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Jüdische Volksstimme · 1913-03-20 · Heft 12 (20.3.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 12 (20.3.1913)
Date
1913-03-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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,Jüdische Solftftmme' Nr. 12. Den Höhepunkt der künstlerischen Darbietungen des Festes bildeten die zum Vortrage gebrachten synagogalen Gesänge des Herrn Oberkantors Müller. Die geradezu phänomenale Stimme dieses Sängers, der auch in den hochsten Lagen das reinste Metall und empfindungsreiche Beweglichkeit in verschwenderischer Fülle zu bieten imstande ist, findet ihresgleichen nicht. Der empfangene Kunstgenuß wird allen Anwesenden eine kostbare unvergeßliche Erinnerung bleiben. Es war eine Glanzleistung, die über jede Kritik erhaben ist. Der enthusiastische, stürmische, nicht endenwollende Beifall, der dem Sänger mit einer Begeisterung gezollt wurde, war auch wohlverdient, denn Herr Müller hat sich unserer Sache aus idealen Gründen zur Verfügung gestellt, um dein erponierten Judentum im Westen einen guten Dienst zu leisten. , Der Feier wohnten Vertreter der Kultusgemeinden aus Mähren, der Chewra Kadischas. mehrere Rabbiner, Kantoren, Vertreter der jübischen Organisationen usw. bei und haben durch ihr persönliches Erscheinen die Bedeutung des Festes gehoben. — Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. L c v y entschuldigte sein Fernbleiben. — Als Vertreter der Misrachi- Organisation Wien überbrachte Herr Rabbiner Gramer die Glückwünsche der Organisation Misrachi und forderte die Anwesenden in feuriger Weise auf, dem jüdischen Glauben und der jübischen Nation treu zu bleiben und jederzeit unermüdlich und rastlos für unser Volkstum zu arbeiten. Die Misrachi werde der Machsikc Hadas-Organisation jederzeit mit Rat, aber auch mit Tat zur Seite stehen. Die Ausführungen wurden lebhaft akklamiert. Herr Rabbiner Dr. Günzig (Loschitz) hielt einen äußerst sinnigen Toast, der allseits lebhaften Beifall, loslöste. Herr Vereinsrabbiner Fricdmann richtete au die Anwesenden begeisternde Worte und crntete lebhaften Beifall. Es sprach noch Herr Red. Schwarz. Während des Mahles brachten Herr Oberkantor Müller, Wien, und Herr Oberkantor Fuchs, Trebitsch, jüdische Gesänge zum Vortrage. Begrützungsdepeschen und Briefe sind von den ineisten Chewra Kadischas Mährens. Schlesiens, Böhmens, weiters von vielen Rabbinern. Kultusgemeinden, von der Agudas Jisroel, Wien. Schomre Schabbos, Wien, cingelauscn. Das Benschen wurde verliziticrt und ergab einen bcnächtlichen Erlös. Nachdem Herr Oberkantor Müller das Tischgebet verrichtete hielt Herr Redakteur Hickl das Schlußwort und führte folgendes aus: Das Brudermahl sollte im Zeichen des Friedens und der Eintracht stattfindcn. Es war dem Zwecke gewidmet, im Interesse unserer Glaubensgemeinschaft einen neutralen Boden zu schaffen, auf dem all diejenigen, die an der jüdischeu Sache ein Interesse haben, sich finden. Es könne jedoch nicht verschwiegen werden, daß gerade die offiziellen Vertreter des Brüiiner Judcntums dieser Veranstaltung, wie auf Verabrcdung, trotz geziemender Einladung durch ostentatives Fernbleiben, ohne jedwede Entschuldigung glänzten. — — Dieses Fcrnblcibcn übte auch auf sämtliche Anwesende, insbesondere auf die auswärtigen Delegierten einen nicht besonders günstigen Eindruck aus. Nedaktcur Hickl betonte, das; gerade dieses Fernbleiben allen wahrhaft denkenden 'Juden ein Ansporn sein müsse, mit dem Aufgebote aller Kräfte auf dem eingeschlagencn Wege fortzuschreiten. In diesem Sinne werde auch die Machsikc Hadas- Organisation weiter arbeiten. Hierauf fand die schöne, erbebende Feier ihren Abschluß. Noblesse oblige. Noblesse oblige. Der ruffische Adel, die ortbodorc Geistlichkeit, der Verband echter Russen, isl cs das . schwarze Hundert", die zarcntrcne Bcamtcnschasi. diversc, gegenwärtig gerade unbeschäftigte Pogromhelden nnd einige bezahlte Statisten feierten dieser Tage die Vollendung dreier Jahrhunderte Romanowschcr Herrsckaft. DaS russische Volk in seiner erdrückenden Mehrbeit ignorierte die Feier. Das Herrschergeschlecht der Romanow (über die Berechtigung des russischen HerrschcrhauseS, diesen Namen zu sührcn. sind sich die Gelehrten noch immer nicht einig) isl äußern unpopulär. Mit der Knute und der Nagaiia haben die