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Jüdische Volksstimme · 1913-04-10 · Heft 15 (10.4.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 15 (10.4.1913)
Date
1913-04-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische BolkSstimme." Nr. 15 - Pater H r a ch o v s k y zu dem Mädchen in Beziehungen gestanden war, deren Abbruch oder Folgen die Magd in den Tod getrieben haben dürften. Der knappe Beweis für den Selbstmord tonnte allerdings nicht erbracht werden und in letzter Linie ist cs nur einem Zufall zu danlen, das; die Moliiu’r Nitualmordaffäre eine befriedigende Aufklärung gefunden hat. Arbeiter haben die Leiche des Mädchens, als sie am 1. d. in die Arbeit gingen, nächst der .Klarscheu Mühle bei .\loiin aus der Elbe gezogen. Das Wasser hatte die Leiche auf eine seichte Stelle bei der Mühle ausgefpült. Die Leiche trägt die Merkmale längeren Liegens im Wasser und hatte im (Besicht Blutflecken. Tie hcrbeigerufenen Aerste erklärten, das; diese Blutflecken eine Folge von Verletzungen seien, die sich Marie Pavlik durch Ausfallen aus den Grund der Elbe, die unterhalb der Koliuer Brücke ziemlich seicht ist, zugczogcn hat. Tic Stelle, an der die Leiche gefunden wurde, ist drei Kilometer von Kolin entfernt, der Leichnant wurde über zwei Wehre sortgeschivemmt. Marie Pavlik wurde von ihrem Vater agnosziert und ebenso von ihrer Mitbcdieusleten, die schon bevor sie noch die Leiche gesehen hatte, eine genaue Beschreibung der Kleider, Schuhe und Unterwüsche gab, welche Marie Pavlik an dem kritischen Tage getragen hatte. Bei dem am 4. d. M. an der Fundstelle bei Hravisko vorgenommcnen Lokalaugenschcin durch die Gcrichtskvnnnission wurde amtlich sestgestellt, das; die seit 7. März abgängige Dicnstmagd Marie Pavlik durch Selbstmord geendet habe. Zu einem bemerkenswerten Zwischenfall kam cs. als die Leiche der Selbstmörderin obduziert werden sollte. Der Untersuchungsrichter Tr. S r b wollte nicht gestatten, das; der Obduktion der Leiche der Kolincr Tr. Brandt und ein Mitglied der Familie Wcißbcrger beiwohnen. Daraufhin lehnten die Acrztc anerkennenswcrter Weise die Vornahme der Sektion ab, die auch tatsächlich verschoben wurde. Der Unterjuchungsrichter hat auch die Beteiligten und die Vertreter der Presse nicht zugclassen, damit nur ja nichts von dieser für gewisse Leute sehr Pein- Ischen Affäre in die Ocffcntlichkcit gelange. Es ist nun abzuwarten, ob die Standhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit der Aerzte von Erfolg gekrönt werden wird. Die Ocffcntlichkcit hat ein einmen־ tes Interesse daran, zu erfahren, in welcher Weise die Sektion vorgcnommcn wurde uud was an der Leiche konstatiert werden konnte. Das inhaltslose, lederne Kommunique, das der Unicrsuchungsrichter zu vcrösfeutlichcn gesonnen ist, kann die Oefsentlichkeit nicht befriedigen. Denn da nun einmal der Selbstmord feststeht uud die Ritualmordhcldcn gründlich abgeführt wurden, wird man an die Verfolgung jener M reife schreiten müssen, die derlei wahnwitzige Gerüchte in Umlauf setzen, um im Trüben fischen zu können. Uud da führt die nächste Spur in die Mlaufe des Koliuer Katecheten Pater H r ach o v s k y. Es steht fest, das; Pater Hrachovsky zu der Pavlik in intime Beziehungen gestanden ist und das; seine Person bei der Verübung des Selbstniordcs keine geringe Nolle gespielt hat. Trotzdem hat es die Staatsanwaltschaft bisher unter- Geheul des notleidenden Wolfes gleicht; aber auch die