Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 ״Jüdische Bolksstimme." «eile S. fcu können, ivoher diese Fülle deS Jammers, diese ungeheurc Mutlosigkeit in seinen Gestalten. lind ihr w-.rdet, vom Gefühl hingerissen, eure Augen, eure Herzen auftun. Werdet eure Brüder mit anderen Augen betrachten. Tas Verlangen wird machtvoll in euch rege sein: Wir loolkcn ihnen nicht Wohltäter, schaffende Brüder wollen wir ihnen sein, helfende, ratende Brüder, die mit dem Herzen begleiten die Tat ihrer Hände. Bon den Armen und Elenden, von den Aermsten und Elendesten singt uns Dembitzer. Bon denen, die doppelt hart tragen an des Lebens Bürde, weil ihnen das fehlt, was die härteste Arbeit munter fortschrciten macht, was im größten Unglück inneren Halt gewährt: Das Bewußtsein eigener, ehrlicher .Kraft, das Vertrauen auf eigene Ehre. Schnorrerlieder sind cs, die oft dem Dichter aus der Seele fliegen. Und sie gehören zu seinen schönsten und stärksten Dichtungen. Wer kennt nicht die Schnorrer und — wir wollen offen sein —, wie viele gibt es, die ohne jene herablassende Freundlichkeit, tvcnn nicht kalte Verachtung von ihnen denken? Dem einen ist einmal ein frecher Schnorrer in den Weg gekommen, dem andern hat ein anderer piellcickit gar etwas gestohlen... Und darum sind wir. nach echter Antiscmitenart generalisierend, allen gegenüber die Ersahrencn, die mit ״diesen Herren schon genug zu tu» gehabt, schon genug traurige Erfahrungen gemacht haben." Und wenn wir auch, tveil wir ja Juden sind und darum, dem Drängen unseres Innern folgend, Wohltätigkeitsstätteu ins Leben rufen: Die echte, altjüdische Wohltätigkeit ist selten nur zu finden, bureankratische Disziplin hat sie verdrängt. Der Arme ist unsnUinählich nichts mehr geivorden, als ein Posten in unserer Rassenbilanz, ein notwendiges, wenn auch ohne Widerwillen geduldetes Belastungsobjekt unserer überflüssigen Summe. Denn — bei dieser Gelegenheit — unsere Ausgaben für Z'dokoh schneiden uns nicht allzutief ins Fleisch. Wir ״geben" bei festlichen Gelegenheiten, an ״gewissen" Tagen oder in gewisser guter Laune. Tas Bewußtsein, das wir Z'dokoh schuldig sind) schtvindet so ziemlich.-Und darum sind >oir die Herren, die, erhaben über alle Schnorrcrseelc, im Vorstände sitzen und Gericht halte» und Urteil sprechen. Und darum kommt unser armer, von des Lebens grausamer Well' hin und her getriebener Bruder zu uns, nicht in froher Hoffnung, neben dem Gelbe ein freundlich Wort, einen tröstenden Blick zu erhalten; traurig, schmerzlich berührt, demütig streckt ec die zitternde Hand entgegen; wagt es nicht, zum Bruder zu sprechen; denn vor ihm steht, im Bewußtsein seiner Würde, ein Herr vom Vorstände. Wie sagt, wiesingt cs Dembitzer? ... .... Reiche Männer, junge Damen 's is' der Vorstand vun Verein Langsam, langsam seht ibr treten Zitterdig a Man arein. Beigt er, beigt er als sein Rücken 'S scheint, as 's Hot die ^di NN Noit Dos!Gefühl vun ihm verloschen II11 dem Stolz in ihm gctoit.... Er begegnet jene Blicken Welche sennen ihm bekannt. Den» er fahrt arnm a Fremder Fahrt »nun vun Land zu Land. Hot schoin auch geprüft zu beten Arbeit 1111 a ruhig Ort.... Doch die Herren vun dem Vorstand Hennen schoin a solche ״Sort"'... Wagen ivagt er nit zu reden Doch sei» Ponim red't far ihm Und dcrzählt die tiefe Leiden Wie er walgert sich arnm.... Ei, die Herren sennen kluge. Hoben Menschenkenntnis viel Seht, sei lachen mit die Damen Und sei reden eppes still.... Fo, dos Urteil, Ivos bekummeu Wct der bleicher Mann vun sei FK araus schoin: — 's is a .Starte Far ein Mark un Groschen zwei. Nit getraut ihm! Seht a Diener Er begleit ihm zu der Bahn Denn verkoifen kenn die Karte Noch der ormcr bleicher Mail». Wenn er sitzt in Bahn in Stillkeit Werd sein Ponim durchgewcikt Trähren kummen. glühend heiße, Gott, Er seht dos un Er schweigt. 's fohrt der Zug schoin, un sein Reise Werd gemacht als weiter fort.- Ach, du ormer Wand'rer müder. Wenn gefinnstu schoin a Ort?!