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Jüdische Volksstimme · 1913-05-08 · Heft 19 (8.5.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 19 (8.5.1913)
Date
1913-05-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19 ״Jüdische Bolksstimme." Sette ». Brünner Golus. Wir sind im Golus. Die Feiertage bringen uns diese traurige Tatsache sehr lebhaft ins Bewußtsein. Trotz der gesetzlichen Anerkennung, die wir durch mancherlci Mittel uns erkauft haben, trotz des stark betontcn Freisinnes und Fortschrittes, den andere und wir selbst so gerne rühmen, stecken wir auch hier in Brünn im tiefsten, im finstersten und beschämendsten Golus. Brünn hat ungefähr 10.000 jüdische Einwohner. Sobald der Sonntag kommt, ruht alle gewerbliche Arbeit und die ganze ׳ Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession feiert. — Gut! — Das ist eine gesetzliche Bestimmung und da feiern wir Juden auch persönlich den Feiertag mit. Aber wenn irgendein christlicher Feiertag, wie z. B. Christi Himmelfahrt oder Maria Empfängnis, begangen wird, da statuiert das Gesetz keinen staatlichen 'Ruhetag und niemand ist berechtigt, das Ruhen der gclverblichen Arbeit zu erzwingen. Nichtsdestoweniger halten wir Juden diese Feiertage mit den frömmsten Christen um die Wette. Im Geschäfte und in der Küche, in Kleidung und Stimmung zeigen wir Juden, daß wir uns von der Heiligung der christlichen Feiertage nicht ausschließen wollen. Wie ganz anders verhält sich die Sache an jüdischeu Feiertagen. Das gewerbliche Leben zeigt nicht die geringste Spur einer Aenderung trotz der großen Prozentsatzes, den die Juden in der hiesigen Bevölkerung ausmache». Nun halten wir uns darüber nicht auf. Der wirtschaftliche Kampf ist hart, wir wollen da nicht um Haaresbreite Zurückbleiben. Aber merkt man in irgcndeiner anderen Weise, daß 10.000 Einwohner einer Stadt wie Brünn hohe Feiertage haben? Die großen Gcmcindetcmpel, die ganz nach dem Zeitgeist!das ist der Herren eigener Geist) eingerichtet sind, stehen fast leer, weil die freisinnigen, selbstbewußten Israeliten von heute sich ihrer eigenen werten Persönlichkeit schämen. Wir sind stolz und aufrecht und blicken voll Bedauern ans unsere gedrückten Ahnen hinab, die sich alles bieten lassen mußten und haben nicht soviel Rückgrat, um unsere Eigenart, wenn auch nur auf die harmloseste Weise zu bekunden. Darum richte ich an alle maßgebenden Pcrsönlichkeiten innerhalb unserer jüdischen Gemeinschaft die Aufforderung, zu bedenken, ob es nicht sowohl vom rcligiösen als auch vom nationalen Standpunkte ratsam ivärc, daß auf den allgemeinen Tempelbesuch Einfluß genommen werden soll. Ohne die geringste geschäft-!ichc Störung können alle Juden an Samstagen und Feiertagen teilnehmen. Wenn Chef und Angestellte nicht gleichzeitig den Gottesdienst besuchen können, io können sie es abwechselnd tun und damit bekunden, daß sie Inden und doch etwas sind. An allen Samstagen und Feiertagen finden in Brünn von 7 Uhr früh bis Mittag Gottesdienste statt und jeder kann sich den Syuagogcnbesuch nach seiner Bequemlichkeit einrichten. n merk u n g: Um zirka 7 Uhr wird in den Gemeindetcmpeln Schacharis gebetet, von 8—10 Uhr in Gottesdienst bei Machsike Hadas, von 'l-ß—10 Uhr im polnisch!! Linvel, von 10'/״ Uhr ab in den Gemeindetcmpcln. YERLOBUNQ5-R1NQE BRdUT5c:Hnucrc - - HOCHZEIT 5QE5CMENKE EHE-RINQE. n hervorragender Auswahl zu besonders billigen Preisen. BerthOld Bachner, k. u. k. Hoflieferant, Juwelen-, Ubren-, Goldu. Si.berwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. d- Provinzaufträge finden sofortige Erledigung. Wiener Jludmditcn Vorbereitungen zum . 