Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 18. Wiener Aacslrickten Eine ״Luegcrstadt". Der Stadt Wien soll in Bälde ein 22. Bezirk einvcrlcibt werden. Und zwar ist dafür der neu verbaute Teil auf der Schmelz in Aussicht genommcn. Nun hat die Bczirksvcrtrctung Fünfhaus bcschlosse», sich mit allen Kräften dafür einzusctzcn, daß der neue Bezirk den Namen Dr. Karl Luegerstadt erhalten solle. Einen ähnlichen Antrag hat auch der christlichsoziale Gcmeindcrat Wimbcrger in einer der letzten Gcmcindcratssitzungen gcstcUi. Es kann also kein Zweifel mehr darüber sein, daß der Antiscmitenhäuptling Lueger in einem Bczirksnamcn verewigt werden wird. Das isi wieder ein christlichsozialcr Vorstotz. Die Liberalcn und Sozialdemokraten im Wiener Gcmeindcrat finden aber kein Wort des Protestes gegen diesen neuesie» Willkürakt der Christlichsozialcn. Ihnen ist es langweilig geworden, gegen die siegreichen Antisemiten zu kämpfen und sic ziehen cs vor, für eine Weile zum Gaudium der Wiener Judenfeinde gegeneinander zuhadern. Unter solchen Umständen dürfte cs nicht überraschen, wenn in allernächster Zeit findige christ lichsoziale Köpfe nach Muster der Dr. Karl Lucgcrstadt eine McchanikuS Ernst Schncidcrftadt, eine Grcislcr Hermann Biclohlawckstadt, eine Ncjcschlcbastadt, eine Exz. Dr. Richard Wcitzkirchncrstadt und andere Städte mit Namen ähnlichen Kalibers beantragen werden. In diescr Beziehung ist Wien die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Wien, 24. April. (Leichenbegängnissc.) Gestern, am zweiten Tage des Petzachfestes, um 4 Uhr nachm., wurde Frau Marie Stötzlcr, die Gattin des Ncu-Rautznitzcr Oberkantors und Gcmcindcsckrctärs, Herrn Leopold Stötzlcr, am Wiener Zcntralfriedhofc zu Grabe getragen, nachdem sic ihren vergeblich bekämpften Leiden im Rothschild-Spitale, daselbst im 73. Lebensjahre erlag. Dieser Todesfall hat das Band einer bald 50jährigen glücklichen Ehe, der vier Söhne und drei Töchter entstammen, unerbittlich zerrissen und eine sehr geachtete, in weiten Kreisen bekannte und geschätzte Familie in tiefe Trauer versetzt. Mit der Familie trauert aber auch die Gemeinde Ncu-Rautznitz, in der die Verstorbene viele Jahre an der Spitze des jüdischen Frauenvereines stand, verdienstlich wirkte und durch ihre Güte, Leutseligkeit und Menschenfreundlichkeit sich allgemeine Wertschätzung erwarb. Die Verehrung für die Verstorbene und deren Familie gelangte denn auch beim gestrigen Begräbnisse zum sichtbaren Ausdrucke, denn nebst den Verwandten hat sich eine grotze Zahl der in Wien lebenden Ncu-Rautznitzcr cingcftindcn, um der fern von der Heimat Dahingcschicdcncn und in fremde Erde Versenkten die letzten LiebeSgrütze zu entbieten. So cntloickcltc sich ein Lcichcnzug von ungefähr 300 Personen, der an einem jüdischen Feiertage und zumal zu so ungewohnter Stunde wohl als seltene Pictätökundgebung zu verzeichnen ist. Möge diese dem schwergeprüften, trauernden Gatten und allen Familicnangehörigen zum Tröste und zur Aufrichtung dienen. Möge die teuere Verstorbene nun noch den Schcidcgruh der Heimat empfangen und in Frieden ruhen. Ihr Andenken gereiche zum Segen! Unmittelbar vor diesem Begräbnis ereignete sich der wohl äutzersi seltene Fall, datz ein Mann ohne jeden Angehörigen bestattet wurde: der Kaufmann Jakob AlmoSlino ans Triest. Er starb hier im Wilhelminen- Spital, <>0 Jahre alt. Die Kunde von diesem