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Jüdische Volksstimme · 1913-05-29 · Heft 22 (29.5.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 22 (29.5.1913)
Date
1913-05-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite S. ״Jüdische Dolksstimme." Nr. 22 stimmung Wiens allein genügt nicht. Dieser Stampf, der von den Wiener Ttudeuteu ausgctragen wird, ist kein lokaler, nur die Wiener Hochschulen tangierender, er betrifft in gleicher Weife die jüdische Studentenschaft aller Hochschulen im Reiche. Und darum must die Protest- und Znflimmnngsaktion der Eltern ausgedehnt werden. Jeder jüdische Vater bat einen Familienangchörigen an einer der Hochschulen. Jeder jüdische Vater möge bedenken, dast sein Fleisch und Blut beschimpft, beschmutzt und obendrein noch bestraft werden kann, ohne dast ihm eine Möglichkeit gegeben ist, sich zu wehren. Und darnm müssen sich alle jüdischen Väter vereinigen und gegen solche Zustände Verwahrung cinlcgcn. Die Löhne kämpfen für die Enkel, dessen seid euch bewnstt, jüdische Bürger! Ein Weckruf geht durch-:׳ ctaipc Land, die Schritte der Jungen erdröhnen! Wacht ans! Tic P. T. Empfänger unserer Zeitung, die mit der Bezahlung des Abonncincntsbetrages im Rückstände sind, werde» um gcfl. umgehende Bezahlung ersucht, da wir in anderem Falle die Rückstände mittels Postauftrages beheben miistlen. Tie Admiu. Siebzigster Geburtstag des Präsidenten David Lieben der Prager Chewra Kadischa. :1Im Samstag den f»l. d. begeht der Obmann der Prager Ehewra Kadischa, Herr David S. L i e b e n, seinen siebzigsten Geburtstag. Allen Ehrungen und Alterkeitliungen für seine iin Dienste der Allgemeinheit und der Judenschast insbesondere geleistete segensreiche Arbeit, die er in seiner Bescheidenheit nur als Erfüllung des Gebotes einer Nächstenliebe anfsastt, abhold, wird von einem offiziellen Feste seitens der Prager Brüderschaft Abstand genommen lverden. Aber Männer, die, wie der Jubilar, im Vordergründe des öffentlichen Wirkens stehen, haben ja eigentlich das Allrecht ans freie Selbstbesliiilmung eingebüstt und müssen sich der öfsentlichen Meinung fügen, die ihnen an einem so markanten Tage Tank und Anerkennung einerseits und Glückwünsche anderseits im Namen Tausender auszusprecheu verpflichtet ist. Das lebte Drittel des 19. Jahrhunderts hat die uralte und ob ihrer segensreichen Tätigkeit vorbildlich gewordene Prager Beerdigungsbrüderschafi Ehewra Kadischa gemilus chasodim vor schwere, durch die Assaniernng bedingte Anfgaden gestellt, die an der Wende des Jahrhunderts leils gelöst, teils in das erste Dezennium des neuen Jahrlluuderts übergingen uitd in ihren Folgen noch heute die berufetlen .Körperschaften beschäftigen. Es war demnach eine glückliche Fügnng des tGeschickes, das; an der Spitze des mehrere Tausend Mitglieder nmfassenden Vereines auch der richtige Mann stand, dessen weitschaucnder praktischer Blick, gepaart mit Arbeitsfrcndigkeit und Energie trotz großer Schwierigkeiten, Art andächtiger Verliebtheit erfüllte ihn, wenn er ihren Leib berühren durfte. Sie war aber unnahbar für ihn. das; selbst er, der begeisterte Verehrer und Bewunderer der reinen Weiblichkeil maitchmal nicht genügsam seine Gedanken ans die Goldwage der Schicklichkeit legen konnte, ehe er