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Jüdische Volksstimme · 1913-05-01 · Heft 18 (1.5.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 18 (1.5.1913)
Date
1913-05-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Sk. 16 ״jüdische Bolksstimme." zu machen. Darauf gibt es eine einfache Antwort: u»= j ,Sinifte unseres!)oimatlojeu Volkes zur Arbeit serc westeuropäischen Juden sind noch nicht zu der geifür die nationale Erneuerung zusammenschliesit. bringen zu können. Da drängt sich nun unwillkürlich die Frage auf, wodurch cs denn eigentlich dazu kam, daß unsere Monarchie in eine so schwierige Situation gebracht wnrdc. Die Antwort ist die möglichst einfachste: durch unsere vollkommen verkehrte Innenpolitik. Unsere heutige Lage ist die Konsequenz des unglückseligen Dualismus, dessen einziges Resultat die immer größere Zcrtrünuncrung unserer Rcichscinhcit ist, das Resultat des sinnlosesten Chauvinismus und Rasicnhaffes. Wenn Deutsche und Tschechen, Magyaren und Nichtmagyarcn, Polen und Ruthenen in gegcnscitigcm, unaufhörlichem Hasic einander befehden und bchctze», so führt das sicher in logischester Reihenfolge zu einem vollständigen Aufhörcn der österreichischen Nölkcrsolidarität und zur endlichen Zertrümmerung der ganzen Monarchie. Das unter solchen Umständen ein Volksparlamcnt Farce ist und an eine gedeihliche sozial- Ivirtschaftlichc Großarbcit nicht gedacht tvcrdcn kann, ergibt sich ja von selbst. Wenn Völker einander belauern und sich jeden Vorteil mißgönnen, so hört damit jede gemeinsame Parlamentstätigkcit ans, da dann jeder Volksvertreter nicht aus ■ Rcichsvortcilc, sondern bloß aus Vorteile seines Jntcreffcntcnkrciscs sicht. Man muß also unbedingt einen Modus finden, der durch die Vorteile der einzelnen Völker die Reichsintcresicn wahrt. So kommt man auf Umwegen wieder zu den Rcsulrate», die vor Jahrzehnten schon Palacky gefunden und propagierte, nämlich: nationale Autonomie. Bei diesem Punkte setzt nun die großöstcrrcichischc Bewegung ein. Sic fordert nationale Autonomie mit autonomer Selbstverwaltung jeder Nation. So wäre die Möglichkeit gegeben, die Resultate egoistischer Volksarbcit zu einem gedeihlichen Ganzen für die Reichscinhcit und österreichische Kultur und Wirtschaftspolitik zu vereinigen. Nationale Streitigkeiten mußten so ein Ende finden, denn wenn die Deutsche» für sich in Böhmen Autonomie verlangen, so müssen sie diese auch den Tschechen geben und dieselbe Autonomie, die die Magyaren für sich fordern, könnten sic den Kroaten und Sicbcnbürgcr Sachsen nicht vorenthaltcn und so wäre dann der staatsaufrcibcnde Chauvinismus und völkische Jntcressenkampf endgültig beseitigt. Jetzt handelt cs sich nur darum, eine Grundbasis für die staatliche Neuordnung zu finden und diese Basis lvärc die — jüdische Nation. Denn wenn man in dem Standpunkte der nationalen Autonomie, dem Futzpunktc der großöstcrrcichischen Bewegung, die Lösung des Problems erblickt, so ist cs eine Konsequenz dieser Tatsache, auch den Juden ihre nationale Autonc.mie zuzusprcchen. Damit wären zwei Fragen auf einmal gelöst, den Juden wäre endlich nach langem Ringen ihre Autonomie zugcstanden und ferner wäre eine staatlich anerkannte Nation da, die, objektiv bcobachtet, ein Bindeglied zwischen den divergierenden Nationen wäre, da sic national selbständig den Rationalstandpuntt