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Jüdische Volksstimme · 1913-03-27 · Heft 13 (27.3.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 13 (27.3.1913)
Date
1913-03-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Veite 2. ״Jüdische BolkSstimme? Nr. 13 Haupt erhoben hat und überallhin mit hohlen und gequältem Pathos biuauszuposaunen sucht den allen Mehl, das; die Juden keine Nation seien, das; die Juden die Pflicht hätten in den Reiben der Deutschen, Polen, Tschechen usw. für Deutschtum. Polcntum, und Tschechcntum usw. und zugleich auch für ein Allmenschentum zu kämpfen,;'ln dem oben angeführten Falle sehen wir aber deutlich, wie notwendig cs ist, über die diversen fremden Volkstümer und ein phantairisches, utopisches unterschiedsloses Menschentum, nicht des eigenen Volkes, des Judentums zu vergessen. Tun wir dies, so müssen uns immer erst solche Ereignisse, wie die in Saloniki wieder zur Vernunft bringen, und uns erinnern an die Bestie in den ״Anderen", die überall schluminert und bei ersten besten Anlas; sich in mchi oder minder deutlicher Form äußert. Ilns aber treffen diese Ausbrüche des Hasses und der Roheit immer wehrlos, immer unvorbereitet, weil gerade wir Juden cs vor lauter Nachdenken über Mcnschhcitsproblemc den Judenpunkt vergessen habcit. W i c n. 23. März 1913. A. E. 3k—r. Tr. M. Ga st er, London. Die Lehre des neunzehnten Jahr- Hunderts. V o r t r a g. (Aus dem Englischen übersetzt von Lola Jung in der ״Jewish Literary Society" of Edinburgh. Es wird mir das größte Vergnügen und die größte Genugtuung bereiten, zu wissen, daß ich einige Worte des Trostes, der Erziehung und manche Lehren hier gelassen habe, die keimen und Früchte tragen und der kounnenden Generation von Nutzen sein werden. Ich habe versprochen, cs zu versuchen, heute etwas über die Lehren zu sprechen, die wir aus der Geschichte unseres Voltes im letzte» Jahrhunderte ziehen können. ,Sk'in Buch kann uns hier mehr zu Nutzen kommen als das Buch der Geschichte. Unser Leben ist zu kurz, um imstande zu sein, nach eigener Erfahrung zu urteilen, den Wert und die Wichtigkeit der Ereignisse zu sainmein, an denen wir Anteil nehmen oder deren Zeugen wir sind. Wir sind überdies durch persönliche Betrachtung beeinflußt, durch parteiisches Deuten, durch Umstände, die wir oft kaum kontrollieren können, durch Vorurteile und Vorliebe; wir sehen die'Dinge vom Standpunkte des Landes, in dem wir leben, der Sprache, die wir sprechen, und der politischen Umgebung, in der >vir atmen. Werfen wir aber einen Rückblick auf die Geschichte, so schwinden alle persönlichen Elemente uns viele Ereignisse, die in ihrer Zeit besonders wesentlich mögen geschienenen haben, erheben sich uns kleinen Umständen, die oft der Ausgangs- Punkt für die größten Wunder und Entwicklungen der Menschheit waren. Was^für ein Resultat kann das Durchblättern der Seiten haben, die in einem Jahrhundert geschrieben sind? Für uns ist es eine ganz kurze Spanne Zeit. Wir blicken auf eine seit nahezu 3000 Jahren ununterbrochene Urkunde der Geschichte zurück. Was sind also hundert Jahre für uns? Für uns, die wir an der Wiege der Zivilisation gestanden und imstande waren .u> betrachten, wie aus Barbarismus, Anarchis- MUS, aus Indifferenz und Ignoranz, aus Bigotleric und Heidentum langsam eine neue, ganz verschiedene Ordnung der Dinge entstand — etdisch religiös, moralisch und voll geistigen Trachtens. Uns kann der Zeitraum von hundert Jahren wie vorgestern erscheinen und doch war der Schritt des letzten Jahrhunderts so rapid, die Umwandlungen so voll und tief weitreichend, daß sie uns eine genügende Basis darreichen, voit der einige Lehren und einige Schlüsse zu ziehen, von größter Wichtigkeit für unser täglichcs Leben und für den Blick in die nächste Zukunft sein kann. Welchen Grund hat es nun, daß ich heute ein Kapitel der Geschichte, die jetzt vorüber ist, vorlese, wenn nicht, um unseren persönlichen, engbegrenztcn