moralische Verkommenheit des schwärzeu Pöbels sind die stärkste Triebfeder für das Herausschnellen des besagten Scheusals; der ausschlaggebendsle Grund jedoch ist folgender: Bricht die Not, der Hunger herein, ächzt das Volk unter dem Joche der Entbehrung und Knechtung, lehnt es sich gegen die Willkür der Burcaukratieherrschast, die jeden Bissen an sich reifst, auf; und wenn daun verzweifelte Ruse: ״Konstitutia! Nieder mit dem Absolutismus!" erschallen, gellende Ruse, die den Machthabern, den Gebietern von Leben und Tod auf die Nerven gehen, ja Rufe, die ihnen ein Beben in den Gliedern ver- Ursachen, dann geschieht, was die von heulenden Wölfen verfolgte Familie tun must: ein Kind den Bestien hinwcrsen! — Hier must das Sticflind Herhallen! — ״Geht hin, mordet und raubt die Juden, die an eurem Unheil die ganze Schuld tragen!" wird von den Agents Provokateurs den Hungernden zugerufen; ״seht, das entspricht dem Wunsche Väterchens und die Kirche breitet segnend über euch die Hände!".... Das sind Worte, die einschlagcn — und der Schnaps ist der beste Inspirator und Ancifcrer: er wirkt Wunder! — (Fortsetzung folgt.) j lassen, die Verfolgung Hrachovskys in die Wege zu leiten, ja bisher hat man sich nicht einmal dazu herbeigclasicn, den famosen geistlichen Herrn einem Verhör zu unterziehen. Auf feine Denunziation wurde dem Juden fast der Prozest gemachl, allenfalls aber musste er alle möglichen Scherereien über sich ergehen lassen. Hrachovsky, der den Nitualmord auch in der Presse vertreten hat, wird ungeschoren gelassen. Der Zusammen- Hang zwischen der Szene vor der Obduktion und P. Hrachovsky liegt auf der Hand. Nur werden hoffentlich die Kolincr Juden, die erdrückendes Material gegen den Gottcsdiener in Händen habcn, diesmal das Hemd mehr als den Nock schützen und unnachsichtlich Vorgehen. P. Hrachovsky ist reif, er muh entlarvt werden. Einen treffenden Beitrag zu feiner C h ar a k t e r i st i k liefert der ״Czas", der in feiner Nummer vom 30. März schreibt: P. Hrachovsky war vor drei Jahren in Veltrus beschäftigt. Dort gründete er einen christlichsozialcn Verein, sonst tat er ungefähr das Gleiche, was er jetzt in Kolin tut. Er ging mit den Mädchen des Ortes spazieren, aus der Pfarre erhielt er ״heilige Zicgen", fuhr mit einer Lehrerin in einem Extracoupee nach Prag uud beschäftigte sich auch von der Kanzel hauptsächlich mit den Frauen. Er war nur kurze Zeit in Veltrus, aber in dieser kurzen Zeit machte er ehrbare Frauen so verrückt, dast sie ihm nachliefen, wie das Schaf dem fetten Gras. Er brachte das ruhige Städtchen auster Rand und Band und seine Anlvesenheit hat so manchen ehelichen Zwist, sogar Ehefcheidringen zur Folge gehabt. Und ein Mann mit diesen moralischen Qualifikationen darf es wagen, sich zu äußern, daß die Juden Urheber der Nitualmordc feien, er darf sich erkühnen, zu predigen, die Juden mögen sich bessern, dann werde sich auch ihr Ruf bessern. In Kolin, so schreibt der ״Czas" an anderer Stelle, war er der populärste Held bei den fchöneu Dienstmädchen. Für Sonn- und Feiertage unterhält er ein Verhältnis mit einer Lehrerin. Priester und Lehrerin sind zum Cölibat verurteilt, die Leidensgenossen haben sich getroffen und geben den braven Äolinern ein Beispiel für die praktische Durchführung des Cölibates. Pater Hrachovsky schreibt feiner Geliebten Briefe in Form von Kapiteln eines Romans, den er ״Helios" betitelt. Mit glühenden Farben und wollüstigen Worten schildert