Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1913)
- Date
- 1913-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. ״Jüdische Bottsstimme." Sette 9. wir den positiven Erfolg erringen, einen Kandidaten nnsercr Gesinnung in den Landtag zu bringen, so werden wir doch erzielen, daß die Parteien über das Judentum seine moralischen und materiellen Interessen nicht achtlos zur Tagesordnung übergehen werde. Es ist freilich ein Krebsschaden der Juden, daß sie trotz der vorhandenen Ansätze zur Organisation eine solche nicht besitzen. Ja, noch weniger als nichts. Tenn gerade unsere Kultusgcmeindcn und die verschiedenen politisch-jüdischen Gemeinden sind in gewisiem Sinne nur eine Scheinorganisation. Der Redner verbreitet sich über die Verhältniffe der Brünner Gemeinde und die geringe Beachtung, welche dieselbe in politischer Bezichung findet. Schuld daran ist nur der Umstand, daß die Juden nach außen hin fortschrittlich, liberal, demokratisch usw. sind, im Innern aber sich ganz dem Banne kleiner Autoritäten fügen und sich nur dadurch imponieren lagen, was in den Augen der d'Elvert und Genossen wohlgemb׳in. Gegen dieses Unglück, unter welchem wir schon so lange leiden, welches die Existenzbedingungen für die Mehrheit unter uns noch vollständig aufzuhcben droht, gibt cs nur ein Mittel: ״Hinaus in die freie Luft selbsiändiger politischer Bedeutung hinaus zur lauten, käftigcn Demonstration, damit Freund und Feind sehe, daß wir selbständig denken und arbeiten können. Hinaus zur kräftigen Agitation und Demonstration, damit wir aus unserem Traume erwachen und uns selber finden. Wir haben einen Willen und den richtigen Weg, im Interesse detz Judentums werden und müsien wir sinden." Die Ausführungen des Referenten fanden leb- Haft stürmischen Beifall. An der hieraus sich anschließenden Debatte beteiligtcn sich die Herren Dr. Sonncnfeld, Hochwald, Braun, Ing. Smctana lind ein sozialdemokratischer Wähler, Herr Engel, der die bekannten Ezes sozialdemokratischer Gcnosien, den jüdischen Landtagswählcrn zur Beherzigung empfahl. Das Schlußivort hatte Herr Redakteur Hickl, der sich mit den Ausführungen der einzelnen Redner eingehend beschäftigte und insbesondere die Ratschläge des Genosien Engel in das richtige Licht stellte. Hierauf schloß der Vorsitzende diese Versammlung mit der Aufsorderung, entsprechend der von der Exekutive zu erteilenden Parole zu handeln. Jüdische Dienstag den 3. Juni um 8 Uhr abends im großen Saale der Schwechater Bierhalle jüdische Landtagswähler- Versammlung Referent: Kultusvorsteher Dr. Jakob Ehrlich, Wien. Aer jüdische WMerverein. Wiener Nacinnc^ten Eine Interpellation zugunsten der rumänischen Juden. Der Reichsratsabgeordnete Reitzes hat vergangene Woche im österreichischen Parlament eine Intervellation zugunsten der rumänischen Juden cingebracht, in welcher er darauf verweist, daß Rumänien jetzt, nachdem cs in den Besitz Silistras gelangt, den dortigen Juden ebenfalls das Bürgerrecht vorcnthaltcn werde. Es sei ein Gebot der Gerechtigkeit, die Juden vor diesen Ncbergriffen der rumänischen Regierung zu schützen, umsomehr als auch Oesterreich zu den Signalarmächten zähle, welche den Vertrag vom Jahre 1878 miigefcrtigt haben. Der Interpellant wendet sich in