P. Hrachovsky aus der Tunke zu helfen, in dic er hereingefallen ist. Einen Ritualmord wollten dic sauberen Kumpane den Kolincr Juden und der Judenschaft im Allgemeinen ausbringcn und eine Liebesgeschichte eines Geistlichen mit einem voir^jhm betörten Dicnstmädchen ist ans Tageslicht gekommen. Die PMvlik hat ihr Verhältnis mit P. Hrachovsky, das ihr bei einer ernsten Bekanntschaft mit einem Arbeiter verhängnisvoll wurde, in dic Elbe getrieben. Die Leiche wurde nach einigen Wochen geborgen und dic gerichtliche Obduktion hat keine Spur eines gewaltsamen Todes oder ״Nitualmordes" gefunden. Es war ein freiwilliger Ertrinkungstod des verführten Mädchens. Daß der ״Czcch" dic gerichtlich erhobene geschlechtliche Bcscholtcnhcit der Pavlik in — Virginität deutete, beweist seine verbrecherische Tendenz des Judcnhasses. Daß der k. k. Bezirksschulrat von Kolin den verliebten Geistlichen, um den sich mehr oder weniger nymphomane Weiber in Kolin scharten, einstimmig (selbst mit der Stimme des Dechanten P. Sixta) derurteilt und seine Entfernung vom Lehramt bcztv. Versctzung beschlossen hat, ist bekannt. Der entlarvte ..Tugendheld" Hrachovsky, gegen dessen Treiben die freisinnige tschechische Presse einmütig cingcschrittcn ift (mit Ausnahme der den klerikalen nahen radikalen Kolincr ״Labskc Proudy", weler alle Taschen seines Kaftans ab und fand kein Sacktuch drin, er kehrte also um und rief auf die Frau: ״Rebbczcn, wo Hab' ich ein Fatschelke? "23) Tie Angcrufcne erwiderte: ״Aus deinem Bett liegt eins für dich vorbereitet!" Tcr Raw aber gelangte zum Bette der Rebbezen, auf welchen! ein ausgcwalgertes Nudelblatt zum Trocknen lag. Das knitterte er znsanuncn und steckte es in die Tasche. Ihr könnt euch, Nabojsaj, denken, welch ein Gelächter da losging, als der Chosson zum Mekabbel-Kinjan-H anstatt des Sacktuches das Nudclblatt in die Hand bekam!..Ein andersinal erzählt er wieder: ״Ticsjahr zu Hoschanoh- Rabboh hatte unser Rabkilcben wieder was Gescheites angerichtet: Di.» Nebbczcn hatte am Abend für dic Chalous׳^) Safran in einem Glas cingewcicht. Vor Tags steht natürlich der Rabbi auf entzündet eine Kerze und geht sich waschen. Jnnner und ewig wäscht er sich doch mit der Kupscrquart, diesmal aber griff er nach dein Glas niit den! Safran, rieb sich tüchtig Gesicht und Bart init der dichten Sauce ein und ging so ins Beth-Hamidrasch. Während des Beteils!ncrktc niemand den Vorfall, weil doch der Rabbi den Talles mit der schweren Silbertresse über den Kopf rückt, als er aber zur Thora gerufen wurde, platzte Reb Awrom Schammes, den Rabbi erblickend, in ein Helles Lachen aus, chen die Animosität gegen dic Jude» höher stand als die Wahrheit), wütet im blinden Eifer gegen die Juden weiter. Er leugnet in einem ״Eingesendet" der Vorwoche an den ״Czech", die gefundenen Liebesbriefe der Marie Pavlik geschrieben zu haben; er beschuldigt eine gctvissc Anna Mlcöch der Autorschaft derselben, ja, schließlich werde cs sich Herausstellen, daß sie dem Frl. Elisabeth Wcißbcrger gehören, bei deren Eltern das arme Dienstmädchen gedient hat. Aber P. Hrachovsky, der alles verloren hat, gibt sich, solange die mächtigen Hintermänner des ״Ezcch" ihn stützen, noch nicht verloren. ״Meine Rehabilitierung muh chronologisch erfolgen, darum mutz zuerst das Verschwinden der Marie Pavlik bereinigt werden, wozu ich viel Material habe, das ich den Behörden und wem immer zur Disposition stellen will. Aus der ganzen unschönen Affäre werde ich als Geistlicher trotz aller Ränke