Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1913)
- Date
- 1913-05-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 22. scnvcrsammlung jüdischer Bürger statt, welche nach Rescralen der Herren Dr. Karl Pollak, Ing. Fried, Dr. Fritz Löhner (Beda) und Jurist Grünbaum eine scharfe Resolution gegen den Senat faßte. Während der Versumlung slanden Tausende jüdischer Studenten und Bürger auf der Taborsiraßc vor dem Hotel ״Contincnl tatß welche nicht Einlaß finden konnten, da die Polizci schon eine Stunde vor Beginn der Versammlung den Saal tvegcn Ileberfüllung hatte sperren lassen müstcn. — Mittwoch den 21. Mai hielt der liberale.׳ ״Verein der Fortschriusfreundc" ebenfalls eine Ver-1 sainmlung ab, die sich mit den Prügeleien an der Uni-' versitar befaßte. Tr. Alfred Strcin wendete sich gegen; den Vorwurf der Ehrlosigkeit, welcher den Juden gemacht wird. Man könne es nur begreifen und billigen, daß die jüdischen Studenten sich eine derartige Be- Handlung nicht gefallen lassen wollen. Schließlich schloß Tr. Strcin mit Emphase: ״Fahren die Dcutschnationalcn mit dieser Politik fort, dann gibt cs nur eine Antwort der Juden: Die Inden, die deutsch sind, mögen deutsch bleiben, sich aber politisch vollständig zurückzirhen. Tie Teutschnationalen wurden sehen, wie es in Böhmen und Mähren dann zugingc." Ein zlveiter Redner, Tr. Heinrich Löwenslcin, fand sich bemüssigt, folgendes zu sagen: ״Immer seien die jüdischen Studenten tapfer für das Teulschtum eingetrelen. :licdncr richtet daher an die sretheitlichen Abgeordneten die Aufforderung, mit den deutschsrcihcitlichen Studenten in einen engeren Kontait zli tommen. ES sei auch sehr bedauerlich, daß an dem Komers der dctilschnational-sreiheitlichen Stude.ilen zur Erinnerung an das Jahr 1818 von den Abgeordneten nur Tr. Ofner tcilnahm. Die deutschfreiheitliche» Abgeordneten müssen sich um die deutschsreihcitlichen Studenten mehr kümmern, als bisher." Guttt! Serrr guttt! Aber mit ״Ejzes" sind wir Juden Gottlob versorgt. Haben sogar noch für paar Jahre genügend davon in Vorrat. Also: wenn die Teutschnationalen keine .Kursänderung begehen!vollen, sollen die Juden, die deutsch sind, tcutsch bleiben, und nur politisch Selbstmord begehen, d. h. sich voslündig zurückziehen. Was sollen aber die n i ch l deutschen >,?) Juden tun? Sich wohl von den ״arischen" Teutschcn den Buckel verhauen lassen und aus die Tröstungen Tr. Strcins und ähnlicher Forlschrillssreunde warten? Rein, das!vollen wir ״jüdischen Juden" denn doch lieber bleiben lassen! lind was für Schmerzen der ziveite As!imila»t Tr. Heinrich Löwenstein hat. Ihm sind zum Besreinngsivmmers der tausjüdijchcn Studentenschaft zu ivenige unvcrsälscht Deutsche, die sich mit unbeschniilenein Pruepuliuin ausweisen tonnen, gekommen. Naliirlich lvar nur der Ofner da. lind dessen Deutschtum seiuiielt auch bedenklich, :ha, und was wird sein, wenn mul! wirtliche Gopm tommen, reinrassige Arier? Werden da die ״dcutschsreiheitlichen" Studenten nicht doch Reißaus nehnien, ivic an den Tagen, da die jüdischnationalen Studenten um ihre Ehre kämpfen? Ties! liberale Versammlung hat, so gut sic gemeint sein mag, die ganze Hohlheit, Jäminerlichlcit und Schäbigkeit des Aspmilanlentnms enthüllt. Gcncralvcrsannnlung der Ehcwra Radischa. Sountao de!, 18. äVai fand in den Räumen des Hotel Eentral die diesjährige Oieneralversammlung der Ehewra Radischa slatt, bei welcher der Vorsteher Herr Salo Rohn den Vorsitz führte. Ans Anregung des Herrn Bernhard Hoftzauer bildete sich ein Hilfskomitee für die durch das Brandunglück betroffene jüdische Bevölkerung in Preßburg. Herr Salomon Simon erstattete den Rechenschaftsbericht, nach dem das Vermögen der Ehewra Radischa Ende 1!1)70.50!) 