Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1913)
- Date
- 1913-05-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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'י—ן Büte 2. ״Jüdische Volksstimme." Nr. 21 Großes Brandunglück im Judenviertel von Preßburg. Tie jüdische Bevölkerung unserer Stadt ist am Samstag, den 17. Mai. van einem entsetzlichcn Vrandunglück heimgesucht worden. Gegen halb :1 Uhr nachmittags brach in der dem Indenviertel benachbarten Petöfigasse aus unbekannter Ursache ein Brand ans. der sich infolge des orkanartigen Sturmes rapid ausdehnte und alsbald in die fast ausschließlich von Juden bewohnten Stiaßenzüpe: Nikolaigassc, Schloßgrundgasse, Kapuzmerstraße, Schloßstraße und Klarisscngasse Übergriff. Jin Verlaufe einer Stunde stand ein Komplex von etwa neunzig Häusern in Flammen. Die Lokalisierung des Brandes bot die größten Schwierigkeiten, weil das Terrain des Judcnvicrtels sehr hügelig und winkelig ist und die alten Häuser, teilweise mit Schindeln gedeckt, bis zum Dachboden mit altem Hausrat vollgepfropft sind. Herzzerreißende Szenen spielten sich ab. Tic armen jüdischen Trödler uitd Äleinkrämcr suchten aus den brennenden Häusern und Gcschäftsläden ihre armselige Habe hcrauszuschleppen; außerhalb des Militärkordons standen jammernd die Angchörigen der im Vrandteile Verbliebenen, weil sic nicht zu den Ihren gelangen konnten. Unter den obdachlos gewordenen 1500 Familien bcfinden sich etwa 1200 jüdische, gleich 0000 Seclen. Die armen Leute wurden in Schulen, ini Volkshcim, in verschiedenen Stiftungshäuscrn, in den Kasernen, Spitälern und im Palais des Erzherzogs Friedrich untergebracht und durch Lieferung voit Milch und Brot vor dcnt Hunger geschützt. Der berühmte Lehrsaal der Prcßburgcr Jeschibah, die sogenannte ״Schiurstube", ist samt allen Büchern der reichen Bibliothek zugründe gegangen. Die orthodoxe Synagoge wurde schwer beschädigt; die Thorarollcn und Synagogcngcräte konnten gerettet werden. In vielen brennenden Häusern des Judenvicrtels lagen alte und kranke Leute hilflos. Militär und Feuerwehrleute drangen mit Todesverachtung in die brennenden Wohnungen ein und trugen auf Tragbahren die Hilflosen hinab in die Stadt. Bisher ist nur ein Todesfall bekannt geworden, der eines Feuerwehrmannes, der während der Löscharbeiten vom Schlage getroffen wurde. Ferner wird ein jüdischer junger Mann vermißt, der im dritten Stockwerk eines Hauses der Judengassc (Schloßgrundgasse) krank zu Bette lag. Tie Zahl der Verwundeten ist sehr groß; darunter sollen.sich 38 Schwerverletzte befinden, von-denen manche ihren Wunden crlicgen dürsten. Ein junges jüdisches Mädchen wurde irrsinnig. Der materielle Schaden wird aus,mehrere Millionen Kronen geschätzt. An den Losch- und Nettungsarbeitcn beteiligten sich auch die telephonisch herbcigerusene Wiener Feuerlvehr und die Wiener Rettnngsgesellschast. Erst gegen Uhr abends konnte der ungeheure Brand lokalisiert werden und erst in den frühen Morgenstundcn konnten die Feuerwehren ihre Aktion beenden. Das Elend unter der jüdischen Bevölkerung ist unbeschreiblich. Hunderte von Familicn sind obdachlos geworden und völlig an den Bettelstab geraten. Es wurde sogleich eine Hilfaktion cingeleitct, und bisher ist ein Betrag von etwa 200.000 K zur Linderung der grenzenlosen Not ausgebracht worden. Bericht über