Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1913)
- Date
- 1913-02-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2621806-2621846-2621855--2016-2623086- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2. ״Jüdische BolkSstimme." Nr. 9 Studentenschaft, die Anerkennung durchzusctzcn, pcls in Belgrad waren der König, die Negierung blieben vergebens. Mau hat die 300 jüdischua- und die Spitzen der Behörden zugegen. Zur Intionalen Hörer einfach gewaltsam den Deutschen stallation des Oberrabbincrs sandte König Peter zugezäblt und praktiziert diesen Vorgang weiter, seinen Adjutanten, der dem Dr. A'kalay als Zei- Jetzt sind aber die akademischen Behörden chen der königlichen Gewogenheit den Takowaauf dem Sprunge, einen radikalen Vorstoß gegen Orden dritter'Klasse überreichte. König und Nedie Juden zu unternehmen. gicrung wetteifern miteinander, um ihren ju- Die rcichsdcutschen Klinikervcrbände haben dcnfrenndlichcn Gefühlen bei jeder sich bietensich gegen die Inskription ausländischer Hörer, den Gelegenheit spontan und herzlich Ausdruck insbesondere N'ussen verwahrt, weil die russizu verleihen. scheu Hochschüler insolge ihrer Gymnasial- und Auch bei dieser Gelegenheit, als der Sou- Hochschulordnung den Zutritt zu den höheren dcrzug anlangte und der König auf einige Mi- Ucbungcn früher erlangten, als die cinhciminuten ausfticg, versäumte er es nicht, den Belscheu. Ta haben nun mit vollein Necht die Hö rer verlangt, daß man von den Nüssen eine minausfticg, versäumte er es nicht, gradcr Obcrrabbiner, den er am Perron beinerktc, mit einigen freundlichen Worten der Anbest ebenso lange Studienzeit verlangen müsse, spräche auszuzeichncn. Er fuhr bald weiter und als von den einheimischen^ Studenten. , in Ucsküb, wo er unter anderen Deputationen In Prag wird die Sache variiert und vor auch von den Vertretern der jüdischen Gemeinde nehmen gnädig drei liberale Vertreter auf, desogleich am Bahnhöfe, 1un auch ihren neuen krctiercn aber, daß Zionisten und Jüdischnatio- Laudcsrabbiner zu empfangen, aber sie warteten nalc, wiewohl sic doch ordentliche Hörer mit den gleichen Rechten und Pflichten sind, in diese, wie sic sie nennen, ״sachliche" Organisation nicht ausgenommen werden dürfen. Daß hier die Absicht klar zutage liegt, wird kaum jemand ernstlich bestreiten können. Wenn tatsächlich die Zahl der Ausländer an der. medizinischen Fakultät so stark überhand nimmt, dann sind die jüdischnationalen Mediziner ebenso geschädigt, wie ihre arischen oder liberalen Kollegen und cs wird niemand von ihnen verlangen, daß sie sich einem Numerus clausus widersetzen. Allerdings wurden aber die Jüdischnationalen konsequenterweise für die Abweisung der Ausländer ohne Untcrschied der Konfession nnd Nationalität eintreten. Das ist cs nun, wovor die Herren Antifeinsten Angst haben. Denn die räumliche Beschränkung stört sic uur iu zweiter Linie. Ihnen sind die russischen Juden ein Dorn im Auge, die fleißig und strebsam die Vorlesungen besuchen und ihnen dadurch, trotz der mangelhafteu Kenntnis der Sprache, bald über sind.. lind man hatte auch des öfteren Gelegenheit, zu beobachten, wie diese rohen antisemitischen Bengel in den Hörsälcn die russischen Hörer zu beleidigen und zu verdrängen suchten, was schon mehr als eine Affäre zur Folge gehabt hat. Nun haben die Antisemiten zu einein Vernichiungsschlag nusgeholt und sich hiezu der Beihilfe eines akadcinischen Lehrers, des Hofrates Jaks ch. gesichert, der es übernommen hat, diesem Scherbengcricht vorzusitzcn. Daß die liberalen Juden willig mithumpeln, braucht weiter nicht wunderzu nehmen. Winkt ihnen doch dadurch die Möglichkeit, mit Tcutschnationalen gemeinsam zur Ncttung des Deutschtums am grünen Tisch zu sitzen und dafür hat jene Sorte von Menschen stets gerne Ehre und Reputation in die Schauzcn geschlagen. Bilder aus Neu-Serbien. Der judcnfrcundlichc König. — Die enttäuschte Empfangsdcputation. — die jüdische Gemeinde in Ucsküb. — Das neueste Blutmärchcn. Von