einsamen Toten verbreitete sich rasch in der Zcrcmonicnhallc und ergriff aller Herzen. Sogleich gesellte sich zu dem Funktionär bei diesem Sarge nebst dem Vertreter der Chcwra Kadischa und dem Gcmcindcbamtcn eine Anzahl Manncr und Frauen und so lvurdc dem einsam Verstorbenen nach jüdischer Satzung auch die letzte Ehre. L. Wien-Floridsdorf. Die am 19. d. M. stattgchabtc Barmizwahfeicr des älteren Sohnes unseres Herrn Rabbiners Dr. M. Rosenmann ging besonders eindrucksvoll vor sich. Im Tempel fanden sich ein Delegierte verschiedener Korporationen, besonders stark war der Vorstand der Bezirkskommission und -des Frauen- Vereines vertreten. Der Konfirmand Jakob las seine Paraschah aus der heiligen Schrift in traditioneller Betonung und trug die Segcnssprüchc mit jugendlich Hellem Organ vor. Der Herr Rabbiner hielt an ihn eine eindrucksvolle Ansprache, in der er ihn aufsordcric, den Traditionen des- Elternhauses treu zu sein. Nach dem Gottesdienste fanden sich Deputationen des Tcmpelvornandes, der Chcwra Kadischa, des Humanität-:׳- vereine Ehaunon Dal, der Talmud-Thora und des FraucnvercincS in der Wohnung des Herrn Rabbiners ein, in deren Namen die Herren: Dr. König, Emanuel Grünwald, Gabriel Dukes und Frau Präsidentin Heuricttc Griinwald ihre Gratulationen darbrachlen. Die Barmizwah war ein wahres Gcmciudcfcst. Wien An jener historischen Stätte, an׳ der Hcrzl zum erstenmal die Fahne des Zionismus öffentlich entfaltete, veranstaltete der junge Misrachivercin hier am 10. April sein eigentlich erstes Debüt. Lange vor Beginn des Vortrages war der grotze Festsaal des Hotel Eontinental bis auf das letzte Fleckchen von einem distinguicrtcn Publikum besetzt. Nach einer kurzen Anspräche des Vcrcinsobmannes Herrn Isidor Austerlitz, in welcher er die Anwesenden zur aktiven Mitarbeit für unsere großen Ideale auffordertc, nahm Herr Rabbiner Dr. Grünwald, lebhaft begrüßt, zu seinem ״Paläsiinajudcntum" benannten Vortrag das Wort. Zunächst gab der Redner einen gedrängten llcbcrblick über die Entwicklung des Judentums im letzten Jahrhundert bis zum Auftauchcn des praktischen Palästinagcdankcns, Worauf er zur Schilderung seiner Rcisecindrückc in unferm Palästinaneuland ״Jischuw hachodosch" überging. In gewohnter fesiclndcr Darstellung entwarf der Redner ein Bild des gesund pulsierenden jüdischen Lebens in den Kolonien und — an Hand von Daten — der fortschreitenden materiellen und kulturellen Entwicklung des Landes. Einen erhabenen Eindruck machte namcntlich der Hinweis auf den mächtigen Einfluß, den das Milieu und das Leben in Palästina auf die Hebung des ethischen, moralischen und religiösen Geistes der Bewohner ausübe, welcher Gedanke in dem schönen Bilde zum Ausdruck gebracht wurde: So wie die Biene auS allem, was sie aufnimmt nur Honig erzeugt, so erzeugt Palästina aus allem, was dort intellektuell sich betätigt: Religion. Diese Judaisierungstcndenz und Renaissance des jüdischen Geistes ist zum großen Teil der hebräischen Sprache zu danken, mit deren Einzug auch gutjüdischcr Geist wieder wachgcrufcn wurde. Unser Streben müsse darum dahingchcn, jener Renaissance ein Zentrum, eine Stätte der Reinkultur zu schaffen, um Hinweisen zu können: Sehet, so sieht daS Judentum mit diesem Zen-' trum aus! Die Juden der Goluthländcr.sollen wieder, von dort, in wohltätiger Wechselwirkung, neue Jnfpirat׳oncn aufnchmcn und der Verwirklichung