Romanows unter ihren Untertanen gewütet, das freie Wort in Rußland wurde erstickt, jede freie Regung geknebelt, denjenigen, die Brot verlangten, wurden Kugeln gegeben, die Gefängnisse waren überfüllt, die Galgen in ununterbrochener Benützung, und in den Kerkern starben Taufende sehr oft eines geradezu verdächtig plötzlichen Todes. Der Weg der Romanows führte über Leichen. In zager Furcht voreinander leben nun Herrscher und Untertanen in Rllßland. Letztere fürchten die Grausamkeit ״Väterchens" und dieser selbst lebt in steter Angst vor dem Hasse des russischen Volkes und seiner Rache. Das ist der wahre Ausdruck der Lolksstimmung i» Rußland. Und zwar trotz der offiziellen Kommuniques, trotz der von den russischen Behörden inszeniertcn Pogroms, die die Bestie im russischen Volke wecken und den Volkszorn auf die Juden ablcnken sollte. Unter solchen Auspizien feiert Zar Nikolaus der Zweite den 300jährigen Bestand seines Hauses. Der Wiener russische Botschafter feierte natürlich wacker mit und lud sich zu dieser Feier auch die tonangcbendcn Kreise ein. Und traurig genug: auf der Präsenzliste der Erschienenen findet man auch Baron Louis Rothschild und Baron und Baronin A lfons Rothschild. Das verdient öffentlich angcnagelt zu werden. Einstmals bettelten Herrscher um die Gunst des Gründcrs des Hauses Rothschild, heute katzenbuckcln seine Nachkommen vor einem Vertreter des Herrscherhauses, das so viel Leid über die Juden und Judentum gcbracht bat, vor dem Botschafter eines Landes, in dem unter den Äugen und auf Anslistcn der Behörde wehr- und schutzlos Tausende von Juden in schändlichster Weise hingcschlachtct oder sonst zu Tode gequält wurden, lvo »och heute der Jude rechtlos und vorgclfrci ist, abhängig von der Laune der Behörden, ansgesctzt dem Wüten des Mobs. Tic Romanows feiern ihr 300jähriges Jubiläum, lind mit ihnen feiert auch der Adel. In Wien selbst die Rothschilds. Noblesse oblige! In Rußland erschlägt man ungestraft Juden, in Wien erscheinen sie aus der Präsenzliste der russischen Botschafterfoiren.... Massnahmen zur Linderung der Wirtschastlichen Depression in Galizien. Die österreichische Regierung hat sich nun zu einer Tat aufgcrafft. Unter dem hochtrabenden Titel: ״Maßnahme» zur Linderung der wirtschaftlichen Depression in Galizien" hat eine im Ministerium des Innern stattgefundene intcrminiftericllc Konferenz beschlossen, als Subvention i» Galizien das ärarische und nichtärarische Straßennetz ausbaucn zu lassen. Insgesamt wirft die österreichische Regierung für diesen Zweck sage und schreibe eine Million Kronen aus. Enqueten wurden abgchaltcn, Beratungen gepflogen, Gutachten cingebolt, Vorschläge erstattet. Intcrpellationcn cingcbracht, Petitionen, Memoranden und diverse Deputationen nach Wien geschickt, bis die öfterrcichischc Regierung sich zu diesem schwerwiegenden Schritt entschloß. Berge kreißten und gebaren ein Mäuschen, diesmal setzte der Amtsschimmel nach schwcreu Gcburtswchcii eine Subvention von einer Million Kronen zur Linderung des Notstandes in Galizien in die Welt. Wer die Verhältnisse in Galizien kennt, weih daß das Land unter einer Kreditkrisc schlocr zu leiden hat, die jeden Unternehmungsgeist lahmlcgt, so daß das gesamte Wirtschaftsleben in Galizien schon seit fast einem Jahre vollständig stagniert. Und verschärft wurde diese Krise noch durch die seit Monaten drohende Kriegsgefahr. Die österreichische Regierung aber packt diese Krise beim verkehrten Ende an und beginnt mit einer famosen Subvention zwecks Straßenvcrbcsserung. statt den Kredit Galiziens auf eine sicherere Basis zu stellen. Daß sic es nicht tut, scheint in Zusammenhang 01' stehen mit den antisemitischen Strömungc», die derzeit die Regicrungskreisc beeinflußen. Denn diejenigen, die durch die Krise am schwersten betroffen tvordcn sind, sind die galizischcn Händler nnd finanziellen Institute. Und da beide laut Statistik zu 05 Prozent in den Händen der Juden liegen, vermeidet cs die Regierung, durchgreifende Maßregeln zu ergreifen, sondern bcgnügt sich mit Palliativmitteln. Sic schwächt dadurch die Stcucrkraft der galizischcn Bevölkerung nnd wird so Ivicder die Folgen dieser ihrer engbcrzigcii und kurzsichtigen, von Einseitigkeit und Kleinlichkeit beeinflußtcn׳ Politik selbst zu tragen haben! Mskontv tZsseüschaft bei der Nordösterreichischen Bank <־ ffir Industrie, Handel