die Preßburger Brandkatastrophe im Judenviertel. Ich koinme soeben aus der schwergeprüften Stadt mit Gefühlen der tiefsten Trauer im Herzen zurück, da das von den Tageszeitungen geschilderte Elend unter der schwer heimgcsuchten Bevölkerung durch die Wirklichkeit noch weit übcrtroffcn wird und ich in mir die heilige Pflicht empfinde, allen jenen, welche noch das so viel gerühmte jüdische Herz im Busen tragen, von dem Gesehenen Mitteilung zu machen. Der erste Anblick, der sich mir bot, waren karawanenartigc Züge von verzweifelten Menscheu, welche die durch das Militär geschützte wcnige Hab und Gut zusammcnrafscn und in ihre Notwohnungen tragen. Das Viertel, welches durch die Synagogen begrenzt wird, gleicht einem einzigen Tri'nnmcrhaufcn und was an kahlen Mauern noch jetzt steht, droht stündlich einzufallen. Die Not steigt von Stunde zu Stunde, tvcil die kontrollierenden Baubehörden gczwungen sind, jene Objekte, welche von der Feuersbrunst nur teiweise beschädigt wurden, räumen zu lasten, da das cingcdrungcne Wasser von den Löschapparaten ■ die Fundamente der Gemäuer derart inundiertc, daß sie die schwere Last von 2—3 Sockwerken nicht mehr zu tragen vermögen. Tic Folge hiervon ist, daß die Zahl der Obdachlosen, und hier kommen zum allergrößten Teil jüdische Familien in Betracht, von Stunde zu Stunde wächst und nach den mir gewordenen kompetenten Informationen bisher die ungcführe Zahl von 8000 Personen erreicht. Um den Jainmer und das Elend zu schildern, gebricht cs an Worten. Derjenige, der dies nicht mit eigenen Augen gesehen, kann sich unmöglich eine wahre Vorstellung von den angcrichtetcn Verhecrungen machen. Es mengt sich daher ein tiefer Jammerschrei meiner mitfühlenden Brust in der wehklagenden schwer heimgcsuchten Bevölkerung und ich richte im Namen des vom Schöpfer gebotenen Gemilus Chesed den dringenden Hilferuf an die jüdische Oefscntlichkcit, das Möglichste zu tun, um diesen Jammer bloß teilweise zu lindern. Es ist meine unerschütterliche Ueberzeugung, daß trotz der bravourösen Hilfeleistung von seiten der Behörden und anderen kompetenten öffentlichen Institutionen der privaten Wohltätigkeit ein sehr großes Feld des Liebeswirkens übrig bleibt. Im Hinblicke daraus ist keine Gabe groß genug, um an der Größe des Unglückes gemessen zu werden und keine zu klein, um nicht der Gesamtaktion einen wertvollen Dienst zu leisten. Möge ein jeder, den diese Zeilen erreichen werden, das Möglichste tun, um nach seinen Kräften zu dem großen Liebeswerke beizutragen und möge der Allgütige in Zukunft die Gesamtheit Israels von derlei schweren Prüfungen bewahren. Gustav Springer. Preßburg. im Mai 1913. Gimpelfang. Brünn, im Mai 1613. Es ist interessant, zu beobachten, wie sich die Vorgängc im Raume immer wiederholen, wie schließlich, wenn cs auch manchmal Ausnahmen gibt, die erst recht die Regel bestätigen, Rabbi Akibas goldenes Sprich- Wort doch recht behält: «Es ist schon allesdagewesen." Steigt man nun von der höheren Warte der Bcobachtung hinab in die Niederungen des täglichen Lebens und gelangt man so bis in seinen größten Sumps, in den Bereich der politischen Welt, so kann man erst recht mit unfehlbarer Genauigkeit an der Hand der Tatsachcn die Richtigkeit dieses Satzes Nachweisen. Traurig ist cs dann nur, wenn die Betroffenen aus der Vergaugcnhcit nicht gelernt haben