der einzelnen Völker nicht tangieren würde, ötonomisch aber doch mit deren Jntercsicn vcrbunden ist. So ergibt sich also für eine gedeihliche Zukunft Oesterreichs die nationale Autonomie der Juden als unbedingte Notwendigkeit. Damit wäre auch gleichzeitig ein Anwurf der Gegner des Zionismus, daß er staatsschädlich und «patriotisch wäre, widerlegt. Ich weiß tvohl, daß Leute, die sich die ״w a h r c n Z i o n i st c n" nennen, gegen diese Sätze die Behauptung aufstcllcn werden: der Zionismus erstrebt eine rechtlich-gesicherte Heimstätte in Palästina für das jüdischc Volk, hat aber keine österreichische Innenpolitik ״Und wo denken Sic zu kaufen?" Hier wurde ich etwas verwirrt, doch gleich faßte ich mich. Cincrlei, dachte ich mir, ich will cs wagen und dabei kann ich mich über ״Seine Hochwohlgcborcn" ein lvcnig lustig machen. Ruhig antwortete ich: ״Ich kaufe bei Lconid Andrcjcss." Es ging durch. ״Und wem verkaufen Sie?" ״Kuprin, Sollogub und Arzybascheff." (Es sind dies Namen moderner rusiischcr Schriftsteller.) Die hohe Obrigkeit sann nach und dann wurde ich in Gnaden entlasten. Doch bereits nach zwei Tagen wurde ich wieder hinbcfohlcn und mir wurde kurz und bündig erklärt: ״Geruhen Sic zu machen, daß Sic fort kommen." ״Um Gotteswillen, weshalb?" Nach von uns cingczogencn Erkundigungen gibt cs solche wie die von Ihnen angegebenen Firmen auf der ganzen Welt nicht." Und voll Uebcrzcugung fügte er hinzu: ״Ucbrigcnk seid ihr alle Schwindler, sagt daß ihr handelt und beschäftigt euch tatsächlich der Teusel mag wistcn, womit... Betrüger..." Den beiden näherte sich jetzt ein Herr in mittlcrcn Jahren. Als der Jünling mit seiner Erzählung zu Ende war, räusperte er sich und Hub dann an: ״Sic, Herr Dentist, wurden aus der Stadt gelviesen, weil Sie sich wohl mit Hantzcl befaßten; Sie, Herr Gymnasiast, wurden auSgewiesen, weil Sic nicht Handel Itigcn Tiefe gelangt, daß sic zur Emigration geneigt wären und wird cz noch Jahrzehnte dauern, ehe sic zu der Reife gelangen werden. Unser Endziel ist wohl die Rückkehr nach Palästina, deswegen aber ist es nicht nötig, daß unser Volt bis zum Zeitpunkte der Emigration in unmöglichen sozialen Verhältnissen leben mutz. Es ist ein gut Teil Egoismus dabei, wenn wir trachten, aus die österreichischen, wirtschaftlichen Vcrhältniste cinzuivirkcn, denn wir bester» damit auch unsere eigene Lage und gleichzeitig ist cs ein Werk der Dankbarkeit, wenn loir auch den uns umwohnenden 'Nationen zu einer besseren Existenz verhelfen. Wenn wir jüdisch-nationale Zionisten uns zu dem großösterreichischen Programm bekennen, so beseitigen wir damit auch ein Vakuum in unserer Bewegung. Wir können heute unseren Massen noch kein soziales Programm bicten, denn wenn wir nur allein von Oppenhcimschcn Sicdlungsgcnossenschaftcn in Palästina erzählten, so können wir ihnen damit Wohl eine glänzende soziale Zukunft in Palästina vor Augen führen, aber für den Moment können wir ihnen nichts sagen, was ihre Lage im Augenblicke und im momentanen Wohnlandc ändern kann, da ja jede fruchtbringende Wirtschafts- Politik, durch die endlosen und sterilen Hetzereien hintangchalten wird. Das großöstcrrcichischc Programm, daß wir auszunchmen haben, füllt aber diese Leere aus, denn es verfolgt erstens nicht nur die nationale Autonomie der Völker, sondern auch zweitens die Hebung unserer