er die Liebesabenteuer der Götter im hohen Olymp, nicht vom Standpunkt des christlichen Seelsorgers, sondern nach der ureigensten Hrachovskyfchcn Auffassung. So ist der Mensch beschaffen, der die Absicht hatte, ein zweites Polna zu konstruieren. Das ist der Mann, den man noch heute zu schützen sucht, um dcssentwillcn man lieber eine Familie, ja eine ganze Gemeinde, wenn nicht gar die jüdischen Bewohner eines Landes oder Reiches kalten Blutes ins Unglück zu stürzen beabsichtigte. Tein Weiterverbleiben in Kolin ist unmöglich, Sache.der zuständigen Stellen wird cs nun sein, dafür Sorge zu tragen, dast Hrachovsky nicht etwa für einige Zeit in dem weiten Hofe eines Klosters verschwindet, um dann später plötzlich wieder aufzutauchen und sein schandbares Gehaben fortzusetzen. Es wäre nur wüuschenswert, wenn sich auch die zionistische Parteileitung für Böhmen ein wenig für die Sache interessieren würde. Eine jüdischere Angelegenheit kann man sich wohl kaum denken und die große Kraft des zionistischen Programms liegt doch gerade in der Tatsache, daß es jede jüdische Sache in seinen Wirkungskreis aufnimmt. Zionisten und Resolutionisten.;Zur Resolution des Zcntralvercincs.) Gegen den Zionismus wird jetzt Sturm gelaufen in Deutschland, lieber ein halbes Mcnschcnaltcr lang haben die Zionisten Deutschlands unbehelligt ihr staatsgefährliches, zumindest hochverräterisches Unwesen trcibcn, die ״Bekenner des israelitischen Glaubens" der Deutschtümelei abspenstig machen und die Jungen zu begeisterten Kämpfern des Judentums hcranziehen dürscn. Dem wollen jetzt die offiziellen Kowedjudcn Deutschlands ein Ende bereiten. Und wahrlich, wenn man ihre Gründe hört, und die Art, wie sie Zionismus und Nationaljudcntum unmöglich machen wollen, fällt cs schwer, ernst zu bleiben. Mit großem Tamtam hatte der ״Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" seine diesjährige Hauptversammlung ankündigen lasten. Promptest folgten die Delegierten dem Rufe des Vorstandes und versammelten sich am Vormittage des 30. März im Lchrervcreinshause zu Berlin. Alle mit gewichtigem Ernst in den Mienen, Feierlichkeit in der Haltung und der nötigen Dosis wohltemperierter Entrüstung im Herzen. Die Referenten hatten überdies noch eine!)leihe von Zeitungsausschnitten in den Aktentaschen und ihre gutmcmoricrten Reden samt dazugehöriger Pointen und Resolutionen im Kopfe mitgebracht. Feierlich und programmätzig wurde das Anathema über den jüdischen Nationalismus ausgesprochen und nachdem die beiden justizrätlichcn bczw. profestoralen Grammophone ihre Referate hcruntergcsurrt hatten, wurde den ״deutschen Zionisten, die danach strebten, den entrechteten Juden des Ostens eine gesicherte Heimstätte zu schaffen oder den Stolz der Juden auf ihre Geschichte und ihre Religion zu heben", das Verbleiben im ״Zentralvercine deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" gnädiglich gestattet. ״Bon den Zionisten aber, die ein deutsches Nationalgefühl leugnen, sich als Gas! in fremdem Wirtsvolk fühlen und national nur als Juden fühlen", trennten sich die Zentralvcreinler resolut-ionsmäßig und endgültig, wenn auch mit Träneu in den Augen. Denn ״auf dem Boden des deutschen Vaterlandes!vollen sie «d. h. die Zentralvcreinler) als Deutsche an deutscher Kultur Mitarbeiten und ihrer durch Religion und Geschichte geheiligten Gemeinschaft treu bleiben". So schaut die Logik der patentierten Monopoldcutschcn des Zentralvcreincs aus. Wem