und blind in die Fallen laufen, die ihnen von interessierter Seite gestellt werden. Im nächsten Monat beginnen in Mähren die Landtagswahlc», am 17. Juni nehmen die Wahlen in die Landkuric ihren Ansang. Nun kann man der mährischen Bevölkerung im allgemeinen nicht viel politische Erfabrung und Raison nachsagcn, der letzte Bauer vom Lande besitzt aber noch viel mehr natürlichen Instinkt, als die gewählten Vertreter der mährischen Judcngcmcindcn. Der mährische Jude hat sich bis heute in allen politischen Dingen als wahres Kind erwiesen und gerne getan, was ihm irgendein anderer vorgesagt hat. Besonders der einfache Steuerträger ohne Amt und Verantwortung war stets froh, wenn sein Kultusvorsicher die Aufgabe des Denkens für ihn übernahm und ihm den ausgcfülltcn Stimmzettel zur Unterschrift präsentierte. Die Vorsteher aber unterliegen den mannigsachstcn Einflüssen und treffen oft Entscheidungen, deren Resultate dem Unbefangenen die Haare zu Berge steigen lasten. Man hat sich daran gewöhnt, daß vor den Wahlen auch die reißendsten Wchrwölfe lammfromm werden und alles tun, um sich und ihrer Partei die Stimmen der Juden, die nicht selten das Zünglein an der Wage sind, zu sichern. Die Parteiprogramme und die obersten Prinzipien des Partcikatcchismus werden für die Zeit der Agitation zu Wahlen souverän außer Kraft gesetzt und die Juden, sonst gescholten und geschmäht, werden ein begehrter Artikel. Leider verfallen die Juden immer wieder in den alten Fehler, bei eintrctcnder Höflichkeit an die erlittenen Unbilden zu vergcstcn. Sie träumen sich urplötzlich in ein Nirwana hinein, das nach den Wahlen nur zu rasch verschwindet, ohne mehr als einen bitteren Geschmack im Munde zurückzulastcn. Ein Schulbcispicl dafür, wie unbesonnen und unüberlegt die Vorsicher am Lande handeln, bietet der Aufruf, den die Vorsteher der Judengemcindc in Koste! an ihre Mitbürgcr hinausgcschickt haben. Der Aufruf ist von den Herren Bürgermeistern Siegfried Eisinger, Isidor Rosenzweig, Markus Kellner und Markus Neumann gezeichnet. In diesem Aufrufe empfehlen die Herren der jüdischen Bevölkerung von Koste! die Wahl des Kandidaten Franz Czapek, Oekonom in Kostcl, als den einzigen Bewerber, der wert ist, den Bezirk Lundcnburg- Göding zu vertreten. Sie fordern auch die Juden auf, alles aufzubietcn, um Herrn Czapek zum Siege zu verhelfen. Nach diesem warmen Aufruf müßte man glauben, Herr Czapek sei ein weiß Gott wie liberaler und freisinniger Mensch, der auch die Interessen der Juden'vertreten und ihre Rechte wahrnehmcn werde. Nun, Herr Czapek hat sich scheinbar über seine Tätigkcit im Falle der Wahl noch nicht geäußert, jedenfalls aber steht fest, daß Herr Czapek überzeugter Klerikaler und christlichsozialcr Parteigänger ist. Ob er da in seinem Herzen allzuviel Raum für die Interessen der Juden frei haben wird, ist zum mindesten zweifelhaft. Herr Czapek ist ja bisher politisch so viel wie gar nicht hcrvorgetrcten, so viel kann aber unbedingt feststchcn: Mag er auch bisher sich zu. den Juden in ein annemhbares Verhältnis gestellt haben und das wollen wir zur Entschuldigung der jüdischen Stadtvätcr in Koste! annchmen,sobald er einmal in den Reihen der anderen Klubgcnosten stehen wird, fällt er um, muß er umfallen, weil sonst seines Bleibens im Klub nicht länger ist. Das hätten sich die Vorsteher der Kostcler