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Jüdische Volksstimme · 1913-05-15 · Heft 20 (15.5.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 20 (15.5.1913)
Date
1913-05-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 20 pyilosophischc Betrachtung fast überall verdrängt, die naturwissenschaftlichen Prinzipien und Methoden sind überall auch auf die Gcislcswissciischaftcn übertragen Ivordcn und die große Masse der Halbgebildeten l,at sich daran gewöhnt mit den Naturforschern die l.hleri Ergebnisse der Naturwissenschaften als die letzten (ergcbnissc aller Wissenschaft überhaupt anzusehcn. Nun hat cs aber die Naturwissenschaft als solche nur mit den materiellen Ursachen und mechanischen Gesetzen in der Entstehung des Gegebenen zu tun und lvcr leine anderen als die natnrwisscnschaflichen Prinzipicn anerkennt, der kann folgerichtig nur bei der mechanistischen Weltanschauung enden. Dieser ist -can auch der Standpunkt fast aller heutigen Naturforscher und der von ihnen beeinflußten öffentlichen Meinung. Alles Geschehene soll danach aus rein mechanischen Gesetzen zu erklären sein, soll einen lückenlosen •־::ן sainmcnhang von materiellen Ursachen und Folgen darstellen. Jeder, auch der kleinste Vorgang in der Welt hat seinen einzigen, und zureichende» Grund in den zivar gesetzmäßigen, aber zweck- und vcrnunftlofcn Zusamcnwirlcn materieller Elemente haben. Jmmatcricllc Einflüsse jeder Art sind danach co ipso ausgeschlossen, gelten als ein gesetzloser Eingriff in die Gesetzinäßigkcit jenes materiellen Mechanismus. So kann von irgendeiner Einwirkung des Geistes auf die Materic, der Seele auf den Leib nicht mehr die Rede sein. Insbesondere aber gilt die Annahme von Zwecken irgcndlvclchcr Art als ein Widerspruch gegen den nrsächlichen Zusammenhang, alle scheinbare Zweckmäßigtcit als das mechanische Ergebnis rein mechanischer Anpassungsvorgängc und der Glaube an eine Börsehung und planmäßige Weltlcitung als ein endgültig von der Naiunvisscnschaft überwundenes Vorurteil. Die Leugnung einer Vorsehung hier aus Erden geht au> Aristoteles zurück, dem die Erdenwclt als zu geringfügig, zu minderwertig erschien, als daß Gottes Blick sich auch ihr zulvendcn sollte. ES ist geradezu lächerlich, zwischen Himmel und Erde einen Unterschied konstruieren. ״Hamaschpili liroth bajchomajim uwoorez". Gott schaut tief nieder aus Himmel und Erde. Die Erde ist für Gott nicht tiefer als der Himmel. Da sind schon unsere Modernen praktischer. Sic verbannen Gott nicht nur von der Erde sondern erklären auch Gott im Hin׳.- mel den Krieg. Der Turmbau von Babel in zweiter, kaum verbesserter Auflage!! Daß eine solche Anschauung, wenn auch nicht sofort, so doch mit der Zeit einen' bestimmenden Einfluß auf das praktische Verhalten ihrer Anhänger haben muß, liegt aus der Hand. Gewiß, solange der Mensch nnbclvußt und ohne Ueberlcgung, wie das Tier, nur seinen instinktiven Trieben folgt, kann von einem Einflutz seiner Weltanschauung auf sein Tun auch nicht die Rede sein. Sobald er aber zum Bewußtsein seiner selbst erwacht, sich als den Täter seiner Taten weiß und deren Folgen für sein eigenes Wohl zu berechnen ansängt, muß er notwendig das Bedürfnis fühlen, seine Handlungen auch mit seine« Ansichten von seinem eigcneu Wesen, von dem Wesen der Welt und von seinem Verhältnis zu dieser Welt in Einklang zu bringen. Ob er diese Ansichten kritiklos von anderen übernommen oder sich in inneren Kämpfe» selbst'errungen hat, macht dabei leinen Unterschied; immer muß das praktische Verbauen