11. Zionistenkongreß in Wien. Tie Arbeiten für den bevorstehenden 11. Zionisrcukongreß in Wien sind bereits in vollem Gange. Wie wir vernehmen, dürften neben dem^,Zionistenkongreß noch eine ganze Reihe anderer Konferenzen jtattfinden. So wird gleichzeitig mit dem Kongreß eine Konferenz der Hebräisten tagen, eine Zusammenkunft der jüdischeu Studentenschaft zwecks Zusainmenschlusscs samtlicher österreichischer jüdisch-nationaler Studentenverbindungcn und Vereine in eine einheitliche Organisation siattfinden, außerdem dürfte auch ein Kongreß der jüdischen Journalisten tagen, die über eine Reihe von Standesfragen beraten werden. Schließlich sei besonders erwähnt, daß neben den vielen Veranstaltungen anläßlich des Kongresses auch die Wiener jüdischen Turnvereine ein großangelegtes Turnfest veranstalten werden. Es werden daran teilnehmen der ״Erste Wiener jüdische Turnverein" und die Jüdischen Turnvereine: Favoriten, Döbling, Fünfhaus, Leopoldstadt, Massada, sowie die Provinzvercine des zweiten Kreises der jüdischen Turnerschaft und der Sportklub ״Hakoah". Wie». Hier soll demnächst ein neuer Tempel Am Volkert eingeweiht werden. Wie man hört wird die Einweihung unter Sang und Klang, aber auch unter Tränenkonzert der wegen des neuen, großen Tempels zu klein gewordenen und daher starken Schikanen ausgesetzten früheren Funktionäre statlfinden. Wenn der neue Tempel solche unsüdische Opfer fordert, so wäre es viel besser, ihn nicht zu eröffnen, damit der Moloch keine jüdischen Familienopfer erhält. Ter Prophet Jesaja hat bereits die Festrede für solche Ereignisse gehalten. Hier die Quintessenz dieser Predigt: ״Bringt mir nicht mehr eure eitlen Gaben! Unterlaßt es, am Neumond und am Sabbat festliche Versammlungen abzuhalten׳, ich inag nicht Sünde und festliche Weihe zusammen. Jesaja ^1, 13. Wir bezweifeln es, ob Kultusvorsteher Herr Adolf Schrämet, der gleichzeitig der Obmann dieses Tempelvereines ist, seine Hand zur Brotlosmachung von Angestellten reichen wird. Wir werden übrigens über diesen in jüdischen Kreisen höchst seltenen Fall noch berichten. Tie Red. Emigranten-Fürsorge der israelitischen Allianz;!: Wien. Mährend der Monate März und April 1913 wurden von der Zentrale der Israelitischen Allianz zu Wien insgesamt 233 Emigranten, davon 198 russische und 35rumänische weiterbefördert, und zwar 109 nach den Vereinigten Staaten, 42 nach Argentinien, 30 nach Kanada, 2 nach England, 42 nach Frankreich und 2 nach verschiedenen anderen Ländern. — In ihre Heimat zurückbesördcrt wurden 24 Rückwanderer. Während des Aufenthaltes in Wien wurden in den Monaten März und April für 42 Personen zusammen 195 Tage Logis und volle Verpflegung gezahlt und an 188 Personen insgesamt 751 Speiscmarken für die Israelitische Volksküche ausgegeben. Wiener Bibelschule. Unter diesem Titel erschien in Nr. 17 der ״Wahrheit" ein kurzer, znm großen Teil mit Zitaten aus anderen Schriften gezierter Anssatz, in welchem der Autor unbewußt sich selber ein hübsches Armutszeugnis ausgestellt, indem er über das alte Cheder, dem