scharfen Worten gegen die Nichteinhaltung des damaligen Uebereinkommens seitens Rumäniens und fordert die österreichische Regierung auf, diesbezüglich Schritte einzuleiten und seinerzeit dein österreichischen Parlament über den Erfolg der Intervention Bericht zu ersiaiten. Ein neues Auswanderungsgesetr. Ter Volkswirtschaftliche Ausschuß berät derzeit ein neues Auswanderungsgesetz für Oesterreich, das bereits demnächst dem Abgeordnetenhause zur Beratung vorgelegt tverden soll. Daß durch die Bestimmungen des Gesetzes auch die Inden tangiert werden ,ist nur selbstverständlich und werden'wir daher nicht ermangeln, uns mit dem Elaborat nach dessen Fertigstellung noch des näheren zu befassen. Weiskirchner als Kandidat. Wie aus sicherer Quelle verlautet, dürfte der derzeitige Bürgermeister von Wien sich um das freigeivordene Mandat nach dem verstorbenen Abgeordneten der Leopoldstadt, Franz 2 ch u h m e i e r, bewerben. Hoffentlich fliegt Exzellenz diesmal zur Abtvcchslung wieder einmal gründlich durch. Sicher ist das allerdings nicht, denn bekanntlich sind politische Prognosen für die Leopoldsradt leider 1111־ möglich. Insbesondere da Weiskirchner Kandidat ist und Pawelka auch diesmal in Aktion treten und seine Fähigkeiten als ״Wahlkatasirator" tvieder produzieren dürfte! Von sozialdemokratischer Seite tvird Mathias Eldersch kandidiert. Man muß sich auf einen hesligen Wahlkampf gefaßt machen. Tie Keilereien an der Wiener Universität. Eine Gerichtsverhandlung. Am 21. Mai fand vor dem Bezirksgerichte Leopoldsiadr eine Verhandlung gegen den jüdischnatioiialen Studenten O. S ch tv a r z statt. Dieser tvurde am 11>. März d. I. von einem deutschnationalen Hörer der Wiener Universität, Rich. Rüllner unter anderem mit dem Ausdrucke ״Jüdischer Lausbub" beschimpft. Herr O. Schwarz, der sich in Begleitung einer Dame befand, trat auf Röllner zu und forderte dessen Karte. Dieser veriveigerte die Namensnennung mit der Motivierung: ״Juden gebe ich keine Satisfaktion!", worauf ihm Schtvarz mit der Faust einen Schlag ins (Besicht versetzte, ivodurch sich eine ernstliche Verletzung ergab. Ter Angeklagte, vertreten durch Tr. Max Schönbach, gab den Vorfall im tvesentlichen vollkoiiiinen zu und bemerkte, daß er über den ihm von einem Wildfremden in Gegenwart einer Dame ohne jeden Grund zugefügten Schimpf und die Verweigerung jeder Satisfaktion und sogar der Neunung des Namens seitens des Beleidigers derart empört war, daß er instinktiv Herrn :liöllner ins Gesicht geschlagen habe. R ö l l n e r, der als Zeuge einvernommen tvurde, stellte den Vorfall so dar, als hätte er sich mit seinen Begleitern ganz harmlos über die in der Hauptallee befindlichen vielen Juden unterhalten,!vorauf er von dem Angeklagten, der die Aeußerung auf sich bezogen bave. beleidigt tvurde ,woraus er allerdings ..Judenbub" gesagt habe. Seine Karte habe er dem Angeklagten trotz dcsien Verlangen nicht gegeben und auch seinen Namen nicht genannt» weil er prinzipiell Juden keine Jatisfaktion gebe. — Dr. Schönbach: Sie behaupten. Sie hätten sich weggewendet, nachdem Tie die Angabe ihres Naniens veriveigert hatten, und wären nicht ans einen Angriff gefaßt gewesen. Was haben Sie denn erlvartet, ivenu Sie beleidigen und keine Genngtunng