2ני Ii betrug. Sämtliche Vorsteher wurden wiedergewählt. Jüdischer Wandcrklub ״Blau-Weiß". Ter jüdische Wanderklub ״Blau-Weist", der sich die physische Stärkung der jüdischen Schuljugend zur Ausgabe gesetzt hat, zählt bereits 80 jugendliche Mitglieder. Tie Bildung des Wanderklubs wird überall mit Sympathie begrüßt. Zu den Ehren- Mitgliedern zählt auch der bekannte jüdische Schriftsteller und Tramatiker Artur Schnitzler. Hilfsaktivn für die Jcincnitcn. Tie akademische Vereinigung ״Radimah" beschloß den Bau von zwei Jemenileiihänsern in Palästina. Bisher wurden bereits 1000 K gesammelt. Borbcrcitungcn zum 11. Zionistenkongrcst. Anläßlich des 11. Zionislenkongreß, der vom 2. bis 0 September l. I. in den Näumcn der Oiesellschafl der Musikfreunde slattsindet. werden bereits jetzt umfassende Vorbereitungen getroffen. Tie Rongreßteilnehmer werden aus den ösierr. Staatsbahnen weitgehende Preisermäßigungen genießen. Das zionistische Zentralorgan, die ״Welt", wird, wie bei den früheren Rongiessen, tägliche Extraausgaben ansgebcn. YERLOBUNQ5-RINQE BRAUT5CHMUCK - - HOCHZEIT 5QE5QHENKE EHE'RINQE .. in hervorragender Auswahl zu besonders billigen Preisen. BerthOid Bachner, k. u. k. Hoflieferant, Juwelen-, Uhren-, Goldu. Si.berwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. Provinzaufträge finden sofortige Erledigung. Eine mustergültige Handlung. ״ Vor Monden und Jahren hat sich in dem hiesigen jüdischen Friedhose und vermutlich auch in anderen jud. Friedhöfen der mährischen Rultusgcmeinden der nicht genug zu verurteilende ״Ävusus" eingeschlichen, die Grabsteine teuerer Verblichener mit einer gukgelungenen Photographie des Verstorbenen zu schmucken. Welch einen anslotzcrrcgenden, herzerschütternden Eindruck eine solche ״Zurschansiellung" der einsligen, unten im finsteren Grabe mit der Verwesung ringenden leiblichen Hülle, auf ein fühlend Herz und tiefes, inniges Gemüt macht, braucht wahrlich nicht besonders beschrieben zu werden. Wer und unter welchem religionsgesetzlichen Rechtstitel diesem ״Mädchen ans der Fremde" hier und anderswo das Heimatsrecht verliehen wurde, dürfte keinem Sterblichen näher bekannt sein. Umso gewisser aber weiß jeder Renner unscrer heiligen Tradition, das; ein solches Vorgehen geradezu die krasseste Verletzung der dem Heimgegangenen gegenüber zu hegenden Pietät vedemei. Wohldnrchdacht sind die folgenden bcdeulungsvolle.i Worte unserer Weisen: «M I Ult Ult U p l«Ä~ iiiwSj | W j JS Ten verstorbenen Gerechten sollt ihr keine ihre ״Person" darstellende Merkmale errichten, deren Werte sind ihre Andenken. Tie nicht wortkargen Grabstein-Inschriften verkünden wahrlich überall die Ruhmestaten der Gerechten. Es bedarf der photographischen Veranschaulichung nicht. — Aufrichtig jüdisch fühlende Männer tonnten, allem Anscheine nach, dieses eingenistete