Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1913)
- Date
- 1913-05-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite 2. ״Jüdische Volks stimme." Nr. 19 jüdische Ideale und jüdischer Geistcsschatz kraftvoll pulsieren. In der Zeit des Materialismus und Egoismus kann uns nur ein lebendiger, unerschöpflicher Born von Geistes- und Gemütswerten dem Judentum erhalten. Der Jugend mutz endlich Gelegenheit gegeben werden, ins Judentum einzudringen, i m und nicht neben dein Judentum zu leben und zu denken und in ihm glücklich zu werden. Wenn wir uns unsere kraftstrotzende hebräische Sprache zu eigen machen, wenn wir uns die Pracht eines Jesaja crschlictzcn, wenn wir in die tiefen Schächte des babylonischen Talmuds hinabstcigen, den Höhenflug eines Jchuda Halcvi lieben und bewundern lernen, den Rhythmus unserer neuhebräischen Dichter nachfühlcn und uns unsere einzige und einzig dastehende Geschichte hineinleben werden, dann werden alle Vorurteile und kleinlichen Meinungsverschiedenheiten schwinden und liebevoller Ehrfurcht und Hochschätzung unseren: Judentum Platz machen, das sanft und hoheitsvoll seiner Entdeckung und Wiedererweckung harrt. Möge sich endlich die Erkenntnis durchringen, daß die drohende Gefahr keineswegs darin besteht, daß sich die Jugend vom Judentum eine von unserer Auffassung vielleicht etwas verschicdcne ausbildet. Das wahre Judentum ist nur eins und wird sich allein durchringen. In Wirklichkeit liegt die Gefahr vielmehr in der Möglichkeit, daß die künftige Generation vom Judentum überhaupt keine Uebcrzeugung besitzen wird, daß sie zu den jüdischen Fragen überhaupt keine Stellung nehmen wird und schließlich das Judentum vollständig aus den Augen verliert. Deshalb ist es unsere unabweisbare Pflicht, den ganzen Komplex des jüdischen Schrifttums zu erhalten und zu verbreiten und damit unserem ärgsten und gefährlichsten Feind, der Indifferenz den Zutritt in unsere Mitte unmöglich zu machen. Wien, Anfang Mai. L. G r ü n h u t. Diesbezügliche Anträge, Anregungen wolle man an die Redaktion dieses Blattes richten. Die Emanzipation der Juden in Rumänien. Der ״Universul" über die Anregung des Abg. Dr. Straucher. Die vom Abg. Dr. Straucher gemachte Anregung zur Einberufung des Kongresses in Sachen der Emanzipation der Juden in Rumänien hat in der gesamten Presse ein lebhaftes Echo geweckt. Außer den bereits von uns in der vorletzten Nummer zitierten jüdischen Blättern haben auch mehrere große Tageszeitungen zu dieser Frage Stellung genommen. Heute liegt uns die Osternummer des bekannten rumänischcn Blattes ״Universul" vor, das einen längeren Artikel seines Czernowitzer Korrespondenken bringt. Der diesbezügliche Artikel lautet: ״Man weiß, daß vor nicht langer Zeit Herr Take Joncsku, Minister des Innern, sich über die Lage der Juden auf bulgarischem Gebiete ausgesprochen hat, welches von Rumänien anscheut, der sic unendlich und nicht ״Grenze" ist, einer, der für einen Lebensweg des Friedens geboren, einer vom .,gesunden" Durchschnitt, in nuze ein kleiner Soll- und Habenmensch, der mutz sich mit einem jüdischen Mädchen, mit einem Provinzmustcr als Frau überglücklich fühlen. Stellen Sic sich einmal vor: Ein schöncs, braves Mädchen, versteht die Wirtschaft aus dem fs, kocht, näht, stickt, strickt