Kumanowo ging es in gleichem Schncckengange weiter. Zur Abwechslung mußten sie in einer kleineren Station Halt machen, um den avisierten Sondcrzug des Königs passieren zu lassen, der ihnen in einem viel rascheren Tempo uacheilte. Sowohl die serbische Negierung als auch König Peter sind den Juden sehr freundlich gesinnt. Gut cingewcihte Kreise in Belgrad wissen zu erzählen, daß vor Jahren, als eine Belgrader Zeitung antisemitische Hetzartikel!türkische Duldung, uur erscheinen ließ, der Redakteur derselben vor den damaligen Ministerpräsidenten gerufen wurde, der ihm, wenn er mit den aufreizenden Artikeln sorifahrt, mit einem kurzen Prozesse und dem Erschießen drohte. (Das Erschießen ist nämlich bis iu den späten Abend ganz vergeblich. Denn die Wege Gottes und die seiner Diener sind — aus einem serbischen Kriegs-Eisenbahnzuge — unerforschlich und unberechenbar. Spät in der Nacht kam dieser an, aber nicht am Bahnhofe, sondern noch weit von ihm in einer Vorstadt, in deren finsteren, gewundenen und unreinstchen Gassen der vergeblich Erwartete lange herumirren mußte, bis er den Verwandten eines Belgrader Juden aufsindcn und durch dessen Vermittlung in sein von der jüdischen Gemeinde bestelltes, nicht besonders komfortables Hotelzimmcr gelangen konnte. In Ucsküb fand er in der ziemlich bcdeutendcn jüdischen Gemeinde patriarchalisch traditioncllc Verhältnisse, aber auch eine echt türkische Verwahrlosung vor. Tie Gcincinde kennt kein Budget, keine geregelte Buchführung, keine Kontrolle, ja sogar keine Kultussteuer! Das einzigc ordentliche Einkommen der Gemeinde bildet die Gabella. Da aber gegenwärtig insolge der Teuerung und der Kriegsvcrhältnisse Fleisch nur wenig gegessen und Geflügel fast gar nicht geschlachtet wird, sieht die Gemeinde vollkommen mittellos den außerordentlichen Ansprüchen der Kriegszeiten gegenüber. Die jüdische Bevölkerung flüchtet aus der Umgebung in die grötzcren Städte und hilft die Anzahl der aus Mangel an Erwerb N'otleidcnden nur noch zu vermehren. Um sich ein Bild des Gemcindcwcscns in Ueksiib zu machen, genügt es, darauf hinzuwcisen, daß die Geincindeangcstellten, wie ein diesbezüglich befragter Schochet erklärte, ihr Gehalt uur iu kleineren Raten, je nachdcnr das Geld in die Gemeindckassa einfließt, bekommen, und daß es eine alltägliche Erscheinung ist, wenn ihnen die Gemeinde mit dem Gehalte 3 bis -l Monate im Rückstände bleibt. Das Obcrrabbiuat ist seit Jahren vakant, die Chcdarim vernachlässigt und von einer Kultur keine Spur. Die Vorsteher der Gemeinde verlangten von allem Hilfe, die ihnen Tr. Alkalay seitens der Belgradcr Judenheit in einer größeren Summe Geldes zur Linderung der größten Not auch brachte. Aber mehr noch, als die materielle Hilfe wirkte auf ihre moralische Erhebung das Erschcineu eines Rabbiners aus dem Laude der Eroberer, der sich ihnen als Bruder zeigte, mit ihnen in ihrer Sprache redete, und, was die Hauptsache ist, von seiten der serbischen Offiziere mit der größten Achtung und der herzlichsten Zuvorkommenheit behandlet wurde. Die Ucsküber Judenheit hatte von den bisherigen Machthabern, trotz aller Lobeshymnen auf die ruck, Verachtung und den sie nun mit einem Male ledig; sie lebten gleichsam wieder auf, als sie von der Gleichheit aller vor dem serbischen Gesetze hörten. Sic seierteu daher den Abgesandten der serbischen Judenhcit in orientalisch überschwänglicher Weise und stehen mit ihm seither in regem Briesverkehre. Während seines siebentägigen Aufenthaltes bei ihnen hatte er auch Gelegenheit, einen bulgarischen Judenpogrom, wenn auch nicht zu verhüten (denn dazu bedurfte es seiner gar nicht, da die serbische Behörde ohnehin ihre Pflicht tat) aber doch die Ilesküber Juden bei diesem Anlasie zu beschwichtigen. Die slawischen Bewohner Mazedoniens sind eigentlich weder Serben, noch Bulgaren, sondern ein Mischprodukt beider Nationen. Nur die Propaganda der Balkanstaaten, die ihnen Schulen errichtet und sic wirtschaftlich unterstützt, weckte das