eines Voltes wesentlich von seiner theoretischen Weltanschauung abhängcn. Wohl mögen die instinktiven Triebe, die der einzelne bei sich vorfindct, noch eine Weile, nachdem sich die theoretische Welt«»- Sorge aus unserer Hütte verscheuchen können? Tu siehst cs ja gut: trotz unseres redlichen Mützcns vermögen wir nicht das Notdürftigste zusammcnzubringen!.. ״Ach was!" welirtc das Weib ab, ״zermürbe dir doch das Gestirn nicht, der allgütige Got wird schon Helsen! Es braucht dir nur ein Unternchmen zu glücken und wir sind aller Sorgen los. Mir ist die Arbeit nicht zu viel!" ״Ach!" stöhnte der Mann, ״hier ist alle liebe Mühe für mich vergebens, als lastete ein Fluch über unseren Häuptern, aber schau, mein Täubchen, so viele Leute wandern nach Amerika aus und machen dort ihr Glück, vielleicht geling Wellen zu versenken? — Jedenfalls ist es meine Pflicht, dem Glücke die Hand zu bieten. Natures auch mir, das Mißgeschick in des Meeres!ich können wir nicht gleich alle dahin, dazu reichcn die Neiscspcscn nicht aus, ich allein jedoch kriege mich bis dahin. Vorläufig wirst du die weiter Plagen müssen — das tust du ja ohnehin — und sollte ich in Amerika was erzielen, dann lasse ich euch zu mir kommen." Rcb Zemachs Frau war wohl von diesen Plänen nicht sonderlich entzückt, war aber vcrnünftig und willigte schließlich schweren Herzens ein. Mit Ach und Wehe verabschiedete sich Rcb Jemach von seiner heißgeliebten Familie. fchauung schon geändert hat, und dann in Widerspruch mit dieser forkwirkcn, aber sobald der Verstand diesen Widerspruch erkennt, mutz er jene Triebe, die ihn nur zu narren scheinen, auch bekämpfen, mutz sie zu unterdrücken suchen und in kürzerer oder längerer Frist auch wirklich unterdrücken. Es fragt sich also, welchen Einfluß muß die naturaüsiisch-mcchanistischc Weltanschauung auf das praktische Verhalten des Einzelnen und der Völker haben, wenn sie, Ivie die Naturforscher hoffen, allgemein und für längere Zeit, wo nicht auf immer zu vollem Siege kommt? Wir müssen die Grundsätze und Vorschriften für das Verhalten der Menschen zueinander lauten, wenn sic sich mit den theoretischen Ansichten der modcrnen Wissenschaft in Einklang befinden sollen? (Fortsetzung folgt.)- Wiener Nachrichten Notes Moschkoisraelitentum. Bekanntlich fetzt sich der Rcdaktionsftab der Wiener ״Arbeiterzeitung", dem Zcniralorgan der deutschen Sozialdemokratie Oesterrcichs, abgesehen von einigen ״Paradcgojcm" fast ausschließlich aus Juden und solchen, die cs bis vor kurzem noch waren, zusammen. Von Viktor Adler bis zum verantwortlichen Redakteur Hugo Schulz sind sie fast alle Juden. Selbst die Patcntdeutschen Fritz Austcrlitz, Ludo Hartmann, Ellenbogen, Robert Daunebcrg usw. nicht ausgenommen. Man sollte nun glauben, daß unter solchen Umständen die ״Arbeiterzeitung", wenn schon nicht in philoscmitischem oder sogar indifferentem Sinne geleitet, so doch zumindest nicht von antisemitischem Geiste erfüllt sein werde. Weit gefehlt! Das Judentum drückt die Herren, trotz ihrer gegentciligcn Versicherung doch gar zu sehr. Und so ziehen sic manchmal die rote Schellenkappe an und spotten über — die Juden. Mit einer Notiz in der Nr. 125 vom 8. Mai d. I. haben sic jedoch die Juden zu verspotten gemeint und sich selbst getroffen. Man lese: Heiteres von einem Bors engericht. In Budapest gehen lustige Anekdoten von dem ungarischcn Börscngericht um, von denen hier eine wiedergegeben fei: Ein biederer Bauer vom ungarischen Flachland wurde beim Getreidevcrkauf in eine Börfenangelcgcnheit verwickelt, die