Strümpfe, parliert Französisch, spielt Klavier, mitunter sogar Theater, hat eine Stimme wie ein Vogel, ein feines Mädchen; und zu all den göttlr^en Gäben hat Sic, wie der Schadchen hoch und heing versichert, nach alter Münzwährung 10.000 fl. Nun der Vergleich mit den Töchtern des Buki Steinmann auS der Pratcrstratze! Diese jüdischen Mädchen wollen Kinder haben und pfeifen auf die Linie. Gott sei cs geklagt, daß bei dieser Sehnsucht nach dem Erstgeborenen, die jüdische junge Frau sukzessive mit ihren drei Dimensionen immer grössere Ansprüche an den geometrischen Raum stellt, dass von der alttcstamcntarischen S^onheit Ruths nicht viel übrig bleibt, dass sich die ״holde Prärienblumc" in eine ״gut aussehendc" Mama verwandelt, die ohne Franzcnsbad angeblich nicht leben kann. Es kommt aber häufig vor, dass sie sich mit Baden bei Wien begnügt. Sic können sagen was Sic wollen. Gar so unrecht haben die Töchter des Buki Steinmann aus der Pratcrstratze nicht. Man bekommt Kinder und die feine Linie ist pfutsch. nektiert werden sollte. Diese Erklärung des bcdeutenden Staatsmannes Rumäniens hat eine Diskussion der Presse verursacht. Sämtliche, großen Tagcsblütter, und ganz besonders jene | in Oesterreich, haben die Frage behandelt, und sind dafür cingetreten, daß dieselben Rechte, welche den bulgarischen Juden erteilt werden sollten, auch den rumänischen Juden zuteil werden sollen. Die österreichischen Juden haben die Gelegenheit benützt, um die Aufmerksamkeit der Signatarmächte des Berliner Vertrages auf diesen Gegenstand zu lenken, damit sich diese. für die rumänischen Juden interessieren. Ganz 5 besonders die jüdische Presse in Ocsterrcich-Ungaru hat eine lebhafte Propaganda zu inszeniereu begonnen. Im Mittelpunkte dieser Bewegung steht nun eine Anregung des Herrn Dr. Straucher, Präsident der israel. Kultusgemeindc in Czernowitz und Abgeordneter des österreichischen Parlamentes, dahingehend, die hervorragenden jüdischen Männer Oesterreichs zu einem jüdischen Kongreß in Wien einzuberufen, in welchem die Lage der rumänischen Juden zur Diskussion gestellt werden soll. Da in den hiesigen politischen Kreisen die Sache kommentiert wird, habe ich mir die Mühe gegeben, mich näher für diese Angelegenheit zu interessieren und habe aus der Umgebung Dr. Strauchers über den Kern der Bewegung folgendes erfahren: Die Idee des Kongersscs rührt ausschließlich von Dr. Straucher, welcher sich zunächst für die Lage der rumänischen Juden interessiert. Noch im Jahre 1906 hat derselbe in den Delegationen des österreichischen Parlaments die jüdische Frage in Rumänien besprochen und die Intervention Oesterreichs angerufcn. Dieser Gegenstand ist jedoch damals in suspenso geblieben, weil die Sache von keinem anderen Abgeordneten eine Unterstützung gefunden hat. Seither sind sieben Jahre verstrichen und Dr. Straucher hat nicht geruht, diesen Gegenstand zu verfolgen. Jetzt, nachdem die Lage der bulgarischen Juden zur Diskussion gelangte, hat er den Zeitpunkt für geignet gesunden, neuerlich den Kampf für seine Volksgenossen in Rumänien aufzunehmen, und diesmal hat er sich nicht mehr an das Parlament, sondern an die vornehmen Juden Öfterreich-Ungarns gewendet mit einem programmatischen Aufruf, wie er sich, vom nationalen