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Jüdische Volksstimme · 1913-05-01 · Heft 18 (1.5.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 18 (1.5.1913)
Date
1913-05-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XIV|2. Jahrg. Nummer 18 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.2!) ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Rußland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. S---3־ Herausgeber: Max Hickl I Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 11. | Buchhändlerischc Vertretung: Otto Klemm, Leipzig, j Geschäftsstelle, Wien: Rotentnrmslraße Nr. 3l.! Telephon 3009/VIII. Sprechstunden von 10—12 Uhr! ' Postsparkassakonto Nr. 312.342. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. 0 cr Brünn—Budapest. Wien, Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Die Tage des Zählens. — Julius GerslI, Wien: Groß- Oesterreich und der Zionismus. — Ausruf. — Leo' Jung- Salomo» Tembitzer. — Schauturnen des Jüdischen Turnvereines Brünn. — Wiener Nachrickite». — Brunner Nachrichten. — Rundschau. — :für Ausläuderfragc an den deutschen Universitäten. — Ausschließung russisch-jüdischer Studenten von der Universität München. — Korrespondenzen. — Literatur. festtäglicher Bestimmung zu. Aber das Alltagsleben mit Befreiung von der Gebundenheit alles Irdischen, ohne seiner Not und Sorge beschwört die Schatten längst ver- | die Bürgschaft innerer Freiheit wahren Menschenttlins. gangener Tage voll Grauen, voll Mord und Raub.!!■;gg und ,צ״יייורי* sind der Ausdruck der Sbuthese von Längst vergangener Kage! Tie Brandfackel, zur höhe- 5jatj0״״ ״j, :!teligion, ein Sbinbol jener beglückenden ren Ehre des Gottes der Liebe einst in die Juden- ^j״hei1, i» der die sieghafte und tinverwüslliche Krast Häuser geschleudert, wirft ihren blutroten Schein auf bM jüdisch,״ Volkes begründet ist. Unter diese.» Zeichen d.e Not unserer Tage. ״Tausend Jahre sind wie ein e, öc״ stürmen Jahrtausende getrotzt. Nur unter Die Tage des Zählens. Die Klänge des Freihcitsfestes sind verhallt, und wir zählen die Tage zuin Feste der Gesetzgebung, Tage voll Erinnerung an tausendfaches Leid und Elend. In der tränenreichen Geschichte unseres Volkes ist diese Zeit besonders gezeichnet vom Schicksal. Es besteht eine Kontroverse unter den Gesetzcslehrern über den Beginn der nationalen Trauer. Geschäftig bannten sic das Hochgefühl, das mit seinen Erinnerungen und Hoffnungen in ihrer Seele geweckt, wie sie wohl das Silber und Gold, mit dem sie die Fcstestafcl geschmückt, den gierigen Blicken feindlicher Nachbarn rasch entzogen. Halb toiderstrcbend sprachen sie den restlichen Tagen des Bcfreiungsmonates noch ein kümmerliches Recht Tag." Ter Wahn des Ritualmordes umdüstert die Geister, und das Licht von Bildung und Kultur im vielgepriesenen 20. Jahrhundert vermag den Spuk nicht zu bannen. Tie Tage des Zählens! Glänzende, farbenprächtige Bilder leben auf. ״Wenn die Sichel anhebt in der Saat, sollst du auheben, sieben Wochen zu zählen." Wogende Aehrenfelder zaubern den Blick, Wagen mit Korn reich beladen, schtoankcn vorüber. Fröhliche Schnittcr ziehen einher, gebräunt von der Sonne des Süden), stattlich und aufrecht. Und die Krönung des Fleißes, der Arbeit, der festliche Zug der Wallfahrer nach dem Tempelheiligtum in Jerusalein, dem sichtbare» Wahr- Zeichen nationalen Lebens der Darbringung der Erstlinge des Feldes, der Tribut des Tankes, der innigen, unaufhörlichen Zusammengehörigkeit mit dem Geber י alles Guten, dem Erhalter des Einzelnen wie der Ge- > samtheit. diesem Zeichen ivird der uralte an das Ende aller Zeiten. stamm forlleben bis F- Großösterreich und der Zionismus. Von Julius Ger st l, Wien. Oesterreich krankt, vielleicht nicht mehr und nicht weniger als jeder Staat mit konstitutioneller Regie 1 rung, aber Tatsache ist es, daß die politischen Verball- , nich in der Habsburger Monarchie die möglichst unge- : süi.oeüeu sind. Tie führenden Parteien Oesterreichs i wechselten und wechseln ja unuurerbrocheii, sind heute | die Ehristlichsozialen führend, so tvaren eS gestern die Liberalen, oder die antiseinilischen, reichsdeuischentü־ melnden Schönerianer und morgen wird durch irgendeine andere Partei, weiß Gott welch unmögliches Pro- Die Weisheit der Gaffe stempelt uns auch heute g!•.,!»»! ^-״ M״ssen plausibel gemacht. Immer aber zu Wucherern. Frech beschuldigt sie das jüdische Gesetz t,, 0j1u. jjchivieöerholeiide Tatsache — neue Besen bev Tendenz, un» zu einem rccE)«c!