- (Fortsetzung folgt.) YERLOBUNQ5-RINQE BRAUTSCItttUCK - * HOCHZE1T5QE5CHENKE ENE-RINUE -. in hervorragender Auswahl zu besonders billigen Preisen. Berthold* Bachner, k. u. k. Hoflieferant, Juwelen•, Uhren-, Goldu. Silberwarenhandlung Brünn, nur Ferdinandsgasse Nr. 2. W* Provinzaufträge finden sofortige Erledigung. Schauturnendes jüdischen Turn- Vereines in Brünn. Wie wir bereits berichtet haben, fand am 20. April d. F. im großen Festsaale des Deutschen Hauses das Schauturnen des jüdischen Turnvereines Brünn statt. Es war dies die erste rein turnerische Veranstaltung unseres jungen Vereines. Wir wollen gleich eingangs Was verdankt das Christentum dem Judentum. Unter diesem Titel schreibt Herr Pfarrer H e y n in den ״Mitteilungen": ״In der Tat also, cs sind hohe religiöse und sittliche Werte, die das Christentum dem Judentum verdankt. Man müßte ja blind sein oder nicht Bescheid wissen, wen» man leugnen wollte. Daß ich zusammenfasse: das Christentum verdankt dem Judentum nichts Geringeres als: 1. den Monatheismns, den Glauben an den einen, allmächtigen, gerechten und gütigen Vater und Herrn der Welt; 2. die Loslösung der Religion vom Schein und Zwang und ihre Erfassung als freie Hingabe der Menschcnseclc an die Gottheit; 3. den Messiasgedanken; st, die Hoffnung ewigen Lebens; 5. eine Sittenlehre, die Ernst macht mit dein Gebot der Pflicht: Du sollst und du sollst nicht! und die dennoch die freie Persönlichkeit des Menschen immer mehr schätzt und achtet und ihr zu ihrem Rechte verhelfen will. Das sind die Tatsachen, und ich bekenne frei heraus: hätte die Christenheit dies Erbe sich allezeit rein und unversehrt erhalten, sie hätte sich manchen Irrweg und manchen bösen Zank und Streit ersparen könne». Nach zlvci Richtungen will ich das kurz auSführe». Sie wissen, wie die alte christliche Kirche sich tvirklick, Kopf und Herz zermürbt hat mit dem Gedanke» an Trinität. Wenn du selig werden willst, heißt eS i» den! eine» Bekenntnis, mußt du vor allem den rechten chriitunseres Berichtes feststellcn, daß der Turnverein einen Erfolg zu verzeichnen hatte, der die viele Arbeit lohnt, I C5itau6cu haben; nämlich daß man die Gottheit welche bisher ausgewendet wurde und der dem Verein j״ brci ..P,rso״en" auseinanderdenkt und diese drei bei Freund und Feind jene Anerkennung verschaffen wird, die er bereits heute verdient. Mit turnerischer Pünktlichkeit gab der Turnwart des Vereines, Herr techn. Gottlob das Zeichen zum Beginn. Unter den Klängen der Hatikvah marschierten die ausübenden Mitglieder des Vereines, 108 an der Zahl, in den Saal. Nach beendigter Aufstellung betrat der Obmann, Herr Dir. Wicsner das Podium und begrüßte mit wenigen Worten die erschienen Gäste. Hierauf begannen die turnerischen Vorführungen, die in bunter Folge ein Bild der turnerischen Arbeit des Vereines gaben. Wir wollen uns nicht in Tetailbetrachtu »gen einlassen, wir wollen nur sagen, daß sowohl die Herrenriege, als auch die Damen eine turnerische Vollendung zeigten, die in jeder Hinsicht überraschte, die turnerische Disziplin, die Exaktheit in der Vorführung der Freiübungen, das harmonische Zusammenwirken der turnerischen Bewegungen boten ein erfreuliches Bild turnerischer Vollendung. Namentlich hervorheben wollen wir die Hoffnung unseres Vereines, die an Zahl bedeutende Zöglingsricgc, welche sowohl bei den Freiübungen als insbesondere beim Sektionsturnen am Barren Leistungen zeigte, die den Verein berechtigen, mit Beruhigung in die Zukunft zu blicken. Diese strammen Jungen brauchen den Verein um einen guten turne risch «usgebildeten Nachwuchs nicht bange zu machen. Zn der Sondervorführung zeigte eine gemischte Damen- und Herrenriege eine» Stab- und Keulenreigen, der in seiner turnerischen Schönheit den Hohe- Punkt des Schauturnens bildete. De» turnerischen Fachmann allerdings erfreuie noch mehr die Herrenriegc am :!!eck, an welchem unsere Vorturner