nnd Landwirtschaft, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Brünn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankj gesch&fte, hauptsächlich auch kür den ׳־ Eskompt offener Buchforderangen j unter den allergünstigsten Bedingungen. Generalversammlung des mähr. Landesmassasondes. Am 17^d. fand unter dem Vorsitze des Hofrates Dr. Spitzer im Sitzungssaals der israel. Kultusgemeinde Brünn Die jährliche Delegiertenvcrsammlung statt. Tie Telegiertenversammlung, die zirka eine Stunde dauerte, nahm den üblichen Verlauf. Nennenswerte Debatten sanden nicht statt. Bemerkenswert war nur die Mahnung des Vorsitzenden an die Vertreter der kleineren Kultusgemeindcn, sich in ihren Ausgaben der größtmöglichsten Sparsamkeit zu befleißigen und namentlich beim Eintritt von Vagangen keine Neubesetzungen durch Rabbiner vorzunehmen. Es wäre zu empfehlen, daß mehrcre kleine Gemeinden sich zu einem Rabbinate vereinigen. Ein Delegierter machte dabei den Zwischenruf: ״Was sollen denn die Rabbiner machen —??!" Eine lebhafte Debatte knüpfte sich an den Antrag des Vorsitzenden, es sei die Subvention des Mädchen-Freitischvereines in Brünn von 100 auf 200 K zu erhöhen. Auf Antrag des Präsidenten der israel. Kultusgemeinde Dr. Fiala wurde diese Erhöhung bewilligt. Unter freien Anträgen führte Delegierter Bramcr aus Ung.-Brod lebhafte Beschwerde über die mährische Landeslebensversicherung, die als Pensionsinstitut für die jüdischen Knltusbeamtcn dient. Er führte einen sehr drastischen Fall zur Charakteristik der genannten Versicherungsgesellschaft an. Herr Kurator Pollenz (Mißiilz ׳ ließ sich zu der Erklärung herbei, daß dein Kuraiorium selbst die vom mährischen Landesmassasonds mit der genannten Gesellschaft abgeschlosscnen Versicherung der Kultnsbeamten nicht 1111־ bekannt^ seien. Delegierter Dr. Meißner bcrichtete, das; di« Witwe eines anerkannten mährischen Rabbiners gegen die genannte Gesellschaft den Prozeßweg betreten mußte, der schließlich zu einem Ausgleich führte. Die Witwe bezieht jetzt eine Rente von sage und schreibe 20 K (zwanzig Kronen monatlich!) Herrn Bramer gebührt jedenfalls das Verdienst, die Frage über die mangelhafte Versicherung lmd Versorgung der jüd. Kultusbeamten, deren Witwen und Waisen angeregt zu haben. Es wurde hieraus der Beschluß gefaßt, die vom genannten Delegierten tempernmentvoll vorgebrachten Beschwerden seitens des .Kuratoriums zu prüfen und Abhilfe zu schassen. Auch in diesem Jahre waren zwei Rabbiner unter den Delegierten anwesend, nnd zwar Tr. Günzig (Loschitz) und Dr. Kanter (Zwittau). Kunälckav. Jüdische Nächstenliebe. Warschau. Zwei christliche Frauen wandten sich an die jüdische Bcerdigungsbrüdcrschaft mit der Bitte, ihren armen Verwandten die Taxe zur Beerdigung aus dem christlichen Friedhöfe zu bewilligen. Die jüdische Bcerdigungsbrüdcrschaft Hai diesem Ansuchen cntsprochcn und erlegt die Gebühr. Ehrlose. Ehartow. Tie hiesigen Täuflinge bekunden ein eigenartiges Tolidaritätsgcsühl. So geschah cs dieser Tage, daß ein Täufling namens Abrahamowitsch, der die jüdische Abteilung der städtischen Bibliothek besuchen wollte, von den Anwesenden gezwungen lvurde, das Lokal zu verlassen. Dieser Täufling hat nun in Gemeinschafl mil noch anderen Mcschumodim gegen die Anwesenden vci der Behörde die Anzeige erstattet, an revolutionären Versammlungen lcilgenommcn zu habe». Gegen sämtliche Anwesende wurde das Strasversahreu cingeleitct. Wir werden über den Ausgang des Prozcsses noch berichten. Jüdische Zeitungen in Rußland. Russische Zeitungen vcrössentlickrn folgende Statistik: Ende des Jahres 1912 gab cs in Rußland 37 jüdische Zeitungen. Hiervon erscheinen im Jargon 20, hebräisch 8, russisch 8, polnisch 1. 13 Zeitungen erscheinen als Tagesblättcr. Zum Journaliftcnstreik in Newport. Wie bereits vor kurzem gemeldet, ist in Nemhori ein Streik der bei der jüdischen Presse beschäftigten Journalisten ausgcbroche». Tic streikenden Journal!- sten haben aus diesem Anlässe eine eigene jüdische Zeitung unter dem Titel ״Jüdische Presse" hcrausgcgeben und ist bereits die dritte Nummer erschienen. Wie nachgewicscn ist, haben die Herausgeber der in Betracht kommenden Zeitungen ein Einkommen von jährlich 220.000 Dollars. Aber zu einer Erhöhung des Gehaltes konnten sich die Herren nicht aufraffcn.

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