Standpunkte, die Lösung der rumänischen Judcnfrage denkt. Dieser Aufruf wird auch unterstützt von der jüdischen Presse, so daß die Abhaltung des Kongersses nicht mehr fern ist und es bleibt nur noch die Festsetzung der Formalitäten übrig. Manche sind der Ansicht, daß die Lage der rumänischen Juden direkt auf dem Kongreß besprochen werden soll, während andere glauben, daß cs empfehlenswerter wäre, daß diese Frage indirekt besprochen werden soll. Bis jetzt ist aber Bestimmtes nach dieser Richtung noch nicht beschlossen worden." Direktionssitzung des Jüdischen Nationalfonds. Es waren anwesend die Herren: Dr. M. I. Bodcnheimcr, Köln, Vorsitzender; Dr. A. Hantke, Berlin; Ing. L. Kessler, London; Ing. I. Kremcnezkh, Wien; Prof. Dr. O. Marburg, Berlin; N. Gross, Sekretär des Hauptbureaus Köln; H. Reumann, Sekretär, London. A. Awadiowitz, Berlin. An den Sitzungen nahm auch zeitweilig Herr I. K. Kann, Haag, als Gast teil. Den: vorgelcgtcn Berichte entnehmen wir u. a.: Die Eingänge des Nationalfondes im Jahre 1912 haben mit dem Betrage von drei Viertel Millionen Franken noch nicht die erwartete Höhe erreicht, so dass manche dringende Arbeit in Palästina für einen spätercn Zeitpunkt verschoben werden muhte. Es kann jedoch mit Genugtuung konstatiert werden, dass im letzten Jahre namhafte Summen in den verschiedenen Ländern für den N.-F. testiert wurden. An Schenkungen von Grundstücken in Palästina ist hervorzuhcben: Ein Grundstück in Jerusalem vom verstorbenen Herrn Awerbuch im Werte von zirka 3000 Franken und ein Grundstück der I c a für Jcmenitcnhäuser im Werte von zirka 11000 Mark. Als besonderer Zweig von Zuwendungen Haber! sich die Versicherungen zugunsten des N.-F. in I Amerika entwickelt, die bisher die Höhe von etwa 75.000 Mark erreicht haben. Die Versicherten sind zumeist klei» nere Leute, die sich auf den Ablebensfall versichern, wobei in die Polizze eine Klausel ausgenommen wird, dass dem N.-F. der Betrag von 10 Pfund Sterling oder mehr zwecks Eintragung des Versicherten in das Gol» dene Buch zufließen soll. ES wäre sehr wünschenswert, dass diese Art von Versicherungen sich überall einbürgerte. Tie deutsche Sammelstellc ist jetzt im Begriffe, eine Propaganda nach dieser Richtung einzuleitcn. Organisation. Nach der im letzten Jahre in Angriff genommenen Einrichtung bzw. Ausgestaltung von Zwcigburcaus mit versierten Sekretären ist nunmehr eine Reorganisation unseres Vertrauensmännersystems einerseits und unserer Sammclmittel, in erster Linie der Büchse anderseits möglich geworden, welcher Ausgabe wir uns jetzt widmen. Hierdurch hoffen wir schon in nächster Zeit eine wesentliche Steigerung der Büchsenertrüge bewirken zu können. Unter anderem beschäftigen wir uns mit der Frage der Organisierung von Jugcndgruppcil, die sich dauernd mit der Propaganda des N.-F. auf Grund der Büchscnlcerung und Vertcilung befassen sollen. Einem oft gcäuhertcn Wunsche entsprechend, hat das Hauptburcau grössere Büchsen für Synagogen und öffentliche Lokale Herstellen lassen, die demnächst zur Verteilung gelangen sollen. Neben den Büchsen ist der neue Spcndzweig der ״Arbciterheimstättcn" in den Vordergrund getreten, die sich einer wachsenden Popularität erfreuen. Mit besonderer Freude ist es zu begrüßen, dass sich an der Förderung an der vom N.