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Jüdische Volksstimme · 1913-02-06 · Heft 6 (6.2.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 6 (6.2.1913)
Date
1913-02-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Jüdische BolkSstimme." Nr. 6 Es muß demnach hier notwendig Wandel geschaffen werden. In Anbetracht jedoch dessen, daß sich das Chedcr einer sehr großen Popularität erfreut und deshalb eine durchschlägige Remedur ersahrungsgemäß ein aussichtsloses Beginnen wäre, verbleibt nur die Möglichkeit, auf die sukzessive Umgestaltung des Bestehenden hinzuarbeiten. Ein rapides Aufhalsen der Reformen ist hier übrigens schon deshalb nicht an! Platze, weil man auf diese Weise allezeit nur eine unerwünschte Reaktion hcrvorzurufcn Pflegte. I Von allen bisherigen Ncformvcrsuchcn habcn bis nunzu einen nennenswerten Erfolg nur die Safa Veruraschulcn erzielt. Dieser Erfolg steht jedoch in gar keinem Verhältnis zur beispiclloscn Opferwillgikcit der Gründer und Auf- Opferung der Lehrer. Wenn wir die verhältnismäßig kleine Anzahl dieser Schulen des näheren betrachten, so Knüsten wir zur Einsicht gelangen, daß diese schulen in der jetzigen Form nicht berufen sind, das Chedcr zu verdrängen. Die Ursache dieses Sachverhaltes liegt augenscheinlich darin, daß man in denselben anstatt mit den bestehenden Vcrhältnisten zu rechneu, bahnbrechende Reformen durchführen will. Tiefes allzu schnelle Tempo resultiert eine Frühgebürt, setzt in die Welt lebcnsschwachc Früchte, die so oft als irgend möglich — sich lebensunfähig zeigen. Ein Oktroicrcn dieser Reformen ist nur damals denkbar, wenn ein Fonds vorhanden wäre, der diesen Schulen in materieller Hinsicht völlige Unabhängigkeit sichern sollte. Wenn irgendwo dennoch eine Safa Beruraschule feste Wurzeln geschlagen hat, so ist dies entweder der großen Opfcrwilligkcit eines Winzigcn Fortschrittlcrhäufleins oder der Einfiihrung der Koedukation zu verdanken. An dieser Stelle muß der Umstand, daß in der Safa Bcruraschule auch dem weiblichen Geschlechte Gelegenheit geboten wird, sich in der hebräischen Sprache und Literatur auszubilden, um so mehr ancrkenncud hcrvorgehoben werden, als in Ermanglung besonderer hebräischer Schulen, diese derzeit die einzigen jüdischen Schulen sind, welche Mädchen in gleichem Maße wie Knabcn berücksichtigen. Es ist dies auch deshalb erfrculich, weil die bisherige, geradezu sündcnhaftc Lauheit auf dem Gebiete der religiös-sittlichen Erziehung der Mädchen, unseren Töchtern nur allzuoft die jederzeit gastfreundlichen Tore der Klöster öffnete. Wenn die Safa Bcruraschulen jedoch an die Stelle des Chedcr treten wollen, müssen dieselben eine ebenso gründliche Umgestaltung als das Chedcr erfahren. Zunächst müsse das Lehrmaterial einer peinlichen Sichtung unterzogen werden. Tic jetzigen Lehrer zeichnen sich zwar meiwohnte Rabbi Kalonymos, der hochbetagte Nabbiner der Gemeinde. Das Flämmchcn, das wie ein ferner Stern durch die nächtliche Oede funkclte, war das Scclenlicht, das er am Abend zuc Erinnerung an seinen Vater angczündct hatte. In Gedanken versunken, hatte er die aufzuckende Flamme betrachtet und dabei in unversiegbarer Pietät seines frommen Vaters gedacht, der vor Jahrzehnten an diesem Tage selig entschlafen war. ״Das Angedenken des Gerechten bleibt ein Segen," murmelte Rabbi Kalonymos. Dann hatte er noch in später Abendstunde seine Wohnung verlassen und sich ins Lehrhaus begeben, um in stiller nächtlicher Weile für das Seelenheil seines Vaters in der Mischnah und in dem Sohar zu Icscrk'. Während nun die beiden Genossen in dem finsteren Torweg standen und zu dem crlcuchtetcn Fenster hinübcrblickten, gewahrte plötzlich Benjamin, wie sein Freund den Arm ausstrcckte, mit der Hand nach dem fernen Lichte langte und daran die Laterne entzündete. Da fiel in sein Bewußtsein die grauenhafte Erinnerung, daß Gabriel aus dem Leben geschieden undein gespensiischcs Phantom des Verstorbeneu ihn umgaukle. ״Gabriel," brach es in gepreßtem Aufschrei aus seiner angstverschnürtcn >ichlc, ״kehre zurück in deine Ruh!" Tic Erscheinung verschwand. Die Laterne blieb auf den Steinfliesen stehen — sic brannte. Benjamin griff nach ihr, aber die Laterne entglitt seiner zitternden Hand und zerschellte laut klirrend auf dem Boden. Bon stenteils durch hingebungsvolle Erfüllung ihrer Pflichten aus, entsprechen jedoch in religiöser Hinsicht, infolge herkömmlicher Anschauungen, keinesfalls den Ansprüchen des gläubigen, geschweige orthodoxen Juden/ Der heutige Lehrer ist oft diesbezüglich eine geradezu direkte Antithese des Chederlehrers. Deshalb die unüberbrückbare Kluft zwischen dem orthodoxen Juden und der Safa Bcruraschule. Dies scheint auch das Hauptmotiv der staunenswerten Zähigkeit des Cheders zu sein. Der Lehrer des modernen Cheders muß — der Stabilität der hergebrachten Ansichten Rechnung tragend — durch seinen Lebenswandel in religiöser Hinsicht nicht nur ganz einwandfrei sein, sondern vielmehr durch sein ganzes Wesen einen gesetzestrcucn Juden nach altem Schlage erinnern, eingedenk dessen, daß Gott Herz und Nieren prüft, der Mensch aber nach den Taten urteilt. Des weiteren wird die Leitung der Safa Bcruraschulen einsehen müssen, daß das Chedcr nach wie vor zuvörderst religiösen Zwecken dienen muß, da die breiten Volksmassen, lange noch in den religiösen Bräuchen die einzige Triebjeder zum Studium der hebräischen Sprache sehen werden. Die heute in den Safa Bcruraschulen angewandte Berlitzmethode kann nur langsam int modernen Chedcr eingcführt werden. Bei voller Berücksichtigung der religiösen Anforderungen wird es auch in den schwierigsten Fällen dem Lehrer gelingen, sämtliche Reformen allmählich einzuführen. Wo sich dies durchführen ließe, wäre nachsichende Einrichtung sehr empfehlenswert: Es wird ein hygienisches Gebäude erworben, in welchem Raum für sämtliche jüdischen Kinder vor- Händen ist. Einige im Orte als beste anerkannte Melamdim unterrichten hier in separaten Abteilungen Kinder der Anhänger der alten Methode. In anderen Klassen dieses Gebäudes hingegen werden gleichzeitig Kinder der Safa Berura- Anhänger nach der Berlitzmethode unterrichtet. Eine nach Semesterschluß in der ganzen Anstalt stattfindende öffentliche Prüfung dürfte — die erzielten Resultate beider Methoden unmittelbar veranschaulichend — die Vorteile der neuen Methode am wirksamsten ad oculos demonstrieren und somit im Sinne des Spruches: ״Longum est itcr per praccepta, bcvc et efficax per exempla" für dieselbe die erfolgreichste Reklame sein. Freilich wird das moderne Chedcr, dort, wo man keine separaten Kindergärten zu gründen in der Lage sein wird, auch fernerhin die Stelle einer Wartanstalt für im zartesten Alter stehende Kinder —unter Obwalten hygienischer und pädagogischer Grundsätze — vertreten müssen. Dies dürfte nämlich als besondere Wohltat von armen Eltern empfunden werden, da diese Grausen erfaßt, entwich er eilend von der unholden Stätte und tastete sich durch die dunklen Gäßchen nach dem Lchrhause. Hier saß Rabbi Kalonymos in friedvoller Beschaulichkeit über seine Bücher gebeugt. Als er im matten Lichtkreise das bleiche, verstörte Angesicht Benjamins auftauchen sah, erhob er sich von dein offenen Folianten und fragte mit teilnehmender Miene: ״Benjamin, was ist dir geschehen?" ״Rabbi", antwortete dieser, und ein unsäglich schmerzlicher Zug spielte um seinen Mund, ״Gabriel ist mir erschienen und hat mich hierher begleitet...." Dann suchte er sich zu fasten und erzählte mit tonloser Stimme, was ihm zugestoßen. Die tiefliegenden, flackernden Augen des Redenden gingen unstet durch das Halbdunkel des Raunies, irrten spähend über Tür und Fenster und blieben wie in stummem Gebet auf den Buchstaben des Folianten haften. Rabbi Kalonymus neigte aufmerksam sein Ohr dem stockenden Geflüster, tat einen kaum vernehmbaren Seufzer und sprach: ״Setze dich zu mir, mein Kind!" Zerknirscht und wie mit gelösten Gliedern ließ sich Benjamin neben dem Rabbi auf die Bank nieder. Die Kerze knisterte und warf ihren gelben Lichtschein auf das ernste, geruhsame