Ucbel bloß darum nicht an der Wurzel treffen, weil der Zauber und Reiz, unserer uralten, ewig neuen, heiligen Tradition einen kräftigen Fußtritt der Mißachtung zu versetzen, in der religiös völlig entnervten Brust der meisten sogenannteil ״Fortschrittler" das wundersame Gesicht deseligeuder Wonnen erweckt. Las man sich nicht so auf leichte Art gerne rauben läßt. Auf diesem düsteren Gebiete hat sich nun in der hiesigen Geliieinde Lichtvolles ereignet. ״Per aspera ad astra". Aus dieser Finsternis der religiösen Vertrrnng strahlte nun das Licht der religiösen Begeisleruug in der mustergültigen Handlung der hochverehrten Herren Bruder Felder, Großökonomen in Tassov. Sie ließen nämlich im hiesigen Friedhöfe am Grabe ihrer seligen Mutier einen monumentalen Grabstein ״ohne Photographie" aufstellen und gleichsam die am Grabstein ihres seligen Vaters angebrachte Photographie entfernen. Sie statuierten mit diesem lobenslverten Vorgehen ein ehrenvolles Erempel, welches als ein beredtes Zeugnis dafür angesehen und gewürdigt zu werden verdient, daß auch die Angesehensten und Reichbegüterten in Israel mit einem gewissen Quantum von idea-!ein Wollen es über sich zu bringen vermögen, die Tenioliernngen des alles Heilige verheerenden ״Zeitgeistes" einzudämmen und an dem Wiederausbau unserer morschen traditionellen Glaubensburg heilbringend und erfolgreich mitzuwirken. Slraßnitz F. Dr. David Blitz s. A. Bur Erinnerung anläßlich seines I. Todestage«?. Am Ereiv Schcivnos vor Jahresfrist hat Dr. David B! i tz, Ravviner in üann )Böhmen) seine edle Seele ausgehauchl. Tie jüdischen Blätter hatten damals von dein Verluste keine Nachricht gebracht and so hat sich diesem Manne das Geschick seines Lebens bis in seinen Tod ersällt. Ter OessenUichleit und lvciteren?!reisen war er so gut wie unbekannt. Er lebte ein stilles Gelehrtcnleben, an das leine Spur von Sucht nach äugeren Ersolge» oder nach Anerkennung hcrankam. lind dennoch war er eine Persönlichkeit, die berechtigt gewesen wäre, in dem Kreise der Talmudkenner eine Rolle zu spielen. Er war einer der Wenigen, die das Gebiet der Halacha souverän beherrschten. Blitz lvar der Sehkraft aus beiden Augen säst beraubt und nur mit Hilfe einer sehr scharfen Brille und eines Leseglascs war es ihm möglid), die Buchstaben zu erkenneu. So war er auf sein Gedächtnis und seinen bcwundcrungswürdig sdsarfcn Verstand angetvicsen. Es lvar zum Staunen, mit welcher Präzision, logischen Schärfe und textlicher Treue er die talmudischen Ab- Handlungen vortrug. Besondere Wertschätzung zollte ihm ob seiner talmudischen Kenntnisse der verewigte Prager Obcrrabbiner Tr. Ehrcnfeld, den Blitz stets bei Aufenthalt in Prag aufsuchte, um dort wissenschaftliche Gespräche zu fuhren, neue Anregungeu zu empfangen und zu bringen. Tr. Blitz war ein gebürtiger Ungar und stammte aus Ezacza. Er hat in Prcßburg ״gelernt" und ging als 28jähriger im Jahre 18(52 nach Prag, um sich dort Universitätsbildung anzueigncn. Geschichte bildete sein Hauptsiudium; er hörte aber auch die für den Theologen notwendigen Vorlesungen Wcssclys und Käinpfs. Nach erlangter Doktorwürde ging er als Rabbiner, Prediger und Hauptlehrcr nach Sillein, wo er 12 Jahre im Amte blieb. Vom Jahre 1882 begann seine Tätigkeit in Latin, Ivo er bis