ןbc«, feilschenden jc^rc״״ ״t . öaiui aber wurde allmählich jede Par- Krämervolk zu erziehen. Das jüdische Gesetz gebietet ״״d die sozialen Verhältnisse wurden immer uns zu zählen. Es lehrt damit die organische Verbin- > ״״haUtmrer und führten endlich zu dem Fazit, vor düng von ncg und ׳עצרת es gestaltet jeden einzelnen dem wir heute stehen. Tie Wirtschaftspolitik Oester- Tag als köstliches Glied dieser Ketten zu einer bedea- * reichs wurde durch ein unfähiges Parlament und noch tungsvollen Einheit, cs zeigt, daß die Bolksverwendiing unfähigere Telegalioneu zu dem Status quo gedrängt, ziel- und zwecklos war ohne die magna charta der jü-' bei dem wir jetzt glücklich angelangt sind und ist jetzt dischen Lehre, daß die Erlösung aus Sklavenketten, aus aber der Karren so ien verfahren, das; inan ein gutes politischer Abhängigkeit keinen Sinn hatte ohne die. Geleise schwer finden!vird, um ihn ivieder in Lani Feuilleton. Wohnrecht. Von O. L. T'o r. Ilebcrsetzt aus dem Russische» von Doris T ch a p i r o. Dumpf und drückend iits im Kupec. Es riecht »ach Hering, Leder und Schiveiß. Aus den Bänken liegt Staub, Schmutz und Ruß. Rußig sind auch die Gesichter, die Hände der Reisenden. ״In der ziveitcn Klaffe isls iveit besser!" sagt, ohne sich direkt an jemand zu wenden, ein junger, «11־ ge führ dreißigjähriger Mann mit einem kleinen Bärtchcn in dem blaffen eingefallenen Gesicht. ״Warum sichre» Sic dann nicht zweiter?" fragt ironisch der neben ihm sitzende zwanzigjährige Jüngling. ״Sie habei! sich wohl in der Klaffe geirrt?" Lächelnd blickt der Brünette den Jüngling an. ״Warum ich nicht zweiter fuhr? Wenn man in 24 Sinnden die Stadt verlassen muß, fährt man nicht zweiter Klasse!" ״Ach so, Sic wurden ausgewiesen?" Ter Schwarze fuhr auf. ״Ausgewiesen? Auch 'ne Frage. Welcher Jude fährt denn jetzt freiivillig irgend wohin?" ״Weshalb hat man Sic eigentlich ausgelviefen?" ״Weil ich Handel trieb." ״Sie scherzen natürlich." ״Nicht im entferntesten." Ec zündete sich eine Zigarette an und begann die Ursachen seiner Answeisung klar zu legen. ״Ich bin," so erzählt er, ״Tentist. Ta ich eine zahlreiche Faniilie ernähren muß, jedoch zuin Einrichten eines zahnärztlichen Kabinetts Geld weder habe, noch haben werde, übernahm ich die Vertretung einer ausländischen Firma. Ich dachte in meinem Sinne, in'S denn den Ministern llnd Gouverneuren nicht gleichgültig, ivomit ich mich beschäftige? Ob ich Zähne ziehe oder die Waren solider Firmen verbreite. Es stellte sich jedoch heraus, daß es ihnen nicht einerlei ist. Eines schöoen Tages wurde ich ins Polizeirevier befohlen. ״Entweder reiße Zähne aus, oder verlasse die Stadt in 24 Stunden." lautete die Parole. ״Verzeihung, Euer Hochivohlgeboren," sagte ick>. ״wie kann ich Zähne heben, wenn ich weder einen Operationsstnhl noch Instrumente und Patienten habe?" Das geht uns nichts an," wurde mir zur Anlivort ״Wenn Tu Jude bist, sei Zahnarzt. Uebrigcns betrügt ihr Jude» uns beständig, ihr sagt, daß ihr einen anständigen Beruf ausübt und beschäftigt euch in Wirklichkeit mir Handel." Ter Erzähler machte eine Pause, dann fragte er seinerseits den Jüngling: ..Und ivofür wurden Tie ausgewiescn?" Erstaunt sah ihn dieser an. ״Sie gestatten, woraus schließen Sie, daß auch ich ausgcwiesen bin?" ״Glaube» Sie in der Tal, daß man Prophet sein muß, um das zu errate»? Sie sind doch Jude, folglich ausgewiesen." Ter Jüngling lächelte: ״Sie haben recht", sagte er. ״Ich ivurde ausgewiesen, iveil ich mich mit Handel n i ch l beschäftigte." ״Wie," ries der verwunderte Teiiliil: ״>ch wurde ausgeivieseu. iveil ich mich >v o h l mit Handel vescbäi tigle, und Sie, iveil Sie sich nicht damit beschäftigten? Was bedeutet das?" Ter Jüngling rückte näher und begann: ״Ick! bereitete mich zum Schlußerauien vor. Ich kam nach Petersburg, um zu lernen, doch da ich hier kein Wokn | recht hatte, bekam ich von einem bekannten .Kaufmann eine Vollmacht und einen HanLelsschein. Ich kam und schickte meine Papiere zur Polizei und lvurde folgen den Tages dorthin beordert. Ter Prisiawsgebilfe em pfing mich. Er fragte: ״Womit handeln Sie?" ״Mil Monopolwäsche. Euer Hochwohlgeboren. Hier in meiner Vollmacht »ehr ja auch: ״Ich gestatte, ine meine Rechnung zu kaufen, zu verkaufen?" ״Ich kaufe und verkaufe." ״Sie kaufen also und verkaufen." lalare! ln vornehmster Ausführung von K 30'— aufwärts nur in dem ln- und Ausland bestens eingeführten Spezialhause für Synagogen ־ Ornate ^WW Rudolf Goldstein, WIEN, Taborstrasse 54. Telephon Nr• 21.990. Illustrierte Preiskataloge an Interessenten gratis und franko- Zivil- und Uniform-Schneider״

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