geben? — Zeuge: Ich habe das aus prinzipiellen Gründen getan. — Tr. Schönbach: Wenn Sie cs aus prinzipiellen Gründen getan haben, so erkläre ich Ihnen, daß es e i n feiges Prinzip ist, zu beleidigen und keine Genugiuung zu geben, nicht einmal seinen Namen zu nennen, sich umzuwenden und a u s z u k n c i s e u. — Der Richter verurteilte den ׳Angeklagten zu zwanzig Kronen Geldstrafe» indem er die Aufregung infolge des Ver- Haltens des Zeugen und das vollständige Geständnis als mildernd annahm. Nach der llrteilssällnng fragte der Zeuge Röllner, was es mit seinem Schmerzengeld sei, worauf ihm der Richter bemerkte, daß er es im Zivilrcchtstoege geltend machen könne. Der Zeuge erklärte, er beanspruche im AusgleichSivege 1100 K, was vom Verteidiger des Angeklagten kurziveg abgelehnt tvurde." Ter Verlauf der obigen Verhandlung ist nur thpisch für die Art, lvie sich die Teutschnalionalen verhalten. Vorerst beleidigen sie frisch, froh, frech und frei und nachher klagen sie auf Schmerzengeld. Interessant ist, daß diese Angelegenheit noch ein Nachspiel haben dürste. Herr O. Schwarz har nämlich den wackeren blecken, der lieber Ohrfeigen einsleckte, als daß er (sienugtuung gegeben hätte, lvegen Ehrenbeleidigung belangt. Einem on btt zufolge, sollen nun die dentschnationalen Studenten beschlossen haben, am Verhandlungstage 180. Mai) vollzählig zll erscheinen und eine Schlägerei zu provozieren. TaS nennt man deutschnationalen Rcchtsbegrifs! Temonstrationsbummel der jüdischen Studentenschuft. Die jüdischen Studenten veranstalteten in der vergangenen Woche, am Dienstag, Mittwoch. Freitag uns Samstag imposante Aufzüge, tvelche allenthalben Aussehii erregten. An den drei ersten Tagen sperrte die Polizei sämtliche Zugänge zur Universität ab. so daß die Züge, an denen >,00—1000 jüdischnationale Tludeuten leitnabmen, geztvungen waren, ihren Protest־ bnmniel in den der Universität nächngelegenen Straßen vorzanehmeii. Samsiag den 2 >. d. jedoch zogen die jadischen Tludenten in einem Zuge, der mehr als!00!! Teilnehmer zählte vor der Universität in voller Ruhe auf. Die Deutschen hielten seit 1 Uhr morgens die Rampe besetzt und erhoben ein Riesengeschrei, als sie den Zug herannahen sahen. Die jüdischen Studenten reagierten jedoch nicht ans die provozierenden Ruse und zogen nach einsiiindigem Biinimel ruhig und in voller Ordnung ab. Ter Sckirci nach dein ״Numerus clausus". Das ,.Deutsche Votksblall" ivitlert ivieder so etwas nue eine jüdische Gefahr. lind da beginnen sich denn die atavi- )tischen Vergani-Jnsiintle tvieder zu regen. In einer der letzten Nummern stillt es sogar aus die gescheite Idee, die Einführung des ״nunierns clausus" tvieder anznregen. Man höre die Begründung: ״Wer den großen Zug jüdischer Studenten sah, die gegen die Universitär zogen, mußte sich sagen, dag die Durchsetzung der Hörerschaft mit jüdische» Elemenlen schon eine erschreckend große in und es sehr geboten wäre, den bekannten ׳Antrag des chriitlichsozialeu Regierungsrales Schund ans Einführung des numernS elansus für die Hörer jüdischer Nationalität ehestens ivieder auszltnehiiieii. Gerade die Vorgänge der letzten Tage zeigen, wie notwendig es hl. den jüdischen Uebermnt an unseren Hochschulen eovas zu dämpfen. Es iväre eine