sie heranssagte. Ans meinen Betrachtungen rcsp. Träumereien weckte mich ein starkes Geklirr. Ich blickte aus und sah überall Scherben zerstreut liegen. Fast aufgebracht, fragte ich nach der Ursache dieser boshaften Handlnng. Der ehrwürdige Gros; vater trat aus mich zu und sagte: ״Mein Herr und Freund, dies ist alter Brauch bei den Juden, so alt wie das Golnth selbst." ״Aber, was soll das bedeuten?" fragte ich. Der Alte schüttelte mit dem stopfe und fuhr fort zu sprechen: ״Ter Jude darf nicht ganz die Freude geniesten, er nlnst immer und bei jedem freudigen Anlast an sein verlorenes Vaterland, an den eingeäscherum Tempel denken׳, er kann und darf nicht einen freudigen Moment haben, ohne an den grasten, unersetzlichen Verlust seiner nationalen Selbständigkett zu denken und deshalb, mein Freundchen, zerbrechen wir Juden zunt Zeichen der Vernichtung des Tempels einen Teller bet jeder Verlobung." Ich dankte dein ehrwürdigen Greis für die Aufklärung und trank, nachdem das alldie zti bewältigen waren, die großen Aufgaben zur glücklichen Losung brachte. Am 20. Mat 1888 — also vor 25 Jahren — haben die Sekenim der Brüderschaft Herrn David S. Liebe tt zunt Vorsteher gewählt, einige Monate darauf übernahm er nach dem sei. Obmann Hermann Jnwald die Leitung des Vereines. Tic traditionelle, rühmlich bekannte Frömmigkeit des von gelehrten Vorfahren abstammenden Hauses Lieben, die ihre mächtigsten Stützen im talmudischcn Wissen und stillen Wohltun besitzt, kam dem Verein als spezifisch jüdisch-orthodoxem sehr zustatten, so daß er als wahrer Träger fromntcr Gesinnung seincit Namen mit vollem Recht und in Ehren trägt. Große Ausgaben pochten an die Pforten des ärmlichen Vereinshauses in der alten Hampastgassc. Ter Wolschaner Friedhof stand vor der behördlichen Schließung und es galt, rasch Ersatz zu schaffen. Nach komplizierten Verhandlungcn, die der Jubilar leitete, konnte schon am 1- Juli 1800 der neue Friedhof in Straschnitz eröffnet werden. Als durch die Assanation der Alt- und Josefstadt dent Ghettofricdhos Vcrderbcn drohte, da war es wieder der Obmann Herr T. Licbeit, der, unterstützt von opfcr- und arbeitswilligen Vorstandsmitgliedern die Gefahr bannte und den archäologisch wie kulturhistorisch intcressanten ״guten Ort"'in seinem wesentlichen wichtigen Teile erhalten konnte. Nicht ohne danteuswerte Rührung verzeichnet Schreiber dieser Zeilen die den Frommen zeichnende Pietät, mit welcher Obmann Herr Lieben und der fei. Vorsicher Grostlicht die utorschcn Gebeine aus dem zur Erweiterung der Salnitergasse bestiminten Friedhofkomplcr auf dem Nefelberg bestatteten. Eine aus der Feder des Jubilars stammende hebräische Inschrift aus dem Nefelberg des Fried- Hofes gibt Nachricht von den Ereignissen jener Zeit, .Kaum war diese Arbeit beendet, wurde der alte Badhof expropriiert und die Sorge der Errichtung eines neuen, sowie einer Brüderschaftskanzlei mit Naturalwohnungen für die Angestellten wurde akut. Tie glück!. Turchführting der neuen, allen hygien. Anforderungen entsprechenden Leichenhalle und die Fertigste!