Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1913)
- Date
- 1913-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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X1V|2. Jahrg. Nummer 9 Erscheint jeden Donnerstag. üilischr Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Rußland, ganzjährig.Rubel 5.— ן Balkan, Frankreich.Franks 12.— j Einzelne Nummer 20 h. | Inserate: die Sspaltige Petitzcile 30 h. Herausgeber: Max Hickl Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. j Geschästsslelle, Wien:!., Rotenlurmslraße Nr. 31.! , Telephon 3009/VIll- -Sprechstunden von lO—12 Uhr Poslsparkassakonlo Nr. 312.8-12. > , Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- | I riert. — Manuskripten ist Rückporto beizusügen. s Brünn—Budapest Wie» 27. Februar 1918. 20 ׳. Adar Rischon 5fi73 Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: L. Grünhut: Balkankrieg und Judentum. — Ein antisemitischer Vorstoß an der Prager Universität. — Gut macht er es. — Dr. Urbach: Bilder aus Neu-Srebien. — Rabbiuerverband in Böhmen. — Der neue Oberrabbiner sür Großbritannien und die Kolonien. — Wiener Nachrichten. — Brünner Nachrichten. — Rundschau. — Korrespondenzen. — Ter Antisemitismus in Kroatien. -— Prof. Dr. Schwarz: Skizzen aus dem volkswirtschaftlichen Leben der Juden in der Vergangenheit. — Tr. A. Deutsch: Exegetisches zuni Wochenabschnitt. Balkankrieg unv Judentum. Es ist ein gräßliches Schauspiel, das sich momentan unter den Augen der sogenannten. Äulturwelt abspielt. Ein Krieg, der die Befreiung unterdrückter Volksstämme bezweckte, hat sich in wenigen Wochen in einen Raubzug, ja in ein Gemetzel umgewandelt. Europa sieht diesem Schauspiel, das sich von den neronischen Arenakämpfen nur durch den Mangel an Aufrichtigfeit, nur durch den Versuch, der entfesselten Menschenbestie einen Schein von Berechtigung zu leihen, nachteilig unterscheidet, nicht nur ruhig zu, sondern nennt es eine Kulturtat, ein Vordringen der Zivilisation. Wir wollen nicht davon reden, wieviel Unglück über unsere Glaubensbrüder auf dem Balkan hereinbrach, nicht davon, wieviel heiliges jüdisches Glück zerstört wurde; auch nicht davon, daß die Griechen die Besitzergreifung Salonikis — in sinniger Er- Feuilleton. Gut macht er es. Eine wahre Geschichte von Lo ... I. Der Nebbe sitzt bei seinem Tische und lernt. Da öffnet sich auf einmal die Tür und ein Mann kommt herein. ״Man" klopft nicht an. ״Guten Morgen, Rebbe!" ״Guten Morgen." ״Ich Hab da a Sefer gebracht. A feines Leser. Ui, Rebbeleben, ist das a Mann, was Hot dus geschrieben! A Zadik, a Gaon! Hat aber leider jetzt nichts zu essen. Helft's, Rebbcleben! Gcbt's a Kleinigkeit. Es ist a Mizwah gedoloh!" Und der Nebbe gibt ihm etwas. Acht Tage darauf kommt derselbe Mann wieder. ״A, guten Tug, Nebbe!" ״Oj, Nebbe, helft! A Familie ist da und Hot keinen Penny aus Schabbes. Hot ka Challe (Barches) und kein Lecht (Lichtkerzen), gebt'S etwas le koweth Schabbes! Ich muß einen Schilling haben. Wo soll ich jetzt hingeh'n? Es ist Freitag, ich Hab nicht viel Zeit. Gebt mir a Schilling, Nebbe!" ״Einen Schilling?" ״Ja, Rebbe, weniger kann ich nicht nehmen, s ist doch für a Familie, aj. a taire Familie, inncrung an die Makkabäerzeit — mit einem Pogrom einleiteten. Tenn das traurige Los der Balkanjuden ist, so schmerzlich es auch sei, zeitlich beschränkt und die Jahre werden auch diese Wunden heilen. In sittlicher Beziehung jedoch hat dieser Krieg nicht nur jeden Juden, sondern auch jeden edlen Menschen aufs tiefste betroffen. Bedeutet er doch nichts anderes als die offene Rückkehr zum Materialismus, zum Esau-Priuzipe, daß nur der Starke lebensberechtigt sei, daß trotz allem die Waffe das Entscheidende bleibt, daß die höchsten Menschheitsbegriffe: Gott und Religion nur dazu gut seien, in Manifesten und Kriegsparolen-den äußeren Zierrat abzugeben. Wem befiele nicht der tiefste, letzte Ekel, wenn ihm die sich überstürzenden Berichte von mit Leichen bedeckten Feldern von zu Tode gemarterten Greisen und Kindern, von entehrten Frauen berichten? Welchem Juden steigen in diesen Tagen der Mastenschlächterei blühender Menschen, heißgeliebter Väter, Gatten, Söhne nicht jene altehrwürdigen Bilder unsere r Großen, unserer Tanaim und Amoraim auf, die gelehrt hatten, daß die Beschämung eines Menschen dem Morde gleichkomme, daß die Rettung eines einzigen Lebens der Rettung der Welt gleichstebe?! Dieser Krieg ist nur eine neue Phase in dem zweitausendjährigen Kampse