der Juden rei» her- Vorgehen." Heraus denn mit dem Material! Wir Juden brauchen das Tageslicht nicht zu scheuen. Hat einer von uns etwas verbrochen, er möge vor Gericht zitiert und abgenrtcilt Iverden. Aber Pauschalvcrdächtigungen, geheimnisvolle Andeutungen und Verleumdungen und stammten sie selbst von einem Manne im Chorrock, müssen wir zurückiveisen. P. Hrachovsky, haben Sie als Mann gefehlt, tun Sie Buße und suchen Sic den Fehler gegen den beschworenen Zölibat gutzumachen. Als Priester der Religion, die Nächstenliebe und Wahrheit predigt, lassen Sie ab vom Versuche, ihr Vergehen durch Verleumdung aus die Juden zu lvälzen, ans deren Reihen der Stifter der katholische» Religio» hervorgcgangen ist. Ihr Strebe» ist und muß vergeblich sein, denn die Wahrheit ist zutage gekommen und spricht eine Sie schivcr anklagcnde, unerbittliche Sprache! Können wir uns nach den Polnacr und Kolincr Vorgängen wundern, wenn, wie die Brünncv ״Lidove Noviny" melden, ein durch klerikale Lektore vcrioirrtes, dem religiösen Wahn verfallenes Dienstmädchen namens Hedwig Horky den Privatbeamten Theodor Schulz, bei dein sic einmal gedient hatte und von dem sie friedlich geschieden ivar, der an ihr versuchten Blutabzapfung verdächtigte? Vor den LGN. Ludwig in Brünn geladen, leugnete das etwas geistcsschlvache Mädchen, jemals eine diesbezügliche Ncußerung getan zu haben; cs hätte ihr bloß geträumt.... Sie wurde zu zwei Tagen durch Fasten vrrschärstrn Arrest verurteilt, wogegen Kläger und Verteidiger die Berufung cinlegten. ׳ W. K. Gödinger Landtagswähler- Versammlung. Am 2. Juni stellte sich der gemeinsame Kandidat der deutschen Fortschrittspartei, der deutschen Volks- Partei und der deutschen Arbeiterpartei, Herr Matthias R o g e l b ö ck, der hiesigen Wählerschaft vor. Die Einladungcn zur Wählerversammlung waren vom Bürgermcister Fritz Redlich als Obmann des Ortswahlausschuffes gefertigt. Gleich nach der Eröffnung der Versammlung erklärte Redlich, daß er den Kandidaten erst seit zwei Minuten kenne. Damit hatte er nicht nur die Unhöflichkcit des Kandidaten, der sich ihm früher nicht vorgcstellt hatte, sondern weit mehr seine eigene Nachlässigkeit gekennzeichnet. Offenbar interessicrt den Herrn Bürgermeister bezüglich des mährischen Landtages nur die Kandidadtur seines Bruders und bald bemerkte auch der ganze Aulom, daß der Rabbi, wie von Eiern beschmiert, ganz gelb im Gesicht sei und die Safranfädeu den ganzen Bart erfüllen. Die ganze Hoschanoh-Rabboh- Stinnnung war hin— man lachte und kicherte wie am Purim!...." Was mag es bedeuten, daß heute Groß und Klein, Jüngling und Greis so zeitig früh auf den Füßen sind? Es ist doch heute nicht Sabbat, noch Neumond! Und doch wars ein Tag von großcr Wichtigkeit! Galt cs doch dem Raw, der dein Rufe einer hervorragenden Gemeinde in Hochpolen folgte, das Geleite zu geben. Und schon um die fünfte Morgenstunde gingen Unzählige in das Gotteshaus, um das Schocharisgcbet rechtzeitig zu verrichten, jeder versah dic dringendste Morgenarbeit, dainit er dein Rabbi das Geleite geben kann; jeder, der sich nur halbwegs schleppen konnte! Zuhause blieben höchstens Kranke, die das Bett nicht verlassen konnten, und selbst diese waren ob ihrer Hilflosigkeit heute trauriger denn je, zumal es hieß, daß der Rabbi die Gemeinde vor seiner Abschiednahmc benschen wird — und gewiß würde niancher Sieche gencsen, wenn er des Rabbi Brocho teilhaftig würde. Die Frühlingssonne, die in den letzten Tagen regelmäßig mit Aufwand ihres ganzen