allein er seine ganze Gelehrsamkeit zu verdanken hat, den Stab bricht und die moderne Wiener Bibelschule mit den Worten: ״Tenn unsere Bibelschulen sind keine Körper und Geist verkrüppelnde Chcdarim" zu glorifizieren sucht. Ist denn aber diesem Wiener Religionslchrer das talmudische Wort: ״In einen Brunnen, aus dem du Wasser getrunken hast, sollst du keinen Stein werfen" gar nicht bekannt? Mag sein, daß ihm zu wenig Wasser aus diesem Brunnen gereicht wurde. Nun definiert dieser gelehrte Herr die höheren Aufgaben der Bibelschule, indem er folgenden sinnlosen, das Zwerchfell erschütternden Satz niederschreibt: ״Sie -- nämlich die Bibelschule — soll den Schüler nicht nur zu einem praktischen, zum Teinpelvesuch befähigten Mitbetcr. sondern ihm den Kern des Judentums, die Ethik, beivringen, damit er kein bloßer ״Lippenandächtiger" werde, von dem es hieße רק שפתיה נעות וקולה לא ישמע sondern, die hohe Bedeutung und den hohen Wert unsercr erhabenen Gebete erfasse." Wer aber vermag dieses gerade zu erfassen? Weil die fromme, gottbcgeisterte Ehanna in tiefer, stiller Andacht ihr von Gram und Schmerz erfülltes Herz vor Gott, dem Allwissenden, ausschüttete, ohne daß sie laut geschrieen, gelärmt und gepoltert hätte, soll jeder Schülcr, der bloß ״zu einem praktischen, zum Tempelbesuch befähigten Mitbeter erzogen wurde, ohne daß ihm der Kern des Judentums beigebracht lvurde", ״als bloßer ״Lippenandächtiger" gebrandmarkt werden, ״von dem es hieße rak sefoseho noaus"? Gerade aus diesem Verse deduzieren unsere Weisei! im Talmud, daß man gleich Channa das Gebet, die wahre Andacht, in Ruhe, ohne die Stimme zu erheben, würdevoll verrichten soll. מבאן שאסור להגביה קולו בתצפלתו Wenn der Autor weiter schreibt, ״Die Bibclschule ist die richtige Stätte, an welcher man unsere Kinder" — soll richtiger heißen: unseren Kindern — ״jene Lebcnsquellc erschließt, aus welcher Erfrischung und Labung für ihren Geist reichlich fließt," so sollte er zuvorderst sich selber bestreben, aus dieser Quelle recht viel zu schöpfen, um den Kindern biblische Verse im Sinne und im Geiste unserer Weisen erklären zu können. Zum Schluffe empfiehlt der Autor dieses herrlichen Artikels ein neues (?) Mittel ״um eine Lücke zu schließ>׳u", und dieses neu erfundene Mittel heißt: ״Jüdische Jugendbibliothek." Nach Ansicht dieses neuen Gelehrten werden selbst Kinder, die im Elternhause keine streng religiöse Erziehung genießen, durch ״gute jüdische Jugcndbücher" zu frommen Juden herangebildet werden. Wahrlich, diese neue Erfindung, dieses wunderwirkende Heilserum verdient patentiert zu iverden. Poszony, 4. Mai 1913. Leon de Hungaria. Wien. Ter akademische Verein ״Jüdische Kultur" ^veranstaltet zwei Vortrüge über die jüdische Sprache. Ten ersten Vortrag ״Jddish" vom rassentbeoretischeil Standpunkte, hält der bekannte Schriftsteller Mathias Mieses (Lemberg) Samstag den 10. d. im Lokale der Lese- und Redehalle jüdischer Hvchschüler,!>. Bezirk. Türkenstraße!>. Ten zweiten Vortrag ״Jddish" vom sprach-krilischen Standpunkte, hält Schriftsteiler B. Borochow, Tonnerstag den 15. d. im Lokale der ״Jüdischen Kultur",!