österreichischen Wirtschaftspolitik und somit auch eine bessere Existenzmöglichkeit der österreichischen Völkcc im allgemeinen und des jüdischen Volkes im spczicllen. Und so bekommt unsere Maste ein sozialcs Programm und unsere zionistische Bewegung in Le-!tcrreich hat keinen Punkt mehr, von dem man sagen könne, daß er offen stände. Und so kommt man zu dem Resultate: die großösterreichische Bewegung, die die nationale Autonomie alter Nationen propagiert, ist für eine gedeihliche Zutunst Oesterreichs unumgänglich nötig, diese Beivcgung muß aber auch uns Juden die heiß umstrittene Autonomie zuerkcnncn, da ja dies in ihrem Programme l!C(.r (durch Umgestaltung der jüdischen Kultusgcmcinden in BoltSgcmcinden) und sic uns außerdem noch als Bindeglied zwischen den einzelnen Reichsteilen braucht. Wir bekommen dadurch erstens unsere Autonomic, zweitens ein sozialcs Programm und die Aussicht auf eine cxistenzmögliche Zukunft in Oesterreich. Sc wird man allen Parteien gerecht und unsere Parole kür die nächste Zukunft mutz heißen: ״Jüdischnationalcr, grossösterreichischer Zionismus." Aufruf. Wir haben den 11. Kongreß der zionistischen Organisation nach Wien einberufen. In dieser Stadt, aus der Theodor HerzlS Weckruf ans jüdischc Volk ergangen ist, wird unsere Organisation ihre Musterung halten. Nor den Augen der Welt wird sic prüfen, welchen Weg der Zionisnws seit dein ersten uitd seit dein letzten Baseler Kongreß zurückgelcgt hat, weiche Aufgaben thin für die nächste Zukunft gestellt׳ sind. Die Beraiungcn und Beschlüsse des Wiencr Kongresses werden beweisen, daß die zionistische Idee die lebendigen, die zukunstsfrohen trieben, ich aber bin ein Kaufmann, habe meinen Beruf ausgcübt und wurde gleichfalls ausgewiescn." ״Unmöglich! Weshalb denn?" ״Weil ich mich taufen ließ." Ungläubig tauschten der Schüler und der Dentist Blicke. ״Sie glauben mir nicht?" fuhr der Kaufmann fort, ״also hören Sic und alles wird Ihnen klar sein." Er ließ sich schwerfällig auf der Bank nieder. ״Bereits seit mehr als zehn Jahrne lebte ich in der Stadt, zahlte die Gilde und handelte mit fertigen Kleidern. Und eben das mißfiel dem Nevieraufsehcr." ״Daß Sic mit Kleidern handelten?" ״Nein, nicht das. Ihm gefiel cs nicht, daß ich mcineu richtigen Beruf ausübc. Einmal sagte er mir auch ganz direkt: ״Ein Jude muß illegal eingeschrieben sein. Davon haben wir Einkünfte." Und er begann, mich systematisch zu verfolgen. Jede Nacht war Haussuchung. In das Schlafgemach meiner Töchter ist er eingedrungen, hat sic aufgeweckt und sich an ihrer Angst geweidet. Und meine Töchter sind »vohlcrzogen, sie spielen Klavier, sprechen Französisch... ״Weshalb verfolgen Sie mich?" frage ich ihn. ״Deshalb, weil alle Ihre Papiere in Ordnung sind.... Lasten Sie sich als Handwerker' anmelden und beschäftigen Sie sich mit Handel... Dann werden das Gewerbeamt und ich wenigstens Nutzen von Ihnen haben." — Ich habe gelitten und gelitten und beschloß Die Vertretung des jüdischen Volkes wird dicsesmal in einem großen jüdischen Zentrum tragen. Die Zionisten haben dafür zu sorgen, daß ihr Kongreß wirklich das Bild des nationalen Judentums unserer Tage werde. Wir kennen unsere Kraft. Wir wissen, daß die Zukunft unseres Werkes die Zukunft linseres Volkes ist. Pflichtbewußte zionistische Arbeit muß uuscrer moralischen Kraft, unserer inneren Stärke den Ausdruck