zuführcn. Unsere Pflicht ist cS aber auch, mit größtem Nachdruck für die Pflege der Kenntnis der hebräischen Sprache zu wirken, wozu die Schaffung von Kursen mit der bcwährten Methode Iwrith bc Iwrith erforderlich ist. Den mächtigen Eindruck des Vortrages bekundeten die mit wahrem Jubel aufgcnommcncn Dankeswortc, die Herr Rabbiner Kramer namens der Versammlung an den Vortragenden richtete und in tvclchcn er sagte: Nur >ver von so großer Liebe für das Judentum und Palästina durchdrungen ist, der vermag das Palästinajudentum so zu schildern und so zu sehen, wie der Vortragcude dies getan. Und nur wer von der unlösbaren Einheit von Palästina und Judentum durchdrungen ist, dem ist Palästinajudcntum das Ideal, dessen Verwirklicbung wir mit unserem besten Können anstrcbcn müssen. Nach dem Vortrage versammelte sich eine grotze Anzahl der Teilnehmer, Damen und Herren, in der :Restauration Pinkas zu einem gemütlichen Abendessen, in dessen Verlaufe gehaltvolle Toaste gewechselt wurden. Herr Dr. Grunwald leitete von der Bezeichnung Ercz Jisrocl als ״Ercz Zcwi" in geistvoller Form die Folgerung ab, das; alle Schattierungen des Judentums in gemeinsamer friedlicher Tätigkeit für Palästina arbcitcn müssen und sagte dem Misrachi seine kräftigste Unterstützung zu. NIEDERLÄNDISCHE LEBENSVERSICHERUNGS-GESELL- |SCHAFT, WIEN, I.. ASPERNPLATZ 1. im eigenen Palais. — Versichertes Kapital cirka 400 Millionen ׳ Reserven cilka 116 Millionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht. — Unser neuester Tarif mit 50/0 jährlich fallender garantierte Prämie, General-Agentur für Wien, I., Aspernplatz 1, Leiter David Nebenzahl, Sub.Direktion für Prag, Ferdinandsstr. 20. neu, Leiter Robert Gerstel Sub. Direktion für Lemberg, Szajoucha 3. Leiter Löbl Taubes. General-Agentur für Krakau Nathan Rössner, St. Sebastians 10, Generalagentur für Bielitz. Schlossgraben 9, Leiter Adolf Heitling. Hauptagentur fOr Brünn, Wawrastrasse 10. Leiter: Samuel Reiniger. Zur Ausländerfrace an den deutschen Universitäten. Ter Verband der ofijüdischcn Studculcnvercine von Westeuropa versendet folgende Erklärung: Vor einiger Zeit wurde ein Beschluß der Univcrsität Leipzig bckannigcgcbcn, wonach an der genannten Universität fortan nur solche Studenten aus Rußland ausgenommen werden sollen, die ein 2semcjtrigcs Heimstudium aufwciscn können. Dieser Beschluß wurde von einem Teil der deutschen Presse als allseitig bcfriedigcndc und die einzig gerechte Lösung der Ausländerfrage bezeichnet, da den Studierenden aus :Rußland doch die Möglichkeit gewahrt ivürde, ihre Studien an deutscheu Universitäten fortzusetzen. Es lvurdc auch der Wunsch geäußert, die übrigen deutschen Universitäten möchten dem Beispiele Leipzigs folgen. Da diese Beurteilung auf einem völligen Berkent nen der dadurch geschaffenen tatsächlichen Situation beruht, sicht sich das Zentralburcau des Verbandes ostjüdischer Studentenvcrcinc in West-Europa (Deutschland, Oesterreich, Schweiz, Frankreich, Belgien) zu folgcnder Erklärung genötigt. Der weitaus größte Teil der in Deutschland studicrcnden russischen Staatsangehörigen — etwa 80 Prozcnt — besteht aus Juden, die in Rußland auf Grund der für sic herrschenden Ausnahmegesetze von Univcrsitätsstudium fast vollständig ausgeschlossen sind und zwar durch die Bestimmung, daß an den ruffischen Universitäten Juden in ganz beschränktem Maß (3—5 Prozent der