zu seinem Tode amtierte. Seine so schöne Ersolge beweisenden Studienzeugnissc, worunter sich solche von Rapoport, Kämpf, Weffely, I. Tcwclcs, Menachc Mendel Pollak und von der Jeschiwa in Prcßburg befinden, scheu nach langer Bcrborgcnheit erst jetzt nach seinem Tode das Tageslicht. Er selbst hat sie nie jemandem gezeigt, damit mckn nicht glaubte, daß er mit ihnen prunken wolle. Größte, fast zu große Bescheidenheit lvar überhaupt der Grundzug seines Wesens und wurde vielleicht nur von seiner Anspruchslosigkeit und Ordnungsliebe erreicht. Echte, gerade Frömmigkeit, der die Ehre der Religion und des Judeiituins am höchsten galt, ließ ihn in seiner rabbiuischen Tätigkeit und allen Zeitfragen stets den richtigcn Weg finden, Errungenschaften der Wissenschaft schätzen und seiner Zeit niemals fremd oder rückständig bleiben. Sein Lebensabend lvar durch die Güte und Liebe, mit der ihn seine Gattin Frau Anna Blitz geb. Fischer betreute, verschönt und ruhig. Tie Zeit der Jericn, die ich Jahr für Jahr in seinem gastfreundlichen Hause bei Studium des Talmuds verbracht, zählt zu den schönsten Erinnerungen meiner Studentenzeit und es darf wohl zlir Kennzeichnung dieses edlen Mannes gesagt lvcrden, daß er für all die Mühe und all die Gaslsrcundschask, die er dem Schüler geboten, auch nicht den geringsten Entgelt angenommen hätte. Er war ei» Lehrer seltenster Art mit angeborener pädagogischer Begabung; seine Freude war, zu lehren und im Vortrage, im Lehien und ״Lernen" verjüngte sich seine Kraft und vergaß er jedes Leiden. Sein Leben selbst hat ihm manche schwere hscit gebracht, besonders gesundbeitlich ihn n!cht eben saust angefaßt. Seine Euergie und sein Gottvcrtrauen halfen ihm stets und so ist er, seiner Gerneindc, der er mit seltenem Pflichteifer mit zum Tode gedient hat, seinen Freunden und dem Judentume zu früh entrissen, gottergeben und sanft i״ eii. besseres Jenseits eingegangen. Im Kreise der Frommen und Gerechten ist sein Platz und hicniedcn bleibt sein Andenken ׳mmcrdar gesegnet und in Ehren. Tr. Viktor Klirre in, Rabbiner. KunäjHau. §ivlonisativnsvcrcin ״Esra", Berlin. Der soeben ausgegebcne Jahresbericht entrollt ein anschauliches Bild der segensreichen Tätigkeit des noch jungen Vereines. In den palästinensischen Rolonien Ehedera und Rufr-Saba wurden auch im abgeschlossenen Geschäftsjahre jüdische Arbeiter angesiedelt. Ter Verein strebt nicht so sehr nach Gründling neuer Rolonien, sondern sucht die bereits bestehenden tatkräftigst in finanzieller, sozialer und hygienischer Hinsicht zu fördern. In den wenigen Jahren seines Bestandes hat der Verein bereits 108.000!Mark für jüdische Rolonisationszwecke verausgabt. Protestkundgebung des Zentralvcreincs. Berlin. In der am 17. Mai abgehaltenen Versammlung des ״Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: Die Versammlung legt Verwahrung ein gegen die Zurücksetzung der Inden im Heere und gegen die der Wahrheit und geschichtlichen Entwicklung widersprechende Unterstellung, daß die jüdischen Deutschen ein Fremdkörper im Vaterlande seien. Berbandstag der jüdischen Handwerker in Rvlu. In Röln fand am'10. Mai der dritte Verbandstag der selbständigen jüdischen Handwerker Deutschlands statt, der Vertreter aus allen Teilen des Tcutschen Reiches vereinigte.