-Funternommenen Aktion eine Reihe von Kultusgemeinden Bb.-Logen und sonstige hervorragende Körperschaften sowie Privatpersonen bcteiugen. Bis jetzt sind etwa achtzig Häuser gespendet worden. Die unzureichenden Mittel baben unsere palästinensische Vertretung veranlasst, auf ein momentanes Eindämmen der Jemcnitencinwanderung hinzuwirkcn. Es ist jedoch sicher, dass in dem Matze, als die Angcsiedcltcn sich nklimatisicrcn und wohlfühlcn werden, die weitere Einwanderung wieder stärker cinsetzcn wird. Dafür!nutz der N.-F. schon jetzt Vorsorgen und die Aktion für Hnuscrspcndcn energisch fortsctzen. Bewilligung von 50.000 Franken für weitere Jemenitcnhäuser. In Berücksichtigung des letzterwähnten Umstandes beschloss.das!Dircktoriunr, entsprechenden Boden für Jcmenitenhäuser zu erwerben und für diese selbst einen weiteren Betrag von 50.000 Franken zu bewilligen. Mäbchenfarui. Auf Grund des Beschlusses in einer früheren Sitzung berichtete der Vorsitzende, dass mit dem Frauenverband für Kulturarbeit in Palästina eine Vereinbarung getroffen worden ist, wonach demselben für die Ausgestaltung der Mädchcnfarm auf Kinereth ein Darlehen von Franken 6000 gegen Rückzahlung in sechs Jahresraten bewilligt wurde. Ankauf eines Bauplatzes für das Hebräische Gymnasium Jerusaleni. Mit Rücksicht darauf, dass die Sammlungcn in Galizien zur Aufbringung von 100.000 Fraukcn für die Gebäude sich einem erfolgreichen Abschluß nähern, beschloss das Direktorium, nunmehr den Bauplatz für das Gymnasium zu erwerben. Nachlath Jehuda. Bereits in einer früheren DirekioriumSsitzung wurde der Beschluß gefasst, dem Ödessaer Komitee ein Darlehen von 30.000 Franken für eine Arbeitersiedlung bei Rischon le Zion unter denselben Bedingungen wie bei Ein Ganin zu gewähren. Dieser Beschluß gelangte in dieser Sitzung neuerdings zur Verhandlung und soll nunmehr durchgeführt werden. Bauplatz für ein Krankenhaus in Jaffa. Das Direktorium hatte in einer früheren Sitzung beschlossen, unter gewissen Voraussetzungen den Betrag von 20.000 Franken für den Ankauf eines Bauplatzes für das Krankenhaus in Jaffa zu bewilligen. Da diesen Voraussctzungen nunmehr entsprochen ist, so soll nunmehr der erforderliche Betrag zur Verfügung gestellt werden. Bekämpfung der Malaria in Palästina. Nach einem Berichte von Herrn Prof. Marburg über die Begrüudüng eines internationalen Gesundhcitskomitees, das den Zweck hat, die Malaria, von der ein Teil unserer Kolonisten schwer heimgesucht wird, zu bekämpfen, beschloss daS Direktorium, sich für das laufende Jahr mit einem Beitrag von 2000 Mark zu beteiligten. Der DirckwriumSsitzung lagen eine Reihe von Anträgen aus Palästina vor» die sich auf die Gewährung von Agrar- und anderen Krediten, die zum Teil bereits Gegenstand von Beschlüssen waren, bezogen. Leider kann der N.-F., dessen verfügbare Mittel unter Berücksichtigung der erforderlichen Reserve fast vollständig in Anspruch genommen sind, diesen Anträgen nicht stattgeben. Es wurde dem dringenden Wunsche Ausdruck ’ gegeben, dass die Freunde des N.-F. in der nächsten Zeit 1 erhöhte Anstrengungen machen, damit er in die Lage komme, eine Reihe von wichtigen und längst als drm- : gend erkannte Aufgaben zu erfüllen. £ Sternhof § bestes aller Bitterwässer.