Zahl der nichtjüdischen Studierenden) ausgenommen tvcrdcn können. Es ist also dem größten Teil der jüdischen Jugend die Möglichkeit genommen, an einer heimatlichen Universität auch nur immatrikulicrt zu werden, und demnach sind diese schon von Anfang an aus die Gastfreundschaft der deutschen Univcrsitätcn angewiesen. Der Beschluß der Universität Leipzig — wenn er auch ohne bestimmte Absicht erfolgt ist — beraubt, wie auf der Hand liegt, gerade die ruffischen Juden vollständig jeder Möglichkeit, an der Universität Leipzig zu studieren. Er geht in dieser Hinsicht also weit über die Forderungen hinaus, welche die antisemitischen Blätter aufstcllen. Wir glauben darum, datz alle diejenigen, die mit der traurigen Lage der russisch-jüdischen Jugend vcrtraut sind, die Leipziger Bestimmung nicht mehr als befriedigende Lösung der sogenannten.Auständcrfrage bezeichnen werden. Dfskonto-uasellschaft bei der u Norddsterreichischen Bankr Kr Industrie, Handel und Landwirtschaft, reglst• 1 rierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Brünn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. Empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankgescb&fte, hauptsächlich auch rar den ע Eskompt offener Buchforderungen unter den allergünstigsten Bedingungen. Die Ausschließung deutsch-jüdischer Studenten von der Universität München. Auch an der hiesigen Alma mater sollen künstig, wie in Leipzig, jüdische Stade-'.׳en aus Rußland nicht mehr immatrikuliert werden! Ein jüdischer Student, der in Rußland ein Gymnasiumabsolviert und in Bern sein erstes Semester verbracht hat, erhielt auf sein Gesuch um Immatrikulation an der llnivcrsität München folgende gedruckte Erwidcrung: ..llnivcrsität München. Immatrikulation von Studierenden aus Rußland und aus den Balkanstatcn. Für die .an der hiesigen Universität studierenden russischen Staatsangehörigen wurde von der bayrischest Regierung im Frühjahr 1911 eine Höchstzahl festgesetzt. Diese Ziffer ist zurzeit noch weit überschritten, da aus früheren Semestern noch viele russische Studenten immatrikulicrt sind; es ist auch für die nächsten Semester kein solcher Abgang zu erwarten, daß Neuaufnahmen stattfindcn können. Wenn wieder Plätze frei werden, so können nur solche ruffischc Studierende aufgcnommcu werden, die sich über eine ausreichende Kenntnis der deutschen Sprache sowie darüber ausweisen, daß sic ein achtktassigcs .Knabcngymuafium absolviert und schon an einer russischen Universität oder ruffischc» tcchnischeu Hochschule studiert haben. Auch für die Studierenden aus den Balkanjtaatc» sind Höchstzahlcn festgesetzt und können nur insoweit Aufnahmen siattsindcn, als Abgänge stattfinden; Gesuche um Vormerkungen aus srciwerdcnde Plätze können unter Beifügung der Zeugnisse an das Universitäts- Rektorat gerichtet werden." Die Ausschließung der russisch-jüdischen Studenten von der Leipziger Universität, Unter der Einwirkung der Ausländerhetzc an den deutschen Universitären hat der Senat der Universität Leipzig beschlossen, daß künftig nur solche Studenten aus Rußland in Leipzig immatrikuliert werden sollen, die ein zivcisemcstrigcs Hochschulstudium in ihrer Heimat aufwciscn können. Dieser Beschluß bedeutet eine, wenn auch vielleicht uiibcabsichtigtc, völlige Ausschlietzung der russisch-jüdischen Studenten von der Leipziger Universität. In einer vom Verband her ostjüdischcn Stu-