zwischen dem schwachen Jakob und dem mächtigen Unbekannten, zwischen unjüdischem Materialismus und jüdischem Idealismus, in jenem Kampfe, der nur solange dauern kann, als auf Erden Nacht und Finsternis herrschen. Wenn uns auch diese neue Phase deutlich zeigt, daß weder der Kamps sie brauch es lekoweth Schabbes, Rebbe." — Ter Rebbe kann sich nicht helfen, er gibt. Damit war der liebe Mann aber noch nicht zufrieden. (Im Vertrauen gesagt, war er der weise Manu, der Zadik, und zugleich auch die taiere Familie.) Vierzehn Tage darauf kommt er wieder. ״Guten Morgen, Rebbe! Fein warm habt Jhr's, Rebbe. A scheues Feier! Ich hob wirklich kaine Kojlen zu Haus. A, wie fein es ist, wie warm, Nebbe! Wißt Ihr, Rebbe, heint komm ich für mich, jetzt kennt's Ihr mich doch schon, Rebbe, jetzt müßt's Ihr nur helfen. Ich bob' keine Kojlen. es ist kolt. Ich muß a Schilling hoben." ״Wieder einen Schilling? Ihr seid nicht der Einzige, der kommt, ich kann nicht jedem einen Schilling geben." ״Rebbe, ich muß a Schilling haben. Rebbe gebt's!" Ter Rebbe kann sich wieder nicht helfen, er muß sich Ruhe verschaffen und gibt ihm. Ta fällt dem Manne ein Penny herunter. ״Na, soll es liegen, Rebbe. ich Hab' ja keinen Kontrakt mit'n Rebben." Tann hebt er ihn aber doch auf und sagt: ״Schekauach, Rebbe. ich hoffe, ich werd' noch a ßach Geld beim Rebbrn verdienen. A güten Tug." —- noch die Nacht vorüber seien, so ermahnt sie uns um so deutlicher, uns sür die endlich aufgehende Morgenröte zu rüsten, die uns als ein Helden- Haftes Israel, als einen selbst vom Gegner anerkannten und gesegneten Gotteskämpfer antreffen soll. Tie Wandlung der Menschheit vom Materialismus zum göttlich freien Menschentum, von der unglückbringenden Menschenge- Walt zur glückstiftenden GotteSmacht, sie vollzieht sich nur langsam und unter vielen Zuckungen und Rückfällen. Aber sie vollzieht sich. Rom ist geschwunden, das wasfenstrotzende Mittelalter ist vorüber, die wehrlose Thora, das mitleidig geduldete Judentum, sie waren das einzig Beständige im Wechsel der Jahrtausende. Und wenn wir heute wieder einen solch traurigen Rückfall in die GeisteSmacht miterleben müssen, wenn cs auch scheinbar keine absehbare Hilfe gibt, so müssen wir uns mit doppelter und verdreifachter .Straft an das Judentum klammern, an jenes Judentum, das uns immer und immer Sie feste Stütze war, wenn alles andere wankte und stürzte, an das Judentum, das uns solange nicht verläßt, als nur wir es nicht preisgeben. Ter Balkankrieg mit seinen Gräueln und seinen׳ Elend muß uns auch zur Erziehung werden. Er muß uns mit deutlichster Schärfe den Kontrast, den unüberbrückbaren Gegensatz zwischeu brutaler Selbsiherrlichkeii. die über Leichen und Menschenglück hinweg ihr Ziel erzwingen will, und jüdische Lebensauffassung vor Augen halten, der ein auf Unglück aufgebautes Glück kein Glück und ein auf Unrecht beruhendes Recht kein Recht ist. Ter schrecklichste der Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn. Tas Höchste des Hohen ist der Jude in seinem Judentum! W i e n. im 1. Adar. L. G r ü n h u k. Ein antisemitischer Vorstoß an der Prager Universität. Unter dem Deckmantel räumlicher Beengung. Prag, im Februar 1013. Tie Prager deutsche Universität hat den Juden gegenüber stets eine einzigartige Stel lung eingenommen. Unter der Berufung, daß sie eine gesetzlich sestgelegte deutsche Universität sei, hat sie die Jüdischnationalen hartnäckig unv konsequent die primitivsten Rechte verweigert und ihnen als Jüdischnationalen die Anerkenuunq stets voreuthalteu. Vor vielen Jahren, als der jüdische Studentenverein ״Bar-.Kochba" ge gründet wurde, haben die akademischen Behör den dieser Korporation die Aushängung einer Tafel für die Vereinsaffichen gestattet. (An der deutschen Technik hängt die Tafel noch heute.» Als aber die erste wehrhafte, farbentragende Korporation, die ״Barissia" in Prag erstand, da wurden alle Gesuche um Anerkennung zurückgewiesen, mehr noch, es wurde für alle Mit glieöer der Verbindung ein strenges Farbenverbot für den akademischen Boden erlassen. Und so ist es bis auf den heutigen Tag geblieben und alle Anstrengungen der Prager jüdischnationalen Talare! In vornehmster Ausfüllung von K 30־— aufwärts nur in dem In- und Ausland bestens eingeführten Spezlaihause für Synagogen - Ornate Telephon Nr• 21.990. Rudolf Goldstein, WIEN, 11., Taborstrasse 54. Illustrierte Preiskataloge an Interessenten gratis und franko• Zivil- und Uniform-Schneider. | I