die oben angeführte Begründung unglaublich, absurd oder lächerlich erscheint, mag gefälligst im Urtext der Rcsolution Nachlesen. Doch Scherz beiseite. Auch dieser Nonsens mutz einmal besprochen!vcrdcn. Mag die Resolution wie immcr lauten, mögen die Herren vom Zcntralverein dem Nationaljudcntum gegenüber sich noch so ablehnend verhalten, mögen sie nur entrüstet und erzürnt tun, es nützt ihnen doch nichts. Wenn ihr erster Zorn verraucht sein tvird, so werden sie vielleicht doch einsehen, datz ihre ganze Veranstaltung gegen ihren eigenen Willen nur ein weiterer Erfolg der jüdischen Moderne geworden ist/ Die Bileams kamen zusammen, um zu scheiten und zu strafen, als sic jedoch den Schlutzstrcich unter dem Wirken der Jüdischnationalen in Deutschland zogen, da mutzten sie uneingeschränkt loben, trotz ihrer mitzgünstigen Kritik bedingungslos anerkennen. Die alten Herren mögen sich noch so sehr dagegen sträuben, als Juden anerkannt zu werden, sie mögen noch so sehr die Notwendigkeit des Zusammcnschlustes aller Juden unter jüdischnationaler Flagge leugnen, eines haben sie von den Jüdischnationalen nolens, volcns doch übernommen: das ist die jüdischnationalc Term!- nologic. Und ob sie dieser jüdischen Weltanschauung den einen oder anderen Namen geben, kann uns gleichgültig sein. Solche Worte, wie die nachstehenden, die sich der geheime Justizrat Dr. Eugen Fuchs geleistet hat, sind schon vor 16 Jahren von den Pionieren des Zionismus in Deutschland gesprochen worden, damals unter dem stürmischen Protest der Mistions- und Protcstrabbiner, heute gehören sie zum Kampfarscnal des Referenten des Zentralvercines deutscher Staatsbürger mosaischer Konfession. Ich zitiere wörtlich: ״Wir.(d. h. der ״Zcntralverein deutscher Staatsbürgcr jüdischen Glaubens) haben begonnen als sormalcr Abwehrvcrein und je mehr wir Abwehr geübt haben, desto mehr sind wir uns darüber klar geworden, das! Abwehr sich nicht üben läßt ohne Stolz, ohne Kenntnis der Geschichte, ohne Treue, und daß es nicht darauf ankommt, datz ein paar Juden Amtrichter, Landräte oder dergleichen werden, sondern daß wir eine Renaissance des Judentums herbeiführen wollen, eine Verinnerlichung des Judentums, die grundverschieden ist von dem Affimilantrntum, dessen wir beschuldigt werden. Assimilation ist ein Schlagwort, das wir klären müssen. Wenn man unter Assimilation versteht, datz wir uns von dem Kaftan- Judentum freigemacht haben, als deutsche Juden an deutscher Kultur Mitarbeiten und treu bleiben unserem ererbten Glauben, treu unserer Geschichte und die Eigenart unseres Stammes bewahren, so können wir uns hiermit einverstanden erklären. Wir sind innerlich positiver, jüdischer geworden. Wenigstens bemühen wir uns, es zu sein." Ich betone nochmals: Das sind nicht die Worte eines jüdischnationalcn Exaltados, sondern die Sprache des Geh. Justizratcs Dr. Eugen Fuchs, als Referent des Zentralvcreincs gegen jüdischen Nationalismus. Auch aus dem Referate des Herrn Prof. Dr. Falkcnheim fei eine Bemerkung hcrausgeschält, die auch nur geeignet ist, uns stolz zu machen, insbesondere, da sie die Konstatierung eines Gegners ist. Dieser fand, daß man sich über die Spannkraft und den Jbralismus der jüdischnationalen Studentenschaft freuen müsse. Beide Referenten anerkennen mit schwachen Verklausulierungen die positiven Erfolge der jüdischnationalen Bewegung, beide verwerfen die Assimilation und

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