schließlich in einen Rechtsstreit auslicf. Er wurde vor das Börsengericht in Budapest geladen. Unter den Richtern und Klienten dieses Gerichishoscs sah er kaum seinesgleichen und darüber schien er sich seine Gedanken gemacht zu haben. Denn als er später aus seinem Dorfe eine Eingabe an das Börscngericht schickte, adressierte er sie voller Naivität, die beinahe Ironie war: ״An den löblichen israelitichcn Gerichtshof in Budapest!.... Das ist denn doch etwas zu stark. Würde sogar, ivie Ellenbogen so schön sagt, verdächtig ״nach Ottakringcr Atavismus riechen", wenn, ja wenn man nicht wüßte, daß die Redaktion der ״Arbeiterzeitung" total vcrjudct ist. Ich fürchte, wenn das Bäuerlein, das irgcndein israelitischer Ucbcrläufcr sich aus den Fingerchcn gesogen Hai, um damit auch die christlichen Leser und Genossen zufriedcnzustellcn, in Wirklichkct existieren würde, cs brauchte nur eine § 19-Berichtigung an die ״israelitische Redaktion" cinzusenden und die Post würde unfehlbar den Brief der ״Arbeiterzeitung" promptest zustcllcn. Diesen Ton, den die ״Arbeiterzcitung" in letzter Zeit nicht gerade selten anschlägt, wird man sich jedoch merken müssen. Fast zwei Monde verstrichen, ehe der erste Brief von Rcb Zemach an seine Frau gelangte. Er schrieb auch nicht, daß er das Glück gleich beim Schöps erfaßte. Vorläufig verstand er kein Sterbenswörtchen Englisch und mußte die gröbsten Arbeiten verrichten, um überhaupt einen Bissen Brot zu verdienen׳, dafür aber erwachte neuerdings in ihm das längst schlummernde Talent zum Vcrscmachcn. Er schilderte in gebundcner Sprache die gigantische Macht und majestätische Pracht der tausendfärbigen Meereswellen, wenn sie von einem wilden Orkane gepeitscht werden, schilderte mit Ueberschwang den Abglanz der niedergehenden Sonne auf dem Meeresspiegel und überging vom stürmischesten Dur iu das zärtlichste Moll. Er klagte mit Lieb- ' lichkcit, wie die Sehnsucht ihn quäle-, wie gerne er sein geliebtes Weib an die Brust drückte, wie gerne er die Kinderchen mit Küssen bedecken würde usw. Rcb Jcmach schrieb den zweiten Brief, den dritten und den vierten, aber leider konnte er noch immer nicht berichten, daß er bereits ein reicher Mann geworden sei; auch hier schien es, als wollte Frau Fortuna nicht die geringste Gemeinschaft mit ihm haben; und weil er sich schon vor seinem Weibe schämte, daß er nicht die ge¬ Nrichsgerichtspriissdrnt Dr. Josef Unger aus dem israelitischrn Friedhof beigesetzt. Daß der verstorbene Rcichsgcrichtspräsidcnl und Minister a. D. Dr. Josef Unger, als Jude geboren war und erst später zum Ehristenlume übcrgctreten ist, war nur wenigen bekannt. Wenigstens nicht der jüngeren Generation. Und die liberale Presse beliebte auch.nur zu konstatieren, daß Ungcrs Leiche in der Stcphanskirche eingcscgnet wurde. Ucbcr die Tatsache des Glaubenswechsels Ungcrs breitete sic den Mantel liberal-journalistischer Nächjtenliebc aus. Und ebenso verschwieg sie gründlichst das Faktum, das! Dr. Joses Unger gemäß seiner cigenen, letztwilligen Verfügung in der Familiengruft auf der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfried- Hofes brigrsetzt wurde. Für die Juden hat Exzellenz Dr. Unger nie etwas übrig gehabt, ja hat sogar de» traurigen Mut besessen, den Juden den Charakter einer Nation abzusprcchen. Doch sprechen wir lieber nicht davon. De nwrtuis, nil insi bene. Deshalb schweigen wir trotz des Phrasenbombastes der liberalen Zcitungen, die den großen Gelehrten stracks dem Deutschtum cinvcrleibte. Nur das Faktum wollten wir