prägen. Die Zahl der Delegierten, die von ver Zahl der gesammelten Schekel bestimmt wird, ist das Zeichen.der Größe und Macht unserer Organisatiou. Denn der Schekel ist das offene Bekenntnis zum Zionismus. Darum fordern wir die Zionisten der gauzcn Welt auf: Sammelt den Schekel als das Symbol der Zugehörigkeit zu unserer Geuleiuschast und des Willens, ihre Zukunft zu sichern. Das Engere Aktionskomitee der Zionistischen Organisation. Warburg. Jacobson. Hautke. Levin. Sokolow. Salamon Dembitzer. Von Leo Jung. Ein Name, dessen guter Ruf in weite Kreise des jüdischen Volkes gedrungen ist. Wen» ich nun dennoch daran gehe, diese Zeilen zu schreiben, so geschieht das ans einem zweifache» Grunde: Vor allem aus dem Bestreben, ein möglichst umfassendes und klares Bild seines bisherigen Schaffens zu geben, sondern aber auch in der Absicht, den Juden, vorzüglich Mährens und Böhmens, die, wie ich höre, den Dichter in Kürze als Vortragenden werden begrüßen können, sein inncrcs Wesen näherzubringcn. Salomon Dembitzer ist ein junger Jude. Und ein guter Dichter mit schöner Empfindung, mit warmer Seele und traurigem Herzen, dem die Hoffnung schon längst geschwunden, gleich im Anfang, da er sehen gelernt. Kein Heller Schein durchbricht das dichte Gewölk seiner melancholischen oder tieftraurigcn oder chwermütigen Verse. Das Heiterste ist ein beschauliches Bild, eine Skizze verglimmenden Lebens, schlasschasfender Nacht. Jung ist Dembitzer. Und darum ist sein Schmerz reich an wilder Kraft, darum seine Klage laut und tönend, spitz. seines Vorwurfs Rede. Jung ist er, darum kennt er nicht den bannenden Philistcrtrott, läßt keine Schranke seinen Wünschen, keine Schranke dem Ausdruck seiner zornigen Qual, seines wütenden Schmerzes. Und Jude ist er. Durch und durch Jude. Das Einzige, was ein starkes, siegcsfrohes Lächeln zu zanbern vermag auf seine sonst unglückssatten, matten Gestalten. Ihr, die ihr an wohlgedecktcn Tischen sitzet, warme Kleider traget und in weichen Betten schlafet, ihr, denen cs nie gegönnt war. das bittere Glück, einen Blick zu tun in das trostlose, endlose Elend der jüdischen Masten, ihr werdet entsetzt den Kopf schütteln und nicht bcgrcischließlich, die griechisch-katholische Religion anzunehmen. Jetzt wage cs nur, Freund Ncvicraufschcr, bei mir eine Haussuchung vorzunchmcn, denke ich in meinein Sinn. Was meinen Sic, folgte nun? Nach einem Monat werde ich zur Polizei bestellt und man sagte mir: In 24 Stunden müssen Sie die Stadt verlassen." Ich war starr. ״Wie?! Auf Grund wessen?" ״Auf Grund dessen, daß Ihre Frau Jüdin ist und ein mit einer Jüdin verheirateter Rechtgläubiger seine Rechte verliert.... Lassen Sic sich von Ihrer Frau scheiden, dann können Sie ruhig hier leben." ״Es ist leicht gesagt, sich scheiden lasse». Meine Frau lvürde mir die Augen auskratzen." — Der Kaufmann senkte den Kopf. ״Was gedenken Sie jetzt zu tun?" fragte der Schüler. ״Ich will die Erlaubnis erwirken, wieder in? Judentum zurückkehrcn zu dürfen. Immerhin ist eine Haussuchung einer Scheidung vorzuziehen." Allgemeines Schweigen trat ein. Der Zug fauchte und rauchte und pfiff und bewegte sich wie ein Greis, kaum kam er von der Stelle. Gleich der russischen Kultur, Zivilisation und Konstitution lieben die russischen Züge nicyt, sich z» beeilen.

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