Nationalgefühl der Mazedonier und bewirkte, daß sie sich als Serben oder Bulgaren 1 bekennen. In der Umgebung von Ucsküb sind nun diese Mazedobulgaren in der Majorität, die arg enttäuscht wareu, als statt der erwarteten Bulgaren, die Serben einrückten. Natürlich konnten sic ihrem Unmut keinen offenen Ausdruck verleihen, und so entlud sich der verhaltene Grimm in einem Pogroinversuche gegen die Juden, die immer und überall den Prügelknaben abgeben müssen. Selbstverständlich (wie beim Wolfe in der Fabel) fand sich auch der Anlaß dazu. Ein bulgarischer Landwirt aus der Umgebung von Ucsküb Pflegte seine Milch durch einen 1 jungen Burschen in die Stadt zu einem jüdischen Milchhändler zu schicken. Eines Tages brachte der Bursche die Milch wie gewöhnlich, nahm aber die leeren Kannen nicht zurück, sondern sagte, daß sie am nächsten Tage ein anderer Bursche seines Herrn holen werde. Da aber der Bursche zu seinem Herrn nicht mehr zurückkehrte, kam dieser selbst mit großem Geschrei, begleitet von einem Hausen seiner Freunde, und forderte die Herausgabe seines Burschen, den der Jude entweder verborgen halte oder umgebracht haben müsse. Die drohende Haltung der Bulgaren teilte sich dem zusammengerotteten Pöbel mit und ließ für die verängstigten Juden das Aergste befürchten. Der serbische Stadtkommandant griff aber rechtzeitig ein, beschwichtigte das Volk mit dem Versprechen einer strengen Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen und stellte die Ruhe mit zielbewußter Energie wieder her. Die eingeleitete Untersuchung ergab schon am nächsten Tage, daß der Bulgare seinen Burschen, weil er ihm einige Schafe aus seiner Herde verloren gehen ließ, arg duchgeprügclt hatte, worauf dieser zu einem Verwandten ins Nachbardorf entlaufen war, wo man ihn frisch und munter antraf. Der Bulgare wurde wegen Aufreizung bestraft und die Bevölkerung strenge verwarnt, die Juden mit den lügenhaften Blutmärchen in Zukunft in Ruhe zu lassen. Sv schafsen die siegreichen Balkanvölker Ruhe und Ordnung im eroberten Gebiete und gewährleisten die Sicherheit des Lebens und Vermögens, sowie die Gleichheit aller vor dem Gesetz, was geeignet ist, nicht bloß die Juden, sondern auch die Mohammedaner in ihren neuen Provinzen zu ihren loyalsten Untertanen zu machen. Semlin, 23. Februar 1913. Dr. U r b a ch. Ungerechtigkeiten alter Art zu erdulden und in ihrer geistigen Beschränktheit und Weltabgeschicdenhcit sich von den feindlichen Eroberern, deren Sprache sic nicht verstehen, noch viel Acrgcres Sprache sie nicht verstehen (sie sprechen bloß die übliche Hinrichtungsart in Serbien, bei der ן Türkisch und Spaniolisch), noch viel Acrgcres sie auch das Henkersamt ersparen!) Das wirkte,! vorgcslellt. Sic lebten auch dementsprechend in und seither gibl es in Serbien weder einen offe-! beständiger Furcht vor einem serbischen Pogrom, neu noch einen versteckten Antisemitismus. Bei! wenn dazu auch kein greifbarer Grund vorhander Einweihung des neuen sephardischen Temden war. Dieser beständigen Ungewißheit wur- Rabbinerverband in Böhmen. Am 17. d. fand in Prag, Hotcs Bristol, die diesjährige Generalversammlung des böhmischen Rabbiner- Verbandes unter Vorsitz des Präsidenten H. Pros. Dr. Surrcin, Dehlitz, statt. Schon die ungemein schwache Teilnahme der Mitglieder, die aus der Provinz eintrafen und vom Verbandstag eine wenn auch nur bescheidcnc Verbesserung ihrer Lage erhofften, ließ die altscitigc Resignation erkennen, die sämtliche Mitglieder erfaßte, da nunmehr jede Hoffnung auf eine Sanicrung der tristen Zustände geschwunden zu sein scheint. Diesen Gedanken betonte auch der Vorsitzende in der Eröffnungsrede, und wies u. a. auch darauf lVtZstriscst-sckklesiscke Bank Brünn. Telephon Nr. 380, Direktien. verzinst EINLAGEN gegen Büchel und in (laufender : Rechnung mif Ferdinandsgasse Nr. 29 5 bis 5*1־ Telephon Nr. 1016, Wechselstube. gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bankgeschähe aller Art, Börsen-u. Wechslergeschäfte.