- lung des Brüderschastshauses in der Josefstädter Gasse als Hüter des Friedhofes sind in diesem Blatte seinerzeit vermerkt und die ungeheure Leistung des Vorstandes mit Herrn Lieben an der Spitze, insoweit es im Nahmen einer Zeituitg möglich ist, nach Gebühr gewürdigt warden. Eine Unsumme von Arbeit liegt in den durchgcsührtcn Werken, die nur der richtig abschätzen kann, der Zeuge der Sitzungen, Kommissioncn usw. war. Möge der humane, jüdisch-fromme Geist, der den Jubilar auszcichnct, auch für späte Zeiten der gute Hort sein, der die Institutionen der Prager ihre Beerdigungsbrüderschaft in allett Teilen leitet! Dem in der Stille seines Heims in Gotteswort forschenden und dieses in Werktätige Handlung umsetzcndcn und darum jugendfrischen Jubilar sei aber aus dent Herzen Tausendet׳ Verehrer zugerufen: Ad meio schonoh! W. K. gemeine Müssen sich gelegt hatte, aufs Wohl des so reizenden Brautpaares. Von allen Ecken und Enden erscholl der Ruf Gut Glück! Gut Glück! Es folgte hierauf das Nachtmahlessen in dessen Gefolge Meister Bacchus sich befand, der seine Tänze hier aufführcn wollte. Terpsichore hingcgeit war ihrem Nebenbuhler unhold und begauit ihr Spiel. Viribus unitis wurde beiden Gottheiten gehuldigt. Mitten in das fröhliche Stimmengewirr tönte ein Heller, scharfer Klang. Einer der Gäste, ein alter Freund des Bräutigams, hatte tnit seinem Messer ans Glas geschlagen. Tie Gespräche verstuiltmten jählings uttd alle Gäste lauschten der begeisterten Rede des jungen Mannes, der also sprach: ״Hochvcrchrtes Brautpaar! Meine lieben Gäste! Wir alle, die an dent schönen Feste tcilnchmen, sind von ehrlicher Freude bewegt. Tenn nichts füllt die Seele des Menschen ntit größerer Genugtuung, als wenn er der Geburt eines neuen Glückes beizuwohnen vermag. Ein junges Paar hat sich in herzlicher Zuneigung zusammengefundcn. Welch schöne Zukunft dehnt sich vor ihm! In gegenseitiger Liebe und Achtung, in gütiger Duldsamkeit und getreuer Pflichterfüllung wird ihnen das Leben dahinrinncn, sanft und lieblich, wie ein silberner Strom, der sich durch blumige Auen und fruchtbare Fluren ins Meer Jüdische Landtagswähler-Ver- - sammlung in Brünn. Samstag abends den 24־. Mai fand in Tonnaths :1!cstaurationslokalitäten eine zahlreich besuchte Wähler- Versammlung statt. Nach Eröffnung der Versammlung wurden in das Bureau die Herren Bertold Tintncr, Dr. Sonnenfcld, Ing. Baumgartcn gcivählt. Das Nescrat erstattete in temperamentvoller, aber sehr suchlichcr Weise Herr Redakteur Hickl. Der Redner sührtc aus, daß die Juden im schlechten Ruse stehen, praktisch, klug und berechnend zu sein und sich insbcsondcrc aus ihren Vorteil verstehen. Die Tatsachen lehren, dast dies nicht der Fall ist. Besonders in politischer Bezichung zeigen wir Juden, trotz aller langjährigen sich wiederholenden Erfahrungen, dast man uns als quantitc ncgligcable — als blostes Stimmvieh betrachtet, dem man jede materielle und moralische Last ausbürdeu kann, ohne daß es im geringsten ausmuksen toürdc. Wir laffen uns überall hindirigicren, Ivo unsere Feinde uns brauchen und liefern diesen mit dem Aufgebot aller Kraft und des ganzen Vermögens jeden geforderten Dienst Ter Dank vletbt nicht aus. Wir werden, wo die Zahl der jüdischen Wähler nicht groh ist, ungeniert vor den Kops gcstostcn, wo wir kraft unserer Stimmzahl ausschlaggebend sind, da lverden wir in der Form aus egoistischen Gründen sanfter behandelt, aber im Wesen nimmt man alles weniger als Rücksicht