Ueberülick zu erweitern, die Ersahrung zu vergrößern und um zu lernen von Dingen, die damals geschehen, wie beftimmte Sachen;1t vermeiden, wie bestimmte Lehren zu empfanzcn sind. Lasset mich nun beim Ende des 13. Jahr- Hunderts beginnen und euch das Bild malen, wie ,ch es vor meinen Augen habe. Ich kann nur von .ucinem eigenen Standpunkte sprechen und es mag sein, daß ich das Bild nicht in den rosigstcn Farben malen, daß der gezogene Schluß!licht befriedigen werde, weil vielleicht manche von uns lieber etwas Balsam für ihr Gewissen?der ihre Ignoranz hätten oder es ganz zu überschreiten wünschten. Ich werde das Bild vielleicht in dunkeln Farben darstellen, und die Schattierungen werden vielleicht in düsterem Schatten sein; aber niemand, der die Wahrheit sprechen will, nie- .natid, der zumindest bemüht ist, die Wahrheit zu sprechen, darf cs verhehlen oder verstecken, denn, ist diese Wahrheit nicht gesagt, dann ist es keine Lehre und kann den Hörern niemals d i e Ucberzcngnng bringen, die sie zu bringen beabsichtigt. Es ist keine angenehme Beschäftigung, Spinngewebe wegzuwischen, noch weniger befriedigend ist es, Wunden zu öffnen oder eine Amputierung vorzunehmcn und doch würde kein Arzt, der seines Namens, seiner Stellung und des Vertrauens, das der Patient in ihn setzt, würdig ist, zögern, eine Operation vorzunehmen, wenn cs nötig ist. Ich hoffe, daß ich heute abend das Messer des Arztes nicht werde gebrauchen müssen. Aber wenn ich vielleicht ein bißchen tic schneide, glaubet mir, dann hat es nur den Zweck die krebsartigen Getvächse zu entfernen, die Vorurteile wegzuschasscn, die aus diesen Veränderungen entstanden sind, und die vielleicht, wenn ungepört gelassen, auch den Nest des Körpers vergiften-können. Ich muß, um mein Bild zcichneu zu können, beim 18. Jahrhundert beginnen. - Unser Volk — und lastet mich erklären, daß ich mich jetzt mit euch allen identifiziere. Ich wünsche, daß ihr cs versteht, daß wir im Ursprung und Glauben, Tradition und Geschichte, Sprache und Gebet durchaus Eins sind. Es gibt keinen Unterschied zwischen Sephardim und Aschkenasim. Ich nenne unser Volk die Maste des Volkes, die zu der Aschkenasi-Sektion gehört, die die Majorität der jüdischen Bevölkerung in Groß-Britannien bildet. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts waren in England nur sehr wenig aschkenasische Juden. Der größere Teil der in London lebenden Juden gehörte der Sephardim-Äongregation an, die andere Obcrrabbiner hatten, deren wertlose Vertretung hier vor euch steht. Die Majorität der Juden lebte, wenn ich so sagen darf, vielleicht mit einigen Ausnahmen der Juden in Holland und Italien oder einiger in England, meistenteils in einem großen Ghetto. Dem Ghetto, der Erfindung der Italiener, hatten sich die Deutschen assimiliert. Es wurde iu Deutschland eine regelmäßige Institution, breitete sich gegen Osten aus, obwohl die Schranken noch nicht errichtet und die Wohnungen der Juden noch nicht abseits gelegen waren, aber so wie in Polen und Rußland, wo die Juden ihr Ghetto selbst bilden — ein Ghetto, nicht so dunkel, loie Leute es glauben oder zu schildern pflegen, denn mit Ghetto meint inan einen eingeschlossenen Kreis, in welchem die Juden ihr eigencs Leben führen, unbeeinflußt von sozialem, politischem oder religiösem Laufe, von irgend-' einer künstlerischen oder wissenschaftlichen Ent- Wicklung, außerhalb ihres Kreises. Die Juden hatten in Wirklichkeit mit der Außenwelt gar nichts gemein, nicht weil sie nichts gemein zu haben wünschten, sondern, weil die Außenwelt sic durch strenge oder barbarische Gesetze verhinderte mit etwas in intimen Kontakt zu kammen, das des Menschen Denken und Handeln edler und höher gestaltet. Sie wußten nichts von ihrer Literatur und Kunst und die Länder, in denen sie lebten, hatten den Juden nichts als die grausam raffinierteste Verfolgung darzubictcn, die er mit Dankbarkeit und Freude hätte׳ annehmen sollen. Deshalb vermieden und