registrieren, daß Exzellenz Dr. Josef Unger als Jude geboren und unter Juden bestattet liegt. Befreiungskrieg 1813. Zur Erinnerung an den Befreiungskrieg 1813 werden am Samstag den 17. d. in! Hotel Continental die laufjüdischen, will sagen deutschliöeralen Studenten einen Fcstkommers voransialtcn. Unter anderen Korporationen auch die ״deutschakademische Verbindung ״Budovisia"", die dito ״deutschakademische Verbindung ״Fidelitas"" usw. Ma» sieht: die Dummen werden nicht alle. Die deutfchnationalen Studenten setzen, diesen biederen Deutschliberale» den Sessel vor die Tür und diese geniert es dort doch nicht. Geht cs nicht, das Erinnerungssest an das Jahr 1813 zusammen mit unverfälschten Bärenhautgermanen zu feiern, so zieht man sich zurück und hält den Kommers eben im zweiten Bezirk ab. Man müßte lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Tenn diese taufjüdischen Studeuten von heute sind die israelitischen Tutzendvcrtreter der jüdischen Bevölkerung, die ״Offiziellen" von morgen! Exzellenz Spuckerl als Umstürzler. Der Minister a. D. Dr. Gcßmann, der nach den Juniwählen 1811 bei den Schwarzen Afrikas Trost für die Mandatsvcrgänglichkciten dieser undankbarsten aller Erden gesucht hatte, spuckt schon wieder in Wien herum. Neuerdings hat er sogar daran vergessen, daß nach seiner Meinung nur Juden das Privilegium haben, Umstürzler zu sein und zersetzende und aufrührerische Gedanken zu haben. Seine absolute Mandatslosigkeit und die Hitze der letzten Tage haben in ihm die Sehnsucht nach einen! Staatsstreich keimen lassen. Gcßmann ist mit der Weltordnung in Konflikt geraten. Die Finanzlage Oestercrichs hält er für erschreckend schlecht. Und seit er nicht mehr im Parlament sitzt, hat sich ihm sogar ״die lieberzcugung ausgcdrängt, daß auf parlamentarischem Wege eine Gesundung der trostlosen Zustände ausgeschlossen erscheint". Exzellenz Spuckcrl ist unverbesserlicher Pcssimist geworden. Und so ringt sich denn aus seiner zwar ordensgeschmückten, aber nichtsdestoweniger gequälten Brust der Schrei nach dem Staatsstreich los. Und Gehmann artikelt: ״So kann cs also nicht weitcrgehcn, und jedem, der nur einigermaßen unsere parlamentarischen Vcrhältnisse kennt, hatsich daher seit langem schon die Uebcrzcugung aufgedrängt, daß aus parlamentarischem Wege eine Gesundung dieser trostlosen Zustände naheringste Fähigkeit besitze, Geld zu verdienen, schrieb er einst seiner Ehehälfte: ״Herzinniggeliebtes Täubchen! Nach langem Mühen und Sorgen ist es mir endlich gelungen, einen Ernährungszweig zu erklimmen und so Gott der Herr will, bin ich in einigen Jahren glücklicher Besitzer von wenigstens zwanzigtausend Dollars und kehre dann ■ zu euch zurück, um mit euch in Gemeinschaft ein ruhiges, friedliches Leben zu führen. Indessen, geliebtes Weib, gedulde dich, nehme fürlieb, wie es kommt und tröste dich mit dem Gedanken, daß bald bessere Zeiten für uns kommen müssen ...." Reb Zemachs Frau war ganz berauscht von ihres Mannes Schreiben, sie ging von Haus zu Haus mit diesem Briefe und gar manche Frau neidete ihr das Glück. Nach etwa drei Jahren seines Aufenthaltes in Amerika, berichtete Zeniach, daß er die Heimreise angetreten habe und daß alle Pein bald zu Ende sei. Und eines Abends, als seine Frau den Kindern das Abendbrot bereitete, pochte es an der Tür und herein trat ihr heißgeliebter Mann. Reb Zemachs Frau siel dem Manne um den Hals, küßte ihn und weinte, weinte und schluchzte vor Freude. Die erste Frage aber, die

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