dantens,verte 'Ausgabe für alle antisemilisckien Parteien des Hauses, an der Hand der letzten Ereignisse daraus hinzuarbeilen, daß unsere deutschen Hochschulen tvieder ein Botlivert echt deutscher Kultur tverden. daß a r i s ch e r <1 e i st ivieder ans ihnen herrsche." Wie die deutsche ״Kultur" aussthanl. dnrilen die ln, ,ctien Vertvnndelen des 17. und 10. Mai gehörig zu ipliren betoitimen haben, den ״arischen Geist" aber iulu man zwischen den Zeile» dieser obangesükrien ״gescheiten Idee" hervorleuchten. Tie Kundgebung des Rektors Tr. Anton Weichselbaum. Der Rektor hat eine Kundgehnng an die Sludentenschait erlassen, in Ivelelier er sich mir scharfen Worten gegen das Vorgehen der Denlschnationaien wendet und dieses gebührend kennzeichnet. Nachdem die Kundgebung senstelil, daß die deutsch,,atianalen Hörer die Prügelei am Samstag den 17. Mai begonnen habe», konsialierl sie auch folgendes: ״D e u t s ch >1 a t i o n a l e Sind e 1! t e 11 haben tchtiesstich einen Stur m a 11 ז d a s :1! e kl o rat v e r sucht und, da sie dessen Eingänge verschlossen fanden, die Taren beschädigt soivie ans den Gängen Möt>e1 - uücke demoliert, Fensterscheiben zertrümmert unb abn liche Ausschreitungen begangen, die lies unter dem Niveau einer Demonstration von Akademiker» iielien." Der :Ileltor tadelt iveiiers in herben, treffenden Worte» das Vorgehen der Deut1ch1׳a!io11alen und fahrt dann fort: ״Ich spreche den Urhebern dieser Vorsällc die schärsstc Mißbilligung und Entrüstung aus, eitles S>» nes mit allen Prosessoreu, Sie, lvarme ,Freunde der Stndenlrnicliafi in deren idealen Beiirebniigeii, ein die Ehre der Ilnivrrsiläi vor der Oeifentlichkeil gefährdendes Verhalten, Roheiten, lvie iie umer Gebildeten nicht vorkommen dürfen, und Angriffe ans die Auioriläk der akadrinischeil Behörden ans das schärfste zuräckiveiien, eines Sinnes aber auch, nue ich »berzengl bin, mit der großen Mehrzabl linserer Studenten, die iich tit ihrem 'Ansehen durch die nnatademischen Handlungen k'üm beleidigt suhlen mimen," Schließlich verfugt der Rektor bis ans iveiieres die Sperrung der sogenannten Aula der llniversität nud erläßt aiich ein Farbenverbot nir die Eonleurs. Jntcrvcutioil beim Nuterrichtsiniiiistcr und Rektor. Am 21. Mai erschien beim Unlerrichtsmiiiiiter Dr. v. Hnssarek eine Depnialiou der Vereinigung ehemaliger ,zionistischer ,Hochschüler, bestehend ans Dr, Karl Pvtiat, Dr. ׳Alfred Löivn und Ingenieur׳ Emil Fried, tvelche Ecjterem ein Memorandnm überreichte, da-.- nach einer Schilderung der derzeitigen nnleidlicheil und tuibaltbaren Verbällnisie an der Univeriiiät mit der Bitte schließt, der UnterrichlSmiiiisrer!volle darauf Ein fing nehmen, daß der akademische Senat der ׳Wiener lliiiveriitär seine bisherige Stellungnahme zngliiinen einer kompakten Majorität ansgibt und das :ilecku der Minvrilär mit alten zu Gebote itelienden Mitteln schlitze. Der Unterrichtsininiiler versprach, sich eingehend mit dielen Vorschlägen zll besasie». Hernach sprach die Deputation auch beim Rektor Dr. Weichselbatmi vor, welcher ebenfalls eine tvohltvollende ׳Bebandlnng der Förderungen seitens des akademischen Senats zusagle. Versaminlungr». In ׳Angelegenheit der Vorgänge an der Universtlül fand Samstag den 2>. d. eine Mas