auf uns. Die Macher der deutschsortschrittlichcn Partei, für die die Juden die treuesten Hundcdienste geleistet, haben anlästlich des Ausgleiches im mährischen Landtage mit den Slaivcn für immerlvährende Zeiten uns Juden jedweden Einflusses beraubt. So glaubten locnigstens die Initiatoren Fux, d'Elvert. Groß und Gcnosien, dast die Juden, solange sie ihr Heil in der deutschsortschrittlichen Partei suchen, eine Betätigung auf politischem Gebiete finden lverden. Im anderen Falle kämen die Juden bei den Landtagswahlen überhaupt nicht in Betracht, da ja die deutschen unter der Flagge der dcutscheu Gcmcinbürgschaft einen Verlust an Mandaten nicht zu befürchten haben. Bei den Deutschen ist zumeist antisemitisch in allen Nuancen Trumpf und in Städten lvie Brünn u. dgl., wo man nur mit dem Aufgebote jüdischer Kraft bestehen, könne, da lvird der Antisemitismus nur praktisch in allen Zweigen der Verwaltung des öffentlichen, gescllschartlichcn und privaten Lebens betätigt. Um die jüdische Bevölkerung zu täuschen, stellt man da und dort einen jüdischen Schcinkandidaten auf, crivcist den Juden an einzelnen Stellen die Ehre, einen Deserteur, eventuell Halb- oder Baldgetauftcn, als ihren Vertreter anzubictcn. Die liberale Preffc in Wien und in der Provinz — wir haben in Brünn auch de» Tagcsboten, der liberal ist (große Heiterkeit), — behandelt die jüdischen Angelegenheiten so eigenartig. Die verletzten Rechte der bedrängten Minoritäten finden dort keinen Schutz. Die sozialdemokratischen Zeitungen, in deren Redaktionen ebenfalls Juden verschiedener christlicher Konfessionen sitzen, haben für die allen Schmähungen ausgcsctztc Minorität der unterdrückten Juden, nur ein Hohngclächtcr. Herr Hickl führte weiter aus, uns Juden bleibe nichts anderes übrig, als nach innen und nach außen hin kräftig zu demonstrieren, daß auch wir auf der Welt sind, daß auch in unserer Hand der Stimmzettel, richtig gebraucht, Kraft besitzt. Wenn wir auch nicht darauf rechnen können, daß der Ewigkeit ergießt. Nach bestem menschlichen Wissen und Gewissen ist diese Verlobung geschlossen worden und deshalb erhebe ich mein Glas und leere es aufs Wohl des Brautpaares." Stürmischer Beifall erscholl; die Eltern sielen sich gerührt um den Hals und schlossen ihre Kinder ans Herz, Nachdem sich die Belvegung der Gentütcr besänftigt hatte, schlug ein zweiter Gast, ein Couleurbruder des Bräutigams, mit seincnt Messer ans Glas. Er sagte: ״Lieber Bundesbruder! Meine hochverehrten Gäste! Der Bräutigam hat sich ernstlich geprüft und wie sein eigenes, auch das Wesen des Mädchens durchforscht, dessen Leben er an das seine band. Die Braut vermochte auch ihrerseits den künftigen Bräutigam zu ergründen. — Der unerforschliche Ratschluß des Himmels hat es so gefügt, die weisen Parcen haben dies schöne Glück. gesponnen, Menschen haben daran keinen Anteil, denn nach dem besten Wissen und Gewissen ist dieser Bund geschlossen worden. Und so erhebe ich mein Glas und leere es auf die Gesundheit der ganzen hochverehrten Gesellschaft." Alles stimmte in den Trinkspruch ein.-:- Der 24. März sah mit wartnem und duftigem Morgenantlitz in das Schlafzimmer der lieben Jeanka. Sie schlief und ,träumte süße Träume.-

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