mit tollkühner Verwegenheit Hebungen zeigten, die man selbst in alten turnerisch hochstehenden Vereinen selten zu sehen bckonnnt. Alles in allem: Der jüdische Turnverein Brünn hat mit seinem Schauturnen bewiesen, daß die Hoffnungen, die die jüdische Ocfsentlichkeil Brünn-: in diesen Verein setzt, berechtigt sind. Auch der Besuch des Schauturnens war über Er warten gut. Unter den Anwesenden befanden sich Rabbiner Dr. Levy, Stadtrat Feldmann, der Obmann des jüdischen Turnvereines in Wien, Dr. Beer, Vertreter! der Turnvereine in Boskowitz und Proßnitz, Vertreter fast aller jüdischen Vereine Brünns. Tie Knllusge ineinde selbst war trotz Einladung offiziell nicht vertretcn. Herr Tr. Fiala hat vom Schauturnen dieses leben»- fähigsten jüdischen Vereines Brünns überhaupt keine Kenntnis genommen. Mit Genugtuung sei dagegen festgestellt, daß der Bürgermeister der Stadtgemeinde Brünn, Herr Dr. Ritter v. Wieser, sein Fernbleiben vom Schauturnen durch Unwohlsein entschuldigte und den Verein zu seiner weiteren Tätigkeit beglückwünsch;. — In. — Z Sternhof I bestes aller Bitterwässer. .ד dann doch wieder in eins zusammenzuschließen vermag. Wer diesen echten wahren katholischen Glauben nicht unversehrt bewahrt, der soll etviglich nicht selig werden könne». Nun mag es manche Theologen heute noch reizen, die Vereinbarkeit dieses Dogmas mit dem vernünftigen Denken zusammenzureimen. Das israelitische Empfinden aber wird für diese Plage, die die alten christlichen Theologen sich gemacht, kein Verständnis haben. Ta steht ja wie mit granitener Schrift: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir! Tas wird sich die christliche Gemeinde immer Wieder sagen lassen müssen: Ihr mögt den Christus so hock) stellen, wie ihr wollt — er verdient cs — ihr mögt ihn hren and lieben, ihr sollt es — aber ihr sollt ihn nicht neben den ewigen Vater stellen, denn einer ist Gott, der alte Jahve? Deni gegenüber muß cs dabei bleiben, was. wie Jesus, so auch die alten israelitischen Propheten ihrem Volke verkündigt haben: Gott vergibt seinen Kindern, die sich mit ihm zu heiligem Bunde vereinen und demütig sind vor ihm, ihre Sünde ohne Rcchtsbedenken und Rcditssüync, ahne Opfer und Gabe», aus freier väterlicher Güte und Barmherzigkeit. Er fordert nicht Gaben und Sühnungen. Er fordert ein demütiges Herz und ei» reumütiges Bekenntnis und gläubige Znversicht. Nur daran hängt seine Gnade, daß eine wahre Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe zwischen ihm und seinem Volke begründet ivird und bestehen bleibt. Fa, noch mehr: der Ewige selber ist es, der diese Gemeiuschaft schaffen will, um seiner Liebe und seiner ewigen Friedensgedanke» willen. Er selbst Ivill scheuken und opfern, was dazu nötig ist. Aber er will sich nicht abnöngen lassen, oder seine Liebe nicht wecke» lasse» durch Menschenwerke oder Kaufpreis. In diesen beiden Richtungen kann gerade das Alte Testament dazu verhelfe», auch der Ehrisienheit den Weg zeigen zum rechten Verständnis des echten Christcntnms. Und wenn nun so starke religiöse und sittliche Verbindungslinien die alte jüdische und die junge christliche Gemeinde verbinden, dann empfinde ich den ganzen falschen Antisemitismus, um mit dem Worte des großen Dulders auf dem Kaiserthrone zu sprechen, als eine Schmach. Nicht bloß für das neunzehnte, nein, auch für das ztvanzigjie Jahrhundert." ES ist!virklich höchste Zeit, daß die berufenen Lehrer und Führer des Christentums einsehen, zu welchen Konsequenzen die antisemitische Bekämpfung des Judentums führen muß. Fm eigenen Interesse des Christentums ist es ihre Pflicht, die jüdischen Heiligtümer zu verteidigen. Wer die Religion einer Gemeinschaft verhöhnt, dein fehlt es an innerer Religiosität. Juden :lud Christen sind nicht dazu da, um einander zu befehden, sonder» einander zu ergänzen. Beide sollen gemeinsam die Veredelung der Menschheit und die Verbreitung wahrer Sittlichkeit anstreben.