>. Bezirk, Garnisongasse 2-1. Beide Vorträge beginnen Punktlich um 3 Uhr. Gäste herzlich willkommen. Zum Fall Justschinski. In den nächsten Tagen ivird die Entscheidung darüber getroffen iverden, ob die zweite Anklageschrift dem des ״ritiicUen" Mordes an Justschinski angeklagten Beilis übergeben iverden soll oder nicht. Tie mehrmals geäußerre Hoffnung, daß die Kiklver Anklagcbehörde den Unschuldigen, der nunmehr bald schon zivei Fahre im Gefängnis schmachtet, freilassen und der schmachvollen Angelegenheit ein Ende machen Ivürde, hat sich trog aller Enthüllungen nicht bewahrheitet. Tie Kiewer GerichtSkainmer aber muß noch in der laufenden Woche entscheiden, ob sie die russische Justiz blamieren will. Leicht kann cs ihr ivahrhaftig nicht fallen, da das gesamte Anklagegcbäude auf nichts beruht. Worauf die Reaktionäre jetzt noch spekulieren, ist ja bekannt. Ihnen ist an der Verurteilung des Beilis überhaupt nicht gelegen, loohl aber an der abstrakten Konslruierung des Ritnalmordes. Möge der Gerichtshof dann einen Freispruch fällen, wenn dieser nur mit der Versicherung verknüpft sein lvird, daß die Mordtat alle Kenuzeichei! eines Ritualverbrechens enthalte. Darum iverden in dem bevorstehenden Prozeß die Zeugenaussagen eine sehr geringe Rolle spielen, und das Hauptgewicht ivird auf die Gutachten gelegt werden. Da haben die Untersuchungsbehckrden einen Mann ausiindig gemacht, der bereit ist, ihren Zlvecken entgegenzukoinmen. Es ist ein gewisser Pranaitis, ein katholischer Priester, der in großen Kreisen seiner RcligionSgenosscii verpönt ist und deswegen sein Tätigkeitsfeld nach dem sernen Taschtent hat verlegen müssen. Von dorther hat ihn die Kiewer Anklagebehöcde entsprechend den von ׳Petersburg gegebenen Winken zitiert,!veil er ein rabialer Verfechter des Riinalmordinärchens ist. Aus dieser iinsauberen Quelle soll dann der Gerichtshof Beleyrung schöpfen: baut sich doch ein erheblicher Teil der Anklageschrift auf seinen Weisheiten auf. Seine Ausfnhrungen iverden dann durch die früheren Gutachten von Lbolenskh und Tufanow sowie des neuerdings herangczogeiien Antisemileii Kossorotow, insbesondere aber durch die berüchtigte Erpertise des Psychiaters Sikorski weiter ausgebaut. Eine Kritik der Gutachten im Fall Justschinski. Man iveiß, welches Gelvicht die Kicivcr Anklagebehörden den Gutachten im Fall Justschinski beimißt. Ans ihnen basiert die Ritualmordbeschnldignng und mit ihnen fällt sie. Was Sikorski, der Psychiater, vorgebrncht hat, ist eine Grundlage der ersten Anklageschrift gewesen und bildet auch in ihrer zweiten vergrößerten Ausgabe einen .Kernpunkt. Ta ist nun von Wichtigkeit, zu erfahren, ivie europälsche Gelehrte von Weltruf dieses Gutachten be!lrteilen. Eine ganze Reihe bekannter Professoren, tute Forel, Beuler, Bonhöffer, Meyer und andere, haben das Gutachten nachgeprüft und ausnahmslos über das Sikorskische Machwerk den Stab gebrochen. Tie Profcjsoren v. Jauregg und Lbersteincr!vollen sich mit dem Sikocskischen Gutachten sogar nicht befassen, da sie bezweifeln, ob es ein Psychiater geschrieben habe. Und wie die ״psychiatrischen" Schlußfolgerungen als absurd oder tendenziös gekennzeichnet werden, so erweisen sich auch die gcrichtsärztlichen Auslassungen von Lbolonsky und Tufanoiv als vollkommen falsch, und sämtliche Fachgenossen widerlegen deren Verjicherung» daß der Mord an Justschinski durch besonders reichliche Blutenrleerung charakteristisch ist. Damit fällt das ganze Gebäude des ״RitualinordeS" in sich zusammen.

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