verhinderten die Juden die Berührung mit der Außenwelt, denn was immer von ihr gekommen ist. cs kam in Form von Verfolgung oder Gift. Aber die Juden lebten, obwohl im Ghetto» in ihrer eigenen geistigen Welt, die nichts von der Dunkelheit, Ignoranz und Retrogression in sich hatte, von der das Mittelalter bedrückt war. Die Juden hatten kein ״Mittelalter". In der jüdischen Geschichte war niemals eine Zeit des Barbarismus, der Ignoranz und der Dunkelheit. Wir hatten niemals Kastensysteme (die, wenn entstanden, alle Juden auszuschließen pflegten) und die die Pioniere der modernen Trusts und Körhe;schäften waren. Lasset mich nun, bevor ich vergesse, hinzufügen, daß wir, wenn wir einen Auszug der Jüdischen Geschichte eines Jahrhunderts machen und sie mit andereu Jahrhunderten vergleichen, finden werden, daß sich alle Prinzipien in verschiedener Form wiederholen, daß dieselben Kräfte am Zinder und dieselben Interessen bemerkbar sind. Tie Dinge hüllen sich bloß in neue Kleidung bleiben aber dieselben. Und so ist's auch mit der Gilde, den Körperschaften und den finanziellen Einrichtungen der modernen Zeit. Wir finden ihre Vorläufer schon im Mitelalter. Die Juden führten damals ein Leben, das sich in den hohen Prinzipien der Heiligung des Lebens durch die Handlung der Menschen zentrierte. Alles, das die Juden taten, ging vom Standpunkte der Gesetzerfüllung aus, deren Endzweck die Heilignng des Lebens und die Verherrlichung Gottes war. Alles drehte sich mehr oder weniger um dieses Prinzip. Sie wurden durch eine Literatur erzogen, die die Welt in ihrer Reinheit und Erhabenheit, in ihrer Größe und Tiefe nicht kennt und die in der ganzen Weltliteratur nicht ihresgleichen hat. Wir haben jetzt über 70.000! Bücher, die zur jüdischen Literatur gehören und, es findet sich kein einziges, das ich meiner Frau oder Tochter nicht in die Hand geben würde. Ich! ׳fordere die ganze Weltliteratur heraus, sich zur Standarte der Reinheit und Moral der jüdi-- schcn Literatur emporzuschwingen, die sich du>׳׳'! Jahrhunderte hindurch ohne Unterbrechung aufrecht erhalten hat. Es ist notwendig, daß ich es betone, weil ihr sehen werdet, wie die Acndcrung kam. (Forts, folgt.) Palästinareisen.' Ein Vorschlag von Majer Reifer, Czernowitz. Seit dem zehnten rcsp. achten Zionistenkongresse hört man überall das Schlagwort ״Praktische Palästinaarbeit" in der Volksmaste rufen. Ueberall wird für praktische Palästinarbeit .agitiert, ohne die erwünschten Erfolge zu erzielen. Es werden in den größeren Städten Europas. Kunstausstellungen des ״Bezalel" veranstaltet, um die Aufmerksamkeit der Juden auf Palästina, zu lenken. Es werden dabei manchmal recht viele Sachen abgekauft und Palästina bleibt wie zuvor das Land der romantischen Sehnsucht, der Träume.-— Hie und da kommt auch ein Apostel aus dem Jordanlande nach Europa und erzählt dem Volke von einer Regeneration des Judentums auf allen Gebieten des menschlichen Wissens. Die Masse lauscht gerne seinen Worten: begeisterter Applaus lohnt die Ausführungen des Redners; es folgt noch ein Äoinmers zu Ehren des hohen Gastes und er geht weiter. Zwei bis drei Tage spricht man überall von der jungen Generation in Palästina, von einem Erwachen bisher ungeahnter Kräfte, von jüdischen Bauern, von jüdischer Kunst, bis alles wieder in Vergestenheit gerät und Palästina wird wieder zum Lande der Sehnsucht, der Hoffnung, der Träume-. So weit ist es mit der Palästinakenntnis bei den niederen Volksschichten gekommen. Wie steht es mit unserer Intelligenz? Diese schöpft ihre ganze Weisheit aus den Zeitungen, Mährisdi-sdtlesische Bank Brünn. Telephon Nr. SSO, Otrokttoo. Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Hr. 1016, Wecheeletube. v erzinst EINLAGEN gegen K hie **1I °l gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank• Büchel und in ז Imfrndrr M ** u1a |2 |0 geschafte aller Art, Börseh-u.Wechslergeschäfte..

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