Judengemeinde überlegen müssen und hätten sic sich an die vielen Vorbilder erinnert, ihre Entscheidung hätte in ganz anderem Sinne aussallen müssen. Der Vorschlag der Kostelcr Judengemcindc ist ein Produkt der Opporiunitätspolitik, die schon viel Unheil über die Juden gebracht hat. Das Prinzip, zwischen zwei Feinden wähle ich den harmloseren, darf nie und nimmer so gchandhabt werden, daß jüdische Bürger die Wahl eines Antiscmitcn, und der Antisemitismus ist doch ein wesentlichcr Bestandteil des klerikalen Programms, so dringcnd zur Wahl empfehlen, wie es die Vorsteher der Kostcler Judengemcindc getan haben. Es ist ja mit Sicherheit anzunchmen, daß dieser Fall in der bevorstehenden Wahlkampagne nicht vereinzelt bleiben wird. Pflicht der jüdischen Ocffentlichkeit ist es nun, auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die derartige Kompromisse naturgemäh in sich bergen. Zwanzig Semester Barissia. Während der Pfingstfeiertage feierte die Prager Jüdischnationale akad.-technische Verbindung ,,Barissia" i. K. P. I. V. ihr zwanzigsemestrigcs Stiftungsfest. Die Feier war in einem rein internen Rahmen gehalten und war schon deshalb durch eine wohltuende Intimität und Herzlichkeit charakterisiert. Schon am Begrüßung?- abend konnte der Erstchargierte Herr I. U. C. Otto Stern eine große Anzahl von Alten Herren der Verbindung willkommen heißen. Im Laufe des Sonntags kamen die studentischen Gäste und Vertreter der bcfreundeten Verbindungen aus Wien, München usw. in großer Anzahl, um das Jubiläum der Barissia mitzufeiern. Der Kommers im Hcincsaal vereinigte die studcntischcn Gäste mit den Prager Freunden und Förderer« der Verbindung, welche der Reihe nach namens ihrer Korporationen der Barissia ihre Glückwünsche übcrbrachten. Namens des zionistischen Distriktskomitccs sprach Herr Professor Freud unter großem Beifall herzliche Worte der Anerkennung, an die er die Aufforderung knüpfte, die Barissia möge auch weiterhin aus dem Boden des Baseler Programms ersprießliche Arbeit leisten. Die Festrede hielt A. H. Dr. Herbert Birnbaum, der die Pflichten des zionistischen Stubentcn erörterte und einen Einblick in das Leben und die Ziele der wehrhaften, farbentragcndcn Verbindung gab. Bei der Verlesung der zahllosen Telegramme wurden insbesondere die Zuschriften des E. A. C. und des A. H. Dr. Hugo Löw, der im Palästinaamte in Jaffa tätig ist, mit tosendem Beifall zur Kenntnis genommen. Montag vormittag wurde der Fcstbummel am Graben abgehalten, an dem alle A. H. A. H. und die studentischen Gäste in Vollkouleur teilnahmcn. Der Heft des Tages wurde zu einer Besichtigung der Stadt vertuendet. Während des Stiftungsfestes konstituierte sich der 'Alte Herrenverband der Barissia, zu dessen Kassier A. H. Dr. Walter K o h n e r in Komotau gewählt wurde. Das Stiftungsfest war ein voller Erfolg. Es zeigte sich nicht nur, tvelch großer Sympachien sich die Barissia auch bei den Bundesbrüdern außerhalb Prags erfreut, cs hat auch bei den jungen Barisscn manche wertvolle Anregung und allen Teilnehmern eine blcibcnde, schöne Erinnerung gebracht. Epilog zur Koliner Ritualmord- Affaire. Dank der Wachsamkeit' der jüdischen Oefcntlichkcit und der anerkennenswerten Haltung der freisinnigen tschechischen Presse ist die Koliner Ritualnwrdaffäre untersucht und in gehöriger Weise ausgetragen wor- WWMMWl