Antlitz des Greises und auf das abgehärmte, zuckende Angesicht des Jünglings. Der Rabbi stützte sinnend das Haupt auf die Rechte mit der Linken berührte er die Blätter des aufgeschlagenen Buches; dann nahm er bedachtsam das Wort: fast immer außer dein Hause ihr Brot suchen und sonst ihre hilflosen Kleinen sich selbst überlassen müßten. Um die Notwendigkeit der hygienischen wie pädagogisch-didaktischen Reformen den breiten Volksmassen Plausibel zu machen, ist es auch nötig, mit denselben des öfteren in Fühlung zu treten, wozu sehr zweckdienlich die Veranstaltung van Elternabenden und Elternkonferenzen wäre. Ich glaube, in obigen Ausführungen stichhaltige Voraussetzungen — auf welchen einzig und allein das reformierte Cheder aufgebaut werden kann — angeführt zu haben. Im Interesse der guten Sache wäre cs nun, daß sich all diejenigen (ohne Parteiunterschied), denen das Modernisieren des Cheders am Herzen liegt, sobald als möglich, zum gedeihlichen Wirken vereinigen, dainit auch in bezug auf das Cheder behauptet werden kann, daß unsere Geschichte, ״eine Geschichte des Fortschrittes.nicht des Rückganges, der steten Verjüngung, nicht des tödlichen Siechtums ist." Henna nn F r ä 11 k I. Jüdische Kriegsgeschichte. Von k. 11. k. Hauptmann Josef R a p P l e r. Soeben ist im Verlag Karl Harbauer in Wien das erste Heft eines Werkes erschienen, das sich mit einem bisher von fachmännischer Seite nur sehr dürftig behandelten Stoff befaßt. Der Verfasser ist Offizier und Lehrer für allgemeine Geschichte und Kriegsgeschichte an der Infantcriekadettenschule zu Liebenau bei Graz. Die ״Jüdische-Kriegsgeschichte" soll vorerst die Periode vom Auftreten Juda Makkabis bis zur Eroberung Jerusalems durch die Römer unter Pompejus umfassen. Das vorliegende erste Heft schließt mit dem Tode Juda Makkabis ab. Zum besseren Verständnis der kriegerischen Ereignisse hat der Verfasser seinem Werke eine kurze Vorgeschichte jenes heldenmütigen Frieheitskampfes und auch ein Kapitel über das Heerwesen und die Taktik der alten Syrier vorangesetzt, worauf er dann mit dereigentlichen Kriegsgeschichte einsetzt. Ueber das Heerwesen und die Taktik der Juden, also über Dinge, die vom rein militarischeu Standpunkte zum erstenmal behandelt werden, sagt der Verfasser: ״Es ist bekannt, daß die Juden ohne jedwede staatliche Einrichtungen waren, welche die Aufstellung einer Armee hätten bewirken können. Als Mattathias ins Gebirge der Wüste Juda floh, folgten ihm viele, denen die Ileberzeugung höher stand, als das Leben. Von den Syricrn verfolgt und gehetzt, lernten jene vorerst die Waffen zur Verteidigung führen, bis sie, ״Höre, Benjamin, was immer du gesehen haben magst, war es ein Blendwerk deiner erregten Einbildungskraft, war es ein Schrecken der Nacht, war es eine Erscheinung aus einer uns unbegreiflichen Welt —: grüble darüber nicht nach und nimm es dir nicht zu Herzen! Ich spreche zu dem Ewigen, meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, auf den ich vertraue. Er allein hat die Macht, außer ihm keiner. Raff dich wieder auf und gewinne neuen Mut! — Das ist die Deutung deines Erlebnisses. Denn wisse, mein Kind, nicht die Toten loben den Herrn, und nicht die, die in Grabesschweigen gesunken sind, sondern wir, die wir atmen und leben, preisen den Herrn in Ewigkeit.... In der Thora, die er uns geoffenbaret hat, ist die Wahrheit. Sie führt uns durch dieses Leben und geleitet uns in das zukünftige Leben. Die Thora wird dein Auge erleuchten und dich vor allen Schrecknisten bewahren .... Komm, wir wollen jetzt lernen." Kummer und Erdenleid fiel von ihnen wie ein schwerer, dunkler Mantel, und in lichtvoller Klarheit versenkten sich beide in das Studium der Lehre. In süßem, melodischem Zusammenklang, voller Frieden und Andacht, ertönte bald ihre Stimme in dem nachtstillen Lehrhause, wie das Zittern und Klingen der goldenen Glöckchen an der Brokatgewandung des Hohenpriesters, wenn er, Versöhnung bringend, aus dem Heiligtum trat.

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